Forbes war nicht von Beginn an schlecht behandelt worden. Nach seiner Ankunft durfte er das Kloster noch ohne Begleitung verlassen. Ernsthafte Probleme ergaben sich für ihn, als ein Abgesandter des Bischofs von Aberdeen im Kloster Mariaberg erschien. Dieser teilte den Klosterbrüdern mit, dass Forbes ein gemeingefährlicher Mensch und bekannter Trunkenbold sei, dem jeder Verkehr mit der Außenwelt zu untersagen sei.

Entführung aus dem Wirtshaus

Als Forbes dann am Abend ein Wirtshaus aufsuchte, sei ihm ein Mann aus der Anstalt dorthin gefolgt. Er habe sich einen Kaffee, ein Glas Bier und einen Kognak bestellt. Der »Spion« aus Mariaberg habe ihn danach aufgefordert, ihn zum Kloster zu begleiten. Forbes sagte aus, dass er sich geweigert habe. Plötzlich sei ein zweiter Mann aufgetaucht und die beiden hätten ihn in eine Droschke gezerrt, die vor dem Wirtshaus gehalten habe. Die Fahrt sei nach Mariaberg gegangen. Dort hätten ihn vier Klosterbrüder und der Pförtner bereits erwartet. Die Männer hätten auf ihn eingeprügelt, ihn gefesselt und anschließend in eine Zelle gebracht.

Forbes gab jedoch keine Ruhe. Er brüllte und schlug ein Fenster ein. Die Brüder riefen in der Nacht den Anstaltsarzt Dr. Chantraine und den Polizeiarzt Dr. Kribben herbei. Sie erzählten ihnen, Forbes sei ein Säufer und offensichtlich irre geworden. Kribben schaute sich den Patienten eine Viertelstunde an und vertraute den Aussagen der Klosterbrüder. Englisch verstand er nicht, sodass er Forbes nicht befragen konnte. Ab diesem Moment galt Forbes offiziell als geisteskrank. Man sperrte ihn in den geschlossenen Trakt zu den »Tobsüchtigen«.

Er habe sich darüber nicht beschwert, sagte Forbes, da er befürchtet habe, noch schlechter behandelt zu werden. Die Klosterbrüder hätten ihn ohnehin regelmäßig geschlagen, schikaniert oder nachts an sein Bett gefesselt. Ein Bruder habe ihm einmal gedroht, wenn er nicht artig sei, werde er alles, was er von ihm wisse, in der »Germania« in Berlin veröffentlichen. Er habe nachher an seinen Bischof geschrieben, ihm diese Behandlung mitgeteilt und diesen gebeten, ihn zu befreien. Forbes konnte sich einfach nicht vorstellen, dass der Bischof mit dieser Behandlung einverstanden sei. Er habe jedoch keine Antwort vom Bischof erhalten. Konnte er auch nicht, da die Klosterbrüder konsequent den Briefverkehr überwachten.

Kein Einzelfall

Heinrich Mellage erfuhr von Forbes, dass der schottische Geistliche beileibe kein Einzelfall war, sondern die Sache System hatte. Im Kloster Mariaberg verschwanden reihenweise in Ungnade gefallene Priester. Wer aufmuckte, wurde von den Klosterbrüdern übelst misshandelt. Alt wurde keiner der Insassen. Ein als Gutachter geladener Arzt erklärte später vor Gericht: Es sei ein medizinisches Wunder, dass Forbes die drei Jahre im Kloster Mariaberg angesichts der dortigen Zustände überlebt habe.

So trieb Mellage als weiteren Zeugen zum Beispiel den Kaplan Schröder aus Medebach im Sauerland auf. Der Geistliche war viele Jahre als Franziskanerpater in Amerika tätig gewesen. Als er 1880 aus Amerika zurückgekehrt war, sei einmal ein fremder Mann zu ihm gekommen und müsse ihm heimlich etwas verabreicht haben. Denn als er wieder aufgewacht sei, habe er sich plötzlich im Alexianerkloster Mariaberg befunden. Auf welche Weise er in das Kloster gekommen sei, wisse er nicht. Er habe sich nun krank gefühlt, obwohl er früher ganz gesund gewesen sei, so Kaplan Schröder.

Er habe einmal den Versuch gemacht, aus der Anstalt zu fliehen, und habe bei der Polizei Schutz gesucht. Die Polizei habe ihn aber wieder umgehend zurück in die Anstalt gebracht. Er sei deshalb zur Strafe acht Tage in die »schmutzige Station« gebracht worden. Mit der »schmutzigen Station« war der Teil der Anstalt gemeint, in dem die Kranken eingesperrt waren, die keinerlei Kontrolle mehr über ihre Körperfunktionen hatten. Kaplan Schröder fuhr fort, er habe dort einmal das Essen verweigert. Die Brüder hätten ihn die Zwangsjacke angezogen und das Essen hineingezwungen.

Mellage macht den Skandal öffentlich

Heinrich Mellage protokollierte die Aussagen von Forbes, Rheindorf, Schröder und anderen ehemaligen Insassen aus Mariaberg. Die Dokumente überreichte er der zuständigen Staatsanwaltschaft in Aachen, die daraufhin gegen die Vorsteher des Alexianerklosters Mariaberg ein Strafverfahren wegen widerrechtlicher Freiheitsberaubung einleitete. Dieses Verfahren wurde jedoch nach kurzer Zeit wieder eingestellt, es kam nicht zum Prozess.

Mellage wollte die Sache nicht auf sich beruhen lassen. Er gab seine Recherchen an die Presse weiter und verfasste selbst für eine Tageszeitung in seiner Heimatstadt Iserlohn mehrere Artikel über die skandalösen Zustände in Kloster Mariaberg. Die Berichterstattung schlug hohe Wellen. Es meldeten sich noch mehr Betroffene bei Mellage, was ihn schließlich dazu bewegte, ein Buch unter dem Titel »39 Monate bei gesundem Geiste als irrsinnig eingekerkert! Erlebnisse des katholischen Geistlichen M. Forbes aus Schottland im Alexianerkloster Mariaberg in Aachen während der Zeit vom 18. Februar 1891 bis 30. Mai 1894« zu veröffentlichen.

Der Fall nahm nun eine kuriose Wendung. Nicht die eigentlichen Täter landeten vor Gericht, sondern der Bote, der die üblen Vorgänge öffentlich gemacht hatte. Der zuständige Amtsarzt Dr. Capellmann, der seit 30 Jahren für Mariaberg verantwortlich war, und der Aachener Regierungspräsident stellten Strafantrag wegen Verleumdung. Ende November 1894 wurde auf Beschluss des Landgerichts zu Hagen das Buch von Heinrich Mellage beschlagnahmt.

Mellage selbst, sein Verleger und der Redakteur des »Iserlohner Kreisanzeigers«, der Mellages Artikel gedruckt hatte, fanden sich auf der Anklagebank wieder. Der Fall wurde vor der ersten Strafkammer des Aachener Landgerichts verhandelt. Wenn sich Dr. Capellmann erhofft hatte, durch den Prozess von allen Vorwürfen reingewaschen zu werden, hatte er sich gewaltig geschnitten. Die Presse stürzte sich begierig auf das Thema und berichtete ausgiebig über das Verfahren. Und was da zur Sprache kam, sorgte erst recht für Empörung in der Öffentlichkeit.

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Weitere Kapitel zum Fall Kloster Mariaberg 

(2) Skandalöse Zustände was last modified: März 7th, 2015 by Richard Deis