Berkowitz‘ Mordserie erreicht im Sommer 1977 ihren Höhepunkt, der in die Geschichte der Stadt New York als »Summer of Sam« eingehen soll. Die Opfer sind junge Frauen oder Pärchen, die er nachts auf offener Straße mit einem Revolver erschießt.

Inhaltsverzeichnis
Bekennerschreiben
Im Frühling und Sommer 1977 verschickte der Serienmörder dann dreiste Drohbriefe an Polizei und Presse, in denen sich David Berkowitz »Son of Sam« nannte und weitere Morde ankündigte. Trotz eines massiven Polizeiaufgebots, das den Killer jagte, setzte der Täter seine Drohungen in die Tat um.
Monatelang fühlte sich die Bevölkerung von New York von einem unsichtbaren Phantom bedroht. Kaum ein Bewohner der Millionenstadt vermochte sich diesem Terror zu entziehen. Etwas Vergleichbares hatte New York allenfalls in den 1940ern und 1950ern erlebt, als der sogenannte „Mad Bomber“ George Metesky die Stadt 16 Jahre lang mit einer mysteriösen Serie von Bombenattentaten terrorisierte.
David Berkowitz
Mitte August 1977 gelang es der Sonderkommission »Omega« endlich, einen Tatverdächtigen zu ermitteln und zu verhaften. Gleich während des ersten Verhörs legte der festgenommene David Berkowitz ein umfassendes Geständnis ab. Er habe alle Verbrechen, die man dem »Son of Sam« zurechnete, begangen. Er behauptete, dass ein Dämon ihm die Morde befohlen habe. Der Dämon hause im Körper des Hundes eines Nachbarn.
Verhaftung von David Berkowitz, 11. August 1977
Zum Zeitpunkt seiner Verhaftung hatte David Berkowitz sechs Menschen getötet und sieben weitere teilweise schwer verletzt. Im Zuge der Ermittlungen stellte sich heraus, dass David Berkowitz darüber hinaus in den Jahren zuvor vermutlich mehr als 1.400 Brände im Stadtgebiet gelegt hatte.
Mitte der 1990er widerrief er sein ursprüngliches Geständnis teilweise. Er behauptete nun, Mitglied einer okkulten Sekte gewesen zu sein und die Morde gemeinsam mit Komplizen begangen zu haben. Die Polizei von Yonkers, einem nördlichen Vorort von New York, in dem David Berkowitz vor seiner Verhaftung lebte, rollte daraufhin den Fall neu auf. Die Ermittlungen blieben bis heute ergebnislos.
Der Serienkiller als Medienstar
David Berkowitz, der Killer, avancierte nach seiner Verhaftung zu einer Art Medienstar und schien seinen Promistatus zu genießen. Dieses Maß an öffentlicher Aufmerksamkeit, das dem »Son of Sam« und damit einem Serienmörder zuteil wurde, war damals noch ein relativ neues Phänomen. Selbstredend reagierten die überlebenden Opfer sowie die Angehörigen der verstorbenen Personen verärgert auf diesen Medienzirkus.
Der Staat New York erließ daraufhin eine Vorschrift, die seitdem als »Son of Sam«-Gesetz bekannt ist. Es sollte verhindern, dass Kriminelle im Nachhinein finanziell von ihren Verbrechen profitierten, indem sie beispielsweise Tantiemen für die Buch- oder Verfilmungsrechte kassierten. Der Erlass war Vorbild für die Gesetzgebung in zahlreichen anderen Staaten und ist nach wie vor in Kraft.
Das Gericht verurteilte David Berkowitz zu sechsfach lebenslänglicher Haftstrafe. Er sitzt immer noch im Gefängnis ein, obgleich es ihm seit 2002 gestattet ist, alle zwei Jahre eine vorzeitige Entlassung auf Bewährung zu beantragen. Er hat von diesem Antrag bisher keinen Gebrauch gemacht. Er hätte wohl auch wenig Aussicht auf Erfolg. David Berkowitz wird aller Voraussicht nach den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen.
Michelle Forman
An Heiligabend 1975 unternahm David Berkowitz seinen ersten Versuch, einen Menschen zu töten. Zunächst griff er in Co-op City, einer Hochhausstadt in der Bronx, eine junge Frau an, die gerade einen Supermarkt verlassen hatte. Er stach sie mit einem Jagdmesser zweimal von hinten in den Rücken. Die Frau drehte sich um, fing laut an zu schreien, als sie Berkowitz mit dem Messer Hand sah, und warf ihm ihre Einkäufe vor die Füße. David Berkowitz flüchtete daraufhin. Den Kriminalbeamten gelang es nie, die Identität des Opfers festzustellen. Die Frau hatte sich weder an die Polizei noch an einen Arzt gewandt.
Nur kurze Zeit später attackierte David Berkowitz die 15-jährige Michelle Forman. Sie schrie und wehrte sich nach Leibeskräften gegen den Messerstecher. David Berkowitz stach wieder und wieder auf das Mädchen ein. Sie leistete dennoch heftigen Widerstand. David Berkowitz bekam Panik und lief davon. Michelle Forman schleppte sich trotz der schweren Verletzungen bis vor die Haustür ihrer Eltern. Eine Nachbarin fand sie dort bewusstlos vor und alarmierte sofort den Notarzt. Die Hilfe kam noch rechtzeitig, das Mädchen überlebte.

Quelle: Garry Miller, US National Archives, NARA record: 8464459
Veränderter Modus Operandi
Die New Yorker Polizei hatte diese Tat nie mit den sogenannten »Son of Sam«-Morden in Zusammenhang gebracht. Ohne das Geständnis von David Berkowitz wäre dieses Verbrechen ungeklärt geblieben. Aber von einer wirklichen Ermittlungspanne konnte man hier nicht reden. Denn der Täter änderte danach seine Vorgehensweise.
David Berkowitz hatte sich das Töten anders vorgestellt. Er war davon ausgegangen, dass seine Opfer gleich beim ersten Messerstich zu Boden sinken würden. So wie er es aus Filmen kannte. Stattdessen kreischten sie und schlugen wild um sich. Er selbst war über und über mit Blut befleckt. Das war ganz und gar nicht nach Berkowitz‘ Geschmack. In der Folge besorgte er sich mehrere Schusswaffen, darunter den berühmt-berüchtigten Revolver .44 Bulldog Charter Arms, der zum Erkennungsmerkmal des »Son of Sam«-Serienmörders werden sollte.
Donna Lauria und Jody Valenti
Den ersten Mord beging David Berkowitz am 29. Juli 1976 im Stadtteil Pelham Bay in der Bronx im Norden von New York. Jody Valenti (19) und Donna Lauria (18) hatten den Abend in der Diskothek »Peachtree« verbracht. Jody fuhr anschließend ihre Freundin, die bei den Eltern wohnte, nach Hause. Gegen 1.00 Uhr parkten sie vor Donnas Hauseingang. Die beiden blieben noch einige Minuten im Fahrzeug sitzen und sprachen miteinander.
Um 1.10 Uhr verabschiedete sich Donna Lauria von ihrer Freundin. Als sie die Beifahrertür öffnete, um auszusteigen, bemerkte sie einen Mann, der sich mit schnellen Schritten von der Rückseite dem Wagen näherte. »Wer ist dieser Typ? Was will der-« Jody Valenti drehte sich instinktiv um.
Sie erkannte einen Mann, der gerade eine Pistole aus einem Papierbeutel hervorzog. Der Fremde ging leicht in die Hocke und richtete die Waffe auf Donna aus. Er feuerte drei Schüsse ab. Der erste Schuss tötete Donna Lauria auf der Stelle. Eine zweite Kugel traf Jody Valenti im Oberschenkel. Das dritte Geschoss verfehlte beide Frauen. Ohne ein einziges Wort zu sagen, drehte sich der Killer um und lief davon.


Valentis Verletzung entpuppte sich als harmlose Fleischwunde. Die Kriminalbeamten konnten sie noch in derselben Nacht vernehmen. Sie lieferte ihnen eine vielversprechende Personenbeschreibung. Jody Valenti beschrieb den Schützen als einen Weißen mit auffällig heller Gesichtsfarbe. Er sei etwa 30 Jahre alt, 1,75 m groß und 75 Kilo schwer. Er habe lockiges, dunkles, kurz geschnittenes Haar.

Ein gelber Wagen
Der Vater von Donna, Michael Lauria, sah sich das Phantombild an, das ein Zeichner nach Valentis Angaben fertigte. Er war zehn Minuten vor den Schüssen heimgekehrt und hatte sich kurz mit den beiden Mädchen unterhalten. Dabei war ihm ein gelber Kompaktwagen aufgefallen, der rund zwanzig Meter hinter Jodys Auto parkte. Hinter dem Steuer habe eine männliche Person gesessen, versicherte Michael Lauria. Die Gesichtszüge vermochte er nicht genau zu erkennen, doch Jodys übrige Beschreibung des Mannes deckte sich mit seiner Wahrnehmung.
Als Michael Lauria nach den Schüssen auf die Straße gerannt war, sei der gelbe Wagen verschwunden gewesen. Andere Anwohner hatten in den frühen Abendstunden ebenfalls solch ein Fahrzeug bemerkt. Der Fahrer sei kreuz und quer durchs Viertel geschlichen, als habe er nach jemandem Ausschau gehalten.
Seltene Tatwaffe
Eine der drei Patronen, die die Polizei sicherstellte, war kaum verformt. Das ballistische Labor fand heraus, dass die Kugel vom Kaliber .44 Special mit einem Revolver der Marke Bulldog Charter Arms abgefeuert worden war. Der Hersteller Charter Arms hatte den stupsnasigen Colt insbesondere für Flugsicherheitsbegleiter, sogenannte Sky Marshals, entwickelt. Die Waffe verfügte deshalb über einige Besonderheiten.
Die Revolvertrommel fasste lediglich fünf Patronen statt der üblichen sechs. Der Revolver war vor allen Dingen für den Nahbereich gedacht, um einen potenziellen Angreifer aufgrund seiner gewaltigen Schusskraft sofort zu stoppen. Bei einer Entfernung von mehr als fünf Metern verlor die Waffe aber deutlich an Präzision und Durchschlagskraft.
In einem Flugzeug ergab das Sinn. Diese Eigenschaft sollte verhindern, dass ein Sky Marshal bei einem Schusswechsel aus Versehen die Flugzeugwand perforierte. Einen Druckabfall in 10.000 Meter Höhe wollte niemand miterleben. Die Waffe war erst drei Jahre im Handel. Bisher waren nur wenige Tausend Exemplare verkauft worden. Die Ermittler schöpften Hoffnung, anhand der seltenen Waffe den Täter identifizieren zu können – wenn sie denn jemals einen Verdächtigen fänden.

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Auffällige Schusshaltung
Denn der Mörder hatte abgesehen von der Kugel keine brauchbaren Spuren hinterlassen. Allerdings war die Schusshaltung, die der Schütze eingenommen hatte, für die Beamten aufschlussreich. Jody Valenti hatte sie ihnen detailliert beschrieben.
Sie mussten sich schon schwer täuschen, aber das hörte sich nach der gleichen Schusshaltung an, die man ihnen auf der Polizeischule beigebracht hatte. Was das Schießen anging, war der Bursche also ein Profi. Möglicherweise sogar ein Cop. Aber sie konnten schlecht auf bloßen Verdacht hin alle aktiven und ehemaligen Polizisten vernehmen, solange nicht mehr Hinweise in diese Richtung deuteten.
Ein Racheakt der Mafia?
Die Kriminalbeamten gingen stattdessen von zwei anderen Ermittlungsansätzen aus. Erste Theorie: Der Täter hatte es direkt auf Donna Lauria abgesehen. Die Polizei nahm ihr näheres Umfeld unter die Lupe. Gab es vielleicht einen verschmähten Liebhaber, der bei ihr abgeblitzt war? Sie arbeitete als medizinisch-technische Assistentin in einem Labor. Hatte sie bei ihrer Arbeit möglicherweise Mist gebaut, mit dem sie anderen geschadet hatte? Alle Ermittlungen in diese Richtung verliefen im Sande.

Blieb noch Theorie zwei. Seit geraumer Zeit hatten sich in der Gegend rund um den Tatort Morde mit Mafiahintergrund gehäuft. War Donna Lauria vielleicht einer Verwechslung zum Opfer gefallen? Oder galten die Schüsse gar nicht dem Mädchen selbst, sondern sollten vielmehr eine Warnung für eine andere Person darstellen?
Schließlich lebten in Pelham Bay eine Menge Italo-Amerikaner. Die Laurias waren Italo-Amerikaner. Michael Lauria war Mitglied der berühmt-berüchtigten Gewerkschaft der Transportarbeiter. So wie Jimmy Hoffa. Und wie eine Menge Mafiosi in New York. Die Polizei hatte da so ihre Erfahrungen. Und ihre Vorurteile natürlich auch.
Also gingen die Beamten dem Verdacht nach, dass Michael Lauria Mitglied der Cosa Nostra und das Verbrechen an seiner Tochter in Wahrheit eine Strafaktion der New Yorker Mafia gewesen sei. Dieser Ermittlungsansatz führte schlussendlich zu gar nichts. Außer, dass Michael Lauria eine Stinkwut auf die Polizei bekam. Der wahre Täter genoss derweil ungestört den Kick, den ihm sein erster Mord beschert hatte. Als der Rausch verflog, begab er sich auf die Suche nach seinen nächsten Opfern.
Rosemary Keenan und Carl Denaro
Am 23. Oktober 1976 schlug David Berkowitz erneut zu. Dieses Mal überfiel er ein junges Pärchen im Stadtteil Flushing, Bezirk Queens. Es traf die 18-jährige Rosemary Keenan und den 20-jährigen Carl Denaro. Die beiden hatten sich in Keenans Wagen zu einem ungestörten Tête-à-tête zurückgezogen. Das Auto parkte gegen 2.00 Uhr morgens in einer unbeleuchteten Straße, die von Einfamilienhäusern gesäumt war.
Keenan und Denaro knutschten gerade heftig, da zerbarsten plötzlich die Scheiben des VW-Käfers. Carl Denaro sagte später aus, dass er zunächst geglaubt habe, der Wagen sei explodiert. Das Pärchen hatte niemanden bemerkt, der um den Wagen herumgeschlichen war.
Rosemary Keenan startete panisch den Wagen und prügelte den Käfer zurück zur Kneipe »Peck‘s«, in der sie zuvor mit Carl Denaro den Abend verbracht hatte. Erst als sie dort eintrafen, fiel Denaros Freunden auf, dass er stark aus einer Kopfwunde blutete. Sie brachten ihn sofort ins nächstgelegene Krankenhaus.


Kugel im Hirn
Die Notoperation dauerte sechs Stunden. In Carls Denaros Hinterkopf steckte eine Kugel, die bis ins Gehirn vorgedrungen war. Die Ärzte entfernten mühsam jeden einzelnen Splitter des Geschosses. Carl Denaro hatte ungeheuerliches Glück im Unglück. Er überlebte die Attacke weitestgehend unbeschadet. Nur eine Metallplatte, die ihm die Ärzte im Kopf einsetzen mussten, sollte ihn für alle Zeiten an den Vorfall erinnern. Rosemary Keenan hatte lediglich ein paar oberflächliche Schnittwunden davongetragen, die von den umherfliegenden Glassplittern herrührten.
Parallelen zunächst übersehen
Die Polizei stellte fest, dass der Täter mindestens drei Schüsse auf den VW-Käfer abgegeben hatte. Der Schütze hatte Munition vom Kaliber .44 benutzt. Genaueres ließ sich nicht sagen, da die Projektile zu sehr verformt waren. So stellte man im Oktober 1976 noch keine Verbindung zu dem Mord in der Bronx her, obwohl es Parallelen gab.
Das lag unter anderem auch daran, dass in der damaligen Zeit unterschiedliche Mordkommissionen für die verschiedenen Stadtteile New Yorks zuständig waren. Eine zentrale Computerdatenbank, in der man alle Fallakten des Großraums New York hätte einsehen können, existierte noch nicht.
Die Polizei verfügte im Keenan/Denaro-Fall über keinerlei Ermittlungsansätze. Die Beamten klopften das Umfeld der Opfer ab. Die übliche Standardprozedur halt, die ergebnislos verlief. Es lag sicherlich nicht am mangelnden Eifer, dass die Ermittler in dem Fall nicht weiterkamen. Denn Rosemary Keenan war die Tochter eines altgedienten Kriminalbeamten des New York Police Department. Die Polizisten widmeten sich den Ermittlungen mit der zu erwartenden Hartnäckigkeit. Doch der wahre Täter blieb zunächst ein Phantom.
Joanne Lomino und Donna DeMasi
Das Phantom kehrte am 27. November 1976 kurz nach Mitternacht zurück. Die Teenager Donna DeMasi (16) und Joanne Lomino (18) hatten den Abend in Manhattan verbracht und sich dort einen Film im Kino angeschaut. Anschließend fuhren sie mit der Bahn zurück nach Queens. Dort lebten beide noch bei ihren Eltern.
Auf dem Nachhauseweg trafen sie an einer Straßenecke ein paar Freundinnen und unterhielten sich kurz. Doch es war schon spät und es war kalt in dieser Novembernacht. Die Mädchen wollten nach Hause. Donna DeMasi begleitete ihre Freundin Joanne Lomino bis vor deren Haustür. Die Mädchen wechselten noch ein paar leise Worte und verabschiedeten sich voneinander.
Gelähmt
In diesem Moment bemerkten sie einen Mann, der von der anderen Straßenseite auf sie zukam. Sie schätzten den Fremden auf Anfang 20. Er trug auffällige Hosen in Tarnfarben. Als er nur noch wenige Meter von ihnen entfernt war, fragte er sie mit einer hohen Stimme: »Könnt ihr mir sagen, wie man am besten zu …«
Er beendete den Satz nicht. Stattdessen zückte er einen Revolver aus der Jackentasche und streckte beide Mädchen mit jeweils einem Schuss nieder. Danach feuerte er weitere Kugeln auf das Gebäude ab und lief weg. Die wilde Ballerei hatte einen Nachbarn alarmiert. Er trat vor die Tür und sah in diesem Moment einen jungen Mann mit blondem Haar vorbeihetzen, der in seiner linken Hand eine Pistole hielt.

Beide Opfer überlebten glücklicherweise den Angriff. Donna DeMasi hatte es zwar am Hals erwischt, aber das Geschoss hatte sowohl die lebenswichtigen Gefäße als auch die Halswirbel verfehlt. Die 16-Jährige erholte sich rasch. Für Joanne Lomino verlief der Überfall hingegen weniger glimpflich ab. Das Projektil hatte ihre Wirbelsäule getroffen. Die Ärzte konnten ihr Leben retten, doch sie blieb für immer querschnittsgelähmt.

Phantombild sorgt für Verwirrung
Auch in diesem Fall erkannten die Kriminalbeamten keinen Zusammenhang mit den vorangegangen Verbrechen. Die Patronen waren zu sehr verformt, um die verwendete Tatwaffe festzustellen. Immerhin konnten der Augenzeuge und die beiden Opfer den flüchtigen Schützen präzise beschreiben. Diese Phantomzeichnung sollte später noch für Verwirrung sorgen. Denn der abgebildete Täter ähnelte nicht im Geringsten dem Mann, den Jody Valenti beschrieben hatte.


Christine Freund und John Diel
Der nächste Mord in der Serie ereignete sich wieder nach Mitternacht. Und erneut suchte sich der Täter Queens als Schauplatz des Verbrechens aus. Die 26-jährige Christine Freund und der 30-jährige John Diel hatten in der Nacht vom 29. auf den 30. Januar 1977 einen typischen Pärchenabend verbracht. Erst schauten sie sich im Kino „Rocky“ an, dann kehrten sie auf einen späten Snack in ein Lokal auf der Austin Street im Stadtteil Forest Hills ein. Nun wollten sie noch eine Diskothek aufsuchen.

Die beiden saßen bereits in Diels Pontiac Firebird, der am Station Square parkte. John Diel ließ den Motor ein paar Minuten warmlaufen. Draußen waren es -10 Grad Celsius. Der Wagen brauchte immer ein paar Minuten, bis er Betriebstemperatur erreicht hatte. Ohne dass die beiden Fahrzeuginsassen zuvor eine Person wahrgenommen hätten, fielen gegen 0.40 Uhr kurz hintereinander drei Schüsse. Jemand feuerte durch das Beifahrerfenster in den Wagen hinein.

John Diel riss seine Freundin Christine instinktiv mit nach unten in den Fußraum des Wagens. Er selbst trug nur geringfügige Verletzungen davon. Doch Christine starb noch in derselben Nacht an ihren schweren Kopfverletzungen. Der erste Schuss hatte sie voll in der Schläfe erwischt.
Ballistischer Befund
John Diel konnte gegenüber der Polizei keine Angaben über den Täter machen. Andere Augenzeugen gab es in diesem Fall nicht. Die Kriminalbeamten hatten anderweitig Glück. Dieses Mal bargen sie gleich zwei Projektile, die nahezu unversehrt waren. Die ballistische Untersuchung ergab, dass es sich bei der Tatwaffe um einen .44 Bulldog Charter Arms handelte.
Die Techniker im Labor erinnerten sich an den ungelösten Mord im Juli des vergangenen Jahres in der Bronx. Sie konnten nicht nachweisen, dass die Morde mit derselben Waffe begangen wurden. Aber das Waffenfabrikat war selten genug, um misstrauisch zu werden.
Die Ermittlungsbeamten sahen das ähnlich. Der Fall in der Bronx wies unabhängig von der Tatwaffe zahlreiche Parallelen auf. Die Beamten durchforsteten daraufhin die Fallakten zu allen ungelösten Verbrechen der vergangenen Monate, in denen der Täter einen .44er-Revolver benutzt hatte. So stießen sie auf die Mordversuche an Carl Denaro, Rosemary Keenan, Donna DeMasi und Joanne Lomino.
Ein Serienkiller?
Auch wenn die Zeugenaussagen sich hinsichtlich der Täterbeschreibung teilweise widersprachen, neigten die Ermittler zu der Annahme, dass ein einzelner Serienkiller für alle diese Verbrechen verantwortlich war. Anders ließen sich diese unmotivierten Gewalttaten nicht plausibel erklären. Die Kriminalbeamten filterten heraus, nach welchen Kriterien der Mörder seine Opfer auswählte.
Bisher waren alle Überfallenen paarweise unterwegs gewesen. Dreimal hatte der Täter auf Menschen geschossen, die in einem Auto saßen. Donna DeMasi und Joanne Lomino standen auf einer Verandatreppe vor einer Haustür. Auch sie hatten keine Fluchtmöglichkeit, als der Täter sie mit der Waffe fixierte. Diese Wahl des Tatorts machte angesichts des Waffentyps, den der Killer benutzte, durchaus Sinn. Der .44 Bulldog war zu unpräzise, um damit gezielt auf Menschen zu schießen, die sich bewegten.
Gleicher Opfertyp
Seine primären Opfer teilten alle eine auffällige Gemeinsamkeit. Donna Lauria, Donna DeMasi, Joanne Lomino und Christine Freund trugen langes, dunkles Haar. Im Fall Denaro/Keenan gab es eine Besonderheit. Der Täter hatte es offensichtlich auf Carl Denaro abgesehen, wie die Auswertung der Schussspuren ergeben hatte. Denaro hatte zum Zeitpunkt ebenfalls langes, dunkles Haar, während Rosemary Keenan eine Kurzhaarfrisur trug. Möglicherweise hatte der Täter hier Mann und Frau verwechselt.
Man musste also damit rechnen, dass dort draußen ein durchgeknallter Irrer die Straßen von New York unsicher machte, der mit dem Morden erst aufhören würde, wenn ihn die Polizei zu fassen bekam. Angesichts dieses bedrohlichen Szenarios gelang es den Ermittlungsbeamten, ihre Vorgesetzten von der Gründung einer 16-köpfigen Sonderkommission zu überzeugen.
Der .44 Caliber Killer
Bisher war die SOKO aber nicht sicher, wen sie angesichts der widersprüchlichen Zeugenaussagen überhaupt jagte. So druckten die Zeitungen schließlich beide vorhandenen Phantombilder ab. Die Polizei erhoffte sich dadurch Hinweise in diesem rätselhaften Fall, der mit traditionellen Ermittlungsmethoden nicht zu knacken war.
Gleichzeitig löste man damit einen unvergleichlichen Medienhype aus. Denn als die Presse erfuhr, dass ein Serienkiller bereits vier Attentate verübt hatte, überboten sich die Tageszeitungen Tag für Tag mit neuen Geschichten über den ».44 Caliber Killer«, wie ihn die Reporter tauften.
Insbesondere die »New York Post«, die gerade in den Besitz des australischen Medienmoguls Rupert Murdoch übergegangen war, verfolgte eine aggressive Berichterstattung. Als der Mörder dann Anfang März erneut zuschlug, war der Fall auch in den nationalen und internationalen Gazetten ständig präsent. Dieser Hype sollte das gesamte Jahr über anhalten und die Ermittlungen erschweren.
Virginia Voskerichian
Mit seinem nächsten Mord wich der ».44 Caliber Killer« in mehreren Details von seinem bisherigen Tatmuster ab. Bisher hatte er immer kurz nach Mitternacht zugeschlagen. Dieses Mal mordete er abends gegen 19.30 Uhr. Bisher hatte er sich immer Paare als Opfer ausgesucht – entweder zwei Frauen oder einen Mann und eine Frau. Nun wählte er eine einzelne Frau. Bisher hatte er vorzugsweise auf Menschen geschossen, die in einem Wagen saßen und ihm also nicht ausweichen konnten. Jetzt richtete er auf offener Straße kaltblütig eine junge Frau hin, die zu Fuß nach Hause ging.

Bisher hatte der Täter drei der vier Verbrechen im Bezirk Queens verübt, doch die Tatorte lagen relativ weit voneinander entfernt. Es gab keinerlei Verbindungen zwischen den Orten, wenn man mal von der Tatsache absieht, dass sich die Schießereien in reinen Wohngegenden ereigneten. Dieses Mal befand sich der Tatort nur wenige hundert Meter entfernt vom letzten Schauplatz der Mordserie.
Mord an einer Studentin
Die 19-jährige Virginia Voskerichian war Studentin an der Columbia University und kehrte am frühen Abend des 8. März 1977 von einer Vorlesung an der Uni nach Hause zurück. Sie hatte fast schon ihre Wohnung erreicht, als ihr ein Mann auf dem Bürgersteig entgegenkam. Der Mann zog eine Waffe aus seiner Jackentasche. In einem verzweifelten Versuch, sich zu verteidigen, hob Viriginia Voskerichian ihre Lehrbücher vor den Kopf. Das Geschoss bohrte sich durch den Haufen nutzlosen Papiers und traf Virginia voll im Gesicht. Sie war auf der Stelle tot.
Der Junge mit der Strickmütze
Wenige Augenblicke, nachdem der Schuss gefallen waren, bog ein Anwohner in die Straße ein. Er war zu Fuß unterwegs und hatte den lauten Knall gehört. Als er um die Ecke ging, stieß der Zeuge beinahe mit einem jungen Mann zusammen. Der Bursche kam aus der Richtung angelaufen, aus welcher der Passant den Schuss wahrgenommen hatte.
Der Junge, den der Augenzeuge auf etwa 16 bis 18 Jahre taxierte, trug eine Strickmütze und zog sich in dem Moment, als er an ihm vorüber musste, den Rand der Mütze tief über die Stirn. So, als wolle er sein Gesicht verbergen. Er murmelte noch etwas wie »Um Gottes Willen!« und rannte anschließend davon.
Der aufmerksame Anwohner beschrieb den verdächtigen Jugendlichen als untersetzt und von kräftiger Statur. Er habe sich gewundert, warum der Junge sich so dick vermummt habe, da es an dem Tag ja frühlingshaft warm gewesen sei. Denn neben der Strickmütze habe er noch einen Pullover getragen. Das Gesicht sei glattrasiert gewesen.

Andere Zeugen sagten aus, ihnen wäre etwa eine Stunde vor dem Mord ebenfalls eine suspekte Person aufgefallen. Diese hätte sich auf den Straßen der Nachbarschaft herumgedrückt und äußerst penetrant vorübereilende Passanten angestarrt. Manche beschrieben die Person ebenfalls als Jugendlichen, andere als jungen Mann in den Zwanzigern, der einen Regenmantel trug. Augenzeugen, die das Verbrechen beobachtet hatten, konnte die Polizei nicht ausfindig machen.

»Operation Omega«
Bis zum Mord an Virginia Voskerichian hatte es vereinzelt auch kritische Stimmen innerhalb des Polizeiapparats gegeben, die an der Serienmörder-Theorie zweifelten und die Gründung der Sonderkommission für übertrieben hielten. Diese Stimmen verstummten mit einem Schlag.
Die unheimliche Mordserie erregte inzwischen in den Medien und damit der Öffentlichkeit gewaltiges Aufsehen. Dieses gesteigerte öffentliche Interesse rief postwendend die Politiker auf den Plan. Dadurch geriet das New York Police Department zusätzlich unter Druck, endlich Erfolge bei der Aufklärung der Fälle vorzuweisen.
Am 10. März 1977, zwei Tage nach dem Mord an Virginia Voskerichian, hielt der amtierende Bürgermeister von New York, Abe Beame, zusammen mit hochrangigen Vertretern der Polizeibehörde eine Pressekonferenz ab. Der Bürgermeister erklärte gegenüber den Medien, dass Donna Lauria und Virginia Voskerichian mit derselben Waffe getötet wurden. Die übrigen Morde rechnete man aufgrund der ähnlichen Vorgehensweisen des Täters ebenfalls der Mordserie zu.

Abe Beam
By Unknown photographer – New York City Department of Records, http://www.nyc.gov/html/records/html/features/abebeame.shtml, Public Domain, Link
Die gleiche oder die selbe Waffe?
Die Darstellung des Bürgermeisters entsprach nicht ganz den Tatsachen, wie offizielle Dokumente, die zu einem späteren Zeitpunkt an die Öffentlichkeit gelangten, noch beweisen sollten. Denn die Ballistik konnte zwar anhand des Projektils, das Virginia Voskerichian getötet hatte, nachweisen, dass der Täter mit einem Revolver .44 Bulldog geschossen hatte. Aber die Techniker konnten nur zweifelsfrei feststellen, dass die Morde an Donna Lauria, Christine Freund und Virginia Voskerichian mit der gleichen – nicht zwangsläufig mit derselben – Waffe verübt worden waren.
Sonderkommission gewaltig aufgestockt
Gleichzeitig verkündete Bürgermeister Beame, dass das NYPD die Sonderkommission gewaltig aufstocken würde. Statt 16 Polizeibeamten standen der »Operation Omega«, wie man die Sonderkommission nun nannte, ab sofort 30 Polizisten zur Verfügung. Später stieg die Zahl auf 50 Beamte, am Ende waren offiziell 300 Personen Teil der „Operation Omega“.
Doch in Wahrheit jagten ab Mitte April 1977 alle 28.000 New Yorker Cops das Phantom. Man betraute den erfahrenen Deputy Inspector Timothy J. Dowd, der seit 1940 dem NYPD angehörte, mit der Leitung der SOKO. Verantwortlich für die Koordination der Ermittlungsarbeit war nach wie vor Captain Joe Borrelli, der bis dato die Verantwortung für die Sonderkommission getragen hatte.
Timothy J. Dowd am Rednerpult, 1977
Motive des Täters
Die Reporter befragten Joe Borrelli nach den mutmaßlichen Motiven des Täters. Warum brachte er die Frauen um? Was hatte er davon? Welchen Zweck verfolgte er mit der Mordserie? Borrelli äußerte, er ginge davon aus, dass der Täter einen starken Groll gegen Frauen hege und sich auf einem persönlichen Rachefeldzug befände. Möglicherweise fühle er sich von seiner Umwelt und speziell Frauen ständig abgelehnt und zurückgesetzt. Für diese permanente Zurückweisung wolle er sich nun an der Gesellschaft rächen.
Borrelli gab auf der Pressekonferenz auch bekannt, dass der pummelige Teenager, den die Beteiligten im Lomino/DeMasi-Fall beschrieben hatten, nicht mehr länger als Tatverdächtiger gelte, sondern nur noch als wichtiger Zeuge. Die polizeilichen Ermittlungen würden sich von nun auf den schwarzhaarigen Mann konzentrieren, den Jody Valenti gesehen hatte.
Valentina Suriani und Alexander Esau
28.000 New Yorker Polizisten im gesamten Stadtgebiet waren in erhöhter Alarmbereitschaft. Die Kriminalbeamten gingen allen Spuren und Hinweisen nach, die insbesondere über die Hotlines eintrudelten. An jedem Wochenende der folgenden Monate überwachten Observationsteams der Polizei 200 Plätze in der Bronx und in Queens, die den bisherigen Tatorten ähnelten. Die Bevölkerung war gewarnt und verpfiff gnadenlos jeden, der nur irgendwie komisch guckte. Und dennoch schlug der Killer am 17. April 1977 um 3.00 Uhr morgens erneut zu.
Dieses Mal suchte er sich für die Attacke wieder die Bronx aus. Der Tatort lag nur wenige Hundert Meter von der Stelle entfernt, an der er Donna Lauria im Juli 1976 getötete hatte, und befand sich in exakt derselben Straße, in der das zweite Opfer dieses Angriffs, Jody Valenti, lebte. Die Opfer waren dieses Mal der 19-jährige Alexander Esau und die 18-jährige Valentina Suriani, ein Liebespärchen, das gerade von einem gemeinsamen Abend nach Hause zurückgekehrt war.
Die beiden saßen in Esaus Wagen, der ein paar Häuser entfernt von Valentina Surianis elterlicher Wohnung parkte. Vielleicht redeten sie noch etwas, vielleicht knutschten sie. Man weiß es nicht. Denn David Berkowitz feuerte vier Schüsse in das Fahrzeug und tötete damit sowohl Valentina Suriani als auch Alexander Esau. Valentina Suriani starb an Ort und Stelle. Alexander Esau erlag seinen schweren Verletzungen wenige Stunden später im Krankenhaus.

Esau war nicht mehr ansprechbar, sodass die Ermittler niemals erfuhren, ob die beiden jungen Leute ihren Mörder noch gesehen hatten. Die Ballistiker bestätigten, dass mindestens zwei der tödlichen Kugeln wieder aus einem Revolver .44 Bulldog abgefeuert wurden. An der Fahndung änderte sich dadurch nichts. Der dunkelhaarige Mann auf dem Phantombild blieb der Haupttatverdächtige. Andere konkrete Spuren gab es zu diesem Zeitpunkt nicht.
Ein Brief am Tatort
Doch ein Umstand war in diesem Fall für die Ermittler neu. Denn nur drei Meter entfernt von dem Fahrzeug, mitten auf der Straße, fanden die Polizisten einen Briefumschlag. Der Brief war direkt an Captain Joe Borrelli, den Leiter der Ermittlungen, gerichtet. Der Inhalt des Briefs kam einer Kriegserklärung an die Polizei von New York City und die Bewohner der Stadt gleich.
Sobald Details des Schreibens an die Öffentlichkeit drangen, erreichte die Hysterie in New York nochmals ein neues Niveau. Der irre Serienkiller war nun nicht länger mehr nur ein Phantom. Es war jemand, der direkt zu den Bewohnern der Stadt sprach und diese in einer nie da gewesenen Weise terrorisierte. Denn er kündigte weitere Morde an.
Der »Son of Sam«-Brief
Der Brief war handgeschrieben und fast ausschließlich in großen Blockbuchstaben abgefasst. Es fanden sich keine verwertbaren Fingerabdrücke auf dem Papier. Der anonyme Täter hatte sich vermutlich direkt an Captain Joseph Borrelli gewandt, weil dieser seit dem Mord an Christine Freund Ende Januar 1977 ständig in den Medien präsent war und die Presse ihn mehrfach zitiert hatte.
Zunächst verhängte die Polizei wegen des Briefes eine Nachrichtensperre. Aber dann sickerten doch einige Details zu den Reportern durch. Unter anderem der Name, den sich der Mörder in dem Schreiben gab: »Son of Sam«.
Der Brief enthielt im englischen Original einige Rechtschreibfehler. Doch die Experten bezweifelten, dass der Schreiber tatsächlich Probleme mit der Rechtschreibung hatte. Denn die eingebauten Fehler – zum Beispiel »z« statt »the« oder »wemon« statt »women« – wirkten eher künstlich, wenn nicht sogar wie gewollte Sprachspielereien (»wemon« –> »demon«).
Der Textstil war mal weitschweifig, mal sprunghaft, stellenweise in einem fieberhaften Tonfall gehalten. Aber eine Sache kam in dem Brief ganz klar zum Ausdruck: Die Worte klangen durch und durch bedrohlich. Der Originalwortlaut des Briefs in einer freien Übersetzung:
Sehr geehrter Captain Joseph Borrelli,
es hat mich schwer getroffen, dass Sie mich einen Frauenhasser nennen. Bin ich nicht. Aber ich bin ein Monster.
Ich bin der »Son of Sam«. Ich bin ein kleiner ungezogener Bengel.
Wenn Vater Sam betrunken wird, wird er gemein. Er schlägt seine Familie. Manchmal kettet er mich an der Rückseite des Hauses fest. Sonst sperrt er mich in die Garage ein. Sam dürstet es nach Blut.»Zieh los und töte«, befiehlt Vater Sam.
Hinter unserem Haus liegen ein paar rum. Die meisten jung – geschändet und hingemetzelt – ausgeblutet – nur noch Knochen jetzt.
Papa Sam hält mich auch auf dem Speicher gefangen. Ich kann nicht raus, aber ich blicke aus dem Giebelfenster und beobachte, wie die Welt an mir vorüberzieht.
Ich fühle mich wie ein Außenseiter. Ich ticke auf einer anderen Wellenlänge als alle anderen – ich bin darauf programmiert zu töten.
Um mich aufzuhalten, müssen Sie mich töten. Aufgepasst, Polizisten! Schießt zuerst – zieht eure Waffe nur, wenn ihr auch bereit seid, mich zu töten. Ansonsten geht ihr mir besser aus dem Weg, weil ihr dann nämlich sterben werdet!
Papa Sam ist nun alt. Er benötigt frisches Blut, um sich seine Jugend zu bewahren. Er hat zu viele Herzinfarkte gehabt. Zu viele Herzinfarkte. »Oh, meine Pumpe, sie schmerzt so sehr, mein Kleiner.«
Am meisten vermisse ich meine hübsche Prinzessin. Sie ruht in unserem Damenflügel, aber ich werde sie bald sehen.
Ich bin das »Monster« – der »Beelzebub« – der »mopsige Behemoth.«
Ich liebe die Jagd. Das Herumschleichen auf den Straßen, nach Freiwild Ausschau zu halten – schmackhaftem Frischfleisch, denn die Frauen aus Queens sind die hübschesten von allen. Muss an dem Wasser liegen, das sie trinken. Ich lebe für die Jagd – das ist meine Bestimmung. Blut für Papa.
Sehr geehrter Herr Borrelli, ich möchte nicht mehr töten. Nein, Herr Borrelli, ich möchte das nicht mehr, aber ich muss. Denn es steht geschrieben: »Ehre deinen Vater.«
Ich möchte mich mit der Welt vereinen. Ich liebe die Menschen. Ich gehöre nicht auf diesen Planeten. Schickt mich zurück zu den Yahoos*.
An die Menschen von Queens, ich liebe euch. Und ich möchte euch allen ein frohes Osterfest wünschen. Möge Gott euch segnen in diesem und eurem nächsten Leben. Für den Moment sage ich: Auf Wiedersehen und gute Nacht.
Polizei: Lasst mich noch einen letzten Gedanken in eure Köpfe pflanzen:
Ich komme wieder!
Ich komme wieder!
Zu deuten als: Bang, Bang, Bang, Bang, Bang – argh!!
Mit mörderischen Grüßen
Mr. Monster
* Die Yahoos sind ein Volk in dem berühmten Roman »Gullivers Reisen« von Jonathan Swift.




Der »Son of Sam«-Brief forderte die Kriminalbeamten geradezu heraus, alle möglichen Dinge zwischen den Zeilen herauszulesen. So diskutierten die Ermittler zum Beispiel die Theorie, dass der Täter wohlmöglich tatsächlich einen Vater mit Herzproblemen habe.
Und dieser sei in der Vergangenheit in einem Krankenhaus gelandet, in dem eine Krankenschwester mit langen, dunklen Haaren den Zorn des besorgten Sohnes auf sich gezogen habe. Es sei doch schließlich sehr merkwürdig, dass seine ersten beiden Opfer Jody Valenti und Donna Lauria ausgerechnet eine Krankenschwester beziehungsweise eine medizinisch-technische Assistentin gewesen seien.
Die Ermittler wandten sich aber auch an die Profis, um Einblick in die Psyche des Serienkillers zu bekommen. So hielten sie ein Meeting mit 45 renommierten Psychiatern ab. Drei Stunden referierten die Ärzte über die möglichen psychologischen Abgründe des Täters.
Bis ein Kollege aus Deutschland das Wort ergriff und in gebrochenem Englisch radebrechte: »Aber meine Herren, meine Herren, ich bitte Sie. Jedes Mal, wenn er schießt, ejakuliert er! Das liegt doch glasklar auf der Hand.« Das Statement sorgte zwar für ausgelassene Heiterkeit in der Runde, brachte aber die Ermittler der Lösung des Falls keinen Deut näher.
Kontrolle und Macht
Dr. Martin Lubin, ein angesehener Professor für forensische Psychiatrie, bemühte sich, die Ermittler mit einem detaillierteren Täterprofil bei ihrer Arbeit zu unterstützten. Er konstatierte, dass der Mörder eine zusätzliche Befriedigung daraus zog, mit seinen Verfolgern und der Öffentlichkeit zu spielen, ja, sie möglicherweise sogar zu manipulieren, indem er sie auf falsche Fährten lockte.
Das vermittelte ihm ein Gefühl der Kontrolle und Macht. Macht über die Medien, Macht über den Polizeiapparat und Macht über die gesamte Bevölkerung der 8-Millionen-Metropole New York. Indem er direkt mit ihnen kommunizierte, steigerte er nochmals die Angst der Menschen, die sich bereits wegen seiner Taten vor ihm fürchteten.
Nachdem die Beamten noch weitere Fachleute aus dem Bereich forensische Psychiatrie befragt hatten, veröffentlichte die Polizei am 26. Mai 1977 ein psychologisches Profil des Täters. Darin beschrieb man den Gesuchten als äußerst neurotisch und unterstellte ihm, unter paranoider Schizophrenie zu leiden. Zudem glaube der Mann offensichtlich ernsthaft daran, von Dämonen besessen zu sein. Mit anderen Worten: Der Typ war schwer krank. Der hatte gewaltig einen an der Klatsche.
Eine kalkulierte Provokation
Die öffentliche Verunglimpfung des Mörders als kranker Irrer bezweckte natürlich, den Täter aus der Reserve zu locken. Man wollte ihn dazu bringen, erneut den Kontakt zu den Ermittlungsbeamten zu suchen. Vielleicht machte er beim nächsten Mal ja einen Fehler. Vielleicht war er gar nicht so schlau und clever, wie er selber dachte. Vielleicht gab er in einem neuen Brief ein wenig zu viel über sich preis. Informationen, die ihn entlarvten, weil ein Verwandter, Nachbar oder Kollege ihre Bedeutung verstand.
56 Besitzer eines .44er Bulldog-Revolvers
Währenddessen war die Sonderkommission in der Zwischenzeit die Melderegister für Waffenbesitzer durchgegangen. Sie hatte in New York 56 Eigentümer eines Revolvers .44 Bulldog Charter Arms ausfindig machen können. Man hatte jeden einzelnen Besitzer aufgesucht, befragt und alle Waffen einem Schusstest unterzogen.
Ergebnis: Bei keinem der Revolver handelte es sich um die Tatwaffe. Zahlreiche Undercover-Aktionen der New Yorker Polizei brachten ebenso wenig ein. Polizeibeamte tarnten sich als Liebespärchen und parkten an den einschlägig bekannten Stellplätzen in der Bronx und in Queens. Doch der »Son of Sam« biss nicht an.
Kapitelübersicht zum Fall David Berkowitz
- Kapitel 1: Son of Sam und der Summer of Sam
- Kapitel 2: Der Breslin-Brief und die Verhaftung
- Kapitel 3: Geständnis, Motive und Prozess
- Kapitel 4: Eine satanistische Verschwörung?
Hallo und danke für die allesamt sehr lesenswerten Artikel. Erwähnenswert ist hier vielleicht noch die Netflix-Serie Mindhunter, eine US-amerikanische Thriller-Drama-Serie von Joe Penhall. Sie wurde ab Oktober 2017 in den USA von Netflix per Streaming veröffentlicht und basiert auf dem Buch Mindhunter: Inside the FBI’s Elite Serial Crime Unit (dt. Die Seele des Mörders) von John E. Douglas und Mark Olshaker. Auch auf Deutsch verfügbar.
Hier wird der Son of Sam seitens der neu eingerichteten Behavioral Science Unit des FBI mehrfach befragt, als er schon im Gefängnis sitzt. Ziel der Einheit ist es, Serienmörder hinsichtlich ihrer Motive zu befragen, ihre Vorgehensweise zu analysieren und Rückschlüsse auf ihr Verhalten zu ziehen, um Serienmoder besser und früher erkennen zu können. Die erste Staffel spielt im Jahr 1977, in einer Zeit, in der die Kriminalpsychologie noch in den Kinderschuhen steckt.