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(4) Schlecht verteidigt

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Der „New York Daily Mirror“ bot Hauptmann an, ihm einen erfahrenen Prozessanwalt zu stellen und dessen Honorar zu übernehmen. Natürlich geschah dies aus Eigennutz. Für 25.000 US-Dollar – so viel verlangte der Anwalt – hatte sich das „New York Journal“ exklusiven Zugang zur Verteidigung erkauft. Das wird sich gerechnet haben, denn schließlich sprechen wir vom „Verbrechen des Jahrhunderts“, das nach wie vor gewaltiges öffentliches Interesse nach sich zog.

Ob Hauptmann mit dieser Abmachung gut beraten war, steht auf einem anderen Blatt. Nahezu alle Prozessbeobachter stimmten darin überein, dass der Angeklagte schlecht verteidigt wurde. Der Rechtsanwalt Edward J. Reilly mag in New York zwar damals eine bekannte Größe gewesen sein. Mit zunehmender Prozessdauer stellte sich aber die Frage, ob dieser Ruf auf seinen Fähigkeiten als Rechtsverteidiger gründete.

Edward J. Reilly

Reilly präsentierte sich den Geschworenen bei seinen Auftritten vor Gericht als eitler Gockel, der in gestreiften Hosen und Schwalbenschwanz-Frack vor ihnen auf und ab stolzierte. Zudem hatte der Anwalt wohl ein ernsthaftes Alkoholproblem. Die Mittagspause der Verhandlung nutzte er regelmäßig, um sich reichlich „Erfrischungen“ zuzuführen. Was dazu führte, dass er am Nachmittag dösend und lustlos dem Geschehen vor Gericht folgte. Abends gaben sich dann in seinem Hotelzimmer zahllose „Stenografinnen“ die Klinke in die Hand. Kurzum: Der Mann schien nicht im Geringsten auf seinen Job fokussiert zu sein.

Bei seiner Verteidigungsführung versuchte er mehrfach, die Geschworenen in die Irre zu führen. Er erfand vermeintliche Entlastungszeugen, die gar nicht existierten. Er nahm Zeugen der Anklage ins Kreuzverhör, bei denen dieses Vorgehen völlig sinnlos erschien. Und ließ im Gegenzug Beweise und Aussagen zu, bei denen kritische Nachfragen dringend angebracht gewesen wäre.

Beispiel Fontanelle: Es war aus Sicht des Angeklagten völlig legitim, die Identität des aufgefundenen Babyleichnams aufgrund des widersprüchlichen pathologischen Befunds infrage zu stellen. Damit hätte zumindest der Anklagepunkt Mord erschüttert werden können. Doch Reilly akzeptierte unwidersprochen die Identität des Babys und ließ diese Chance verstreichen. Gleiches galt für die fragwürdige Durchführung der Autopsie.

Mit seinem Mandanten Richard Hauptmann konferierte Edward Reilly gerade einmal 15 Minuten während des Verfahrens. Und obwohl er bereits 25.000 Dollar Honorar von der Zeitung erhalten hatte, forderte er nach Prozessende weitere 25.000 von Hauptmanns Frau ein. Er entblödete sich sogar nicht, die Frau auf diesen Betrag später noch zu verklagen. Seine Begründung: Sie habe Spenden für die Gerichtskosten erhalten, auf die er ein Anrecht habe. Da stellt sich die Frage: Aufgrund welcher Leistung?

Hauptmann im Kreuzverhör

Denn das Team um den 38-jährigen Generalstaatsanwalt David Wilentz spielte vor Gericht schlichtweg die besseren Karten aus. Da waren zum einen die 14.600 Dollar in Goldzertifikaten aus dem Lösegeld, die Hauptmann in seiner Garage versteckt hatte. Reilly beging den Fehler, seinen Mandanten als Zeugen auftreten zu lassen. Wilentz ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen und nahm den Angeklagten in einem 11-stündigen Kreuzverhör auseinander.

Hauptmanns Erklärung für das gefundene Geld: Er habe es in einem Schuhkarton gefunden, den sein Geschäftspartner Isidor Fisch zurückgelassen habe. Da Fisch ihm Geld schuldete, habe er sich berechtigt gefühlt, von diesem Betrag auch Rechnungen zu bezahlen. Dummerweise war Fisch bereits im März 1934 in Leipzig verstorben und konnte diese Geschichte nicht bestätigen. Außerdem konnte Hauptmann im Kreuzverhör nicht plausibel darlegen, wo er sich in der Nacht vom 1. auf den 2. März 1932 aufgehalten hatte.

Den zweiten Hauptvorwurf – der zur Leiter passende Holzsparren, den man auf Hauptmanns Dachboden gefunden hatte – wollte Anwalt Reilly damit entkräften, dass er der Polizei Verschwörung zu Lasten seines Klienten vorwarf. Die Ermittler hätten derart unter Druck gestanden, dass sie dieses Beweisstück im Haus seines Mandanten platziert hätten. Zugegeben: Im Fall O.J. Simpson hat eine ähnliche Argumentation 60 Jahre später verfangen. Aber Edward Reilly war nun mal nicht Eddie Cochran.

Indizienkette schließt sich

Drittens konnte die Staatsanwaltschaft eine Reihe von Graphologen präsentieren, die aussagten, dass die Handschriftenproben von Richard Hauptmann mit den Entführungsschreiben übereinstimmten. Darüber hinaus hatte der Verfasser der Schreiben einige Fehler begangen, wie sie für deutsche Muttersprachler typisch waren. Beispiel: Im ersten Erpresserbrief hieß es wörtlich „The child is in gut care“ = deutsch „gut“ statt englisch „good“. Reilly prahlte zwar, dass er zahlreiche Gutachter benennen könnte, welche die Analyse widerlegen würden. Am Ende erklärten sich aber nur zwei Experten zur Aussage bereit, die wiederum vor Gericht eine schwache Vorstellung boten.

Darüber hinaus traten mehrere Zeugen der Anklage auf, die Hauptmann im Vorfeld der Entführung in der Nähe des Lindbergh-Anwesens gesehen haben wollten, teilweise sogar in der Tatnacht samt mitgeführter Leiter, die er mit einem Wagen transportiert habe. Zudem bezeugte John Condon vor Gericht, dass es sich bei Hauptmann um den ominösen „Friedhofs-John“ handele. Und Lindbergh erkannte den Beschuldigten an seiner Stimme wieder.

Das Urteil

Nach 381 Beweisstücken, 162 Zeugen und 29 Verhandlungstagen oblag das Urteil den zwölf Geschworenen. Im ersten Anlauf entschieden sich nur sieben Mitglieder der Jury für einen Schuldspruch. Elfeinhalb Stunden später fiel die Entscheidung einstimmig aus. Richard Hauptmann wurde der Entführung und Ermordung von Charles Lindbergh Jr. schuldig gesprochen.

Richter Trenchard verhängte die Todesstrafe und beraumte als Vollstreckungstermin zunächst den 18. März 1935 an. Hauptmann legte jedoch Berufung ein. Das zuständige Gericht entschied schließlich, dass das Urteil rechtsgültig war. Die Hinrichtung wurde für den 3. April 1936 festgesetzt. Richard Hauptmann starb auf dem elektrischen Stuhl durch die Hände von Robert G. Elliott, der bereits Sacco und Vanzetti neun Jahre zuvor hingerichtet hatte.

Stimmungswechsel

Doch nach der Hinrichtung kamen immer mehr Fragen auf, ob Bruno Richard Hauptmann einen fairen Prozess erhalten hatte. Ob es nicht weitere Mittäter gab. Hauptmann stritt bis zu seinem Ende ab, dass er an der Entführung beteiligt war. Dabei bot eine Zeitung ihm bzw. seiner Familie viel Geld für ein Geständnis.

Seine Witwe Anna Hauptmann beharrte in zahlreichen Interviews darauf, dass ihr Mann nicht in das Verbrechen verwickelt war. Sie strengte sogar mehrere Prozesse gegen den Staat New Jersey an, wegen ungerechtfertigter Tötung ihres Mannes. Sie blieb ihrer Meinung bis zu ihrem Tod 1994 treu – sie wurde stolze 95 Jahre alt. Je mehr Zeit verging, umso mehr wurde aber auch in der öffentlichen Wahrnehmung aus Hauptmann der Sündenbock in einem abgekarteten Spiel. Wie konnte es zu diesem Stimmungswechsel kommen?

Im Exil

Am 22. Dezember 1935, noch vor der Hinrichtung, verließ Charles Lindbergh mit seiner Familie die Vereinigten Staaten. Zunächst hatte es den Anschein, als flüchteten die Lindberghs nur vor dem nach wie vor anhaltenden Medienrummel. Charles Lindbergh galt bereits in seinen ruhmreichen Fliegerjahren als medienscheuer Mensch, der sich durch das plötzliche Medieninteresse völlig überfordert fühlte. Man kann sich ausmalen, wie der jahrelange Zirkus nach der Entführung und Ermordung seines Kindes auf ihn gewirkt haben mochte. Wahrscheinlich wie ein nicht enden wollender Albtraum.

Aber die Lindberghs kehrten zunächst nicht in die USA zurück, sondern verblieben längere Zeit im europäischen „Exil“. Sie waren für die Presse nicht mehr greifbar. Das ließ das Verhältnis der Amerikaner zu ihrem Nationalhelden abkühlen. Dann bandelte Lindbergh auch noch mit Hitler-Deutschland an. Er ließ sich von Hermann Göring eine Auszeichnung überreichen und lobte die deutsche Luftwaffe über den grünen Klee.

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Das Ehepaar Lindbergh auf Deutschland-Besuch, rechts Hermann Göring

America First

Nach Kriegsbeginn war Lindbergh einer der prominentesten Vertreter der sogenannten Isolationsbewegung. „America First“ hieß es auch schon damals. Ziel der Isolationisten war es, dass sich die USA aus dem Krieg zwischen Achsenmächten und Alliierten heraushielt. Mit dem japanischen Luftangriff auf den US-Stützpunkt in Pearl Harbor war die „Amerika zuerst“-Politik Geschichte.

Doch Lindberghs jahrelanges Trommeln für die Nazis hatte seinem Ruf enorm geschadet. Gerade für die jüngere Generation, die im Zweiten Weltkrieg an der Front gekämpft hatte, war er nicht länger der Nationalheld früherer Tage, sondern ein Verräter, der mit dem Feind sympathisierte. Es dauerte seine Zeit, bis Lindbergh wieder Fuß in den USA fassen und sich eine neue berufliche Existenz aufbauen konnte. Er unterhielt im Übrigen auch nach dem Krieg noch enge Beziehungen nach Deutschland. Lindbergh führte u.a. mit zwei Schwestern, die in München lebten, ein außereheliches Verhältnis, aus dem insgesamt fünf Kinder hervorgingen, wie eine DNA-Analyse im Jahre 2003 bewies.

Diese Umstände wirkten sich auch auf die Wahrnehmung der Lindbergh-Entführung aus. Plötzlich erschienen Bücher, die nachzuweisen versuchten, dass in Wahrheit der kalte, unpatriotische „Herrenmensch“ Lindbergh sein Kind ermordet habe. Und Hauptmann sei nur das unschuldige Opfer einer Vertuschung geworden.

Ungeklärte Fragen

Aber nicht jede Neudeutung des Falls ging so extrem vor. Die Polizei hatte Richard Hauptmann schließlich mit der Hand im Honigtopf erwischt, wie es im Englischen so treffend heißt. Die 14.600 Dollar aus dem Lösegeld, die er in seiner Garage versteckt hatte, ließen sich nicht wegdiskutieren. Aber es blieben auch wichtige Fragen im Prozess unbeantwortet.

Woher wusste Hauptmann, wo sich das Kinderzimmer befand? Wie hatte er von den veränderten Plänen der Familie Lindbergh am Montag, dem 1. März 1932, erfahren? Wer war der mysteriöse „J.J. Faulkner“, der eine Adresse hinterließ, unter der zwanzig Jahre zuvor eine Frau namens Jane Faulkner lebte? Reiner Zufall? Oder hatte der Einzahler zur gleichen Zeit in der Nachbarschaft der Frau gewohnt? Dann konnte es nicht Hauptmann gewesen sein. Denn der hielt sich 1913 nachweislich noch nicht in den USA auf.

Mit anderen Worten: Es ist kaum vorstellbar, dass Bruno Richard Hauptmann nicht in die Lindbergh-Entführung verstrickt war. Aber gleichzeitig fällt es schwer, zu glauben, dass er dieses Verbrechen ganz ohne Hilfe durchgeführt haben soll. Und vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass bis heute Menschen nach Antworten suchen.

*****

Die British Pathé hat rund 15 Minuten Original-Filmmaterial aus den 1930-er Jahren über den Lindbergh-Fall veröffentlicht. Das Newsmaterial zeigt die entscheidenden Personen, wichtige Schauplätze des Entführungsfalls und Eindrücke aus dem Prozessgeschehen. Der Kommentar ist zwar in Englisch. Aber mit dem Vorwissen aus dem Artikel lässt sich leicht nachvollziehen, welche Person, welcher Schauplatz etc. gerade gezeigt wird. Die beiden Filme können Sie sich auf dem offiziellen Account der British Pathé bei YouTube anschauen. Hier die Links:

Film 1

Film 2

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(3) Die Falle schnappt zu

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Die Polizei verfügte also nur über wenige Ansatzpunkte für ihre Ermittlungen:

  • eine kaputte Leiter, ein Meißel und ein paar Reifenspuren am Tatort
  • die Briefe der Entführer
  • die rudimentäre Beschreibung von „Friedhof-John“

Das vielversprechendste Indiz war zunächst die Leiter. Norman Schwarzkopf hatte mehrere Experten angeschrieben und um Rat gebeten. Der Holzfachmann Arthur Koehler vom Forest Products Laboratory in Madison (Wisconsin) erwies sich dabei als Volltreffer. Anhand der Holzsplitter, die man ihm schickte, konnte er zunächst die Holzarten identifizieren, die man zum Bau verwendet hatte: Douglastanne, Birke und Gelb-Kiefer. Zudem konnte Koehler den Lieferweg eines Teils des verwendeten Holzes von einer Mühle in South Carolina bis zu einem Holzhändler in der Bronx nachverfolgen.

Auffällig war laut Koehler, dass die Leiter aus Holzsorten unterschiedlicher Herkunft aufgebaut war. Das wirkte wie die Arbeit eines Heimwerkers, der sich zum Bau alles genommen hatte, was ihm gerade in die Hände fiel. Die Verbindungen der Einzelstücke waren hingegen das Werk eines Profis, vermutlich eines erfahrenen Tischlers.

Profis oder Amateure?

Bei der Suche nach den Tätern tappte die Polizei allerdings weiterhin im Dunkeln. Lindbergh war der Meinung, die Entführer seien höchst professionell vorgegangen und stammten aus dem Umfeld der organisierten Kriminalität. Diese Einschätzung teilten die Ermittler nicht.

Die Polizei war vielmehr der Ansicht, dass die Kidnapper im näheren Umfeld der Familie zu suchen waren. Sie verfügten über genaue Ortskenntnisse und wussten sogar, wo sich das Kinderzimmer befand. Auf der anderen Seite verlangten sie ein relativ bescheidenes Lösegeld. Beides zusammen sprach dafür, dass sie es mit Amateuren zu tun hatten.

Violet Sharpe

Konkret gerieten die Hausangestellten unter Verdacht. Namentlich das Kindermädchen Betty Gow und das Hausmädchen Violet Sharpe. Denn am Tag der Entführung, einem Montag, gab es eine Besonderheit. Normalerweise verbrachte die Familie die Wochenenden in Hopewell und fuhr dann zu Beginn der Woche in ein rund 100 km entferntes Anwesen in Englewood nahe New York City. Doch da das Baby erkältet war, verschob man die Abreise an diesem 1. März um ein bis zwei Tage. Außer den Hausangestellten hatte niemand von dieser Planänderung gewusst. Hatten sie also Komplizen darüber informiert?

Insbesondere das 28-jährige Dienstmädchen Violet Sharpe erregte vor diesem Hintergrund das Misstrauen der Ermittler. Sie hatte bei ihrer polizeilichen Vernehmung eine seltsame Geschichte aufgetischt, als die Beamten von ihr wissen wollten, wie sie den Abend des 1. März verbracht hatte.

Sie behauptete, sie habe zum fraglichen Zeitpunkt gemeinsam mit einem Mann und einem Paar eine Gaststätte aufgesucht. Doch ihren männlichen Begleiter kannte sie angeblich nur beim Vornamen, von dem Paar wisse sie gar keinen Namen. Sie konnte auch keinerlei Angaben dazu machen, wo und wie die Polizei die ominösen Zeugen finden konnte. Nach dem Fund der Leiche reagierte sie zunehmend ängstlicher, nahezu hysterisch, wenn die Ermittler sie ansprachen.

Blausäure

Schwarzkopf war zunehmend überzeugt, dass die Frau etwas zu verbergen hatte. Er meldete sich im Juni telefonisch bei den Lindberghs und kündigte an, das Dienstmädchen am anderen Tag erneut verhören zu wollen. Als Violet Sharpe davon erfuhr, erklärte sie, dass sie es nicht mehr ertragen könne. Dann ging sie auf ihr Zimmer und leerte eine Flasche mit Silberpolitur, die Kaliumcyanid enthielt, ein Blausäuresalz. Innerhalb weniger Minuten war sie tot.

Wenig später meldete sich der Mann bei der Polizei, mit dem Violet Sharpe am Tatabend ausgegangen war. Er wurde von dem Paar begleitet, das Sharpe in ihrer Zeugenaussage erwähnt hatte. Die Leute bestätigten zunächst, dass sie gemeinsam mit Sharpe den Abend des 1. März verbracht hatten. Dann erklärten sie den Beamten, warum sich Violet Sharpe so seltsam verhalten hatte. Das Dienstmädchen sei mit dem Butler Olly Whateley verlobt gewesen und habe um ihre Beziehung sowie ihre Stellung im Hause Lindbergh gefürchtet. Der Butler hätte es wohl kaum hingenommen, wenn er erfahren hätte, dass seine Verlobte nachts mit ein paar Bekannten um die Häuser zieht.

Condon unter Verdacht

Die Ermittler wandten sich nach dem Debakel einem anderen Verdächtigen zu: John F. Condon. Der Mann hatte sich nach Polizeigeschmack viel zu einfach mitten in den Verhandlungen mit den Entführern eingefunden. War es nicht denkbar, dass er selbst Teil der Entführer-Bande war? Und seine Vermittlungsdienste angeboten hatte, um die Kontrolle über die Ereignisse zu haben? Wenige Tage nach dem Selbstmord von Violet Sharpe lud die Polizei Condon zur Befragung vor. Doch Condon überstand das stundenlange Kreuzverhör unbeschadet und verließ die Wache als freier Mann.

Schwarzkopf war aber nicht bereit, so schnell aufzugeben. Im Juli und August hörte die Polizei Condons Telefon ab. Man las seine Post. Man grub seinen Garten um. Man riss ihm die Tapeten von den Wänden. Alle Maßnahmen verpufften ergebnislos. Schließlich kamen die Ermittler zu dem Schluss, dass Condon wohl exzentrisch sei, aber vermutlich nichts mit der Entführung zu tun habe. Condon ließ sich nicht anmerken, ob ihn das Misstrauen gekränkt hatte. Anderthalb Jahre arbeitete er sich stoisch durch die Abertausende von Fotos umfassende Verbrecher-Kartei der Polizei von New York. Er hoffte, darin „Friedhofs-John“ identifizieren zu können.

Die letzte Hoffnung

Den Beamten verblieb eine letzte Hoffnung: das Lösegeld. Die Behörden hatten 250.000 Broschüren mit den gesuchten Seriennummern drucken lassen, um sie an Banken und Geschäfte im ganzen Land zu verteilen. Dennoch hielt sich die Zuversicht in Grenzen. Wenn die Täter vorsichtig agierten, drohte ihnen kaum Gefahr. Kein Geschäftsinhaber würde bei kleineren Geldbeträgen Verdacht schöpfen und zunächst die Seriennummern nachschlagen, bevor er das Geld nahm.

So kam es zunächst auch. Die ersten Goldzertifikate tauchten bereits kurz nach der Lösegeldübergabe im April 1932 auf. Doch immer handelte es sich nur um wenige Scheine, die zunächst nicht auffielen. Immerhin ergab sich ein Muster. Der oder die Täter hatten vielfach Geschäfte aufgesucht, die sich in unmittelbarer Nähe derselben U-Bahnstrecke befanden. Die Bahn verband die östliche Bronx mit dem östlichen Manhattan und durchschnitt unter anderem den Stadtteil Yorkville, in dem viele deutsche und österreichische Einwanderer lebten.

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By National Museum of American History – Image by Godot13, Public Domain, Link

Goldzertifikat im Wert von 10 Dollar

Der Druck erhöht sich

Dann spielte der Zufall den Ermittlungsbehörden in die Hände. Anfang der 1930-er Jahre steckten die USA – wie die gesamte Weltwirtschaft – in einer langanhaltenden Krise. Die Politik versuchte mithilfe von Reformen gegenzusteuern. Unter anderem wollte US-Präsident Roosevelt der Spekulation auf den Goldpreis ein Ende bereiten, die in jenen Jahren massiven Schaden anrichtete.

Im Zuge dieser Maßnahme ordnete er kurz nach seinem Amtsantritt an, dass alle Goldzertifikate im Wert von mehr als einhundert Dollar bis zum 1. Mai 1933 eingelöst werden müssten. Ein Teil der Lösegeldsumme im Lindbergh-Fall bestand aus solchen Zertifikaten. Die Täter mussten also bis zum Mai 1933 handeln, wollten sie nicht zusehen, wie ihr erpresstes Geld plötzlich zu wertlosem Papier wurde.

J.J. Faulkner

Und pünktlich zum 1. Mai 1933 tauchte tatsächlich ein größerer Betrag aus dem Lösegeld auf. Fragliche Goldzertifikate im Wert von 2.980 US-Dollar wurden bei der Federal Reserve Bank in New York City eingezahlt. Der Einzahlschein war mit dem Namen J.J. Faulkner unterschrieben. Die angegebene Adresse lautete 537 West 149th Street.

Doch der Kassierer konnte sich unglücklicherweise nicht an den Kunden erinnern. Die Überprüfung der Angaben auf dem Einzahlschein verlief im Leeren. Zwar hatte zwanzig Jahre zuvor eine Jane Faulkner in dem Haus gewohnt. Doch sie stritt vehement ab, irgendetwas mit den Zertifikaten zu tun zu haben. Auf die Polizei wirkte die Frau offenbar glaubwürdig. Bis heute weiß man nicht, wer dieser ominöse „J.J. Faulkner“ war.

Ein verdächtiger Kunde

Am 15. September 1934, zweieinhalb Jahre nach der Entführung, bezahlte ein Kunde an einer New Yorker Tankstelle seine Rechnung über 98 Cent mit einem 10-Dollar-Goldzertifikat. Der Tankstelleninhaber Walter Lyle wunderte sich. Solche Zertifikate hatte er seit längerer Zeit nicht mehr in Händen gehalten.

Der Mann versicherte ihm, dass alles seine Ordnung habe. Goldzertifikate mit einem Wert von weniger 100 Dollar seien nach wie vor ein reguläres Zahlungsmittel. Der Kunde sprach mit einem deutschen Akzent. Doch Lyle war misstrauisch. Als der Fremde fortfuhr, notierte er sich das Kennzeichen und benachrichtigte die Polizei.

Die Halterabfrage ergab, dass das Nummernschild zu einem blauen, viertürigen Dodge gehörte, Baujahr 1930. Der Besitzer lebte in der Bronx, 1279 East 222nd Street. Aus der Registrierung ging auch hervor, dass der Besitzer ursprünglich aus Deutschland stammte und Schreiner von Beruf war. Sein Name war Bruno Richard Hauptmann.

Bruno Richard Hauptmann

Weitere polizeiliche Überprüfungen ergaben: Hauptmann war 1923 im Alter von 23 Jahren illegal in die USA eingereist und in Kamenz, einer Kleinstadt in der Lausitz, geboren. In Deutschland war er kurz nach dem Ersten Weltkrieg, in dem er als Soldat gedient hatte, wegen Wohnungseinbruch und Raubes verhaftet worden. Er verbüßte vier Jahre Haft im Zuchthaus Bautzen. Kurz nach seiner Entlassung schnappte ihn die Polizei erneut mit gestohlener Ware. Er konnte jedoch aus der U-Haft fliehen und flüchtete in die Vereinigten Staaten.

Dort heiratete er 1925 eine deutschstämmige Kellnerin namens Anna Schoeffler. Das Paar bekam 1933 einen Sohn Manfred, benannt nach dem berühmten deutschen Flieger Manfred von Richthofen, dem „Roten Baron“. Hauptmann spielte Mandoline, reiste gerne und war beliebt bei den Mitgliedern der deutsch-amerikanischen Gemeinde in der Bronx. Seit Frühjahr 1932 arbeitete er nicht mehr als Schreiner, sondern war seitdem angeblich als Aktieninvestor tätig.

Beweise

Die Polizei verhaftete Hauptmann. Als die Beamten ihn durchsuchten, fanden sie in seiner Brieftasche ein 20-Dollar-Goldzertifikat. Der Schein stammte aus dem Lindbergh-Lösegeld. Der wirkliche dicke Fisch ging der Polizei aber ins Netz, als sie Hauptmanns Garage auf den Kopf stellten. Zwischen den Wandbalken versteckt fanden sie Goldzertifikate aus der Beute im Wert von 14.600 US-Dollar. Im anschließenden Verhör behauptete Richard Hauptmann, das Geld habe ihm sein ehemaliger Geschäftspartner Isidor Fisch ausgehändigt, bevor dieser im Dezember 1933 nach Deutschland zurückgekehrt sei.

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Teile des versteckten Lösegelds; links Hauptmanns Haus, ganz rechts die Garage (2. Bild der Dia-Show)

Ein Beamter der New Jersey State Police entdeckte zudem auf Hauptmanns Dachboden Holzbohlen, die mit dem Holz der Leiter identisch zu sein schienen. Der Sachverständige Arthur Koehler bestätigte die Übereinstimmung. Das Holz passte zum unteren Teil der Leiter.

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Die dreiteilige Leiter und Hauptmanns Dachboden

Darüber hinaus fand man in Hauptmanns Besitz einen Notizblock mit der Zeichnung einer Leiter, die dem Fundstück am Tatort ähnelte. Auf einer Schrankwand in Hauptmanns Haus hatte jemand eine Telefonnummer und Adresse gekritzelt. Wie sich herausstellte, waren es John Condons Nummer und Anschrift.

Die Polizei forderte Hauptmann in einer Gegenüberstellung auf, die Worte von „Friedhofs-John“ zu wiederholen, die er während der Geldübergabe geäußert hatte. Sowohl Charles Lindbergh als auch John Condon waren der Ansicht, die Stimme des Täters wiederzuerkennen. Außerdem musste Hauptmann Handschriftenproben abliefern.

Zunächst entschied eine Grand Jury in New York darüber, ob die bisherigen Verdachtsmomente gegen Richard Hauptmann ausreichten, um ihn an den Bundesstaat New Jersey auszuliefern, wo ihn ein Gerichtsverfahren wegen Entführung und Mords erwartete. Neben den besagten Indizien präsentierte der Staatsanwalt einen Nachbarn der Lindberghs als Zeugen. Millard Whited behauptete, Hauptmann bereits in den Tagen vor der Entführung in der Nähe des Lindbergh-Anwesens gesehen zu haben. Die Grand Jury stimmte schließlich am 19. Oktober 1934 einer Überstellung nach Hunterdon County, New Jersey, zu.

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Bruno Richard Hauptmann

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Weitere Kapitel zum Fall Charles Lindbergh 

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(2) Eine Leiche im Unterholz

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Als sich John F. Condon, ein pensionierter Lehrer aus der Bronx, in den Lindbergh-Fall einschaltete, deutete zunächst alles darauf hin, dass ein weiterer Wichtigtuer und Glücksritter die Gunst der Stunde nutzen wollte. Er schrieb einer New Yorker Zeitung einen Leserbrief, in dem er den Tätern zunächst weitere 1.000 Dollar aus eigener Tasche anbot und sich dann als Vermittler andiente. Die Zeitung druckte den Text eine Woche nach dem Verbrechen ab, am 8. März 1932.

Die Überraschung folgte am nächsten Tag. Condon erhielt tatsächlich ein Antwortschreiben. Der oder die Täter erklärten sich einverstanden, dass Condon zukünftig als Mittelsperson auftrat. Dem Brief lag ein kleinerer, verschlossener Umschlag bei, der an Charles Lindbergh adressiert war. Condon rief umgehend Lindbergh an und erklärte ihm die Situation. Lindbergh forderte ihn auf, ihm das beigefügte Schreiben vorzulesen:

„Sehr geehrter Herr, Mr. Condon darf als Mittelsmann auftreten. Sie händigen ihm die 70.000 $ aus. Fertigen Sie ein Paket an von der Größe …“

Es folgte die Zeichnung einer Schachtel, die 18 x 15 x 36 Zentimeter maß. Condon beschrieb die Abbildung am Telefon. Dann las er den Rest der Mitteilung vor:

„Wir haben Sie bereits über die Stückelung der Geldscheine in Kenntnis gesetzt. Wir warnen Sie, uns irgendeine Form der Falle zu stellen. Wenn Sie oder jemand anders die Polizei benachrichtigen, wird sich die Angelegenheit weiter verzögern. Nachdem wir das Geld in Händen halten, werden wir Ihnen mitteilen, wo Sie Ihren Jungen finden können. Sie sollten ein Flugzeug bereithalten, weil der Ort rund 250 Kilometer entfernt liegt. Aber bevor wir Ihnen die Stelle verraten, werden zunächst 8 Stunden verstreichen.“

„Ist das alles?“, fragte Lindbergh. Condon fügte an, dass sich rechts unten auf der Seite eine Art Signatur befinde: zwei sich überschneidende Kreise mit drei kleinen Löchern. Jetzt hatte er Lindberghs volle Aufmerksamkeit. Das Schreiben schien tatsächlich von den Entführern zu stammen. Lindbergh lud Condon nach Hopewell ein.

Zuvor rückte dieser noch eine Anzeige mit dem Text „Geld liegt bereit“in die nächste Ausgabe des „New York American“. Das Entführerschreiben hatte ihn dazu aufgefordert, sollte Lindbergh mit seinen Vermittlerdiensten einverstanden sein. Die Anzeige signierte John Condon mit dem Codenamen „Jafsie“, der auf seinen Initialen JFC basierte.

Friedhofs-John

Am 12. März sprach ein Taxifahrer Condon an. Er überreichte ihm schriftliche Anweisungen der Entführer. Lindbergh mochte Condon trauen. Blauäugig war jedoch nicht. Folglich hatte er ihm die 70.000 US-Dollar Lösegeld auch nicht ausgehändigt. Dennoch begab sich Condon ohne Geld an den von den Tätern vorgeschlagenen Übergabeort, den Woodland Cemetery, ein Friedhof im New Yorker Stadtteil Bronx.

Dort traf er in der Tat auf einen der Entführer. Der Mann behauptete, er heiße John, sei ein skandinavischer Seemann und gehöre einer Bande an, die aus drei Männern und zwei Frauen bestehe. Er sprach mit einem Akzent, der für Condon tatsächlich nordeuropäisch klang. Sein Gesicht konnte der Unterhändler nicht erkennen. Der Mann achtete darauf, im Schatten zu bleiben, wo ihn kein Mond- oder Laternenstrahl traf.

Er verlangte die Herausgabe des Lösegelds. Condon sagte ihm, dass er ihm die Summe erst aushändigen dürfe, wenn er das Baby gesehen habe. Das sei nicht möglich, antwortete „Friedhofs-John“, wie ihn Condon später nannte. Und: „Nummer eins wird ausrasten!“ Aber „Friedhofs-John“ versprach, Condon einen Beweis zu schicken, dass man das Kind in seiner Gewalt habe. Er werde ihm bis spätestens Montagmorgen den Schlafanzug des Babys zukommen lassen.

Goldzertifikate

Der Nachweis traf wie versprochen am 16. März ein. Nachdem Condon mit den Entführern einige weitere Anzeigen und Briefe ausgetauscht hatte, stand schließlich ein konkreter Übergabetermin fest: der 2. April 1932. Lindbergh verwendete für das Lösegeld nicht nur Dollarnoten, sondern auch Goldzertifikate. Äußerlich ähnelten sich beide Zahlungsmittel. In den USA waren solche Goldzertifikate seit 1863 im Umlauf und quasi als Parallelwährung zum US-Dollar erlaubt. Vermutlich hatte Lindbergh von einem seiner Berater den Tipp erhalten, den Kidnappern diese Zertifikate unterzujubeln. Sie fielen eher auf, wenn sie in großer Zahl eingetauscht wurden.

Lindbergh stellte aus den Scheinen zwei Pakete zusammen. Das erste Päckchen, eine eigens angefertigte Holzkiste, wies exakt die im Entführerbrief erwähnten Maße auf und enthielt Zertifikate im Wert von 50.000 Dollar. Das zweite Päckchen bestand aus den übrigen 20.000 Dollar. Die Scheine waren zwar nicht markiert. Aber die Polizei hatte die Seriennummern notiert.

Die Geldübergabe

Lindbergh begleitete Condon zum verabredeten Übergabeort – entgegen den Anweisungen der Entführer. Wieder hatten sich die Täter einen Friedhof als Treffpunkt ausgesucht. Dieses Mal den St. Raymond’s Cemetery in der Bronx. Lindbergh wartete im Auto. Condon begab sich auf den Friedhof. Er ging zwischen den Grabsteinen entlang, ohne jemanden im Dunkel der Nacht zu sehen. Schließlich kehrte er zum Wagen zurück. „Hey, Doktor!“ Sowohl Condon als auch Lindbergh bestätigten später, dass sie die Stimme gehört hatten. Der Entführer rief erneut: „Hier, Doktor! Hier drüben! Hier drüben!“

Condon kehrte auf den Friedhof zurück und erkannte schemenhaft eine Gestalt, der er folgte. Es war der ihm bereits bekannte „Friedhofs-John“, wie sich alsbald herausstellte. Condon zettelte wieder eine Diskussion um den Verbleib des Babys an. Vergeblich. „Friedhofs-John“ schickte ihn zum Wagen zurück, um das Lösegeld zu holen. Immerhin war es Condon gelungen, den Entführer auf eine Auszahlung von lediglich 50.000 Dollar herunterzuhandeln. Er überreichte ihm das entsprechend präparierte Päckchen.

Das Boot Nelly

Im Gegenzug erhielt er einen Brief, in dem der Aufenthaltsort des Lindbergh-Kindes und weitere Instruktionen enthalten seien, wie ihm „Friedhofs-John“ versicherte. Er dürfe den Umschlag aber erst nach sechs Stunden öffnen, um die Sicherheit des Babys nicht zu gefährden, fügte er hinzu. Der Mann verschwand schließlich im Dunkel der Nacht, während Condon zu Lindberghs Wagen zurückkehrte. Als sie rund einen Kilometer vom Friedhof entfernt waren, einigten die Männer sich darauf, den Brief zu lesen. Die Drohung von „Friedhofs-John“ war vermutlich nur ein Bluff.

Der Text lautete wie folgt: „Der Junge ist auf dem Boot Nelly. Es ist ein kleines Boot, 8,50 Meter lang. Zwei Personen sind auf dem Boot. Die sind unschuldig. Sie finden das Boot zwischen Horseneck Beach und Gay Head in der Nähe von Elizabeth Island.“

Die beschriebene Stelle lag an der Südküste des Bundesstaates Massachusetts, rund 100 Kilometer südlich der Metropole Boston. Dort fand sich weder ein Boot namens „Nelly“, geschweige denn das entführte Baby. War etwas schiefgegangen? War Lindbergh auf einen Schwindler hereingefallen? Lebte das Kind noch? Die Ungewissheit sollte für die Familie noch mehr als einen weiteren quälenden Monat andauern.

Eine Leiche im Unterholz

Am 12. Mai hielt der Lieferfahrer William Allen an einer Straße nahe dem Weiler Mount Rose an, um auszutreten. Das kleine Dorf lag direkt südlich von Hopewell und nur 7 Kilometer vom Anwesen der Lindberghs entfernt. Der Lkw-Fahrer entdeckte im Unterholz den Leichnam eines kleinen Kindes. Der Körper lag mit dem Kopf nach unten auf dem Waldboden und war nur notdürftig mit einigen Blättern bedeckt. Die Leiche war schon zu großen Teilen skelettiert. William Allen verständigte die Polizei in Hopewell.

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Die Fundstelle

Bezirksarzt Dr. Charles H. Mitchell war für die Autopsie des Leichnams zuständig. Doch der Mediziner litt unter schwerer Arthritis. Er bat deshalb den örtlichen Leichenbeschauer Walter Swayze darum, die Sektion vorzunehmen. Mitchell würde derweil die Obduktion überwachen und notwendige Anweisungen erteilen. Denn Swayze war kein ausgebildeter Arzt, sondern von Beruf einfacher Bestattungsunternehmer.

Diese Vorgehensweise wäre bei jeder Autopsie höchst fragwürdig gewesen. Aber ausgerechnet beim vermeintlichen „Verbrechen des Jahrhunderts“? Da war es nicht nur fragwürdig, sondern extrem fahrlässig. Normalerweise ein gefundenes Fressen für jeden Anwalt. Vor einem Geschworenengericht, wie es in den USA üblich ist, kann solcher Pfusch verheerende Folgen für den Ausgang des Verfahrens haben.

Todesursache

Der Leichnam befand sich in einem fortgeschrittenen Verfallszustand. Linke Hand und rechter Arm fehlten komplett, das linke Bein ab Knie. Außerdem waren die meisten innere Organe verschwunden. Die entsprechenden Körperteile waren aller Wahrscheinlichkeit Opfer von Wildfraß geworden. Die Zerstörung war so weit vorangeschritten, dass eine Geschlechtsbestimmung nicht mehr möglich war.

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Der Leichnam von Charles Lindbergh Jr.

Bei der Autopsie lag das besondere Augenmerk auf zwei Aspekten. Erstens wollte Dr. Mitchell möglichst eindeutig nachweisen, dass es sich bei dem toten Kind tatsächlich um Charles Lindbergh Jr. handelte. Darüber hinaus galt sein Hauptinteresse der Todesursache. Letzteres ließ sich zügig klären. Der Schädel des Babys wies eine massive Fraktur auf. Sonstige Verletzungen, die auf Gewalteinwirkung zurückzuführen waren, ließen sich nicht feststellen.

Dr. Mitchell mutmaßte, dass der Tod bereits am 1. März, also in der Nacht der Entführung eingetreten war. Dafür sprach einerseits der Verwesungsgrad, andererseits die Art der Schädelverletzung. Möglicherweise hatte einer der Täter das Baby noch im Kinderzimmer auf den Boden fallen lassen. Oder es war während des Abtransports über die Leiter zu Fall gekommen.

Die Überlegungen von Dr. Mitchell zum Tathergang setzten aber voraus, dass es sich bei der Leiche in der Tat um das verschwundene Lindbergh-Kind handelte. Die Identifizierung gelang schließlich anhand zweier körperlicher Merkmale: Anzahl der Zähne und eine spezifische Fehlstellung der Zehen. Dr. Mitchell hatte nicht nur den Vater und das Kindermädchen in die Pathologie gebeten, sondern auch den behandelnden Kinderarzt von Charles Lindbergh Jr. Sie alle bestätigten aufgrund der genannten Merkmale die Identität des Kindes. Außerdem klebten an der Leiche noch Überreste eines Hemds, das Betty Gow für Charles Jr. genäht hatte und das sie wiederzuerkennen glaubte.

Zweifel an der Identität

Zwei weitere Ergebnisse der Autopsie weckten jedoch später Zweifel an der Identität. Die große Fontanelle auf dem Kopf des Säuglings hatte noch einen Durchmesser von 2,5 cm, was nach Ansicht von Medizinern bei einem 20 Monate alten Säugling wohl ungewöhnlich war. Die Größe des Lochs deutete eher auf ein Alter von zwölf Monaten hin.

Zweiter Punkt: Auf dem offiziellen Fahndungsplakat war die Größe des Babys mit 29 Inch (= 73,5 cm) angegeben. Die Vermessung der Leiche ergab jedoch eine Länge von 33 Inch (= 84 cm). Einige Autoren führen diese Abweichung auf einen Schreibfehler zurück. Die ursprüngliche Angabe habe wohl 2 Fuß 9 Inch gelautet, was 33 Inch entsprechen würde (1 Fuß = 12 Inch). Die amerikanische Schreibweise für 2 Fuß 9 Inch lautet 2’9‘‘. Die kleinen Anführungszeichen könnten auf dem Weg zur Drucklegung irgendwo übersehen worden sein.

Wanted poster for missing child
Public Domain, Link

Fahndungsplakat des gesuchten Kindes

Zweifler beriefen sich immer wieder auf diese Befunde, wenn sie in Abrede stellten, dass es sich bei dem aufgefundenen Leichnam um Charles Lindbergh Jr. handelte. Dabei gibt es nur ein Problem: Beide Befunde passen nicht zueinander. Sprich: Ein 12 Monate alter Säugling wäre mit 84 cm ungewöhnlich groß gewesen. Heutiger Durchschnittswert für ein Kind dieses Alters sind 74 cm. In den 1930-er Jahren fiel die durchschnittliche Körpergröße von Erwachsenen noch deutlich niedriger aus als heute. Ob dieser Umstand auch abweichende Körpergrößen bei Säuglingen zur Folge hatte, vermag ich allerdings nicht zu sagen.

Dr. Mitchell ließ während der Obduktion keine Fotos des Schädels anfertigen. Sein Autopsiebericht umfasste lediglich eine Textseite, die einige wenige Messdaten enthielt. Eine Stunde nach Ende der Untersuchung wurden die sterblichen Überreste des Kindes eingeäschert.

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Weitere Kapitel zum Fall Charles Lindbergh 

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Die Entführung von Charles Lindbergh Jr.

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Das „Verbrechen des Jahrhunderts“ titelte die US-Presse, als Entführer das Kind des Nationalhelden Charles Lindbergh in einer kalten Märznacht 1932 raubten und töteten. Erst Jahre später konnte die Polizei einen Tatverdächtigen ermitteln: Bruno Richard Hauptmann, illegaler Einwanderer aus Deutschland. Bis heute gibt es jedoch Zweifel, ob Hauptmann der (Allein-)Täter war.

Um 19.30 Uhr am 1. März 1932 brachte das Kindermädchen Betty Gow den 20 Monate alten Charles A. Lindbergh Jr., erstgeborener Sohn des berühmten Luftfahrtpioniers, zu Bett. Um 22.00 Uhr begab sich die Amme erneut in das Kinderzimmer, um nach dem schlafenden Jungen zu schauen. Die Krippe war leer. Sie suchte nach der Mutter. Anne Morrow Lindbergh hatte gerade ein Bad genommen. Der Junge war nicht bei ihr.

Der mutmaßliche Zeitpunkt der Kindesentführung ließ sich später noch genauer eingrenzen. Zwischen 21.00 und 21.30 Uhr hielt sich Charles Lindbergh in der Bibliothek auf, die sich genau unter dem Kinderzimmer befand. Er bemerkte ein Geräusch, das er in der Küche verortete. Dort stand an diesem Abend eine vollbepackte Holzkiste herum. Für Lindbergh hörte es sich in diesem Moment so an, als sei eine der Kistenlatten unter dem Druck auseinandergebrochen, wie er später bei der polizeilichen Befragung aussagte.

Nachdem das Kindermädchen Lindbergh vom Verschwinden seines Sohnes unterrichtet hatte, eilte er umgehend in das Kinderzimmer. Er sah die leere Krippe. Und einen Briefumschlag, der auf dem Fensterbrett lag. Manche Quellen behaupten, er habe den Umschlag sofort geöffnet. Anderen Quellen zufolge ließ er den Brief zunächst unberührt liegen.

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Charles Lindbergh Jr.

Charles Lindbergh rannte anschließend ins Erdgeschoss, schnappte sich sein Springfield-Gewehr und verließ gemeinsam mit dem Butler Olly Whateley das Haus. Die beiden Männer suchten in der kalten, regnerischen Nacht das Anwesen nach Hinweisen ab, was mit dem Kind geschehen war. Unter dem Fenster des Kinderzimmers entdeckten sie die Schlafdecke des Babys. Außerdem zwei tiefe Abdrücke im regendurchweichten Boden, die von einer Leiter herrühren konnten.

H. Norman Schwarzkopf

Der Butler verständigte zunächst die nächstgelegene Polizeistation in der Gemeinde Hopewell. Wenige Minuten später rief Charles Lindbergh die Staatspolizei von New Jersey an. Schließlich auch seinen Freund und Anwalt Henry Breckinridge. Innerhalb von zwanzig Minuten trafen die ersten Polizisten am Anwesen der Lindberghs ein. Es war schnell klar, dass die Staatspolizei für die weiteren Ermittlungen verantwortlich war. Das Kommando hatte H. Norman Schwarzkopf inne.

Wer sich noch an den ersten Golfkrieg von 1991 erinnert („Operation Desert Storm“) , wird dieser Name vermutlich bekannt vorkommen. Damaliger Oberbefehlshaber der US-amerikanischen Streitkräfte war eine gewisser H. Norman Schwarzkopf Jr. – der Sohn des besagten Polizeichefs von New Jersey. Und wie der Sohn war auch der Vater von Hause aus ein Militär, der während des Ersten Weltkriegs gedient hatte. Nach dem Krieg hatte man den 26-jährigen Schwarzkopf zum ersten Leiter der Staatspolizei von New Jersey ernannt.

Herbert Norman Schwarzkopf NYWTS.jpg
By Walter Albertin, World Telegram staff photographer – Library of Congress. New York World-Telegram & Sun Collection. http://hdl.loc.gov/loc.pnp/cph.3c15940, Public Domain, Link

Herbert Norman Schwarzkopf

Spurensuche

Die Beamten der Staatspolizei untersuchten den Außenbereich. Sie fanden Fußabdrücke auf dem matschigen Boden unter dem Fenster. Sie versäumten es jedoch, die Spuren zu vermessen oder Gipsabdrücke zu nehmen. Zudem waren, wie bereits erwähnt, tiefe Eindrücke im Boden zu erkennen, die vermutlich von einer Leiter stammten. Außerdem sammelte ein Polizist in unmittelbarer Nähe einen Holzmeißel auf. In weniger als hundert Metern Entfernung entdeckte man schließlich die Leiter. Sie bestand aus drei Teilen. Der untere Abschnitt – der breiteste – war zerbrochen. Auf einem unbefestigten Feldweg, der am Anwesen vorbeiführte, stießen die Beamten auf frische Reifenspuren eines Pkws.

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Das Kinderzimmer und die Leiter

Inzwischen war auch Lindberghs Freund und Anwalt Henry C. Breckinridge eingetroffen. Zudem der Spurenexperte der Polizei von New Jersey, Frank Kelly. Der Tross zog in das Kinderzimmer weiter. Kelly staubte den Umschlag auf dem Fensterbrett, den Lindbergh zuvor bemerkt hatte, auf Fingerabdrücke ab, ebenso andere Bereiche im Raum. Kelly fand nur einen einzigen Abdruck auf dem Umschlag, der allerdings so verwischt war, dass er nicht zu einer Identifizierung taugte.

Später untersuchte Kelly den Raum auch noch nach Schuhabdrücken. Angesichts der Witterung war es sehr wahrscheinlich, dass die Entführer das Zimmer mit verdreckten Profilen betraten. Aber sie hatten keine verräterischen Spuren hinterlassen. Die Polizei mutmaßte, dass die Täter Handschuhe getragen und irgendeine Form von Stulpen über die Schuhe gezogen hatten. Möglicherweise hatten sie nur ein Stück Stoff um die Treter gewickelt. Auf jeden Fall waren sie planvoll vorgegangen.

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Innenansicht Kinderzimmer

Das Erpresserschreiben

Dann schlitzte Kelly den Umschlag mit einem Taschenmesser auf. Er entnahm dem Kuvert ein einzelnes gefaltetes Blatt Papier, auf dem sich ebenfalls keinerlei Fingerabdrücke feststellen ließen. Der Brief war mit blauer Tinte geschrieben worden und enthielt viele Rechtschreib- und Grammatikfehler. Der Text lautete:

„Sehr geehrte Herr!

Halten Sie 50.000 $ bereit, davon 25.000$ in 20-Dollar-Scheinen und 15.000$ in 10-Dollar-Scheinen und 10.000$ in 5-Dollar-Scheinen. Nach 2-4 Tagen werden wir Sie darüber informieren, wohin Sie das Geld liefern sollen.

Wir warnen Sie, irgendetwas publik zu machen oder die Polizei einzuschalten. Das Kind ist in guter Obhut. Kennzeichen für alle Briefe sind die Signatur und 3 Löcher.“

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By Lindbergh Kidnapper – www.fbi.gov, Public Domain, Link

Das Entführungsschreiben

Die besagte Signatur sollte wohl als eindeutiges Erkennungsmerkmal für den zukünftigen Schriftverkehr mit den Entführern dienen. Sie sah wie folgt aus: In der rechten unteren Ecke des Blattes befanden sich zwei einander überlappende Kreise mit einem Durchmesser von jeweils etwa 2,5 Zentimeter. Der Bereich, in dem sich die Kreise überschnitten, war rot eingefärbt. In die Signatur waren drei kreisrunde Löcher eingestanzt, darunter eines mitten in der roten Färbung.

Lindbergh Kidnapping Note Signature.png
By SGT141Own work, CC0, Link

Die Signatur

Das Verbrechen des Jahrhunderts

So viel stand bereits kurz nach dem Verbrechen fest: Der oder die Kidnapper waren reichlich naiv anzunehmen, die Entführung des Lindbergh-Babys ließe sich geheim halten. Innerhalb weniger Stunden bevölkerten Dutzende Reporter das abgeschiedene Lindbergh-Anwesen. Am Morgen trampelten neugierige Gaffer über das Grundstück und vernichteten alle Spuren, die noch nicht gesichert waren. Und am nächsten Tag war die Nachricht einmal um den Erdball gegangen.

Es war das „Verbrechen des Jahrhunderts“, wie die Zeitungen titelten. Das lag natürlich weniger an der Straftat an sich, sondern am Status der Eltern. Charles Lindbergh war es fünf Jahre zuvor gelungen, im Mai 1927, als erster Mensch den Atlantik alleine in einem Flugzeug zu überqueren. Der Nonstop-Flug von New York nach Paris schrieb Weltgeschichte. Lindbergh war in den USA seitdem ein Nationalheld und weit über die Landesgrenzen hinaus eine Berühmtheit.

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Nationalheld Charles Lindbergh

Auch Lindberghs Frau Anne Morrow entstammte einer prominenten US-amerikanischen Familie. Ihr kurz zuvor verstorbener Vater Dwight Morrow war seit 1913 Teilhaber der bekannten Investmentbank J.P. Morgan gewesen, was ihn zu Lebzeiten zu einem der reichsten Menschen im Bundesstaat New Jersey machte. Außerdem war er für sein Land als Botschafter in Mexiko tätig gewesen und ein Jahr vor seinem Tod zum US-Senator gewählt worden. Der Schauplatz des Verbrechens, das knapp 160 Hektar umfassende Anwesen nahe Hopewell, hatte die Frau von Charles Lindbergh in die Ehe eingebracht.

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Anne Morrow und Charles Lindbergh

Wer hat das Kommando?

Den Lindberghs mangelte es also weder an Geld noch an Einfluss. Und sie ließen sich ungern von anderen Menschen sagen, wo es lang ging. Das bekam auch der Chefermittler H. Norman Schwarzkopf rasch zu spüren. Er durfte zwar in Lindberghs großer Garage, in der drei Wagen Platz fanden, einen Kommandoposten einrichten, für den er zusätzliche Telefonanschlüsse verlegen ließ. Doch Schwarzkopf blieb vorerst lediglich Dirigent des Chaos, das durch das gesteigerte öffentliche Interesse entstanden war. Eine Art überqualifizierter Schülerlotse, wenn man so will.

Während der folgenden Wochen hatten Lindbergh und sein Anwalt Breckinbridge das Heft des Handelns inne. Sie hörten sich zwar Schwarzkopfs Vorschläge an. Aber sie entschieden letztlich, wie weiter vorzugehen war. Die Polizei war somit aus den Verhandlungen mit den Entführern komplett ausgeschlossen. Schwarzkopf konnte lediglich darauf hinweisen, dass etwaige Zugeständnisse an die Entführer seitens Lindbergh – etwa die Zusicherung von Straffreiheit – rechtlich keinerlei Relevanz besaßen.

So verstrich die Zeit zwischen Anfang März und Anfang Mai 1932, ohne dass die Polizei wirkliche Ermittlungen anstellte – obwohl inzwischen auch andere nationale Behörden wie das Bureau of Investigation (das spätere FBI), das US-Justizministerium, die Küstenwache, das Zollamt und die Einreisebehörde (das heutige Ministerium für Innere Sicherheit) ihre volle Unterstützung auf Geheiß von Präsident Herbert Hoover zugesagt hatten.

Am 4. März traf bei den Lindberghs eine zweite Lösegeldforderung ein, abgestempelt im New Yorker Stadtbezirk Brooklyn. Der Verfasser des Briefes beschimpfte darin Lindbergh, weil er die Polizei verständigt hatte. Er verlangte deshalb nun 70.000 statt der ursprünglichen 50.000 US-Dollar. Der Brief war mit der gleichen Signatur versehen wie das erste Schreiben und galt daher als authentisch. Nur einen Tag später erhielt Lindberghs Anwalt Breckinridge eine Nachricht mit nahezu identischem Inhalt. Konkrete Anweisungen für eine Übergabe des Lösegeldes fehlten in beiden Schreiben.

Gaston Bullock Means

Dieser Leerlauf lockte einige dubiose Figuren auf den Plan, die das schnelle Geld witterten. Der erste Trittbrettfahrer betrat am 4. März die Bildfläche, als die zweite Lösegeldforderung eintraf. Gaston Bullock Means hatte mehrere einflussreiche Persönlichkeiten in New York und Washington kontaktiert. Er erzählte ihnen, die Entführer hätten ihn ursprünglich für die Lindbergh-Entführung anheuern wollen. Er habe sich aber geweigert. Doch nun könne er dank seines Insider-Wissens nützlich machen.

Means war ein ehemaliger FBI-Agent, der seit seiner Entlassung 1924 mehrfach wegen Betrugs mit dem Gesetz in Konflikt geraten war. Er hatte bereits eine Gefängnisstrafe abgesessen. Evalyn Walsh McLean, Tochter eines der reichsten Männer der Welt und Gattin des Verlegers der „Washington Post“, glaubte ihm seine Geschichte. Sie wollte den Lindberghs auf eigene Faust helfen.

Means behauptete, dass er den Anführer der Entführer-Bande nur unter seinem Spitznamen „Der Fuchs“ kenne. Der Mann verlange 100.000 US-Dollar für die Herausgabe des Babys. Zudem bestehe er darauf, das Kind an einen katholischen Priester zu übergeben, nachdem er das Lösegeld erhalten habe. Evalyn McLean stellte die geforderte Summe bereit und bat Pater J. Francis Hurley um Unterstützung. Außerdem zahlte sie Means 3.500 US-Dollar an Spesen, die er für seine „Auslagen“ und Bemühungen reklamierte.

Allein, es geschah nichts. Weder meldeten sich die Entführer, noch tauchte das Lindbergh-Baby auf. McLean forderte schließlich ihr Geld zurück. Doch Means beteuerte weiterhin, den gesamten Betrag einem Mitglied der Kidnapper-Bande ausgehändigt zu haben. Die Angelegenheit ging vor Gericht. Der Richter verurteilte Means und einen Komplizen zu einer langjährigen Haftstrafe.

Mickey Rosner und Al Capone

Der zweite Schwindler wandte sich direkt an Lindbergh und seinen Anwalt. Mickey Rosner verfügte nach eigener Aussage über hervorragende Kontakte zum organisierten Verbrechen, das seiner Einschätzung zufolge hinter der Entführung steckte. Rosner war tatsächlich als Schwarzbrenner in Erscheinung getreten.

1931 war noch der sogenannte „Probition-Act“ in Kraft, der in den USA Herstellung und Verkauf von Alkohol unter Strafe stellte. Die Mafia hatte sich an dieser Entwicklung dumm und dämlich verdient. Die kriminellen Syndikate der damaligen Zeit waren aber auch bekannt dafür, wohlhabende Personen zu entführen, um hohe Lösegelder zu erpressen.

Lindbergh und Breckinridge hielten Rosners Ausführungen offensichtlich für glaubwürdig genug, um ihm 2.500 US-Dollar für seine Vermittlerdienste zu zahlen. Schließlich schaltete sich sogar der berüchtigte Gangsterboss Al Capone aus Chicago höchstpersönlich ein, den man gerade wegen Steuerhinterziehung hinter Gittern gebracht hatte. Sollte es Lindbergh gelingen, so Capones Angebot, ihm zwei Wochen lang Freigang zu verschaffen, könne er die Hintermänner ausfindig machen und die Freigabe des Babys erreichen.

Doch so weit reichte auch Lindberghs Einfluss nicht. Elmer Irey von der US-Steuerbehörde IRS, der die langwierigen und schwierigen Ermittlungen gegen Capone koordiniert hatte, sah gar nicht ein, dass man dem einstigen „Staatsfeind Nr. 1“ eine Möglichkeit zur Flucht einräumen sollte. Mickey Rosner ging dennoch im Haus der Lindberghs ein und aus – zumindest solange, bis die weiteren Ereignisse zeigten, dass er vollkommen nutzlos für die Klärung des Falls war.

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