Doch am 6. Februar 1906 kam endlich Bewegung in den ungelösten Fall. Eine Witwe Schulze meldete sich beim 17. Berliner Polizeirevier. Die Dame wohnte in der Choriner Straße 54 in Berlin-Mitte, gar nicht weit entfernt von der Wohnung des Schneidermeisters Giernoth am Ostbahnhof. Sie habe seit einigen Tagen einen neuen Untermieter, äußerte die nervöse Witwe gegenüber den Polizeibeamten. Der Mann nenne sich Heine und stamme angeblich aus Hamburg. Ihr sei ja von Anfang nicht wohl gewesen bei der Sache. Wenn sie bloß nicht so dringend auf die Miete angewiesen wäre.

Aber nun habe sie den Steckbrief von diesem abscheulichen Raubmörder aus dem Düppeler Forst gesehen. Diese Ähnlichkeit. Sie habe fast der Schlag getroffen, so sehr habe ihr Herz beim Anblick zu rasen begonnen. Das sei dieser angebliche Heine aus Hamburg. Ganz sicher. Man stelle sich das bloß vor. Sie. Mit einem Mörder. Alleine unter einem Dach. Die Berliner Polizei war in Sachen Hennig inzwischen ratlos genug, um wirklich jedem Hinweis nachzugehen. Der Reviervorsteher schickte sofort zwei Beamte los, die bei Witwe Schulze nach dem Rechten sehen sollten.

Hennig türmt

Die Kriminalbeamten trafen den jungen Mann auch tatsächlich in der Wohnung an. Ob es sich bei ihm um den gesuchten Mörder handelte, konnten sie auf bloßen Augenschein hin nicht feststellen. Also forderten sie den vorgeblichen Heine auf, sie auf das Polizeirevier in der Wörther Straße 1 zu begleiten, damit sie dort seine Personalien überprüfen konnten. Der junge Mann verhielt sich höflich und kooperativ. Er folgte den Polizisten bereitwillig zur Wache.

Die Beamten hatten mit dem Verdächtigen bereits die Treppe zum Polizeirevier erreicht, als dieser plötzlich einem der Polizisten die Waffe aus der Tasche riss und auf ihn anlegte. Klack, klack. Glücklicherweise war die Waffe gesichert und der übertölpelte Polizeibeamte kam mit dem Schrecken davon, doch nicht ohne Schrammen. Denn Karl Rudolf Hennig – über seine wahre Identität gab es nun keine Zweifel mehr – drehte den Revolver um, hieb mit dem Griff auf den Kommissar Wolk ein und sorgte dafür, dass der bedauernswerte Mann in den nächsten Tagen unter erheblichen Kopfschmerzen leiden sollte. Zu diesen Schmerzen trugen sicherlich auch die Ereignisse bei, die nun noch folgten.

Wilde Hatz

Denn nach der Attacke sprintete Hennig den Polizisten davon. Einige Passanten, die den Vorfall mitbekommen hatten, nahmen sofort die Verfolgung auf. Und wo so viel geballter Todesmut durch Berlins Straßen galoppierte, wollten sich die anderen nichts nachsagen lassen. Ein Typ mit einer Knarre? Pfff. Mein zweiter Vorname ist Fritz. So jagte in Windeseile eine beachtliche Menschentraube hinter dem flüchtigen Hennig hinterher.

Doch mit dem Raubmörder war nicht zu scherzen. Mittlerweile hatte der Ganove die Sache mit dem Sicherungsbügel gespannt und die Waffe entsichert. Ein Postbeamter, der sich dem Missetäter todesverachtend in den Weg stellte, fing sich um Haaresbreite einen Fangschuss ein. Glücklicherweise kam er mit einem Streifschuss davon.

Mit der Meute an den Hacken stürmte Karl Rudolf Hennig in die offenstehende Haustür der Schönhauser Allee 28 hinein. Er hetzte die Treppenstufen bis zum Speicher hinauf. Dort zwängte er sich durch eine enge Luke aufs Dach hinaus. Unten auf der Straße hielt derweil die Polizei die Ausgänge besetzt. Drum herum wogte das Menschenmeer der Verfolger. Hennig saß in der Falle. Oder auch nicht.

Flucht über die Dächer

Hennig entbot den Abschiedsgruß, feuerte zweimal in die Menge, ohne jemanden zu treffen, und setzte seine Flucht über die Dächer von Berlin fort. Zunächst übersprang er unbeschadet einen tiefen Abgrund und jagte dann im Sprinttempo über die Dachfirste. War schon ziemlich großes Kino, was die Berliner an diesem Tag zu sehen bekamen. Denn der Sprint über die Dächer endete erst auf dem Haus Tresckowstraße 14 (heute Knaackstraße, Prenzlauer Berg).

Der Flüchtige zwängte sich nun wieder durch eine Dachluke, stürmte die Treppe hinab und landete in der Werkstatt von Schuhmacher Krause. Dort zog Karl Rudolf Hennig in aller Seelenruhe seine zerschlissenen Treter aus und reichte sie dem Schuster. Er möge sie doch rasch reparieren, er habe es, mit Verlaub, eilig. Der Schuhmacher hatte offensichtlich gerade nichts anderes vor, denn er machte sich sogleich eifrig ans Werk. Und eines steht fest: Die Berliner Gerüchteküche konnte mit dem Tempo, das Hennig vorgelegt hatte, nicht Schritt halten. Denn Krause ahnte nichts davon, wen er da gerade bediente.

Der Kunde vertrat sich während der Warterei die blanken Füße in der Werkstatt. »Hübsche Pantoffeln, die Sie da haben«, meinte Hennig und zog sich ein Paar graugrüner Schlappen über. »Und was für eine nette Mütze. Bestimmt praktisch bei der Arbeit« und – schwups – saß die Kappe auf dem Kopf. Während der Schumacher noch eifrig hämmerte und nähte, verschwand der Raubmörder auf Nimmerwiedersehen durch die Tür. Dank der Maskerade konnte er sich unerkannt durch die hektisch umherschwirrenden Schutzleute und die Passantenmenge bewegen, die immer noch die Dächer anstarrten.

Die Polizei stellt eine Falle

Als die Beamten den Zeugen Krause schließlich befragten, war Karl Rudolf Hennig längst entkommen. Die Berliner Polizei setzte daraufhin alle Hebel in Bewegung. Klapperte die Kaschemmen ab, in denen sich Hennig normalerweise aufhielt. Durchsuchte die Wohnungen von aktenkundigen Freundinnen und Bekannten. Verteilte Steckbriefe und Fotos an alle Polizeireviere in und um Berlin. Und erhöhte die Belohnung auf stolze 3.000 Mark. Doch die Bemühungen führten nicht zum Erfolg.

Es kam erst neue Bewegung in den Fall, als sich der Berliner Lokalanzeiger bei der Polizei meldete. Ein Mann, der vorgab, der gesuchte Hennig zu sein, habe sich bei ihrem Blatt gemeldet und seine Lebensgeschichte zum Abdruck angeboten. Zum Schein habe ihm die Chefredaktion 1.700 Mark angeboten – mehr als das Jahresgehalt eines normalen Arbeiters. Ein Treffpunkt zur Geldübergabe sei bereits vereinbart. Das freute die Berliner Polizei, die sich sogleich auf die Lauer legte. Karl Rudolf Hennig erschien auch tatsächlich an der verabredeten Straßenecke. Aber offensichtlich schöpfte er im letzten Moment Verdacht und flüchtete. Nun war er der Berliner Polizei schon zum zweiten Mal entwischt.

Der erste Fall von Filmzensur

Das blieb nicht folgenlos. Denn jetzt wurde die stolze Berliner Polizei zur Zielscheibe von Spott und Satire in den Kneipen, Singspielhallen und Varietés. »Janz Berlin« lachte sich über die unfähigen Schupos schlapp. Selbst das neue Medium Film, das zu diesem Zeitpunkt noch eher unbeholfen in den Kinderschuhen umhertapste, stürzte sich auf die Geschichte. Der Film »Die Flucht und Verfolgung des Raubmörders Rudolf Hennig über die Dächer von Berlin« war nur einer von mehreren Streifen, die den Stoff filmisch umsetzten und für Furore in den Lichtspielsälen sorgten. Sehr zum Missfallen der preußischen Behörden. Die sahen sich und ihre Beamten gehörig verunglimpft und beantragten erfolgreich Aufführungsverbot für den Film. Der erste Fall von Filmzensur, den es in Deutschland jemals gab.

Aus Spaß wird Ernst

Aber nicht nur die Erwachsenenwelt vergnügte sich mit dem Fall Hennig. Auch die Kinder hatten ihren Spaß, der sich jedoch alsbald in tödlichen Ernst verkehrte. Auf den Straßen von Berlin war nämlich nun eine verschärfte Variante des ollen Räuber-und-Gendarm-Spiels angesagt: »Hennig und der Schutzmann«. Das ging mit vielen waghalsigen Stunts, zünftigen Kloppereien und wildem Herumgeballere vonstatten. Einer der Knirpse hatte dabei Papas scharfen Revolver mitgehen lassen, um dem Spiel etwas mehr Authentizität zu verleihen. Der Revolver ging los und der kleine Nachwuchs-Hennig lag tot auf der Straße. Ein Medienhype konnte auch in der damaligen Zeit schon schwer kalkulierbare Folgen nach sich ziehen.

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Weitere Kapitel zum Fall Karl Rudolf Hennig 

(2) Über den Dächern von Berlin was last modified: März 7th, 2015 by Richard Deis