Während der späten 1940er und 1950er Jahre verzeichnete der Bundesstaat Wisconsin einen signifikanten Anstieg der Vermisstenmeldungen. Es gab vier Fälle, die die Polizei besonders ratlos zurückließen. Dazu zählte ein achtjähriges Mädchen namens Georgia Weckler . Sie war am 1. Mai 1947 in Cambridge in der Nähe von Madison vor ihrem Elternhaus verschwunden.

Die Polizei durchkämmte mit Unterstützung Hunderter Anwohner ein Areal von 25 Quadratkilometern. Die Suche verlief ergebnislos. Die Polizei hatte keinerlei Verdächtige. Einziges Indiz waren ein paar Reifenspuren, die man in der Nähe der Stelle sichergestellt hatte, an der Georgia Weckler letztmals von Zeugen beobachtet wurde. Sie stammten von einem Ford. [Näheres zum Fall Weckler finden Sie hier.]

Evelyn Hartley

Sechs Jahre später verschwand in La Crosse ein weiteres Mädchen. Die 15-jährige Evelyn Hartley hatte zum Zeitpunkt ihres Verschwindens als Babysitter gearbeitet. Ihr Vater hatte vergeblich versucht, sie dort telefonisch zu erreichen. Der besorgte Vater fuhr schließlich zum Haus, in dem seine Tochter an diesem Abend arbeitete. Niemand öffnete auf sein Klopfen.

Er warf durch eines der Fenster einen Blick ins Innere des Hauses. Er sah, dass auf dem Boden eine Brille und ein einzelner Schuh herumlagen. Seine Tochter hatte an diesem Abend ganz ähnliche Gegenstände getragen. Der Mann versuchte, sich Zugang zu dem Gebäude zu verschaffen. Doch alle Fenster und Türen waren verschlossen – bis auf ein Kellerfenster an der Rückseite des Hauses. Der Vater entdeckte am Fensterrahmen mehrere Bluttropfen. Er rief nach seiner Tochter, erhielt aber keine Antwort. Schließlich verständigte er die Polizei.

Die Beamten fanden im Innern Spuren, die auf einen Kampf hindeuteten. Im Keller lag der zweite Schuh von Evelyn Hartley. Im Vorgarten waren auf dem Rasen weitere Blutstropfen zu erkennen, die vom Haus wegführten. An der Fassade eines Nachbarhauses war ein blutiger Handabdruck zurückgeblieben. Im Zuge der weiteren Ermittlungen tauchten in den darauffolgenden Tagen an einem Highway außerhalb von La Crosse Kleidungsstücke des Mädchens auf, die mit Blut getränkt waren. Inzwischen ging die Polizei vom Schlimmsten aus. Die Untersuchung verlief jedoch wie im Fall Georgia Weckler im Sande. [Weitere Informationen zum Fall Evelyn Hartley]

Ray Burgess und Victor Travis

Im November 1952 befanden sich Victor Travis und Ray Burgess auf dem Weg zur Hirschjagd. Als sie Plainfield durchquerten, beschlossen sie, einen Zwischenstopp in einer Bar einzulegen. Dort verbrachten sie mehrere Stunden, bevor sie ihren Trip fortsetzten. Doch sie kamen niemals am Ziel ihrer Reise an. Eine massive Suchaktion verlief ergebnislos. Victor Travis, Ray Burgess und das Fahrzeug, mit dem sie unterwegs waren, blieben wie vom Erdboden verschluckt.

Mary Hogan

Im Winter 1954 war Plainfield erneut Schauplatz eines mysteriösen Vermisstenfalls. Die Kneipenpächterin Mary Hogan war eines Abends spurlos aus ihrem Lokal verschwunden. Immerhin fanden die Ermittler in ihrem Fall ein paar konkrete Indizien, die auf ein Verbrechen hindeuteten. Der Fußboden der Kneipe war mit Blut bedeckt. Außerdem entdeckte die Polizei eine Patronenhülse Kaliber .32. Trotz intensiver Bemühungen fanden sich jedoch keine Hinweise auf den Verbleib von Mary Hogan.

Die vier Vermisstenfälle wurden nun im Zuge der Ermittlungen gegen Ed Gein neu aufgerollt. Bei Mary Hogan, Victor Travis und Ray Burgess gab es eine direkte Verbindung zu Plainfield. Im Fall Georgia Weckler hatten Zeugen in der Nähe des mutmaßlichen Tatorts einen dunklen Ford Baujahr 1936 oder 1937 wahrgenommen. Ed Gein fuhr solch einen Wagen. Und schließlich hatte Gein sich zum Zeitpunkt des Verschwindens von Evelyn Hartley bei Verwandten in La Crosse aufgehalten – nur wenige Blocks entfernt von dem Haus, aus dem das Mädchen entführt wurde.

Geständnis

Ed Gein stritt zunächst nicht nur die Beteiligung an diesen Straftaten ab, sondern auch für den Mord an Bernice Worden verantwortlich zu sein. Doch sein Leugnen währte lediglich 30 Stunden. Dann gestand er zunächst, Bernice Worden umgebracht zu haben. Als die Ermittler von ihm nähere Details erfahren wollten, behauptete er, sich nicht mehr genau erinnern zu können. Er sei während der Tat nicht mehr er selbst gewesen. Er habe alles nur noch verschwommen wahrgenommen.

Ein Bild sei ihm allerdings haften geblieben: Wie er den leblosen Körper der Ladenbesitzerin zu seinem Pritschenwagen gezerrt habe. Und er wisse noch, dass er sich die Schublade mit dem Geld aus der Kasse geschnappt habe. Er konnte oder wollte sich jedoch nicht dazu äußern, wie er Bernice Worden mit einem Schuss niedergestreckt hatte. Laut Autopsie hatte er die Frau nämlich aus nächster Nähe mit einem Kopfschuss getötet.

Schließlich wollten die Ermittler von Gein erfahren, von wem die übrigen Leichenteile in seinem Haus stammten. Zunächst gab er an, sie aus frischen Gräbern auf dem örtlichen Friedhof gestohlen zu haben. Dann räumte er jedoch ein, auch Mary Hogan ermordet zu haben. Er berief sich erneut darauf, keine klare Erinnerung mehr an den Vorfall zu haben. Er wisse nur noch, dass er die Tat nicht geplant habe. Der Schuss habe sich »aus Versehen« gelöst.

Unzurechnungsfähig

Während des mehrtägigen Verhörs zeigte Ed Gein keinerlei Anzeichen von Reue. Die Morde und Grabschändungen schilderte er emotionslos und sachlich, zuweilen auch aufgekratzt. Die Beamten hatten den Eindruck, dass Gein die Tragweite seiner Verbrechen nicht begriff. Sein Anwalt kündigte prompt an, vor Gericht auf geistige Unzurechnungsfähigkeit zu plädieren.

So musste Ed Gein im Monat nach seiner Verhaftung zahlreiche psychiatrische Untersuchungen über sich ergehen lassen. Am Ende der Prozedur waren sich die Gutachter einig, dass Gein tatsächlich an einer Geisteskrankheit litt. Sie diagnostizierten bei ihm Schizophrenie und eine ausgeprägte sexuelle Psychose.

Die Ursachen hierfür lagen aus Sicht der Ärzte in Geins Kindheit und seiner krankhaften Beziehung zu seiner Mutter. Seitdem hatte er ein gespaltenes Verhältnis zu Frauen. Einerseits fühlte er sich von ihnen sexuell angezogen, andererseits hatte ihm Augusta Gein erfolgreich eingebläut, diesem Verlangen niemals nachzugeben. Daraus resultierte eine Hassliebe zu Frauen. Er begehrte sie, aber gleichzeitig fühlte er sich deswegen schlecht. Im Laufe der Jahre entwickelte sich aus diesem immer wiederkehrenden inneren Konflikt eine ausgewachsene Psychose.

Ein weiterer Leichenfund

Währenddessen setzte die Polizei ihre Ermittlungen fort. Die Beamten kamen zu dem Schluss, dass Ed Gein in seinem Haus Überreste von mindestens zehn verschiedenen Frauen gehortet hatte. Zwei dieser Opfer hatte man inzwischen identifizieren können. Aber wer waren die übrigen acht Personen?

Trotz Geins Geständnis, dass er alle anderen Leichenteile vom Friedhof entwendet hatte, blieb das Sheriffbüro skeptisch. Es gab nur eine Möglichkeit, sich Gewissheit zu verschaffen. Die Polizei musste die Gräber, die Ed Gein beschrieben hatte, öffnen lassen. Alle Särge, die man daraufhin exhumierte, wiesen klare Anzeichen von Beschädigungen auf. In den meisten Fällen fehlten komplette Leichname oder zumindest verschiedene Leichenteile. Gein schien die Wahrheit gesagt zu haben.

Doch am 29. November 1957 stießen die Polizisten auf ein weiteres Skelett, das Gein auf dem Farmgelände vergraben hatte. Die Zweifel an seinem Geständnis bekamen neue Nahrung. Möglicherweise hatte er doch mehr Menschen umgebracht, als er bisher zugegeben hatte. Vielleicht hatten sie endlich den Leichnam von Victor Travis, Ray Burgess, Evelyn Hartley oder Georgia Weckler entdeckt.

Doch der Gerichtsmediziner musste die Ermittler enttäuschen. Bei den gefundenen Knochen handelte es sich um die sterblichen Überreste einer erwachsenen Frau fortgeschrittenen Alters. Es war offensichtlich eine weitere Leiche vom Friedhof. So blieben Bernice Worden und Mary Hogan die einzigen Mordopfer, die man Ed Gein jemals nachweisen konnte.

Medienhysterie

Die Geschichte des Serienmörders Ed Gein, der Hemden aus der Haut seiner Opfer nähte, beschäftigte nicht nur die Medien der USA, sondern machte damals weltweit Schlagzeilen. Kaum ein anderer Kriminalfall aus den 1950er Jahren erreichte ein ähnliches Ausmaß an Berichterstattung. Psychologen aus aller Welt versuchten der verstörten und zugleich faszinierten Öffentlichkeit zu erklären, warum Gein seine Verbrechen begangen hatte.

Sobald die ersten Details über die grausigen Funde an die Öffentlichkeit drangen, überfluteten Heerscharen von Presse- und Radioreportern das beschauliche Dorf im ländlichen Wisconsin. Den Bewohnern von Plainfield blieb nichts anderes übrig, als die Invasion über sich ergehen zu lassen. Die Medienvertreter waren deutlich in der Überzahl. Immer wieder stellten sie die gleichen Fragen. Was war Ed Gein für ein Mensch? Wie fühlten sie sich mit so einem Monster in ihrer Mitte?

Die meisten Bewohner, die Gein gekannt hatten, hatten nur Gutes über ihn zu berichten. Lediglich einige von ihnen erzählten den Reportern, dass sie ihn schon immer für schrullig gehalten hätten und er einen seltsamen Sinn für Humor gehabt habe. Aber auch sie hatten ihn nie im Verdacht, dass er zu solch schrecklichen und abstoßenden Verbrechen in der Lage gewesen sei.

Doch die Wahrheit ließ sich nicht ignorieren. Der kleine schüchterne und stille Mann, den die Bewohner zu kennen geglaubt hatten, war in Wahrheit ein Mörder, der die Gräber ihrer Freunde und Verwandten geschändet hatte. Und Plainfield war nun in aller Welt als Heimstatt eines der übelsten Verbrechers aller Zeiten bekannt.

Auktion

Der Albtraum sollte noch länger währen. Denn etwa einen Monat nach seiner Verhaftung erreichte die Bewohner von Plainfield die Nachricht, dass die Psychiater Ed Gein für geistig unzurechnungsfähig hielten. Dies bedeutete, dass man ihn niemals für die Morde an Bernice Worden und Mary Hogan zur Verantwortung ziehen würde. Zumindest eine Verurteilung wegen vorsätzlichen und heimtückischen Mordes war nun ziemlich unwahrscheinlich. Die Bürger von Plainfield waren über diese Entwicklung alles andere als erfreut. Doch ihre Proteste verhallten ungehört. Gein wurde in die staatliche Klinik für Forensik in Waupan verlegt. Sein gesamter Besitz fiel an den Staat und sollte versteigert werden.

Zur Auktion fanden sich erneut Tausende Neugierige in Plainfield ein. Zur Versteigerung kamen unter anderem Geins Wagen, seine Möbel und einige Musikinstrumente, die man in seinem Haus gefunden hatte. Die Firma, die die Auktion managte, verlangte 50 Cent Eintritt für die Hausbesichtigung. Die Bewohner von Plainfield reagierten empört. Sie fürchteten, dass sich Geins Haus zu einer Wallfahrtsstätte entwickeln würde.

Feuer auf der Farm

In den frühen Morgenstunden des 20. März 1957 brach auf der ehemaligen Farm von Ed Gein ein Feuer aus. Die herbeigerufene Feuerwehr kam zu spät. Das Haus war bereits bis zu den Grundmauern abgebrannt. Die Polizei konnte keine Defekte an der Stromleitung entdecken und hielt Brandstiftung für die wahrscheinlichste Ursache des Brandes. Doch trotz intensiver Ermittlungen konnte niemals ein Verdächtiger ermittelt werden, der den Brand gelegt hatte.

Dennoch hatten etliche Gegenstände aus Geins Besitz das Feuer heil überstanden. Darunter auch der Ford, den Ed Gein zum Transport der Leichen benutzt hatte. Es entspann sich ein lebhafter Bieterwettstreit um das Fahrzeug. Das Auto wechselte schließlich für 760 Dollar den Besitzer. Für die damaligen Verhältnisse eine durchaus beachtliche Summe, die nicht annähernd dem eigentlichen Gebrauchswert entsprach. Der Bieter, der den Wagen ersteigert hatte, stellte ihn später auf einer Messe aus und verlangte von den Besuchern 25 Cent Eintritt, damit sie einen Blick auf den Wagen des berüchtigten Mörders werfen durften.

Und wenn die Bürger von Plainfield geglaubt hatten, dass der Brand alle Erinnerungen an den berüchtigtsten Einwohner ihrer Gemeinde tilgen würde, so hatten sie sich schwer geirrt. Denn Ed Gein wurde zum realen Vorbild für mehrere berühmte Roman- und Filmfiguren, die auch rund 60 Jahre nach dem Verbrechen den meisten Menschen ein Begriff sein dürften. Ed Gein war unter anderem die Vorlage für Norman Bates aus »Psycho«, Buffalo Bill aus »Das Schweigen der Lämmer« und Leatherface aus »Kettensägenmassaker«.

Der Prozess

Nachdem Ed Gein zehn Jahre in psychiatrischen Einrichtungen verbracht hatte, entschied ein Gericht, dass er nun so weit geheilt sei, um sich vor Gericht für seine Verbrechen zu verantworten. Der Prozess begann am 7. November 1968 und war von Anfang an eine Farce. Nach einer Woche gelangte der Richter zwar aufgrund der vorgelegten Beweise zu der Überzeugung, dass sich Gein des heimtückischen und vorsätzlichen Mordes schuldig gemacht hatte.

Doch der Urteilsspruch wurde sogleich wieder einkassiert, da die Gutachter übereinstimmend erklärt hatten, dass Ed Gein zum Tatzeitpunkt unzurechnungsfähig gewesen sei. Man sandte ihn also wieder zurück in eine forensische Klinik, wo er den Rest seines Lebens verbrachte.

Der Musterknabe

So weit überliefert fühlte sich Gein in diesem Umfeld durchaus wohl. Er kam mit den anderen Patienten gut aus, obgleich er lieber für sich allein blieb. Er mochte die Unterhaltung mit den Psychologen und er schätzte die Handarbeit, für die man ihn eingeteilt hatte. Er polierte Steine, webte Teppiche und absolvierte andere Beschäftigungstherapien. Abgesehen von seiner nach wie vor vorhandenen Leseleidenschaft entwickelte er ein Interesse am Amateurfunk. Die Klinikleitung erlaubte ihm sogar, sich von dem Geld, das er für seine Arbeit bekam, ein billiges Funkgerät anzuschaffen.

Alles in allem erwies er sich als durchaus liebenswürdiger und fügsamer Patient. Er gehörte zu den wenigen Insassen der Klinik, die niemals mit Beruhigungsmedikamenten sediert werden mussten. Er hatte seine Verrücktheit scheinbar unter Kontrolle. Der Leiter der Anstalt war voll des Lobes: „Wenn alle unsere Patienten wie Ed Gein wären, gäbe es in unserer Klinik keine Probleme.«

Einzig die Tatsache, dass er jedem weiblichen Wesen in der Anstalt mit stierem Blick hinterherglotzte, erinnerte noch daran, dass mit diesem Burschen vielleicht doch nicht alles in bester Ordnung war.

Am 26. Juli 1984 starb Ed Gein nach einer langwierigen Krebserkrankung. Er wurde auf dem Friedhof von Plainfield neben seiner Mutter bestattet – direkt neben den Gräbern, die er dreißig Jahre zuvor geschändet hatte.

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Ed Gein – Die Opfer was last modified: Februar 21st, 2018 by Richard Deis