In den Jahren 1969 und 1970 überprüfte die Polizei mehrere Tausend Personen, ob sie als Täter für die Zodiac-Morde infrage kamen. Bei keiner der Personen reichten die Beweise für eine Verhaftung, geschweige denn für eine Anklageerhebung aus. Arthur Leigh Allen ist aber sicherlich der Verdächtige, gegen den die Polizei am intensivsten ermittelt hat, weil sich bei ihm die meisten Verdachtsmomente ergaben.
Inhaltsverzeichnis
Lehrer aus Vallejo
Allen war ein ehemaliger Grundschullehrer mit erheblichen persönlichen Problemen, der unabhängig von den Zodiac-Ermittlungen mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt geriet. Er stand im Oktober 1969 erstmals im Fokus der Untersuchung, noch vor dem Mord an Paul Stine. Die Überprüfungen dauerten bis kurz vor seinen Tod im Jahr 1992 an. Und selbst nach seinem Ableben verglich man seine DNA noch mit Spurenmaterial, das man im Zuge der Ermittlungen sichergestellt hatte.
Zudem stammte Allen aus Vallejo, wo er zum Zeitpunkt der Mordserie auch lebte. Die Ermittler gingen davon aus, dass der Täter mit hoher Wahrscheinlichkeit einen engen Bezug zu Vallejo oder der näheren Umgebung hatte. Es war sehr unwahrscheinlich, dass ein Ortsfremder einen abgeschiedenen Tatort wie etwa die Lake Herman Road gefunden hätte.

Ursprung der Untersuchung schleierhaft
Sergeant John Lynch von der Polizei in Vallejo war einer der Kriminalbeamten, die den Überfall auf Darlene Ferrin und Michael Mageau untersuchten. Am 6. Oktober 1969 besuchte Lynch die Elmer Cave Elementary School und befragte dort den Aushilfshausmeister Arthur „Lee“ Allen, wie der Polizist in der Akte vermerkte. Tatsächlich schrieb sich der Mann aber Arthur Leigh Allen.
Wie Lynch auf Allen kam, ist unklar. Er hat dazu im Vernehmungsprotokoll keine Angaben gemacht. Es liegt nahe, dass jemand Allen bei der Polizei angeschwärzt hatte. Die Polizei ging in der damaligen Zeit nahezu pausenlos solchen Hinweisen aus der Bevölkerung nach.
Lynch befragte Allen auch nicht nach seinem Alibi für den Abend des 4. Juli 1969, an dem Darlene Ferrin ums Leben gekommen war. Das war ja immerhin der Fall, dem der Beamte persönlich zugeteilt war. Der Kriminalbeamte wollte hingegen wissen, wo sich Arthur Allen am 27. September 1969 aufhielt, dem Tag der Zodiac-Attacke am Lake Berryessa.
Allens Alibi
Allen gab an, am 26. September 1969 nach Salt Point Ranch gereist zu sein, etwa 120 km nördlich von San Francisco gelegen. Dort habe er einen Tauchausflug unternommen und sei über Nacht in Salt Point Ranch geblieben. Am nächsten Tag sei er zwischen 14.00 Uhr und 16.30 Uhr nach Vallejo zurückgekehrt. Er habe den Rest des Tages zu Hause verbracht. Er vermochte sich aber nicht zu erinnern, ob seine Eltern zu dieser Zeit ebenfalls anwesend waren und seine Aussage bezeugen konnten.
Lynch beschrieb Allen in seinem Bericht als 1,85 m groß, 110 kg schwer, füllige Figur, kahlköpfig, weiß, 35 Jahre alt und fügte noch hinzu: „Geburtsdatum 18. Dezember 1933. Wohnt 32 Fresno Street [in Vallejo]. Single. Lebt bei seinen Eltern.“
Zu den anderen beiden bekannten Zodiac-Anschlägen befragte Lynch den Verdächtigen nicht. Weitere Ermittlungen gab es gegen Allen zunächst nicht. Fünf Tage später ermordete der Zodiac den Taxifahrer Paul Stine in San Francisco.
Ein Zeuge meldet sich
Etwa ein Jahr später, im November 1970, berichtete der „San Francisco Chronicle“ von einer möglichen Verbindung zwischen der Zodiac-Mordserie und dem ungelösten Mordfall Cheri Jo Bates in Riverside. Diese Meldung griffen rasch auch andere Zeitungen in Kalifornien auf, darunter die „Los Angeles Times“.
Vier Monate später erhielt die „Times“ im März 1971 einen Brief vom Zodiac, den die Zeitung abdruckte. Gleichzeitig nutzte sie die Möglichkeit, nochmals ausführlich über die rätselhafte Mordserie im Raum San Francisco zu berichten.
Am Mittwoch, dem 14. Juli 1971 schrieb die „Times“ dann über einen brutalen Angriff mit einer Machete auf einem kalifornischen Campingplatz. Der unbekannte Täter konnte entkommen. Doch die Zeugenaussagen stimmten mit der Täterbeschreibung des Zodiac überein, wie die Polizei in San Francisco bestätigte. Inspector Dave Toschi hielt es für denkbar, dass der Serienmörder auch für dieses Verbrechen verantwortlich war.
Am folgenden Morgen meldete sich beim Polizeirevier von Manhattan Beach ein gewisser Santo Panzarella. Er erzählte dem Kriminalbeamten Richard Amos von einer Unterhaltung mit seinem Geschäftspartner Donald Cheney. Beide stammten ursprünglich aus Vallejo und seien vor geraumer Zeit nach Los Angeles umgezogen. Sie hätten sich über die Artikel in der „Times“ unterhalten. Sie seien sich nach der Lektüre und den verschiedenen Täterbeschreibungen sicher, den Zodiac zu kennen. Der Mann heiße Arthur Leigh Allen und lebe in Vallejo.
Jagdfantasien
Amos bat Panzarella und Cheney zur Befragung in sein Büro. Sie erzählten ihm, dass sie mit Allens Bruder Ron gemeinsam das College besucht hätten. Über Ron hätten sie auch Arthur kennengelernt, mit dem sie seit rund zehn Jahren bekannt seien. Zuletzt hätten sie ihn im Dezember 1968 getroffen. Cheney habe mit Arthur Allen zudem in der Vergangenheit mehrfach Jagdausflüge unternommen und sich ausführlich mit ihm unterhalten.
Cheney erinnerte sich dabei insbesondere an eine Gelegenheit. Sie hätten beide ein Gespräch in der Art geführt: Was würdest du machen, wenn alles erlaubt wäre? Allen habe darüber fantasiert, wie er die Treffpunkte von jungen Liebespaaren ausbaldowern würde. Er würde sich eine Pistole mit einer Taschenlampe anfertigen, sodass er im Dunkeln zielen könne. Und dann würde er Jagd auf die Teenager machen.
Allen habe ausgeführt, wie hilflos die Polizei reagieren würde. Es seien Morde ohne Motiv, bei denen es keine Anhaltspunkte für die Ermittlungen gebe. Sodann würde er die Behörden zusätzlich piesacken, indem er ihnen Nachrichten zusenden würde, um sie auf falsche Fährten zu locken. Die Briefe würde er mit „Zodiac“ unterschreiben. Allen habe auch darüber gesprochen, auf die Reifen eines Schulbusses zu schießen, um die „kleinen Sonnenscheine“ auszuknipsen, wenn sie aus dem Bus stürmen würden.
Ein aufbrausender Charakter
Cheney und Panzarella beschrieben das äußere Erscheinungsbild von Allen und fügten einige weitere Details hinzu. Der Mann sei sehr intelligent, aber häufig auch sehr aufbrausend. Gerade gegenüber Frauen reagiere er äußerst feindselig. Er sei nie verheiratet gewesen. Mit seiner Mutter käme er nicht gut aus, weil diese ihn permanent wegen seines Übergewichts kritisiere. Er besitze mehrere Waffen, von denen er meistens eine bei sich trage. Ende der 1950er-Jahre habe er einige Zeit bei der Navy verbracht, sei dort aber nicht ehrenhaft entlassen worden. Mit Autoritäten käme er nicht klar. Zudem gebe es Gerüchte, er habe sich an Kindern vergriffen.
Richard Amos und sein Kollege Langstaff überprüften zunächst das Vorstrafenregister von Allen. Der Mann war im Juni 1958 in Vallejo verhaftet worden. Allen war in einen heftigen Streit mit seinem Bekannten Ralph Spinelli geraten, woraufhin die Behörden ihm Ruhestörung vorwarfen. Das Verfahren wurde schließlich eingestellt. Ansonsten lag gegen Allen nichts vor.
Die Kriminalbeamten in Los Angeles kontaktierten daraufhin ihre Kollegen in San Francisco und reichten ihre Erkenntnisse weiter. Dave Toschi, der damalige Leiter der Zodiac-Sonderkommission, kümmerte sich persönlich um die Akte. Er wandte sich an die Polizei von Vallejo und besprach das weitere Vorgehen. Detective Jack Mulanax sollte vor Ort die ersten Ermittlungen gegen Allen durchführen.
Ungebührliches Verhalten
Mulanax unterhielt sich zunächst mit einem ehemaligen Arbeitgeber von Allen, der in Vallejo eine Tankstelle betrieb. Er beschrieb Allen als ehrlichen und brauchbaren Mitarbeiter, der allerdings eine verhängnisvolle Schwäche für Kinder offenbart habe. Unter anderem habe er eine Tochter des Chefs eines Tages zu einem Bootsausflug mitgenommen, ohne die Eltern um Erlaubnis zu fragen. Dabei habe er sich dem Mädchen „ungebührlich anzunähern versucht“. Er habe Allen gefeuert, den Vorfall aber nicht zur Anzeige gebracht. Seitdem habe er ihn nicht wiedergesehen. Die Episode lag etwa sechs Wochen zurück.
Am 27. Juli 1971 traf sich Mulanax mit Dave Toschi und seinem Kollegen Armstrong vom San Francisco Police Department. Armstrong hatte sich inzwischen mit dem Zeugen Don Cheney unterhalten und hielt ihn für glaubwürdig. Die Gruppe beschloss, zunächst noch weitere Informationen einzuholen, bevor sie den Verdächtigen ins Verhör nahm.
Sieben Tage später berichtete Mulanax von den Ergebnissen seiner Überprüfung. Allen genieße einen exzellenten Ruf bei seinen Nachbarn. Die meisten kannten ihn bereits seit seiner Geburt. Entgegen den bisherigen Erkenntnissen beschrieben sie das Verhältnis zur Mutter als innig und gut.
Auf den Zahn gefühlt
Am 4. August 1971 fuhren Mulanax, Toschi und Armstrong zur Firma Union Oil in Pinole, einer Ölraffinerie. Allen hatte dort kurz zuvor eine neue Anstellung gefunden. Die Beamten konfrontierten Allen mit der Aussage von Don Cheney, ohne dessen Namen zu nennen. Allen behauptete, er könne sich nicht erinnern, sich jemals so geäußert zu haben.
Die Polizisten wollten wissen, ob er vom Zodiac gehört habe. Allen gab zu, die ersten Zeitungsberichte über den Fall gelesen zu haben. Danach habe er das Interesse an der Geschichte verloren. Sie sei für seinen Geschmack „zu morbide“ gewesen. Allen erzählte, ihn habe bereits ein Beamter nach dem Mord am Lake Berryessa befragt. Er wiederholte seine damalige Aussage und fügte hinzu, er habe seinerzeit bei seinem Aufenthalt in Salt Point Ranch einen Soldaten und seine Frau kennengelernt. Er könne sich nicht mehr an die Namen erinnern, glaube aber, sie sich irgendwo notiert zu haben.
Außerdem habe er sich nach seiner Rückkehr nach Vallejo gegen etwa 16.00 Uhr mit einem Nachbarn unterhalten. Er habe den Beamten, der ihn damals befragt habe, noch darüber informieren wollen, als es ihm wieder eingefallen sei. Doch dann sei sein Nachbar, ein Mr. White, rund eine Woche später verstorben. Deshalb habe er darauf verzichtet, die Polizei zu benachrichtigen.
Seltsame Eingeständnisse
Ohne dass die Beamten ihn darauf ansprachen, brachte Allen dann das Gespräch auf zwei blutbefleckte Messer, die er im Wagen mit sich geführt habe. Das Blut habe von einem Huhn gestammt, dass er damit zerlegt habe. Offensichtlich ging Allen davon aus, dass die Polizisten über diesen Vorfall Bescheid wussten, was aber nicht der Fall war.
Ebenso merkwürdig war, dass Allen gestand, er habe sich in Riverside aufgehalten, als dort die 18-jährige Cheri Jo Bates ermordet wurde. Auch auf dieses Thema hatten ihn die Beamten nicht angesprochen. Allen gab zudem zu, mehrere Schusswaffen zu besitzen, aber ausschließlich vom Kaliber .22. Die Polizisten warfen zudem einen Blick auf Allens Armbanduhr. Sie stammte vom Hersteller Zodiac. Seine Mutter habe ihm die Uhr ungefähr zwei Jahre zuvor geschenkt, so Allen.
Laut dem Vernehmungsprotokoll sicherte Allen den Ermittlern ausdrücklich seine volle Unterstützung zu und sehnte den Tag herbei, an dem man Polizisten nicht mehr als „Bullenschweine“ verunglimpfen würde – ein Begriff, den der Zodiac häufiger in seinen Briefen verwendet hatte. Mulanax fragte Allen, ob er sich jemals mit anderen Leuten über den Zodiac-Fall unterhalten habe. Er meine sich zu erinnern, so Allen, sich mal mit Mr. Kidder und Mr. Tucker vom städtischen Amt für Erholung und Freizeit über dieses Thema unterhalten zu haben. Hundertprozentig sicher sei er aber nicht.
Allen steuerte noch ein weiteres interessantes Detail bei. So erzählte er von einer Kurzgeschichte, die er auf der High School gelesen und die bei ihm bleibenden Eindruck hinterlassen habe: „Das grausamste Spiel“ von Richard Connell, im Original „The Most Dangerous Game“. Exakt diese Formulierung hatte der Zodiac auch in einem seiner frühen Briefe benutzt.
Das englische Wort „game“ ist doppeldeutig. Es ist in den meisten Fällen gleichbedeutend mit dem deutschen Wort „Spiel“. Aber es bezeichnet als Oberbegriff auch alle Säugetiere, die zur Jagd freigegeben sind. In der Kurzgeschichte geht es um einen Schiffbrüchigen, der auf einer ansonsten menschenleeren Insel von einem anderen Mann „wie ein Tier“ gejagt werde. Allen fügte noch hinzu, dass er sich über dieses Buch einmal intensiv mit seinem Bekannten Don Cheney ausgetauscht habe.
Die Ermittlungen
Nach der Befragung waren Mulunax, Toschi und Armstrong überzeugt, dass es inzwischen genügend Verdachtsmomente gegen Allen gebe, um die Ermittlungen zu intensivieren. Zunächst kontaktierten sie Ted Kidder, den Leiter des städtischen Amts für Freizeit und Erholung in Vallejo. Allen hatte zeitweise für diese Behörde als Rettungsschwimmer und Trampolinlehrer gearbeitet. Fünf Jahre zuvor hatte er die Anstellung verloren, weil sein Verhalten gegenüber Kindern unangemessen gewesen sei. Kidder gab zu Protokoll, dass ihn mehrere Beschwerden von Eltern erreicht hätten. Keiner dieser Vorfälle kam jedoch zur Anzeige.
Kidder konnte sich nicht daran erinnern, mit Allen über den Zodiac-Fall gesprochen zu haben. Doch drei Wochen zuvor habe er dieses Thema noch mit seinem Kollegen Philip Tucker diskutiert. Tatsächlich habe dabei auch Allen eine Rolle gespielt. Denn sie seien beide der Meinung gewesen, dass Allen vielleicht der Zodiac sein könnte. Zum einen wegen seiner Ähnlichkeit mit den Phantombildern. Zum anderen, weil er sich sexuell abartig gegenüber Kindern verhalte. Zudem sei Allen ein Einzelgänger.
Eine graue Metallkiste
Die Ermittler sprachen anschließend mit Tucker. Dieser konnte sich an oberflächliche Gespräche mit Allen über den Zodiac entsinnen. Eine Unterhaltung sei ihm besonders in Erinnerung geblieben. Allen habe behauptet, dass er von der Polizei verdächtigt werde, der gesuchte Zodiac-Mörder zu sein. Außerdem habe der ehemalige Kollege mal darüber schwadroniert, wie man mithilfe eines Speziallichts am Lauf einer Waffe besser zielen könne.
Zudem habe er einmal gemeinsam mit seiner Frau Allen zu Hause besucht. Bei dieser Gelegenheit habe er ihnen ein Schreiben gezeigt, das er in einer grauen Metallkiste im Schlafzimmer gelagert habe. Er habe etwas in der Art gesagt, dass er dies nur „ganz besonderen Leuten“ zeige. Der handgeschriebene Brief habe eine Person betroffen, die im Atascadero State Hospital wegen Kindesmissbrauchs untergebracht gewesen sei.
Seltsame Symbole
Der Text sei voller juristischer Fachbegriffe gewesen. Offensichtlich habe sich der Verfasser von seinem Anwalt schlecht vertreten gefühlt. Außerdem habe der Brief einige Symbole enthalten, die auch der Zodiac in seinem Geheimcode verwendet habe. Die Symbole seien sehr sorgfältig gezeichnet gewesen.
Ihn selbst habe der Brief nicht interessiert und er habe sich ihn nur aus Höflichkeit angesehen, so Tucker. Aber seine Frau sei direkt Feuer und Flamme gewesen. Sie habe Allen gefragt, ob er ihr das Schreiben leihen könne, damit sie es genauer studieren könne. Allen habe sich geweigert, aber versprochen, ihr eine Kopie anzufertigen. Doch darauf habe sie vergeblich gewartet.
Tucker konnte sich außerdem erinnern, dass Arthur Allen zwei Schusswaffen besessen habe. Bei einer Waffe habe es sich definitiv um einen Revolver gehandelt, bei der anderen vermutlich um eine Automatik. Bisher hatte Allen der Polizei gegenüber noch nicht den Besitz einer automatischen Waffe eingeräumt.
Der braune Corvair
Die Ermittler erfuhren, dass Tucker im Sommer 1969 einen Pontiac und einen braunen Corvair Baujahr 1964 fuhr. Gelegentlich habe er Allen seinen Pontiac geliehen. Im Sommer 1969 habe er, Tucker, in Berkeley gewohnt. In dieser Zeit habe er den Corvair für etwa zwei Wochen an der Tankstelle Richfield Ecke Nebraska & Broadway in Vallejo geparkt. Er habe den Wagen damals verkaufen wollen. Deshalb habe er die Schlüssel bei der Tankstelle hinterlegt. Damals habe Allen dort als Tankwart gearbeitet. Tucker konnte sich aber nicht mehr an das genaue Datum erinnern, wann der Corvair dort abgestellt war.
Tucker erzählte den Polizisten, er habe Allen wegen seiner offensichtlichen pädophilen Neigungen angeraten, sich in psychiatrische Behandlung zu begeben. Allens Schwägerin Karen habe ihn ausdrücklich darum gebeten, dem Bruder ihres Mannes Ron ins Gewissen zu reden. Es habe da wohl kurz zuvor einen Vorfall gegeben, weshalb sich jemand bei der Familie beschwert habe. Aber er habe Allen nicht überzeugen können. Er habe daraufhin den Kontakt zu Allen komplett abgebrochen.
Frauenhasser mit fatalen Neigungen
Anschließend befragten die Ermittler Karen Allen. Sie schien überrascht zu sein, dass man ihren Schwager verdächtigte, der Zodiac-Killer zu sein. Das hielt sie für ausgeschlossen. Sie bestätigte aber, dass sie und ihr Mann bereits seit längerer Zeit den Verdacht hegten, Arthur Allen habe eine „gewisse Neigung hinsichtlich Kindern“. Außerdem hasse er Frauen und habe niemals eine ernsthafte Beziehung zu einer gleichaltrigen Frau unterhalten. Er habe sie persönlich bedroht, weil er der Meinung gewesen sei, sie dränge sich zwischen ihn und seinen Bruder.
Auch gegenüber seiner Mutter hege Arthur Allen einen tiefen Groll, dem er wiederholt Ausdruck verliehen habe. Dabei sei er von der Frau verwöhnt und verhätschelt worden. Sie habe für ihn gekocht, die Wäsche gewaschen, geputzt und ihm auch noch regelmäßig Geld zugesteckt. So habe sie ihm insgesamt zwei Autos und zwei Boote finanziert.
Ein falscher Rechtshänder
Die Polizisten zeigten Karen Allen auch mehrere der Briefe, die der Zodiac an die Zeitungen geschickt hatte. Doch sie konnte keine Ähnlichkeiten zur Handschrift ihres Schwagers erkennen. Allerdings war sie der Meinung, dass einige Ausdrucksweisen für Arthur Allen typisch seien. So tauchte im Bomben-Brief die ungewöhnliche Kurzform „trigger mach“ statt „trigger mechanism“ auf, die Allen in ihrer Gegenwart bereits benutzt habe. Außerdem konnte sie sich erinnern, von ihrem Schwager eine Weihnachtskarte erhalten zu haben, die mit „Merry X-Mass“ statt dem korrekten „Merry X-Mas“ signiert war.
Karen Allen erzählte den Beamten, dass ihr Schwager eigentlich Linkshänder sei. Doch in der Schule habe man ihn dazu gedrängt, mit der rechten Hand zu schreiben. Später sei er wieder zum linkshändischen Schreiben zurückgekehrt. Offensichtlich konnte der Verdächtige also beidhändig schreiben.
Zweifel beim Bruder
Toschi und Armstrong befragten an diesem Abend auch Allens Bruder Ronald, einen Landschaftsingenieur. Ronald Allen konnte sich zwar nicht vorstellen, dass sein Bruder in irgendeiner Weise mit den Zodiac-Morden zu tun hatte. Als er jedoch erfuhr, dass der Tipp ursprünglich von Donald Cheney und Panzarella stammte, bekam er Zweifel. Seiner Meinung nach seien beide respektable Bürger, die solch eine Aussage nicht leichtfertig treffen würden. Er wies die Beamten allerdings darauf hin, dass Cheney sich in der Vergangenheit einmal bei ihm beschwert habe, weil sich Arthur einem der Cheney-Kinder „unangmessen genähert“ habe.
Ronald konnte sich zwar an keine Schreiben erinnern, wie sie Tucker beschrieben hatte. Doch die graue Metallkiste im Schlafzimmer seines Bruders war ihm ebenfalls aufgefallen. Außerdem gab er an, dass Arthur zwei Revolver Kaliber .22 besessen habe. Arthur sei außerdem ein Trinker und habe definitiv „ein Problem mit Kindern“.
Beeindruckende Akkuratesse
Am 11. August 1971, eine Woche nach dem Gespräch mit Karen und Ronald Allen, vernahm Sergeant Mulanax den Inhaber der Arco-Tankstelle. Er ließ den Mann im Unklaren darüber, in welchem Fall genau er ermittelte. Allen hatte sechs Monate auf Teilzeitbasis für die Tankstelle gearbeitet. Im April 1969 hatte ihn der Besitzer gefeuert. Allen sei ein unzuverlässiger Angestellter mit einem Alkoholproblem gewesen. Außerdem habe er seinem Geschmack nach zu viele Interesse an kleinen Mädchen gezeigt.
Mulanax wollte wissen, ob sich der Inhaber noch an den Corvair von Philip Tucker erinnern konnte. Ja, Tucker habe den Wagen tatsächlich mehrere Tage an der Tankstelle abgestellt. Es seien seiner Erinnerung zufolge aber keine zwei Wochen gewesen.
Am selben Nachmittag befragte Mulanax auch noch die Ehefrau von Tucker. Sie bestätigte die Aussage ihres Mannes. Sie habe sich damals für den Brief, den ihr Allen gezeigt habe, so stark interessiert, weil sie eine psychologische Studienarbeit vorbereitet habe.
Allen habe ihr gegenüber geäußert, das Schreiben stamme von einem Patienten aus Atascadero. Sie habe nachvollziehen wollen, wie solch ein Mensch denkt, und sich deshalb für den Inhalt interessiert. Besonders beeindruckt sei sie von der Akkuratesse der Symbole gewesen. Mulanax legte der Frau einige Kopien der Zodiac-Briefe vor. Sie erkannte zahlreiche Symbole wieder, die sie auch in dem Brief des vermeintlichen Atascadero-Patienten gesehen hatte.
Mulanax befragte Philip Tucker nochmals zum Corvair. Doch Tucker konnte sich nach wie vor nicht an das konkrete Datum erinnern, wann er den Wagen an der Tankstelle abgestellt hatte. Als es nicht zum Verkauf gekommen war, hatte er das Fahrzeug einige Zeit auf dem Hof seines Schwiegervaters abgestellt. Seines Wissens habe Allen den Wagen nie benutzt.
Tote Eichhörnchen und ein großer Dildo
Die Ermittlungen setzten sich noch fort. Doch trotz aller Bemühungen konnten die Beamten kein Beweisstück finden, das eine direkte Verbindung zwischen Allen und den Zodiac-Verbrechen belegte. Die bisherigen Erkenntnisse reichten nicht für einen Durchsuchungsbeschluss aus. So bat die Polizei Allens Bruder Ronald, ihnen einige von Allens Briefen zu Vergleichszwecken zu besorgen. Ronald schaute sich im Zimmer seines Bruders um, konnte aber nichts finden.
Eine Hausdurchsuchung in der Fresno Street würde also vermutlich nichts zutage fördern. Doch Arthur Allen benutzte nach dem Kenntnisstand der Polizei mehrere Wohnwagen rund um die San Francisco Bay. Sie beschlossen, für einen der Wagen, der in Santa Rosa stand, beim zuständigen Richter im Sonoma County einen Durchsuchungsbeschluss zu beantragen. Der Richter gab dem Beschluss am 14. September 1972 statt.
Toschi und Armstrong führten die Durchsuchung im Sunset Trailer Park in Santa Rosa durch. Arthur Allen war nicht anwesend. Die Beamten stießen auf einen kleinen Kühlschrank, der mehrere tote Eichhörnchen enthielt. Wie sich später jedoch herausstellte, besaß Allen eine behördliche Genehmigung hierfür. Er bereitete sich auf einen Abschluss in Biologie vor. Die Polizisten fanden zudem einen großen Dildo und anderes Sex-Material.
Ernüchterung
Während Toschi und Armstrong den Wagen noch durchsuchten, traf Allen auf dem Campingplatz ein. Die Beamten forderten den Mann auf, auf einem Blatt Papier einen der Zodiac-Briefe abzuschreiben. Sie verlangten von ihm zudem, den Brief zweimal zu schreiben: einmal mit der linken und einmal mit der rechten Hand. Allen kam der Aufforderung nach. Schließlich nahm man ihm noch die Fingerabdrücke ab, um sie mit den Spuren am Taxi von Paul Stine zu vergleichen.
Die Auswertung war ernüchternd. Die Fingerabdrücke waren nicht identisch. Die Handschriftenproben ließen keine Gemeinsamkeiten mit den Zodiac-Briefen erkennen, wie Sherwood Morrill, der führende Grafologe in Kalifornien, darlegte. Es gab zu diesem Zeitpunkt nur noch die Hoffnung, dass die Polizei eines Tages eine Waffe von Arthur Allen finden würde, die eine ballistische Übereinstimmung mit den Geschossen an einem der Tatorte offenbarte. Bis dahin war die Ermittlung gegen Allen aber de facto beendet.
Armstrong und Toschi hielten Allen zwar nach wie vor für tatverdächtig. Selbst die fehlenden Übereinstimmungen bei den Fingerabdrücken konnten ihre Zweifel nicht zerstreuen. Und handschriftliche Gutachten galten ohnehin nicht als wissenschaftlicher Beweis. Der eine Experte urteilte so, der nächste Gutachter behauptete das Gegenteil. Dennoch legte die Polizei von San Francisco die Ermittlungen gegen Arthur Leigh Allen bis auf Weiteres auf Eis, da sich keine anderen vielversprechenden Anhaltspunkte aufgetan hatten.
Verurteilt wegen Kindesmissbrauch
Arthur Leigh Allen brachte sich jedoch selbst zurück auf den Radar der Ermittlungsbehörden. Dieses Verbrechen stand jedoch in keinerlei Zusammenhang mit den Taten des Zodiac. Allen wurde vorgeworfen, einen Jungen sexuell missbraucht zu haben. Am 1. Oktober 1974 erließ der Sheriff von Sonoma County einen Haftbefehl gegen Allen. Kurze Zeit später kam es zum Prozess, bei dem Allen für schuldig befunden wurde. Das Gericht verurteilte ihn zu einem Zwangsaufenthalt in der staatlichen Forensikklinik Atascadero, in die Allen am 14. März 1975 eingewiesen wurde.
In Atascadero erhielt Allen mehrfach Besuch von der Polizei. Beamte des kalifornischen Justizministeriums verhörten ihn erneut als Verdächtigen für die Zodiac-Morde.Darüber hinaus geriet Allen wegen einer weiteren Geschichte ins Fadenkreuz des Sheriffbüros von Sonoma County. Die Polizei untersuchte eine ungeklärte Mordserie an vierzig jungen Frauen, deren Leichen in und rund um Santa Rosa aufgefunden worden waren.
Eine weitere Mordserie?
Die Ermittler hatten bemerkt, dass sich Allens Wohnwagen ungefähr im Zentrum des Gebiets befand, in dem der oder die Täter die Leichen beseitigt hatten. Zufall? Zudem waren einige Opfer mit Wäscheleine gefesselt worden, wie sie auch der Zodiac-Killer bei seinem Verbrechen am Lake Berryessa verwendet hatte.
Doch es gab auch gravierende Unterschiede zu den Zodiac-Morden. Der Täter hatte die Opfer über eine größere Wegstrecke transportiert, sie entkleidet und die Leichen an entlegenen Orten vergraben. Nichts davon hatte der Zodiac jemals getan. Die Ermittler versuchten, das Alibi Allens zu den mutmaßlichen Tatzeitpunkten zu klären, und hielten nach weiteren Verbindungen zu den Mordfällen Ausschau. Doch die Suche blieb erfolglos.
Am Lügendetektor
Die Beamten des Justizministeriums kamen mit ihren Ermittlungen ebenfalls nicht voran. Also baten sie Allen, sich einem Lügendetektortest zu unterziehen. Der Verdächtige willigte ein. Über das Resultat ist offiziell nichts bekannt geworden. Eine Quelle behauptet jedoch, dass der Test zugunsten von Allen ausgefallen sei. Er stritt sowohl eine Beteiligung an den Zodiac-Verbrechen als auch den Santa-Rosa-Morden ab. Der Polygraf schien seine Aussage zu bestätigen.
Allen saß seine komplette Zeit in Atascadero ab und wurde am 31. August 1977 entlassen. Er kehrte nach Vallejo zurück und zog wieder im Keller seiner Mutter ein. Da er ein verurteilter Sexualstraftäter war, wurde seine Straftat öffentlich gemacht. Jeder Nachbar wusste also nun Bescheid, was Allen angestellt hatte.
Dennoch war er in der Lage, neue Arbeit zu finden. Im Januar 1978 begann er als Mechaniker beim Benicia Import Auto Service. Nach einigen Zwischenstationen landete er als Verkäufer bei Ace Hardware in Vallejo. Dort blieb er während der 1980er-Jahre tätig. Doch die Zodiac-Vorwürfe sollten ein Leben lang an ihm haften bleiben. Dafür sorgte ein Cartoonzeichner namens Robert Graysmith.
Kapitelübersicht zum Fall Zodiac Killer
- Kapitel 1: Die ersten Morde – Lake Herman Road & Blue Rock Springs
- Kapitel 2: Lake Berryessa und der Mord an Paul Stine
- Kapitel 3: Mögliche weitere Opfer des Zodiac Killers
- Kapitel 4: Briefe, Codes und die Mount-Diablo-Karte
- Kapitel 5: Arthur Leigh Allen als Hauptverdächtiger
- Kapitel 6: Robert Graysmith, Medien und neue Ermittlungen
- Kapitel 7: Weitere Verdächtige im Zodiac-Fall