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(4) Ende der Flucht

Categories: John List

John List machte sich als Finanzberater selbstständig. Der Versuch scheiterte. Rund 15 Jahre nach seiner Flucht geriet er erneut in einen Strudel, der seinerzeit ein fatales Ende genommen hatte. Inzwischen war er 55 Jahre alt. Der Arbeitsmarkt war angespannt. Er galt als altes Eisen, kaum noch vermittelbar. Zeitgleich erlebte das Viertel, in dem er mit seiner Frau wohnte, einen unaufhaltsamen Niedergang.

Der Wert der Immobilie sank. Der Hund des Paares lag eines Tages tot vor dem Eingangstor, erschlagen von einem Passanten. Sie mussten verschwinden, hatten aber kein Geld, um irgendwo anders von vorne anzufangen. Delores begann, ihre Partnerwahl zu bereuen. Sie sprach davon, ihn zu verlassen.

In dieser Phase verbrachte er viel Zeit zu Hause und lernte seine Nachbarin Wanda Flannery näher kennen. Sie hörte ihm zu. Wanda Flannery las gerne Boulevardzeitungen. Im Februar 1987 blätterte sie in der „World Weekly News“. Dort entdeckte sie einen Artikel über einen Mann namens John List, der vor vielen Jahren seine gesamte Familie ermordet hatte und entkommen war.

Ein erster Verdacht

Das abgedruckte Foto wies eine bemerkenswerte Ähnlichkeit zu ihrem Nachbarn Robert Clark auf. Und dann die Merkmale. Die Verhaltensweisen. Der flüchtige Täter war Buchhalter gewesen. Hatte Schwierigkeiten, seinen Job nicht zu verlieren. Und er hatte eine Narbe hinter dem rechten Ohr. Bob Clark hatte ebenfalls so eine Narbe. War es wirklich denkbar, dass der Mann von gegenüber zu solch einem brutalen Verbrechen fähig war?

Wanda Flannery zeigte Delores Clark den Zeitungsartikel, als ihr Mann nicht zu Hause war. Die Nachbarin reagierte verunsichert. Flannery forderte sie auf, ihren Mann mit den Vorwürfen zu konfrontieren. Sie versprach es zwar, aber verwarf schließlich den Gedanken und schmiss die Zeitung weg. Dann fand ihr Mann eine neue Anstellung in Richmond (Virginia). Die Clarks zogen fort. Wanda Flannery blieb zurück, ohne dass sie die Polizei von ihrem Verdacht unterrichtete.

Die Hellseherin

Mittlerweile war der Fall auf dem Schreibtisch von Detective Jeffrey Paul Hummel gelandet, der für die Staatsanwaltschaft in Union County (New Jersey) arbeitete. Er las die Akte, in der Hoffnung nach so vielen Jahren neue Ansatzpunkte für eine Ermittlung zu finden. Eine Spur, die seine Kollegen übersehen hatten. Vergeblich.

In seiner Ratlosigkeit wandte er sich an eine Hellseherin. Er hatte von einer Elizabeth Lerner gehört, die in anderen aussichtslosen Fällen nützliche Hinweise geben konnte. Die Frau lebte ebenfalls in New Jersey. Also kontaktierte er sie.

Er verbrachte rund zwei Stunden bei ihr, in denen er ihr Tatortfotos zeigte. Sie berührte während der Séance deren Rückseite. Sie konnte ihm zwar keinen konkreten Hinweis auf den aktuellen Aufenthaltsort von List geben. Aber überraschenderweise bewahrheiteten sich später einige ihrer Voraussagungen.

  • So behauptete Elizabeth Lerner unter anderem, dass John List noch lebe und nicht mit einem Flugzeug geflüchtet sei. Er sei stattdessen mit Zug oder Bus geflohen. Das stimmte.
  • Außerdem gebe es eine neue Frau in seinem Leben sowie eine Verbindung nach Baltimore (Maryland). Ebenfalls richtig. Er hatte Delores in Baltimore geheiratet.
  • List sei nach Südwesten geflüchtet. Der Bundesstaat Colorado, der erste Zufluchtsort von List, lag im Südwesten der USA.
  • Die Bundesstaaten Florida und Virginia würden ebenfalls eine Rolle in dem Fall spielen. Zumindest bei Virginia lag sie richtig. List war dorthin mittlerweile umgezogen.

In einem Punkt irrte sich Elizabeth Lerner allerdings. Sie prophezeite, dass John List an seinem Geburtstag, dem 17. September, die Gräber seiner getöteten Familie aufsuchen würde. Detective Jeffrey Hummel legte sich zwei Nächte und einen Tag vergeblich auf die Lauer.

America’s Most Wanted

Hummel musste den Fall anschließend wieder abgeben, da man ihn in eine Sonderkommission versetzte. 1988 sah er ein neues Fernseh-Format im US-Fernsehen: „America’s Most Wanted“. Die Sendung war an den deutschen Fernsehklassiker Aktenzeichen XY angelehnt und zeigte bei jeder Ausstrahlung mehrere ungelöste Kriminalfälle als Kurzfilme, in denen Schauspieler echte Verbrechen nachspielten.

Er beriet sich mit seinem Kollegen Captain Frank Marranca von der Mordkommision in Elizabeth (New Jersey). Marranca war der List-Fall inzwischen zugeteilt worden. Machte es Sinn, sich bei „America’s Most Wanted“ mit dem List-Fall zu bewerben? Einen Versuch war es wert. Man hatte nichts mehr zu verlieren.

Die Produzenten der Sendung reagierten zunächst skeptisch. Der Fall lag mittlerweile 18 Jahre zurück. Das Hauptproblem aus ihrer Sicht: Es gab kein aktuelles Foto von John List. Ihren bisherigen Erfahrungen zufolge hatte aber die Bild-Fahndung die größte Aussicht auf Erfolg. Bei allen anderen Fällen kamen kaum brauchbare Hinweise herein.

Da kam den Produzenten eine Idee. Sie kontaktierten Frank Bender, einen Bildhauer und Fotografen aus Philadelphia. Bender hatte sich darauf spezialisiert, Gesichter von unbekannten Toten zu rekonstruieren, die durch Verwesung bereits bis zur Unkenntlichkeit entstellt waren. Er willigte ein, eine Büste auf Grundlage der alten Fotografien herzustellen, die den natürlichen Alterungsprozess berücksichtigte.

Der entscheidende Hinweis

Die Sendung lief am 21. Mai 1989 im US-Fernsehen. 22 Millionen Zuschauer schalteten ein. Der Beitrag über List hatte eine Länge von zehn Minuten. Der Gesuchte selbst zählte normalerweise zu den Stammzuschauern. Doch ausgerechnet an diesem Abend war er mit seiner Frau zu einer Veranstaltung eingeladen.

Dafür verfolgte seine ehemalige Nachbarin Wanda Flannery „America’s Most Wanted“. Die gezeigte Büste wies für sie zwar keine Ähnlichkeit zu Robert Clark auf. Doch ihr bereits bestehender Verdacht wurde dadurch nicht zerstreut. Sie bat ihren Schwiegersohn, bei der eingeblendeten Telefonnummer anzurufen. Er sollte ihnen den Namen und die neue Adresse des Ehepaars Clark in Virginia mitteilen.

Es war einer von 300 Anrufen, die an diesem Abend den Sender erreichten. Das FBI-Büro in Richmond (Virginia) überprüfte den letztlich entscheidenden Hinweis von Wanda Flannery am 1. Juni 1989, knapp zwei Wochen nach der Ausstrahlung von „America’s Most Wanted“. Zwei FBI-Agenten suchten die angegebene Adresse auf. Dort öffnete ihnen Delores Clark die Tür.

Sie zeigten ihr das Fahndungsplakat mit einem alten Foto von John List. Die Beamten fragten die Frau, ob sie den Mann darauf erkenne. Delores Clark wurde blass. Sie gab zu, dass die abgebildete Person gewisse Ähnlichkeiten mit ihrem Mann habe. Doch es könne sich unmöglich um ihren Gatten handeln.

Die Agenten baten die Frau daraufhin um ein aktuelles Foto von Robert Clark. Sie suchte ein Hochzeitsfoto heraus. Für die Ermittler war klar: Das war ihr Mann. Sie wollten von Delores Clark wissen, woher ihr Mann stamme, was er beruflich mache, ob er Narben habe. Ein Puzzlestück fügte sich zum nächsten.

Die Flucht hat ein Ende

Die Agenten forderten Verstärkung an und trafen sich mit den Kollegen an Clarks Arbeitsplatz. John List alias Robert Clark stand gerade am Kopierer, als sie das Gebäude betraten. Sie wiesen sich als FBI-Beamte aus und verlangten von ihm seinerseits ein Ausweisdokument. Dann fragten sie ihn direkt, ob er John Emil List sei. Er verneinte. Er zeigte aber auch keinerlei Verunsicherung oder Verwirrung angesichts der Frage. Die Beamten nahmen ihn fest.

Sobald die Polizei Fingerabdrücke genommen hatte, war klar, dass sie den richtigen Mann verhaftet hatten: Robert Clark war John List, der 18 Jahre zuvor seine Familie ermordet hatte. List war inzwischen 63 Jahre alt. Trotz der Beweislage plädierte List bei der Anhörung vor Gericht auf nicht schuldig, stimmte aber überraschenderweise sofort einer Auslieferung an den Bundesstaat New Jersey zu.

Die Beamten mussten annehmen, dass er sich gegen eine Überstellung sträubte. In Virginia wusste kaum jemand etwas über den Fall. Seine Chancen waren angesichts der erdrückenden Beweislage ohnehin gering. Aber der Gerichtsort New Jersey, wo sich nahezu jeder noch an die Geschichte erinnern konnte, verschlechterte seine Perspektive nochmals.

Ab dem 16. Februar 1990, noch vor dem Prozessauftakt, stritt der Beschuldigte nicht mehr ab, dass es sich bei ihm in der Tat um John List höchstpersönlich handelte. Das späte Geständnis machte es für Elijah Miller, seinen Verteidiger, nicht leichter, eine überzeugende Strategie zu finden. Miller versuchte es mit der Wahrheit.

Er konnte nicht anders

Er nahm Lists schriftliches Geständnis aus dem Jahr 1971, um mithilfe eines Sachverständigen nachzuweisen, dass sein Klient unter einer obsessiv-zwanghaften Persönlichkeitsstörung litt. Angesichts der aussichtslosen Situation, in der er sich zum Zeitpunkt der Morde befunden habe, habe ihm seine kranke Psyche gar keine andere Wahl gelassen.

List sei der festen Überzeugung gewesen, dass ein Leben in einer gottlosen Welt keinen Sinn ergebe. Noch schlimmer aus Sicht von List: Seine Familie habe nur dann ein Anrecht auf das versprochene Paradies im Jenseits erlangen können, wenn er sie durch Mord vor einem Leben in Sünde bewahren konnte.

Die einzige denkbare Alternative wäre ein Leben in Abhängigkeit von der Wohlfahrt gewesen. Das war für seinen Mandanten keine akzeptable Option. Denn sie hätte seine Familie der Lächerlichkeit preisgegeben. Und sie hätte allem widersprochen, was ihn sein Vater gelehrt hatte. Als Haushaltsvorstand musste er seine Angehörigen ernähren können.

Schuldig

Selbst im frommen Amerika verfing diese Argumentation nicht. Staatsanwältin Eleanor Clark rief einen Psychiater in den Zeugenstand, der Lists Zustand lediglich als depressive Phase beschrieb, vergleichbar mit einer Midlife Crisis. Es habe sich bei ihm angesichts des umfassenden Kontrollverlusts ein gewaltiger Frust angestaut. Er habe den eigenen Ansprüchen irgendwann nicht mehr gerecht werden können. Sobald die Wut in einen konkreten Plan mündete und die erste Person sterben musste – seine Frau –, habe es kein Zurück mehr gegeben.

Für die Urteilsfindung spielte das Tatmotiv letztlich eine untergeordnete Rolle. Die Fingerabdrücke, Ballistikberichte, Autopsien und Lists eigene Briefe bewiesen eindeutig, dass er fünf Menschen umgebracht hatte. Der Prozess dauerte daher lediglich sieben Tage. Das Gericht sprach ihn am 12. April 1990 in allen Anklagepunkten für schuldig. Er erhielt fünf Mal lebenslänglich. In den USA bedeutete dieses Urteil, dass er keine Chance hatte, jemals wieder in Freiheit zu gelangen.

John List reichte Berufung gegen das Urteil ein. Einerseits argumentierte er, dass sein Geständnis Teil einer vertraulichen Kommunikation mit Pastor Eugene Rehwinkel gewesen sei. Ähnlich wie eine Beichte hätte es niemals als Beweismaterial vor Gericht zugelassen werden dürfen.

Andererseits berief er sich auf eine posttraumatische Störung infolge seines Wehrdienstes, die ihn zur Bluttat getrieben habe. Wohlgemerkt: John List hatte weder im Zweiten Weltkrieg noch im Korea-Krieg Fronterfahrungen gemacht. Er hielt sich immer in einem Büro auf, weit weg von jeglichem Kriegsgeschehen. Der Stress in der Buchhaltung dürfte sich überschaubaren Grenzen gehalten haben. Sein Widerspruch wurde abgeschmettert.

„So war das halt“

Im März 2002 erhielt die Fernsehjournalistin Connie Chung die Erlaubnis, John List für die Sendung „Downtown“ vom Sender ABC zu interviewen. Es war das erste Mal, dass List sich öffentlich zu den Morden äußerte, wenn man von den Briefen 1971 absah. Er beschrieb in dem Interview auch, wie er genau vorgegangen war.

So schilderte er zum Beispiel, wie er sich am Morgen seiner Frau von hinten genähert hatte und sie in den Kopf schoss, während sie gerade ein Toastbrot aß. Anschließend habe er seine Mutter aufgesucht und sie geküsst, bevor er sie getötet und sich ein Mittagessen zubereitet habe. „Ich hatte Hunger“, sagte er lapidar. „So war das halt.“

Die Reporterin befragte List unter anderem zu dem Detail, warum er mehrfach auf seine Frau, Mutter und seinen Sohn John Jr. geschossen hatte. Ein Sachverständiger hatte in diesem Verhalten einen Overkill vermutet, was für ein hohes Maß an aufgestauter Wut sprach. List wiegelte ab. Er begründete die Schüsse anderweitig. In dem Moment habe sich bei ihm einfach bloß die Anspannung gelöst, „nachdem ich meinen Auftrag erfüllt hatte.“

„Welchen Auftrag?“, fragte Chung. „Nun, den Auftrag, den ich mir selbst erteilt hatte.“

Keine Reue

Chung wollte schließlich wissen, warum List nicht Selbstmord begangen hatte, um einen Schlussstrich zu ziehen, wenn Tod die einzige denkbare Lösung für ihn war, um aus der ausweglosen Situation herauszufinden.

Er berief sich erneut auf die Religion. Selbstmord sei eine Sünde, die ihn von der Aufnahme in den Himmel ausgeschlossen hätte. Im Falle eines Mords habe er allerdings beste Chancen, dass Gott ihm seine Taten vergebe. Tatsächlich ging er im Interview davon aus, dass ihm seine Familie die Tat längst verziehen und den Grund für sein Vorgehen verstanden habe. Er vermutete, dass sie sich wieder bestens verstehen würden, wenn sie alle eines Tages im Himmel wiedervereint seien.

Das Interview machte klar: John List empfand weder Reue für seine Tat, noch schmerzte ihn der Verlust seiner Angehörigen. Dass seine minderjährigen Kinder noch das ganze Leben vor sich hatten und er ihnen die Möglichkeit auf eine Zukunft genommen hatte? Darüber machte er sich gar keine Gedanken. Stattdessen argumentierte er, er habe seinem Vater versprochen, sich um die Mutter zu kümmern und sie nicht leiden zu lassen. Er habe seinen Teil der Abmachung eingehalten.

Tod und D.B. Cooper

John List starb am 21. März 2008 infolge einer Lungenentzündung. Zuvor war er noch in Verdacht geraten, jener geheimnisvolle D.B. Cooper zu sein, der 1972 ein Flugzeug entführt hatte und mit der Lösegeldsumme unerkannt entkommen war. Das FBI war diesem Verdacht nachgegangen.

List stritt ab, mit diesem Verbrechen irgendetwas zu tun zu haben. Der beste Beweis für seine Unschuld in diesem Fall war sein Leben nach den Morden 1971. Er war augenscheinlich nicht in der Lage, ein Leben zu führen, was seinen eigenen Ansprüchen genügt hätte. Die erpresste Summe hätte ihm das – zumindest zeitweise – zweifelsohne ermöglicht. Stattdessen musste er sich mit dem begnügen, wozu ihn seine Anlagen befähigten.

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(3) Vertreibung aus dem Paradies

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Helen Morris Taylor schuf Fakten. Sie behauptete, schwanger zu sein. Für John List stand fest, dass er die Frau jetzt heiraten musste. So traten die beiden am 1. Dezember 1951, nur zwei Monate nach ihrer ersten Begegnung, vor den Traualtar. Bald darauf entpuppte sich die vermeintliche Schwangerschaft als Fehlalarm – oder Finte, um John List zu einer Hochzeit zu bewegen. Wie auch immer: Alma List verzieh ihrem Sohn nie, dass er diese Heirat gegen ihren ausdrücklichen Ratschlag eingegangen war.

Das frisch vermählte Paar verschlug es zunächst nach Kalifornien. Die US Army versetzte John List in die dort ansässige Abteilung für Rechnungswesen. Nach der Entlassung aus dem Militärdienst siedelten die beiden nach Detroit über. Eine renommierte Firma hatte John List einen Job als Buchhalter angeboten. Ihr erstes Kind Patricia kam dort im Januar 1955 zur Welt. Nächste Station war die Kleinstadt Kalamazoo im Südwesten des Bundesstaats Michigan, wo er für eine Papierfirma als Leiter der Revision arbeitete.

Seine Frau, gerade mit dem dritten gemeinsamen Kind schwanger, wirkte deprimiert und entfremdete sich mehr und mehr von ihrem Mann. Als der jüngste Sohn Frederick 1958 schließlich auf der Welt war, pumpte sie sich mit Beruhigungsmitteln voll und griff zur Flasche. Das führte dazu, dass sie sich immer weniger um ihre Kinder kümmerte. Die Erziehungsarbeit blieb nun fast gänzlich am Vater hängen.

Zwar suchte sie in dieser Zeit Hilfe bei einem Psychiater. Das änderte aber nichts an ihrem Zustand. Im Gegenteil. Sie weigerte sich fortan, ihren Mann zum Kirchgang zu begleiten. John List war wie vor den Kopf gestoßen. Ihre älteste Tochter Brenda aus erster Ehe hielt die angespannte Situation im Elternhaus nicht länger aus. Sie heiratete 1960 mit 18 Jahren und verließ den Haushalt.

Ein seltener Wutausbruch

John List fraß den Ärger vorläufig in sich hinein und beklagte sich selten. In seltenen Momenten trieb ihn seine Frau so weit, dass er vor Wut am ganzen Körper zitterte und das Gesicht fleckig anlief. Aber er schrie nicht. Und erst recht wurde er nicht gewalttätig.

Die extremste Reaktion, zu der er sich jemals hinreißen ließ: Er schmiss den Küchentisch um. Seine Frau beeindruckte der ungewohnte Wutausbruch nicht. Sie sagte ihm, sie würde das Chaos bestimmt nicht aufräumen, und ließ ihn einfach stehen. Er kniete nieder und sammelte das zerbrochene Geschirr ein.

Die schlechten Nachrichten im Leben von John List häuften sich. Sein Arbeitgeber fusionierte mit einem anderen Unternehmen und entließ ihn. Er fand eine neue Stelle als Leiter des Rechnungswesens bei Xerox in Rochester (New York), auf der er sich aber nicht lange halten konnte. Dieses Mal blieb er zunächst arbeitslos. Zum ersten Mal hatte er akute Geldsorgen. Seine Frau entfremdete sich immer weiter von ihm und strafte ihn nur noch mit Missachtung.

John List schien nochmals den Kopf aus der Schlinge ziehen zu können, als er eine relativ gut dotierte Stelle als Buchprüfer bei der First National Bank von Jersey City (New Jersey) angeboten bekam. Die Familie zog 1965 nach Westfield. John bat seine Mutter um eine Anzahlung für die Hypothek, damit die Familie „Breeze Knoll“, das Herrenhaus an der Hillside Avenue, kaufen konnte. Alma List erklärte sich einverstanden, allerdings unter einer Bedingung: Sie bekam eine eigene Wohnung in dem Haus.

Schiffbruch

Doch John List hatte seine beruflichen Fähigkeiten maßlos überschätzt. Bei der First National Bank erlitt er nach nur einem Jahr Schiffbruch. Sein Job verlangte nämlich von ihm, dass er Kundenkontakte pflegte und neue Geschäfte an Land zog. Doch List ging jegliches Verkaufsgeschick ab. Seine Social Skills, wie es neudeutsch heißt, waren gänzlich unterentwickelt.

Jetzt sah er sich mit einer gewaltigen Hypothek auf das Haus und hohen Ausgaben konfrontiert. Er wagte es nicht, seiner Frau das erneute berufliche Scheitern zu beichten. Stattdessen verließ er jeden Morgen das Haus, als würde er zur Arbeit gehen. Er verbrachte dann den den ganzen Tag im Bahnhof und las Zeitung oder ein Buch. Er tat dies sechs volle Monate lang.

Das Geld für die Rechnungen entnahm er vom Konto seiner Mutter, auf das er inzwischen Zugriff hatte. Alma List ahnte nichts davon. Als ihr Sohn 1971 die Familie tötete, hatte er fast die gesamten 200.000 Dollar aufgebraucht, die sich ursprünglich auf dem Sparbuch seiner Mutter befanden.

Seine nächste Festanstellung war deutlich schlechter bezahlt. Sein Arbeitgeber war zudem im Bundesstaat New York ansässig. Entsprechend länger war er jeden Tag unterwegs. Auch diesen Job verlor er nach nur einem Jahr. Um flüssig zu bleiben, nahm er eine zweite Hypothek auf.

Pflegefall

1969 diagnostizierte ein Arzt eine zerebrale Atrophie bei Helen List. Mit anderen Worten: Sie war unheilbar an Syphilis erkrankt und die Krankheit war in fortgeschrittenem Stadium. Ihr Gehirngewebe schrumpfte bereits. Der Alkohol- und Medikamentenmissbrauch hatte den körperlichen Verfall zusätzlich beschleunigt. Für irgendeine Art von Behandlung war es zu spät. Der Arzt riet John List, sie in ein Pflegeheim zu geben. Aber er lehnte dies ab.

Um die Alltagssorgen auszublenden, verlor er sich stattdessen zunehmend in seine Hobbys. Er las Bücher über Waffen und wahre Kriminalfälle. Und er entwickelte eine Leidenschaft für Strategiespiele, die sich zur Besessenheit steigerte. Wenn ihm schon in der realen Welt kein Erfolg vergönnt war, dann wenigstens auf dem Spielbrett. Das FBI stieß außerdem auf ein Postfach, das List eröffnet hatte. Dorthin hatte er sich pornografische Werke schicken lassen. Ganz der Saubermann, der er nach außen hin immer vorgab zu sein, war er also nicht.

Seine letzte Tätigkeit war quasi von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Er sollte auf Provisionsbasis neue Anleger für Investmentfonds gewinnen. Bei seinem augenscheinlich nicht vorhandenen Verkaufstalent war es kein Wunder, dass er im letzten Jahr nur 5.000 Dollar eingenommen hatte. Inzwischen schliefen er und seine Frau in getrennten Schlafzimmern. Hauptsache, er konnte ihrer scharfen Zunge ausweichen, die sie trotz Krankheit behalten hatte.

Sodom und Gomorrha

Auch an einer anderen Front entglitt ihm zunehmend die Kontrolle. Die Kinder kamen in die Pubertät und stellten seine strengen Regeln immer häufiger infrage. Die Tochter Patricia ging dabei als ältestes Kind am weitesten. Sie probierte Drogen aus. Sie nahm an okkulten Praktiken teil. Ihr Vater ahnte nichts davon.

So viel brauchte es auch gar nicht, um ihn nachhaltig zu erschüttern. Die 16-Jährige trug die Mode jener Tage und entwickelte ein starkes Interesse an Theater. Beides galt in der begrenzten Vorstellungswelt von John List vermutlich bereits als Teufelswerk.

Dann griff die Polizei seine Tochter im September 1971 auf und lieferte sie bei ihren Eltern zu Hause ab. Was war passiert? Sie war nachts alleine auf den Straßen von Westfield unterwegs gewesen. Unbegleitet und rauchend. Sodom und Gomorrha waren nicht weiter.

So stellte es John List zumindest in seinem Geständnis dar. Seine Frau war schon verloren. Die Tochter befand sich auf Schussfahrt direkt in die Hölle. Richtig ist, dass in dieser Zeit sein Plan, die gesamte Familie auszulöschen, endgültig Gestalt annahm. Und möglicherweise war Patricias Begegnung mit der Polizei tatsächlich so etwas wie ein Startsignal für List.

Abgebrannt

Aber man darf natürlich nicht außer Acht lassen, dass der Mann zu diesem Zeitpunkt bereits völlig abgebrannt war. Schulden bis weit über die Halskrause; Mamas Konto bis auf den letzten Cent geplündert; praktisch schon arbeitslos ohne Aussicht auf weiteres Einkommen; die Zwangsversteigerung vor der Tür. Die Fassade, die John List ein Leben lang um sich herum aufgebaut hatte, drohte nicht nur zu bröckeln. Das ganze Haus würde binnen weniger Monaten vom Erdboden verschluckt werden.

Am 5. November 1971, vier Tage vor den Morden, versammelte er seine Kinder nach dem Abendessen in der Küche. Er erklärte ihnen, dass sie sich auf ihren Tod vorbereiten müssten. Er fragte, ob sie lieber begraben oder verbrannt würden. Man weiß nicht, ob alle Kinder die Botschaft hinter den Worten verstanden hatten. Mit Sicherheit musste aber Patricia spätestens ab diesem Moment geahnt haben, dass ihr Vater ihre Ermordung ernsthaft in Erwägung zog. Die unheilvolle Warnung gegenüber Ed Illiano, dem Leiter ihrer Theatergruppe, bewies es.

Alma Lists Leichnam hatte man in ihren Heimatort Frankenmuth in Michigan gebracht. Die vier anderen Familienmitglieder bekamen ein Armenbegräbnis in billigen Särgen aus Metall auf dem Fairview Cemetery in Westfield. Das letzte Geld hatte schließlich der flüchtige Mörder mitgenommen. Mutter und Schwester von Helen List hatten auf einer Erdbestattung bestanden, obwohl List in den Briefen die Einäscherung der Leichen gefordert hatte. Auf der Internetseite findagrave.com finden sich Fotos der Grabstätten und Familienmitglieder.

Hämorrhoiden und Kurzsichtigkeit

Da der Reisepass fehlte, musste das FBI die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass John List sich ins Ausland abgesetzt hatte. Dennoch überwachte die Polizei mit rund einem Dutzend Beamten die Beerdigung der List-Familie. Doch List ließ sich am Tag der Beerdigung nicht blicken.

Das FBI veröffentlichte ein Fahndungsplakat mit einem aktuellen Foto und mehreren Hinweisen zum Gesuchten. Neben den üblichen Angaben zu Größe, Gewicht, Alter, Haar- und Augenfarben etc. veröffentlichte man auch die Hinweise, dass List an Hämorrhoiden und extremer Kurzsichtigkeit litt. Das FBI verschickte die Fahndungsplakate deshalb auch gezielt an Apotheken und Augenärzte im ganzen Land.

Doch es kamen keine brauchbaren Hinweise auf Lists Verbleib herein. Neun Monate nach dem Verbrechen, am 30. August 1972, brannte die Villa „Breeze Knoll“ nieder. Ursache war eindeutig Brandstiftung, wie die Ermittlung der zuständigen Polizei ergab. Wer das Feuer legte, blieb bis heute ein ungelöstes Rätsel.

Flucht nach Denver

John List hatte in den ersten beiden Wochen nach seiner Flucht fest mit seiner Verhaftung gerechnet, wie er später zugab. Die Festnahme blieb aus. Er war nach wie vor ein freier Mann. Er begann, sich ein neues Leben aufzubauen. Nachdem er das Auto am Flughafen abgestellt hatte, war er zunächst mit dem Zug von New York nach Michigan geflüchtet. Dann fuhr er weiter bis nach Denver (Colorado), wo er sich einen Wohnwagen mietete.

Er änderte seinen Namen in Robert P. Clark um. Ob er dabei an einen ehemaligen Kommilitonen von der Uni gedacht hatte, ist unklar. Der echte Robert Clark konnte sich später jedenfalls nicht erinnern, jemals mit John List in Kontakt gestanden zu haben.

List fälschte eine Sozialversicherungsnummer, die in den USA eine vergleichbare Bedeutung hat, um sich gegenüber Behörden und Unternehmen zu legitimieren, wie hierzulande ein Personalausweis. Damit fand er zunächst einen Job als Koch in einem Holiday Inn Hotel.

Nach einiger Zeit zog er in die kleine Gemeinde The Pinery um, an die Peripherie von Denver. Dort ergatterte er einen Job als Buchhalter und stellvertretender Geschäftsführer. 1975 wagte er sich noch mehr aus der Deckung heraus. Er schloss sich wieder einer Kirchengemeinde an, der St. Paul’s Lutheran Church in Denver. Im folgenden Jahr beantragte er einen Führerschein und legte sich ein Auto zu. Er machte sich nützlich, indem er ältere Mitglieder der Kirchengemeinde zu Arztterminen oder ähnlichen Verabredungen chauffierte. Schließlich berief man ihn in den Kirchenrat der Gemeinde.

Neue Liebe

Dort verliebte er sich in eine geschiedene Frau namens Delores Miller, die er während einer Kirchenveranstaltung kennenlernte. Delores fragte ihn nach seiner Vergangenheit. Er erzählte ihr, seine Frau sei an Krebs verstorben. 1985 heirateten die beiden.

Seine Abneigung gegenüber gesellschaftlichen Veränderungen hatte offensichtlich abgenommen. Statt in Anzug und Krawatte sah man ihn nun immer häufiger in Jeans und mit offenem Hemd. Er stimmte sogar zu, bei einem Square-Dance-Kurs teilzunehmen. Zehn Jahre zuvor wäre man dafür gemäß dem List’schen Regelwerk vermutlich noch im Fegefeuer verschmort.

Aber so einfach ließ sich die Vergangenheit nicht abstreifen. Denn kurz danach verlor List seine Arbeit. Er konnte nicht mehr mit den Entwicklungen in seiner Branche und den Herausforderungen an seinen Job Schritt halten. Zudem bat ihn die Kirchengemeinde, seinen Posten als Lehrer der Sonntagsschule aufzugeben. Es hatte Beschwerden von Eltern gegeben. Er ging nach dem Geschmack der Eltern zu streng mit den Kindern um und verlangte von ihnen zu viel. Die Geschichte schien sich zu wiederholen.

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Weitere Kapitel zum Fall John List 

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(2) Fünf Morde für das Seelenheil

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Das Klingeln des Telefons unterbrach John Emil List beim Mittagessen. Seine Tochter Patricia war am Apparat. Sie sagte, sie fühle sich nicht wohl. Sie bat ihren Vater, sie von der Schule abzuholen. Dies war nicht in seinem Plan vorgesehen. Er musste improvisieren. Er fuhr zur Westfield High School und sammelte seine Tochter ein.

Zu Hause angekommen eilte er unter einem Vorwand zur Haustür und stürmte ins Gebäude. Sobald Patricia List die Blutspuren im Flur bemerken würde, würde sie Verdacht schöpfen. Das musste er verhindern. List hockte sich hinter die Eingangstür. Als Patricia eintrat, schoss er dem Mädchen aus nächster Nähe in den Hinterkopf.

List zog sie an den Füßen bis in den Tanzsaal auf einen der Schlafsäcke. Er säuberte sich erneut und erledigte danach einige Besorgungen. Er brachte die Schreiben zum Briefkasten und suchte anschließend die Bank auf. Er löste seine Konten auf und hob das verbliebene Geld ab, insgesamt 2.500 Dollar.

Am späten Nachmittag holte er seinen jüngsten Sohn Frederick von einem Aushilfsjob ab, mit dem er sich nach der Schule etwas Taschengeld hinzuverdiente. Wieder eilte List als erster ins Haus. Er griff nach der Waffe, die er zuvor hinter der Küchentür versteckt hatte. Fred kam nicht einmal dazu, seinen Mantel auszuziehen. Der Schuss in den Kopf tötete den Jungen sofort. List brachte ihn in den Tanzsaal und legte Frederick neben seine Schwester auf einen Schlafsack.

Todeskampf

Der Sohn John Jr. trainierte am Nachmittag mit dem Fußball-Team seiner Schule. Doch er kehrte früher vom Training zurück, als sein Vater erwartet hatte. List bemerkte ihn erst, als er das Haus schon durch einen Nebeneingang betrat, der in die Waschküche führte. Er stellte sich in den Flur, mit einer Pistole in jeder Hand. Als John Jr. die Tür öffnete, muss er sofort begriffen haben, dass sein Leben in Gefahr war.

Bevor sein Vater auf ihn schießen konnte, packte John Jr. nach dessen Händen und rang mit ihm um die Waffen. Eine Kugel durchbohrte die Decke. Zwei weitere Schüsse gingen in den Boden. Ein viertes Projektil durchschlug einen Schrank, ein fünftes einen Fensterrahmen im Esszimmer.

Inzwischen war es List Senior aber gelungen, sich aus der Umklammerung zu lösen. Sein Sohn versuchte vergeblich, den nächsten Schüssen auszuweichen. Das sechste Geschoss traf ihn im Rücken, direkt unterhalb des Nackens. Eine weitere Kugel im Kopf.

John Jr. fiel auf den Boden und brach sich den Kiefer. List feuerte erneut auf ihn. Doch der Junge lebte noch. John Jr. kroch schwer verwundet über den Fußboden, um sich in Sicherheit zu bringen. List drehte den Kopf seines Sohnes nach oben und schoss ihm direkt in die Augen. Der Teenager war immer noch nicht tot. List feuerte jetzt Kugel um Kugel auf ihn.

Der Pathologe zählte später zehn Projektile, die den Jungen getroffen hatten. List zerrte die Leiche in den Tanzsaal zu den anderen. Er bedeckte die Gesichter seiner Kinder mit einem Tuch. Schließlich kniete er neben seinen Angehörigen nieder, deren Leben er soeben ausgelöscht hatte, und betete für ihr Seelenheil, wie er in seinem Brief an Pastor Rehwinkel betonte.

List aß zu Abend und schlug anschließend sein Nachtlager auf. Er schlief im Billard-Zimmer, das sich neben dem Tanzsaal mit den Leichen befand. Als der Morgen graute, stand er auf und stellte den Thermostat der Klimaanlage auf 10° Celsius ein. Dann schaltete er in jedem Raum das Licht ein. Er suchte im Radio einen Kirchensender heraus und stellte das Gerät direkt vor die Hausprechanlage. Er packte etwas Kleidung in einen Koffer, verließ das Haus und brach in eine ungewisse Zukunft auf.

Gott würde ihn verstehen

Warum ermordete John Emil List fünf Menschen? Er rechtfertigte seine Tat in den Briefen, die er zurückgelassen hatte, vorwiegend mit religiösen Gründen. Er glaubte deshalb, dass Reverend Eugene Rehwinkel seine Entscheidung am ehesten nachvollziehen könne. So behauptete List, seine Frau habe sich bereits vor vielen Jahren von Gott abgewandt. Bei seinem ältesten Kind, der Tochter Patricia, habe er in letzter Zeit leider eine ähnliche Entwicklung feststellen müssen.

Er machte dafür die Zeitumstände und die Gesellschaft als Ganzes verantwortlich. Mit anderen Worten: Die weitreichenden Veränderungen, welche die 1960-er Jahre mit sich brachten, hatten John List nicht gefallen. Oder wie er es selbst ausdrückte: Ein gottgefälliges Leben sei unter diesen Rahmenbedingungen kaum noch möglich.

List stellte die Tat so dar, als habe er seine Familie in Wahrheit vor noch viel größerem Schaden beschützen wollen. Außerdem wies er darauf hin, dass alle einen „schmerzfreien“ Tod gestorben seien. Zumindest im Falle seines Sohnes John Jr. hatte er diese Wahrnehmung exklusiv. Die Spurenlage deutete auf einen längeren Todeskampf hin. Und der Junge starb im vollen Bewusstsein, dass ihn sein eigener Vater töten würde.

John List war nichtsdestotrotz überzeugt, dass Gott ihn verstehen und seine Taten vergeben würde. Jesus Christus würde es schon richten. Gottes Sohn sei ja schließlich für ihn am Kreuz gestorben, um alle menschliche Sünde auf sich zu nehmen.

Im Brief an seinen Chef schimmerte dann ein doch eher weltliches Problem durch, das an List genagt zu haben schien: „Es tut mir leid, dass alles so enden musste. Aber mit einem so geringen Einkommen konnte ich die Familie einfach nicht weiter versorgen. Und ich wollte nicht, dass sie in Armut leben muss.“

Das Geständnis an den Pfarrer schloss mit konkreten Anweisungen für die Opferbestattung. Auch bei diesem Detail ließ List durchblicken, dass er nur das Seelenheil seiner Angehörigen im Sinne hatte. Die Leichen sollten eingeäschert werden. Denn dies würde garantieren, dass ihre Seelen auf dem schnellsten Weg in den Himmel gelangen könnten. Diesem Ritual hätte auch die gesamte Familie vor den Morden ausdrücklich zugestimmt.

Die Spur endet am Flughafen

Leiter der Ermittlung war zunächst James Moran von der örtlichen Polizei. Er war zuversichtlich, dass man den Schuldigen für dieses Massaker binnen kurzer Zeit schnappen würde. Binnen einer Stunde nach Entdeckung der Leichname ging ein Telex mit der Fahndung nach John List an alle Polizeibehörden hinaus.

Den blauen Chevrolet Impala des Flüchtigen fand man schließlich am Kennedy International Airport in New York City. Er war auf einem Langzeitparkplatz abgestellt. Das Parkticket war auf den 10. November datiert. Lists Name war jedoch auf keiner Passagierliste verzeichnet. Seinen Reisepass hatte er allerdings eingesteckt, wie die Durchsuchung des Hauses ergeben hatte. Weitere vielversprechende Hinweise kamen nicht herein. Am New Yorker Flughafen verlor sich also jegliche Spur von John List.

Massiv verschuldet

Das FBI übernahm von da an die Ermittlungen. Die Morde in Westfield galten immerhin als das spektakulärste Verbrechen, das im Bundesstaat New Jersey seit der Entführung des Lindbergh-Babys im Jahre 1932 geschehen war. Die Bundesbehörde untersuchte zunächst Lists persönliche Verhältnisse. Die Ermittlungsergebnisse warfen ein anderes Licht auf die Geschichte, die John List in seinem Geständnis zum Besten gegeben hatte.

Die Aufzeichnungen belegten, dass er hochgradig verschuldet war. Er war mit seinen Hypothekenzahlungen im Rückstand. Er konnte seine Versicherungsbeiträge nicht mehr zahlen. Und er schuldete seiner Mutter einen hohen Betrag. Die Hausbank hatte bereits die Zwangsversteigerung der Villa „Breeze Knoll“ beantragt. Die Agenten konnten auch die Ursache für die massiven Geldprobleme rasch ausmachen. List hatte im aktuellen Jahr gerade einmal 5.000 Dollar eingenommen.

Hier hatte also jemand auf zu großem Fuß gelebt, der sich diesen Lebensstil schlichtweg nicht leisten konnte. Andere Menschen in seiner Situation hätten sich der Lage gestellt und zum Beispiel von sich aus, einen Verkauf des Hauses angestrebt. Die Lebenshaltungskosten zurückgefahren. Mit Gläubigern verhandelt.

Einige wenige Zeitgenossen hätten vielleicht auch drastischere Reaktionen ins Auge gefasst. Wären einfach abgehauen. Oder hätten Selbstmord begangen. Doch List löschte stattdessen seine ganze Familie aus und verschwand dann von der Bildfläche. Das FBI grub tiefer in der Lebensgeschichte des Mörders. Irgendwo mussten doch Gründe zu finden sein, die den Wahnsinn von Westfield erklärten.

Deutsche Vorfahren

John Emil List kam am 17. September 1925 in Bay City (Michigan) zur Welt. Sein Vater John Frederick war bei seiner Geburt bereits 64 Jahre alt, ein Vierteljahrhundert älter als seine Frau Alma. Das Paar war zu diesem Zeitpunkt seit einem Jahr verheiratet.

Sie gehörten beide der Missouri-Synode der deutsch-lutherischen Kirche an. Der Großvater väterlicherseits, John George List, stammte aus dem fränkischen Roßtal, Landkreis Fürth, die Großmutter Maria Barbara Lotter aus Weissenbronn im benachbarten Landkreis Ansbach.

Alma List wiederum war eine Enkeltochter von John Adam List, ebenfalls aus Roßtal eingewandert. Er war ein Bruder vom erwähnten Großvater John George. Das machte John Lists Eltern zu Cousin und Cousine zweiten Grades.

Insgesamt umfasste die Immigrantengruppe aus Deutschland rund 90 Personen, die 1845/46 in die USA kamen, angeführt von einem Pastor Johann Konrad Wilhelm Loehe. Sie ließen sich in der Gemeinde Frankenmuth (Michigan) nieder. Die starke Bindung an die Kirchengemeinde und ihre religiösen Ansichten sollte auch für die Nachfahren der Einwanderergeneration prägend bleiben.

Kindheit ohne Privatsphäre

Die Familie List lebte in einem viktorianischen Haus, hatte das Obergeschoss allerdings vermietet. Der Sohn John hatte deshalb kein eigenes Zimmer, sondern musste im Wohnzimmer schlafen. Er lernte früh, seine persönlichen Gegenstände ordentlich wegzuräumen, damit seine Anwesenheit erst gar nicht auffiel. Raum für Privatsphäre blieb ihm nicht.

Johns Vater betrieb ein Ladengeschäft und galt seinem Umfeld als wunderlicher Kauz. Das Verhältnis zu seinem Sohn war bestenfalls distanziert. Er sprach von ihm immer nur als „dem Jungen“. Die beiden verbrachten kaum Zeit miteinander. Die Erziehung überließ er weitestgehend seiner Frau. Für ihn war nur wichtig, dass sich John in der Schule und Kirche zu benehmen wusste.

Johns Mutter Alma verhielt sich hingegen überfürsorglich. Sie fürchtete ständig, ihr Sohn könne erkranken oder sich verletzen. Sie beobachtete ihn deshalb auf Schritt und Tritt, zog ihm stets etwas zu dicke Kleidung an, damit er sich nicht verkühlte, und verbot ihm, mit anderen Kindern zu spielen. Für John List musste die Welt außerhalb der geschützten Mauern des Elternhauses wie ein bedrohlicher Ort voller Gefahren wirken.

Das soziale Umfeld des Jungen war daher, abseits von Familie und Schule, im Wesentlichen auf die Kirchengemeinde reduziert. Sein Vater war dort im Kirchenvorstand tätig und kümmerte sich um die Verwaltung der Gemeindegelder. Alma List redete ihrem Sohn zu, eines Tages in dessen Fußstapfen zu treten. In vielen Nächten las sie mit ihrem Sohn gemeinsam in der Bibel. An dieser Gepflogenheit hielt John List bis zum Mord an seiner Mutter fest.

Zarter Widerstand

Auf der High School hatte John zwar einige Freunde, aber keine Freundinnen. Nach seinem Abschluss schien er sich vorübergehend gegen sein Elternhaus „aufzulehnen“. Er trat 1943 freiwillig in die Armee ein, obwohl seine Mutter vehement dagegen war. Die USA waren nach dem Angriff auf Pearl Harbor im Dezember 1941 ohnehin als Kriegspartei in den Zweiten Weltkrieg verwickelt. List wäre also über kurz oder lang eingezogen worden. Aber immerhin traf er einmal in seinem Leben eine Entscheidung, die nicht dem Willen seiner Eltern entsprach.

Ein Jahr später starb sein Vater. Während des Zweiten Weltkriegs beschaffte er sich auch die Steyr-Pistole, die er rund 25 Jahre später als Mordwaffe einsetzen sollte. Den Colt erbte er von seinem Vater.

Nach Kriegsende drängte ihn seine Mutter zu einer Ausbildung als Buchhalter. Der Beruf sei krisensicher und angesehen. Ob John List andere Pläne für seine Zukunft hatte, lässt sich nicht sagen. Er studierte jedenfalls Betriebswirtschaft und Rechnungswesen an der Universität von Michigan in Ann Arbor.

Alma List besuchte ihren Sohn einmal im Monat. Die Besuche liefen immer nach dem gleichen Ritual ab. Sie gingen zusammen essen und anschließend zum Gottesdienst. Dann lasen sie in der Bibel und diskutierten über die gelesenen Textstellen.

Verliebt

List schloss sein Studium zunächst mit einem Bachelor ab und bestand auch den anschließenden Master-Studiengang. Als er gerade seine erste Stelle angetreten hatte, rief ihn das Militär erneut zum Wehrdienst ein. Inzwischen tobte der Korea-Krieg. List hatte Glück im Unglück. Er musste nicht nach Übersee an die Front, sondern blieb im Bundesstaat Virginia stationiert. Dort lernte er seine zukünftige Frau Helen Morris Taylor beim Bowling kennen.

Sie war Kriegerwitwe und Mutter einer neunjährigen Tochter. John List war sofort verliebt. Helen Morris Taylor zeigte sich seinen Avancen weniger aus romantischen Gefühlen aufgeschlossen. Die alleinerziehende Mutter mit kleiner Witwenrente sorgte sich schlichtweg um ihre Zukunft. Immerhin schien ihr Verehrer ein freundlicher und verlässlicher Mann zu sein, wenn er auch nach ihrem Geschmack noch zu sehr am Rockzipfel der Mutter hing.

Alma List war strikt gegen die Beziehung. Sie misstraute der neuen Frau im Leben ihres Sohnes. Sie hatte das Kind eines anderen ausgetragen. Sie hatte im Alter von 24 Jahren bereits mehrere Fehlgeburten erlitten. Zudem gehörte sie nicht der deutsch-lutherischen Kirche an. Helen Morris Taylor war keine von ihnen.

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John List – Blutbad im Herrenhaus

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John Emil List, Nachfahre streng religiöser Einwanderer aus Franken, tötet Mutter, Frau und seine drei Kinder. Der Buchhalter begründet das Massaker mit Angst um das Seelenheil seiner Familie. Er selbst entzieht sich aber der Verantwortung und taucht zwei Jahrzehnte unter, bevor ihm die Polizei endlich auf die Spur kommt.

Seit einem Monat brannte ununterbrochen das Licht in „Breeze Knoll“, einem viktorianischen Herrenhaus in Westfield, New Jersey. Die dreistöckige Villa mit 19 Zimmern in der 431 Hillside Avenue galt als das teuerste Gebäude in der Nachbarschaft. Der Prachtbau verfügte gar über einen eigenen Tanzsaal.

Doch die Bewohner des Hauses, die Familie List, waren angeblich bereits seit längerem nach North Carolina verreist. Ab und an hielt ein fremder Wagen in der Auffahrt, war aber nach kurzer Zeit wieder verschwunden. Warum brannte also Tag und Nacht das Licht, fragte sich eine Nachbarin, ohne dass man die Bewohner zu Gesicht bekam?

Eine düstere Prophezeiung

Der fremde Wagen in der Auffahrt, den die Nachbarin beobachtet hatte, gehörte Ed Illiano. Der Leiter eines Theaterkurses unterrichtete Patricia List, die 16-jährige Tochter des Hauses. Patricia hatte vor einigen Wochen eine seltsame Bemerkung geäußert. Ihr Vater würde Illiano vielleicht in naher Zukunft kontaktieren. Er würde behaupten, Patricia könne nicht zum Kurs erscheinen, weil die Familie eine längere Urlaubsreise antrete. Falls das passiere, solle Illiano sogleich die Polizei verständigen. Der Lehrer hatte die kuriose Bemerkung zunächst nicht ernst genommen.

Am 9. November 1971 erhielt er jedoch tatsächlich ein solches Entschuldigungsschreiben von John List, dem Vater seiner Schülerin. Die Familie müsse sich um seine schwer kranke Schwiegermutter in North Carolina kümmern. Patricia könne daher nicht zum Unterricht erscheinen. Am folgenden Tag war Illiano zum Anwesen der Lists gefahren.

Als er das voll erleuchtete Anwesen sah, war er jedoch gleich wieder umgekehrt. Scheinbar war mit der Familie alles in Ordnung. Doch als sich Patricia in den darauffolgenden Wochen nicht mehr bei ihm meldete, beschlichen ihn erneut Zweifel. Er kehrte mehrfach zum List-Haus in der Hillside Avenue zurück. Aber sein Klingeln an der Haustür blieb jedes Mal unbeantwortet.

Am 7. Dezember 1971 beschlossen Illiano und die Nachbarin fast zeitgleich, aber unabhängig voneinander, die Polizei einzuschalten. Irgendetwas in „Breeze Knoll“ stimmte nicht. Die herbeigerufenen Beamten klingelten, klopften und riefen nach den Bewohnern. Doch niemand meldete sich. Sie gingen um das Haus herum und entdeckten ein unverschlossenes Fenster, durch das sie sich Zutritt zum Hausinneren verschafften.

Vier Leichen im Tanzsaal

Den Beamten fiel zunächst auf, dass das Gebäude scheinbar unbeheizt war. Im Innern war es annähernd so kalt wie draußen. Aus den Lautsprechern der Haussprechanlage tönte unablässig Kirchenmusik. Ansonsten machte das Haus einen verlassenen Eindruck. Die Polizisten bewegten sich vom Esszimmer in die Küche.

Dort bemerkten sie mehrere dunkle Flecken an der Wand. Verwischte Schlieren auf dem schachbrettartigen Linoleumboden. Vollgesogene Handtücher und Zeitungen im Mülleimer. Den Polizisten schwante Übles. Bei der inzwischen getrockneten Flüssigkeit handelte es sich wahrscheinlich um Blut. Jemand hatte versucht, eine große Blutlache aufzuwischen, war aber kläglich gescheitert. Zudem waren Wände und Möbel mit etlichen Kerben versehen, die verdächtig nach Einschusslöchern aussahen.

Die Spuren am Boden führten in die Eingangshalle des Hauses. Dort schoss den Beamten ein scharfer Verwesungsgeruch in die Nase. Sie folgten dem Gestank, der einem angrenzenden Raum entströmte. Sie öffneten die Tür. Das Zimmer war sehr groß und sollte scheinbar einen Tanzsaal darstellen. In einer Saalecke, gleich neben einem kleinen Tisch, lagen vier Leichen. Bei drei Opfern handelte es sich um Teenager – ein Mädchen, zwei Jungen -, die parallel nebeneinander jeweils auf einem Schlafsack lagen. Oberhalb der Köpfe der Kinder lag die Leiche einer erwachsenen Frau quer zu den übrigen Opfern.

Die Abstellkammer

Die Beamten forderten Verstärkung an. Weitere Polizisten rückten an, darunter auch der Gerichtsmediziner des Union County. Die Gesichter der Toten waren jeweils mit einem Geschirrtuch verhüllt. Die blutigen Schleifspuren sprachen dafür, dass keiner von ihnen in diesem Raum starb. Die Körper waren aufgebläht und von Maden übersät. Sie lagen hier offensichtlich bereits seit längerer Zeit.

Die erwachsene Frau war augenscheinlich infolge einer Schussverletzung an der linken Kopfseite gestorben. Ihre Arme waren stark mit Blut bedeckt. Das Nachthemd war bis über den aufgedunsenen Bauch hochgeschoben, ihre Oberschenkel freigelegt. Auch die übrigen Opfer wiesen allesamt Schusswunden auf, trugen jedoch normale Straßenkleidung. Bei zwei Jugendlichen waren die Mäntel sogar noch geschlossen.

Beim dritten Kind war die Winterjacke geöffnet. Am Oberkörper und Kopf waren etliche Schusswunden zu erkennen. Außerdem hatte der Junge Verletzungen davongetragen, die den Gerichtsmediziner auf einen heftigen Kampf schließen ließen. Die anderen Opfer waren durch einen einzelnen Schuss gestorben.

Andere Beamte durchsuchten das Gebäude nach weiteren Opfer. Sie wurden im ausgebauten Dachgeschoss fündig. In einem schmalen Abstellraum neben einer Küche lag eine ältere Frau mit dem Rücken auf dem Boden, die Beine weit gespreizt, die Unterschenkel unter dem übrigen Körper eingeklemmt. Die seltsam verdrehten Beine deuteten darauf hin, dass sie zunächst auf die Knie gesunken und dann rückwärts umgekippt war. Als die Polizisten ihr das Tuch vom Gesicht zogen, bemerkten sie eine Schusswunde über dem linken Auge.

Ein Familiendrama

Die Beamten baten einen Arzt, der in der Nachbarschaft wohnte, die Opfer zu identifizieren. Die drei toten Teenager waren Patricia List (16) sowie ihre Brüder John Jr. (15) und Frederick (13). Bei der erwachsenen Frau neben ihnen handelte es sich um ihre Mutter Helen List (45). Die Tote im Dachgeschoss war zweifelsfrei Helens Schwiegermutter Alma List (85), die dort eine eigene Wohnung bezogen hatte. Nur ein Familienmitglied befand sich nicht unter den Opfern: Hausherr und Familienvater John Emil List (46). Damit hatte die Polizei gleichzeitig einen dringend Tatverdächtigen. Doch die Suche nach ihm sollte sich schwieriger gestalten als zunächst gedacht.

In einem Raum, der offensichtlich als Arbeitszimmer diente, machten die Ermittler eine weitere wichtige Entdeckung. Auf einem Sekretär lagen mehrere Briefe, die an unterschiedliche Personen adressiert waren, alle auf den 9. November 1971 datiert. Es handelte sich um Kopien von Entschuldigungsschreiben, wie sie List beispielsweise an den Leiter des Theaterkurses, Ed Illiano, verschickt hatte.

Ein loses Blatt enthielt zudem konkrete Anweisungen, wo man den Schlüssel für den Sekretär finden konnte. Die Beamten öffneten den Schrank. In der obersten Schublade waren zwei Pistolen verstaut: eine 9-mm-Halbautomatik der Marke Steyr und ein Colt-Revolver Kaliber .22. Dazu die passende Munition.

In einer weiteren Schublade lagerte ein großer Briefumschlag, der an Eugene A. Rehwinkel adressiert war. Er war Pfarrer der Kirchengemeinde, der die Familie List angehörte. In dem Brief äußerte sich List ausführlich dazu, was am 9. November in „Breeze Knoll“ vorgefallen war. Es war ein Tatgeständnis.

Der Sekretär enthielt darüber hinaus Scheckbücher, Sparbücher, Versicherungspolicen und Steuerunterlagen. Es gab auch eine Art Haushaltsbuch, in dem John List penibel seinen Schuldenstand aufgeführt hatte. Außerdem fünf kürzere Schreiben, adressiert u.a. an seinen Arbeitgeber, in denen er sich auch zu den Gründen für das Verbrechen äußerte.

Rekonstruktion der Ereignisse

Zusammen mit den zahlreichen Spuren im Haus konnten die Ermittler sich dadurch ein präzises Bild machen, wie die Bluttat im Einzelnen abgelaufen war. Offenbar hatte John List das Verbrechen bereits längere Zeit im Voraus geplant. Er hatte pünktlich zum 10. November die tägliche Belieferung mit Zeitung, Milch und Post abbestellt, ohne dass seine Familie davon etwas ahnte.

Die Kinder verließen am Morgen wie üblich das Haus, um zur Schule zu gehen. List begab sich in sein Arbeitszimmer im ersten Stock und wartete zunächst ab. Er hörte, wie seine Frau die Treppe hinunterging, um in der Küche zu frühstücken. Er folgte ihr leise.

Helen List trug noch ihr rotes Satin-Nachthemd und einen Bademantel. Sie saß auf einem Küchenstuhl, aß einen Toast und blickte zum Fenster hinaus. Ihr Mann näherte sich unbemerkt von hinten, zielte mit der Steyr-Halbautomatik auf ihren Kopf und drückte aus einem halben Meter Entfernung ohne Vorwarnung ab.

Vielleicht traf er sie nicht gleich mit dem ersten Schuss. Die Spurensicherung pulte mehrere Projektile aus der Wand hinter dem Tisch. Ein Querschläger war bis in den Nebenraum geprallt. Möglicherweise war John List bei seinem ersten Mord aber auch so nervös, dass er unnötigerweise weitere Patronen abfeuerte, obwohl seine Frau bereits tot war.

Denn Helen List starb, als sie noch auf dem Stuhl saß. Sie schlug mit dem Kopf auf den Tisch, fiel auf den Boden und war sofort tot. Der Pathologe fand später einen Bissen Toastbrot, der noch in ihrem Rachen steckte.

Geröstete Toastscheiben

List ließ seine Frau auf dem Küchenboden zurück. Er stieg die hintere Treppe hinauf in den dritten Stock. Ohne anzuklopfen, betrat er die Wohnung seiner Mutter. Er überraschte sie in der Küche. Sie hielt einen Teller in der Hand und wartete darauf, dass der Toaster die gerösteten Brotscheiben ausspuckte. Sie fragte ihn, was der Lärm zu bedeuten hatte, den sie aus dem Erdgeschoss gehört hatte. Statt einer Antwort schoss ihr Sohn ihr aus nächster Nähe ins Gesicht.

Die Polizei fand zwei weitere Projektile in der Küchenwand. Vermutlich hatte List auch hier in einer Art Reflex weiter gefeuert, als er seine Mutter bereits getroffen hatte. Ursprünglich wollte er die Leiche seiner Mutter ins Erdgeschoss tragen. Doch sie war zu schwer für ihn.

Er legte sie auf einen Teppichläufer und zog diesen in die Abstellkammer der Küche. Anschließend wischte er mit einem Küchentuch und einer angefeuchteten Zeitung über den Boden, um die Blutlache zu beseitigen.

List ging danach nach unten und schleifte seine Frau an den Füßen von der Küche durch die Eingangshalle in den Tanzsaal. Er hinterließ dabei eine 12 Meter lange Blutspur am Boden. Er holte mehrere Schlafsäcke, die den Kindern gehörten, und breitete sie nebeneinander aus. Auf einen der Schlafsäcke rollte er die Leiche seiner Frau. Er bedeckte ihren Kopf mit einem Küchentuch. Zu diesem Zeitpunkt erkannte er, dass seine eigene Kleidung über und über mit Blut verunreinigt war.

Er ging in das Schlafzimmer seiner Frau, setzte sich auf das ungemachte Bett und wischte sich die blutverschmierten Hände am Laken ab. Dann suchte er das Bad auf, übergab sich und hinterließ einen blutigen Handflächenabdruck auf dem Toilettendeckel. Er duschte, zog sich einen frischen Anzug sowie eine Krawatte an. Die schmutzigen Kleidungsgegenstände und blutbespritzten Schuhe warf er im Schlafzimmer auf einen Haufen.

Ein wenig Gartenarbeit

Nun rief er im Büro an und ließ seinem Chef ausrichten, dass er zu einem anberaumten Treffen nicht erscheinen könne. Er müsse zu seiner Schwiegermutter in North Carolina fahren, die schwer erkrankt sei. Er wisse nicht, wann er wieder zur Verfügung stehe. Die Schwiegermutter war tatsächlich erkrankt. Eigentlich hatte sie geplant, Anfang November ihre Tochter und Enkelkinder zu besuchen. Sie wäre ihrem Schwiegersohn vermutlich ebenfalls zum Opfer gefallen.

John List musste nun auf die Rückkehr der Kinder warten. Er setzte sich in sein Arbeitszimmer und verfasste die Entschuldigungsschreiben an Schulen, Sportvereine etc., die das plötzliche Verschwinden der Familie vertuschen sollten. Um sich die übrige Wartezeit zu vertreiben, ging er in den Garten. Dort harkte er in Anzug und Krawatte Laub zusammen. Eine Nachbarin beobachtete ihn dabei. Doch er tat so, als würde er die Frau nicht bemerken.

Dann stärkte er sich mit einem Mittagsmahl. Das Massaker war noch lange nicht beendet. Gemäß seinem Plan sollten an diesem Tag noch drei weitere Opfer den Tod finden – seine eigenen Kinder.

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