Als sich John F. Condon, ein pensionierter Lehrer aus der Bronx, in den Lindbergh-Fall einschaltete, deutete zunächst alles darauf hin, dass ein weiterer Wichtigtuer und Glücksritter die Gunst der Stunde nutzen wollte. Er schrieb einer New Yorker Zeitung einen Leserbrief, in dem er den Tätern zunächst weitere 1.000 Dollar aus eigener Tasche anbot und sich dann als Vermittler andiente. Die Zeitung druckte den Text eine Woche nach dem Verbrechen ab, am 8. März 1932.

Die Überraschung folgte am nächsten Tag. Condon erhielt tatsächlich ein Antwortschreiben. Der oder die Täter erklärten sich einverstanden, dass Condon zukünftig als Mittelsperson auftrat. Dem Brief lag ein kleinerer, verschlossener Umschlag bei, der an Charles Lindbergh adressiert war. Condon rief umgehend Lindbergh an und erklärte ihm die Situation. Lindbergh forderte ihn auf, ihm das beigefügte Schreiben vorzulesen:

„Sehr geehrter Herr, Mr. Condon darf als Mittelsmann auftreten. Sie händigen ihm die 70.000 $ aus. Fertigen Sie ein Paket an von der Größe …“

Es folgte die Zeichnung einer Schachtel, die 18 x 15 x 36 Zentimeter maß. Condon beschrieb die Abbildung am Telefon. Dann las er den Rest der Mitteilung vor:

„Wir haben Sie bereits über die Stückelung der Geldscheine in Kenntnis gesetzt. Wir warnen Sie, uns irgendeine Form der Falle zu stellen. Wenn Sie oder jemand anders die Polizei benachrichtigen, wird sich die Angelegenheit weiter verzögern. Nachdem wir das Geld in Händen halten, werden wir Ihnen mitteilen, wo Sie Ihren Jungen finden können. Sie sollten ein Flugzeug bereithalten, weil der Ort rund 250 Kilometer entfernt liegt. Aber bevor wir Ihnen die Stelle verraten, werden zunächst 8 Stunden verstreichen.“

„Ist das alles?“, fragte Lindbergh. Condon fügte an, dass sich rechts unten auf der Seite eine Art Signatur befinde: zwei sich überschneidende Kreise mit drei kleinen Löchern. Jetzt hatte er Lindberghs volle Aufmerksamkeit. Das Schreiben schien tatsächlich von den Entführern zu stammen. Lindbergh lud Condon nach Hopewell ein.

Zuvor rückte dieser noch eine Anzeige mit dem Text „Geld liegt bereit“in die nächste Ausgabe des „New York American“. Das Entführerschreiben hatte ihn dazu aufgefordert, sollte Lindbergh mit seinen Vermittlerdiensten einverstanden sein. Die Anzeige signierte John Condon mit dem Codenamen „Jafsie“, der auf seinen Initialen JFC basierte.

Friedhofs-John

Am 12. März sprach ein Taxifahrer Condon an. Er überreichte ihm schriftliche Anweisungen der Entführer. Lindbergh mochte Condon trauen. Blauäugig war jedoch nicht. Folglich hatte er ihm die 70.000 US-Dollar Lösegeld auch nicht ausgehändigt. Dennoch begab sich Condon ohne Geld an den von den Tätern vorgeschlagenen Übergabeort, den Woodland Cemetery, ein Friedhof im New Yorker Stadtteil Bronx.

Dort traf er in der Tat auf einen der Entführer. Der Mann behauptete, er heiße John, sei ein skandinavischer Seemann und gehöre einer Bande an, die aus drei Männern und zwei Frauen bestehe. Er sprach mit einem Akzent, der für Condon tatsächlich nordeuropäisch klang. Sein Gesicht konnte der Unterhändler nicht erkennen. Der Mann achtete darauf, im Schatten zu bleiben, wo ihn kein Mond- oder Laternenstrahl traf.

Er verlangte die Herausgabe des Lösegelds. Condon sagte ihm, dass er ihm die Summe erst aushändigen dürfe, wenn er das Baby gesehen habe. Das sei nicht möglich, antwortete „Friedhofs-John“, wie ihn Condon später nannte. Und: „Nummer eins wird ausrasten!“ Aber „Friedhofs-John“ versprach, Condon einen Beweis zu schicken, dass man das Kind in seiner Gewalt habe. Er werde ihm bis spätestens Montagmorgen den Schlafanzug des Babys zukommen lassen.

Goldzertifikate

Der Nachweis traf wie versprochen am 16. März ein. Nachdem Condon mit den Entführern einige weitere Anzeigen und Briefe ausgetauscht hatte, stand schließlich ein konkreter Übergabetermin fest: der 2. April 1932. Lindbergh verwendete für das Lösegeld nicht nur Dollarnoten, sondern auch Goldzertifikate. Äußerlich ähnelten sich beide Zahlungsmittel. In den USA waren solche Goldzertifikate seit 1863 im Umlauf und quasi als Parallelwährung zum US-Dollar erlaubt. Vermutlich hatte Lindbergh von einem seiner Berater den Tipp erhalten, den Kidnappern diese Zertifikate unterzujubeln. Sie fielen eher auf, wenn sie in großer Zahl eingetauscht wurden.

Lindbergh stellte aus den Scheinen zwei Pakete zusammen. Das erste Päckchen, eine eigens angefertigte Holzkiste, wies exakt die im Entführerbrief erwähnten Maße auf und enthielt Zertifikate im Wert von 50.000 Dollar. Das zweite Päckchen bestand aus den übrigen 20.000 Dollar. Die Scheine waren zwar nicht markiert. Aber die Polizei hatte die Seriennummern notiert.

Die Geldübergabe

Lindbergh begleitete Condon zum verabredeten Übergabeort – entgegen den Anweisungen der Entführer. Wieder hatten sich die Täter einen Friedhof als Treffpunkt ausgesucht. Dieses Mal den St. Raymond’s Cemetery in der Bronx. Lindbergh wartete im Auto. Condon begab sich auf den Friedhof. Er ging zwischen den Grabsteinen entlang, ohne jemanden im Dunkel der Nacht zu sehen. Schließlich kehrte er zum Wagen zurück. „Hey, Doktor!“ Sowohl Condon als auch Lindbergh bestätigten später, dass sie die Stimme gehört hatten. Der Entführer rief erneut: „Hier, Doktor! Hier drüben! Hier drüben!“

Condon kehrte auf den Friedhof zurück und erkannte schemenhaft eine Gestalt, der er folgte. Es war der ihm bereits bekannte „Friedhofs-John“, wie sich alsbald herausstellte. Condon zettelte wieder eine Diskussion um den Verbleib des Babys an. Vergeblich. „Friedhofs-John“ schickte ihn zum Wagen zurück, um das Lösegeld zu holen. Immerhin war es Condon gelungen, den Entführer auf eine Auszahlung von lediglich 50.000 Dollar herunterzuhandeln. Er überreichte ihm das entsprechend präparierte Päckchen.

Das Boot Nelly

Im Gegenzug erhielt er einen Brief, in dem der Aufenthaltsort des Lindbergh-Kindes und weitere Instruktionen enthalten seien, wie ihm „Friedhofs-John“ versicherte. Er dürfe den Umschlag aber erst nach sechs Stunden öffnen, um die Sicherheit des Babys nicht zu gefährden, fügte er hinzu. Der Mann verschwand schließlich im Dunkel der Nacht, während Condon zu Lindberghs Wagen zurückkehrte. Als sie rund einen Kilometer vom Friedhof entfernt waren, einigten die Männer sich darauf, den Brief zu lesen. Die Drohung von „Friedhofs-John“ war vermutlich nur ein Bluff.

Der Text lautete wie folgt: „Der Junge ist auf dem Boot Nelly. Es ist ein kleines Boot, 8,50 Meter lang. Zwei Personen sind auf dem Boot. Die sind unschuldig. Sie finden das Boot zwischen Horseneck Beach und Gay Head in der Nähe von Elizabeth Island.“

Die beschriebene Stelle lag an der Südküste des Bundesstaates Massachusetts, rund 100 Kilometer südlich der Metropole Boston. Dort fand sich weder ein Boot namens „Nelly“, geschweige denn das entführte Baby. War etwas schiefgegangen? War Lindbergh auf einen Schwindler hereingefallen? Lebte das Kind noch? Die Ungewissheit sollte für die Familie noch mehr als einen weiteren quälenden Monat andauern.

Eine Leiche im Unterholz

Am 12. Mai hielt der Lieferfahrer William Allen an einer Straße nahe dem Weiler Mount Rose an, um auszutreten. Das kleine Dorf lag direkt südlich von Hopewell und nur 7 Kilometer vom Anwesen der Lindberghs entfernt. Der Lkw-Fahrer entdeckte im Unterholz den Leichnam eines kleinen Kindes. Der Körper lag mit dem Kopf nach unten auf dem Waldboden und war nur notdürftig mit einigen Blättern bedeckt. Die Leiche war schon zu großen Teilen skelettiert. William Allen verständigte die Polizei in Hopewell.

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Die Fundstelle

Bezirksarzt Dr. Charles H. Mitchell war für die Autopsie des Leichnams zuständig. Doch der Mediziner litt unter schwerer Arthritis. Er bat deshalb den örtlichen Leichenbeschauer Walter Swayze darum, die Sektion vorzunehmen. Mitchell würde derweil die Obduktion überwachen und notwendige Anweisungen erteilen. Denn Swayze war kein ausgebildeter Arzt, sondern von Beruf einfacher Bestattungsunternehmer.

Diese Vorgehensweise wäre bei jeder Autopsie höchst fragwürdig gewesen. Aber ausgerechnet beim vermeintlichen „Verbrechen des Jahrhunderts“? Da war es nicht nur fragwürdig, sondern extrem fahrlässig. Normalerweise ein gefundenes Fressen für jeden Anwalt. Vor einem Geschworenengericht, wie es in den USA üblich ist, kann solcher Pfusch verheerende Folgen für den Ausgang des Verfahrens haben.

Todesursache

Der Leichnam befand sich in einem fortgeschrittenen Verfallszustand. Linke Hand und rechter Arm fehlten komplett, das linke Bein ab Knie. Außerdem waren die meisten innere Organe verschwunden. Die entsprechenden Körperteile waren aller Wahrscheinlichkeit Opfer von Wildfraß geworden. Die Zerstörung war so weit vorangeschritten, dass eine Geschlechtsbestimmung nicht mehr möglich war.

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Der Leichnam von Charles Lindbergh Jr.

Bei der Autopsie lag das besondere Augenmerk auf zwei Aspekten. Erstens wollte Dr. Mitchell möglichst eindeutig nachweisen, dass es sich bei dem toten Kind tatsächlich um Charles Lindbergh Jr. handelte. Darüber hinaus galt sein Hauptinteresse der Todesursache. Letzteres ließ sich zügig klären. Der Schädel des Babys wies eine massive Fraktur auf. Sonstige Verletzungen, die auf Gewalteinwirkung zurückzuführen waren, ließen sich nicht feststellen.

Dr. Mitchell mutmaßte, dass der Tod bereits am 1. März, also in der Nacht der Entführung eingetreten war. Dafür sprach einerseits der Verwesungsgrad, andererseits die Art der Schädelverletzung. Möglicherweise hatte einer der Täter das Baby noch im Kinderzimmer auf den Boden fallen lassen. Oder es war während des Abtransports über die Leiter zu Fall gekommen.

Die Überlegungen von Dr. Mitchell zum Tathergang setzten aber voraus, dass es sich bei der Leiche in der Tat um das verschwundene Lindbergh-Kind handelte. Die Identifizierung gelang schließlich anhand zweier körperlicher Merkmale: Anzahl der Zähne und eine spezifische Fehlstellung der Zehen. Dr. Mitchell hatte nicht nur den Vater und das Kindermädchen in die Pathologie gebeten, sondern auch den behandelnden Kinderarzt von Charles Lindbergh Jr. Sie alle bestätigten aufgrund der genannten Merkmale die Identität des Kindes. Außerdem klebten an der Leiche noch Überreste eines Hemds, das Betty Gow für Charles Jr. genäht hatte und das sie wiederzuerkennen glaubte.

Zweifel an der Identität

Zwei weitere Ergebnisse der Autopsie weckten jedoch später Zweifel an der Identität. Die große Fontanelle auf dem Kopf des Säuglings hatte noch einen Durchmesser von 2,5 cm, was nach Ansicht von Medizinern bei einem 20 Monate alten Säugling wohl ungewöhnlich war. Die Größe des Lochs deutete eher auf ein Alter von zwölf Monaten hin.

Zweiter Punkt: Auf dem offiziellen Fahndungsplakat war die Größe des Babys mit 29 Inch (= 73,5 cm) angegeben. Die Vermessung der Leiche ergab jedoch eine Länge von 33 Inch (= 84 cm). Einige Autoren führen diese Abweichung auf einen Schreibfehler zurück. Die ursprüngliche Angabe habe wohl 2 Fuß 9 Inch gelautet, was 33 Inch entsprechen würde (1 Fuß = 12 Inch). Die amerikanische Schreibweise für 2 Fuß 9 Inch lautet 2’9‘‘. Die kleinen Anführungszeichen könnten auf dem Weg zur Drucklegung irgendwo übersehen worden sein.

Wanted poster for missing child
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Fahndungsplakat des gesuchten Kindes

Zweifler beriefen sich immer wieder auf diese Befunde, wenn sie in Abrede stellten, dass es sich bei dem aufgefundenen Leichnam um Charles Lindbergh Jr. handelte. Dabei gibt es nur ein Problem: Beide Befunde passen nicht zueinander. Sprich: Ein 12 Monate alter Säugling wäre mit 84 cm ungewöhnlich groß gewesen. Heutiger Durchschnittswert für ein Kind dieses Alters sind 74 cm. In den 1930-er Jahren fiel die durchschnittliche Körpergröße von Erwachsenen noch deutlich niedriger aus als heute. Ob dieser Umstand auch abweichende Körpergrößen bei Säuglingen zur Folge hatte, vermag ich allerdings nicht zu sagen.

Dr. Mitchell ließ während der Obduktion keine Fotos des Schädels anfertigen. Sein Autopsiebericht umfasste lediglich eine Textseite, die einige wenige Messdaten enthielt. Eine Stunde nach Ende der Untersuchung wurden die sterblichen Überreste des Kindes eingeäschert.

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(2) Eine Leiche im Unterholz was last modified: Februar 27th, 2019 by Richard Deis