Rodney Alcala und Robin Samsoe

Die Polizei erkannte zum damaligen Zeitpunkt nicht die Ähnlichkeiten zwischen den Mordfällen Jill Barcomb und Georgia Wixted, sondern nahm zunächst lediglich die Unterschiede wahr. Im ersten Fall hatte der Mord im Freien stattgefunden, im Fall Georgia Wixted war der Täter in die Wohnung des Opfers eingebrochen. Gänzlich andere Vorgehensweise. Dennoch geriet Rodney Alcala vorübergehend in den Fokus der Polizei.

Inhaltsverzeichnis

Rodney Alcala der „Hillside Strangler“?

Das LAPD fahndete im Frühjahr 1978 immer noch nach dem mysteriösen »Hillside Strangler«. Die klassischen Ermittlungsmethoden – Abklopfen des persönlichen Umfelds der Opfer, Suche nach möglichen Verbindungen zwischen den Mordopfern – waren ins Leere gelaufen. Mangels weiterer Ermittlungsansätze überprüfte die zuständige Sonderkommission alle im Großraum Los Angeles registrierten Sexualstraftäter. Dabei stieß sie auf den Namen Rodney Alcala.

Zwei Kriminalbeamte suchten Alcala im März 1978 im Haus seiner Mutter auf, in dem er immer noch wohnte. Natürlich konnten sie ihm die Morde, die man dem »Hillside Strangler« zurechnete, nicht nachweisen. Es gelang ihnen auch nicht, Alcala in Widersprüche zu verwickeln. Dazu war er inzwischen zu ausgekocht und zu erfahren im Umgang mit der Polizei. Aber das überhebliche Getue dieses Typen ging den Polizisten mächtig auf den Sack.

Auch wenn er nichts mit der Mordserie zu schaffen hatte, stellte er für die Beamten angesichts seiner Vorstrafen nichts anderes als Abschaum dar. Also nahmen sie ihn während der Vernehmung ein bisschen härter ran. Schnüffelten in seiner Bude herum. Fanden ein paar Gramm Marihuana. Wieder kassierte Alcala ein paar Monate Haft. Als man ihn im Juni 1978 wieder entließ, rächte sich Rodney Alcala auf seine Art.

Mord an Charlotte Lamb

Denn am 24. Juni 1978 ermordete er die 32-jährige Sekretärin Charlotte Lamb. Man entdeckte ihre Leiche in der Waschküche des Apartmentkomplexes in El Segundo, in dem sie lebte. Alcala hatte die Frau vergewaltigt, geschlagen und mit einem Schnürsenkel stranguliert. Nachdem Charlotte Lamb tot war, hatte Alcala abschließend ihren Leichnam in eine grotesk anmutende Position gebracht. Gewissermaßen sein Erkennungszeichen.

Die Polizei stellte am Tatort DNA-Spuren sicher, die ihn auch dieses Verbrechens überführen sollten. Aber vorläufig galt Rodney Alcala nicht als Verdächtiger. Seine Glückssträhne hielt an. Er feierte diesen Umstand, indem er sich keine drei Monate später der ganzen Nation als Kandidat der Fernsehshow »The Dating Game« präsentierte.

Rodney Alcala - The Dating Game Killer - Charlotte Lamb
Charlotte Lamb

Etwa ein halbes Jahr lang ließ Rodney Alcala seine Verbrechensserie ruhen. Zumindest ist es der Polizei bis heute nicht gelungen, ihm für diesen Zeitraum weitere Straftaten nachzuweisen. Erst am 13. Februar 1979 trat Alcala wieder in Erscheinung. An diesem Tag hatte er in Riverside die 15-jährige Anhalterin Monique Hoyt aufgelesen. Während der Fahrt konnte er den Teenager dazu überreden, ihn in seine Wohnung zu begleiten. Die beiden verbrachten dort die Nacht zusammen und hatten einvernehmlichen Sex, wie Monique Hoyt später gegenüber der Polizei zugab.

Monique Hoyt

Am folgenden Morgen begleitete Monique Hoyt Alcala in die Berge rund um Los Angeles. Er hatte ihr ein Foto-Shooting versprochen. Die Angelegenheit lief nicht so, wie Monique sich das vorgestellt hatte. Zunächst überredete Rodney Alcala das Mädchen zu Nacktfotos. Dann ging er zu pornografischen Bildern über. Monique sollte sich vor der Kamera zusammen mit ihm in sexuell eindeutigen Posen zeigen. Je weiter die Session voranschritt, umso perverser wurden die Wünsche von Alcala.

Das Mädchen überkam nun Angst. Sie schrie um Hilfe und wollte fliehen. Rodney Alcala fing Monique Hoyt ein, fesselte, schlug und vergewaltigte sie. In seinem Geständnis behauptete Alcala später, dass er das nicht geplant habe. Die Dinge seien einfach aus dem Ruder gelaufen. Er habe die Kontrolle verloren. Glück im Unglück für Monique Hoyt – Alcala ließ das Mädchen am Leben. Nach dem Martyrium in den Bergen fuhr er Monique nach Riverside zurück.

Alcalas Mutter paukt ihn raus

Sobald sie wieder in Freiheit war, unterrichtete sie die Polizei von der Vergewaltigung und Entführung. Rodney Alcala hatte nun die nächste Klage am Hals und angesichts seiner Vorstrafen ein echtes Problem. Doch seine Mutter paukte ihn wieder heraus. Der Richter hatte eine niedrige Kautionssumme angesetzt, welche die Mutter aufbringen konnte. Rodney Alcala war vorläufig wieder auf freiem Fuß. Er nutzte die Freiheit zu weiteren Straftaten.

Jill Parenteau

Der Job von Jill Parenteau bestand darin, einen Großrechner mit Lochkarten zu füttern. Am 13. Juni 1979 machte die 21-jährige Büroangestellte etwas früher Feierabend. Sie hatte Karten für ein Baseballspiel. Am nächsten Tag erschien sie nicht zur Arbeit. Das Büro verständigte die Polizei. Als die Beamten Parenteaus Wohnung in Burbank betraten, bot sich ihnen ein ähnliches Bild wie im Fall Georgia Wixted.

Rodney Alcala - Dating Game Killer - Jill Parenteau
Jill Parenteau

Der Täter war in die Wohnung eingebrochen und hatte die Frau offensichtlich im Schlaf überrascht. Die Polizisten fanden ihre nackte Leiche auf dem Boden des Badezimmers. Vergewaltigt, gewürgt und geschlagen. Zusätzlich hatte der Täter ihr ein Kissen unter die Schultern geschoben. Zurschaustellung und Inszenierung. Das für Rodney Alcala typische Muster.

Verräterische Beweise

Als er in die Wohnung einbrach, hatte er sich am Fenster an einer Glasscherbe geschnitten. Die Polizei sicherte das Spurenmaterial. Anhand eines DNA-Abgleichs konnte viele Jahre später nachgewiesen werden, dass das Blut am Glas von Alcala stammte. In diesem Mordfall gab es auch eine Zeugenaussage, die Rodney Alcala mit dem Mordopfer in Verbindung brachte. Katharine Bryant, eine Freundin der Toten, hatte Alcala mehrfach in einem Klub gesehen, wo sie sich regelmäßig mit Jill Parenteau aufhielt. Er hatte sich bei diesen Gelegenheiten einige Male mit den beiden jungen Frauen unterhalten.

Rodney Alcala - Jill Parenteau Apartment
Apartment von Jill Parenteau

Robin Samsoe

Nur eine Woche später schlug Rodney Alcala in Huntington Beach erneut zu. Am Nachmittag des 20. Juni 1979 befand sich die 12-jährige Robin Samsoe auf dem Weg zum Ballettunterricht. Sie war spät dran, also bat sie eine Freundin um deren Fahrrad, ein quietschgelbes Bonanza-Rad. Robin Samsoe kam niemals in der Ballettschule an. Sowohl das Mädchen als auch das Fahrrad blieben vorläufig spurlos verschwunden. Erst zwölf Tage nach ihrem Verschwinden fand man den Leichnam von Robin Samsoe an den Ausläufern der Sierra Madre.

Rodney Alcala - Dating Game Killer - Robin Samsoe
Robin Samsoe

Während Robin Samsoe noch als vermisst galt, meldete sich eine Zeugin bei der Polizei. Jackye Young war eine Nachbarin der Familie Samsoe und hatte am 20. Juni, dem Tag des Verschwindens, einen fremden Mann vor ihrem Haus beobachtet. Er hatte sich mit Robin und ihrer gleichaltrigen Freundin Bridget Wilvert unterhalten, als diese an den Klippen von Huntington Beach spielten. Jackye Young sprach den Mann an, was er von den Kindern wolle. Daraufhin suchte der Fremde das Weite.

Phantombild

Weitere Befragungen von Young und Bridget Wilvert ergaben, dass der Mann sich bereits geraume Zeit an diesem Tag in der Gegend herumgetrieben hatte. Er hatte mehrfach versucht, minderjährige Mädchen dazu zu überreden, sich von ihm in Badeanzügen ablichten zu lassen. Nach den Angaben der beiden Augenzeuginnen entstand ein Phantombild des Mannes. Ein Bewährungshelfer erkannte daraufhin Rodney Alcala wieder.

Rodney Alcala - Huntington Beach 1979 - Phantombild
Phantombild des mutmaßlichen Entführers von Robin Samsoe, Juli 1979

Weitere Zeugen meldeten sich bei der Polizei. Joanne Murchland (14) und Tony Esparza (15) berichteten, dass ein Mann, auf den die Beschreibung passe, sie bereits am Vortag, dem 19. Juni, an derselben Stelle in Huntington Beach angesprochen habe. Der Fremde habe behauptet, er mache Fotos für einen Bikini-Wettbewerb und suche geeignete Models. Er habe ihnen Marihuana angeboten, falls sie mitmachten. Andere Zeuginnen hatten Ähnliches am 20. Juni erlebt.

Die Waldhüterin

Dana Crappa arbeitete als Waldhüterin im Los Angeles National Forest. Sie berichtete der Polizei, dass sie am 20. Juni, dem Tag des Verschwindens von Robin Samsoe, einen Mann mit einem Mädchen beobachtet habe. Nach Ansicht des Fotos sei sie sehr sicher, dass es sich bei dem Kind um Robin Samsoe gehandelt habe. Der Mann habe das Mädchen entlang eines Bachlaufs im Waldgelände geführt. Dana Crappa erinnerte sich auch an den Wagen, den der Mann fuhr: einen Datsun F10. Genau solch ein Auto benutzte Rodney Alcala im Jahre 1979.

Entdeckung der Leiche

Anfang Juli 1979 wurde Dana Crappa erneut zu einer wichtigen Zeugin. Zusammen mit ihrem Kollegen William Poepke durchstreifte sie wie üblich die Wälder des Naturparks. Poepke entdeckte dabei eine Leiche, die bereits sehr stark verwest war. Er hielt die Überreste zunächst für einen Hirschkadaver. Er warf seiner Kollegin sogar noch einen Knochen des Leichnams zu. Erst dann bemerkten die beiden ihren Irrtum. Sie hatten die Leiche der vermissten Robin Samsoe gefunden.

Der linke Fuß und Teile der Hände fehlten. Der Schädel war vom Kopf abgetrennt. In der unmittelbaren Umgebung entdeckten die Beamten ein Küchenmesser und einen der Schuhe von Robin Samsoe. Das Messer war dreckverkrustet. Die Labortechniker bemerkten später einen winzigen Blutfleck auf der Klinge.

In etwa einem Kilometer Entfernung vom Tatort fanden die Beamten zudem ein Badetuch, das Robin Samsoe gehörte. Das Tuch war blutverschmiert. Die Blutspuren waren verwischt und deuteten darauf hin, dass jemand mit dem Handtuch einen scharfen, flachen Gegenstand gesäubert hatte – wie zum Beispiel ein Messer.

Die Verwesung war bereits so weit fortgeschritten, dass der Gerichtsmediziner nicht mehr feststellen konnte, ob das Mädchen vor seinem Tod vergewaltigt oder gefoltert wurde. Angesichts Alcalas üblicher Vorgehensweise war dies allerdings zu befürchten. Es ließ sich auch nicht mehr eindeutig klären, ob die Verstümmelungen des Leichnams auf Alcala zurückgingen oder ob Wildtiere den Schaden verursacht hatten.

Festnahme von Rodney Alcala

Inzwischen waren der Polizei so viele Indizien bekannt, die auf Rodney Alcala als Täter hindeuteten, dass man den Verdächtigen am 24. Juli 1979 im Haus seiner Mutter in Monterey Park festnahm. Noch im selben Jahr klagte ihn die Staatsanwaltschaft offiziell wegen der Ermordung der 12-jährigen Robin Samsoe an. Das Verfahren stellte lediglich den Auftakt zu weiteren Ermittlungen dar, die mehrere Jahrzehnte andauern sollten und in deren Verlauf sich herausstellen sollte, dass es sich bei Rodney Alcala um einen Serienmörder handelte.

Rodney Alcala - 1979 - Festnahme
Rodney Alcala, 24. Juli 1979

Alcalas geheimer Schatz

Während der Hausdurchsuchung stießen die Beamten auf eine Quittung für eine Lagerbox in Seattle, Washington. Sie hatten außerdem ein Gespräch zwischen Alcala und seiner Schwester im Gefängnis aufgezeichnet, in dem Alcala sie bat, den Inhalt der Box zu vernichten. Den Beamten gelang es anhand dieser Angaben, die Lagerbox ausfindig zu machen.

Rodney Alcala - Seattle - Lagerbox
Lagerbox in Seattle

In der Box lagerten mehr als tausend Fotos. Auf den meisten waren junge Frauen oder Mädchen abgebildet, auf etlichen auch minderjährige Jungen. Die abgebildeten Personen posierten entweder spärlich bekleidet oder gänzlich nackt. Viele der Bilder hatten einen eindeutig sexuellen Charakter. Eines der Fotos war aus Sicht der Ermittler besonders interessant.

Ein verräterisches Foto

Anhand der Details erkannten sie die Strandpromenade von Sunset Beach wieder, die gerade einmal drei Kilometer von Huntington Beach entfernt lag. Sie veröffentlichten das Foto des unbekannten Mädchens in der Zeitung und hatten prompt Erfolg. Es meldeten sich die 15-jährige Lorraine Werts, das Mädchen auf dem Bild, und ihre Freundin Patty Elmendorf, die beide von Rodney Alcala am 20. Juni 1979 in Huntington Beach angesprochen worden waren. Bingo.

Rodney Alcala - Sunset Beach
Das Foto aus Sunset Beach, das Rodney Alcala schließlich überführte

Denn bisher hatte Rodney Alcala abgestritten, sich an diesem Tag dort aufgehalten zu haben. Und die Beamten hielten bisher nur lose Indizien gegen ihn in Händen, aber noch keine konkreten Beweismittel, die Alcala mit dem Verschwinden und der Ermordung von Robin Samsoe in Verbindung brachten. Mit dem Foto, das sich in Alcalas Besitz befand, waren sie diesem Ziel nun einen bedeutenden Schritt näher gekommen.

Trophäen eines Serienkillers

Die Lagerbox enthielt weitere Trophäen des Serienmörders. Dazu zählte ein Paar goldener Ohrringe, die eigentlich der Mutter von Robin Samsoe gehörten, welche sie aber ihrer Tochter am Tag ihres Verschwindens geliehen hatte. Rodney Alcala behauptete, das seien seine eigenen Ohrstecker, die sich bereits seit langer Zeit in seinem Besitz befänden. Weiterer, mit Rosen verzierter Ohrschmuck ließ sich erst viele Jahre später seinem ursprünglichen Eigentümer zuordnen. Dem Kriminallabor gelang es nämlich, darauf DNA zu isolieren, die eindeutig von der ermordeten Charlotte Lamb herrührte.

Rodney Alcala - Robin Samsoe - Ohrstecker
Ohrstecker von Robin Samsoes Mutter, die in Rodney Alcalas Lagerbox gefunden wurden
Rodney Alcala - Charlotte Lamb - Ohrring
Ohrring von Charlotte Lamb, dem noch DNA anhaftete

Geheimer Abstecher nach Seattle

Die polizeilichen Ermittlungen ergaben, dass sich Rodney Alcala im Juli 1979 nur wenige Tage in Seattle aufgehalten hatte. Auffällig war aber, dass er aus dieser Reise offensichtlich ein Geheimnis zu machen versuchte. Im Sommer 1979 war Rodney Alcala mit Elizabeth Kelleher liiert. Ihr hatte er erzählt, dass er nach Dallas verreise, um dort ein Fotostudio zu eröffnen. Gegenüber anderen Freunden und Bekannten äußerte er, er würde nach Chicago umziehen. Sein Bezug zu Seattle ist insofern relevant, da er nach wie vor im Verdacht steht, dort mindestens zwei weitere Menschen getötet zu haben.

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