Der Mordprozess gegen den Serienmörder Ted Bundy löste ein immenses öffentliches Interesse aus und mündete in einem nie da gewesenen Medienrummel. Es war der Prozess des Jahrzehnts. 250 Journalisten von fünf Kontinenten berichteten direkt aus dem Gerichtssaal. Zum ersten Mal in der amerikanischen Kriminalgeschichte durfte ein Fernsehsender das Verfahren landesweit live übertragen.
Immerhin stand der Serienmörder Ted Bundy inzwischen im Verdacht, mindestens 20 Morde in vier Bundesstaaten begangen zu haben. Für viele Menschen war er das fleischgewordene Böse. Ein Monster, das jegliche Vorstellungskraft sprengte. Der Teufel in Menschengestalt. Die Medienberichte weckten beim Publikum gleichermaßen Neugier, Abscheu und Faszination.
Inhaltsverzeichnis
Ted Bundy – Kapitel 6
Prozess in Miami 1979
Das Gericht stellte Bundy fünf Pflichtverteidiger zur Seite. Dennoch bestand der Angeklagte darauf, seine Verteidigung zu großen Teilen selbst zu übernehmen. Eine für ihn fatale Fehlentscheidung, die sich mit Trotz, Misstrauen und Selbstüberschätzung erklären ließ. Bundy ignorierte schlichtweg die Gefahr, in die er sich begab.
Ihm drohte die Todesstrafe. Mit seiner dilettantischen Selbstverteidigung ebnete er ihr den Weg. Aber dass Bundy kein rational denkender Mensch war, hatte er in der Vergangenheit bereits hinlänglich bewiesen. Vermutlich genoss er den Auftritt auf der großen Bühne, als alle Augen der Welt auf ihn gerichtet waren, viel zu sehr. Da würde er sich die Show nicht von einem Haufen dahergelaufener Rechtsverdreher versauen lassen.
Anwälte handeln Deal für Ted Bundy aus
Dabei hatten die „Rechtsverdreher“ für Ted Bundy im Vorfeld des Prozesses einen vorteilhaften Deal mit der Staatsanwaltschaft ausgehandelt. Wenn Bundy sich schuldig erklären würde, Lisa Levy, Margaret Bowman und Kimberley Leach getötet zu haben, käme er mit einer Gesamthaftstrafe von 75 Jahren davon.
75 Jahre, die er aller Wahrscheinlichkeit nach nicht hätte absitzen müssen. Möglicherweise wäre er nach etwa 20 bis 25 Jahren wieder draußen gewesen. Die Anklage war für diese Art von Vereinbarung durchaus offen, denn die Indizienkette war löchrig und direkte Beweise existierten einfach nicht. Die Chancen standen nicht schlecht, dass die Anklage den Fall verlieren würde.
Ted Bundy berät sich mit Anwälten, 25.6.1979
Bundy ließ sich zunächst auf den Deal ein. Er erhoffte sich dadurch, Zeit zu gewinnen. Und Zeit war sein bester Verbündeter. In ein paar Jahren bekäme er vielleicht die Chance, das Verfahren neu aufrollen zu lassen. Dann wäre wichtiges Beweismittel möglicherweise vernichtet oder unbrauchbar geworden, der eine oder andere Zeuge verstorben und andere Aussagen könnten in Zweifel gezogen werden, weil die Erinnerung verblasst war. Die Anklage würde in sich zusammenfallen und er als freier Mann zum Gerichtssaal hinausspazieren.
So weit das Kalkül. Doch in der Realität ließ Ted Bundy den Deal in letzter Sekunde platzen. Laut seiner Pflichtverteidiger sei sich Bundy nämlich plötzlich bewusst geworden, dass er sich öffentlich zu seinen Verbrechen hätte bekennen müssen. Dazu sei er zum damaligen Zeitpunkt wohl nicht bereit gewesen.
Verräterische Bissspuren
In dem nun folgenden Verfahren erwiesen sich zwei Aussagen als entscheidend für den Prozessausgang. Da war zunächst der Auftritt der Zeugin Nita Neary. Während sie im Zeugenstand saß, zeigte sie auf Ted Bundy. Das sei der Mann, den sie in der Tatnacht im Chi-Omega-Verbindungsheim gesehen habe. Der Fremde, der mit einem Knüppel in der Hand geflohen sei.
Nita Jane Neary sagt vor Gericht als Zeugin aus, 3.7.1979
Dann dozierten die beiden forensischen Zahnärzte Richard Souviron und Lowell Levine über die Beweiskraft von Zahnabdrücken. Sie hatten für die Beweisaufnahme riesige Fotos in Posterformat angefertigt, die einerseits die Bissspuren an Lisa Levys Gesäß zeigten, andererseits das Gebiss von Ted Bundy. Den beiden Gutachtern gelang es, die Geschworenen davon zu überzeugen, dass solche Bissabdrücke ähnlich einzigartig waren wie ein Fingerabdruck.
Dr. Lowell J. Levine äußert sich als Gutachter zu den Bissabdrücken
Ted Bundys eigentliches Problem in dem Verfahren vor dem Gericht in Miami war jedoch er selbst. Die Prozessbeobachter bescheinigten ihm durchaus einen professionellen Auftritt als Anwalt. Der Mann hatte etwas auf dem Kasten und hätte es als Strafverteidiger noch weit bringen können. Kurioserweise schadete er sich damit aber mehr, als es ihm nutzte.
Bundy hatte gehofft, die Geschworenen in seiner Rolle als Anwalt zu beeindrucken. Wie sollte dieser brilliante und gepflegt erscheinende Mann fähig sein, solch schrecklichen Verbrechen zu begehen, wie man sie ihm zur Last legte? Bundys Kalkül mochte zu Beginn des Verfahrens noch aufgehen, entwickelte sich im Prozessverlauf jedoch zum Bumerang.
Ted Bundy vor Gericht, 4.1.1980
Denn plötzlich fragten sich die Geschworenen: Wie konnte es angehen, dass der Angeklagte angesichts der Schwere der Vorwürfe so selbstsicher und unbeeindruckt durch den Gerichtssaal tänzelte, als ginge ihn das alles nichts an? Da stimmte doch was nicht. Jeder normale Mensch würde angesichts der Anklage und den möglichen Konsequenzen niedergeschlagen, bedrückt, nervös sein.
Dann beging Ted Bundy einen kapitalen Fehler. Er nahm einen Polizisten, der als erster am Tatort im Chi-Omega-Hauses war, ins Kreuzverhör. Er ließ sich von ihm in allen Einzelheiten schildern, was er dort wahrgenommen hatte. Bundy zeigt sich regelrecht versessen hinsichtlich der Details und wollte sie wieder und wieder aus dem Mund des Beamten hören.
Den Geschworenen dämmerte allmählich, dass dieser vermeintliche Anwalt die grauenhaften Schilderungen genoss. Für die Prozessbeobachter und Bundys Anwälte war dies der eigentliche Grund, warum Bundy dieses Verfahren verlor.
Am 24. Juli 1979 verkündete der Sprecher der Geschworenen nach siebenstündiger Beratung den Urteilsspruch: Ted Bundy war in allen Anklagepunkten schuldig. Bundy zeigte bei Verlesung des Urteils keinerlei Emotion.
Tod auf dem elektrischen Stuhl
Im Bundesstaat Florida war es üblich, dass die Geschworenen zunächst über Schuld oder Unschuld eines Angeklagten urteilten und zu einem späteren Zeitpunkt das eigentliche Strafmaß festlegten. Zwischen beiden Terminen bekam der Angeklagte nochmals Gelegenheit, um eine milde Strafe zu bitten. Er durfte zu diesem Zweck auch Leumundszeugen benennen, die die Geschworenen anhören mussten.
Am 30. Juli 1979 trat zum Beispiel Bundys Mutter in den Zeugenstand und bat die Geschworenen, ihren Sohn nicht zum Tode zu verurteilen. Während seines abschließenden Plädoyers beteuerte Ted Bundy erneut seine Unschuld. Er beschrieb sich als Opfer einer Vorverurteilung durch die Medien. Er bezeichnete das gesamte Verfahren als Farce.
Aus seiner Sicht sei es absurd, für etwas um Gnade zu bitten, was er nicht getan habe. Gegen den Schuldspruch könne er sich nicht wehren. Aber er werde sich nicht die Last eines falschen Schuldeingeständnisses aufladen, nur um der Todesstrafe zu entkommen.
Ted Bundy konnte das Gericht mit dieser Argumentation nicht überzeugen. Der Richter verurteilte ihn wegen der Morde an Lisa Levy und Margaret Bowman zweimal zum Tode durch den elektrischen Stuhl.
Prozess in Orlando 1980
Das zweite Verfahren gegen Ted Bundy wegen Entführung und Ermordung von Kimberly Leach fand ab dem 7. Januar 1980 in Orlando, Florida, statt. Dieses Mal ließ sich Bundy von den Verteidigern Lynn Thompson und Julius Africano verteidigen. Sie probierten eine andere Art der Prozesstaktik. Sie plädierten auf Unzurechnungsfähigkeit. Das letzte Schlupfloch, das Bundy verblieben war.
Ted Bundys Verhalten vor Gericht gab durchaus Anlass, an diese Argumentation zu glauben. Anders als in den vorangegangenen Prozessen wirkte Bundy während des Verfahrens unglaublich aufgewühlt und leicht erregbar. Bei einer Gelegenheit verlor er komplett die Beherrschung. Er schrie einen Zeugen an, mit dessen Aussage er nicht einverstanden war.
Bundys Selbstsicherheit, die er ansonsten bei Auftritten in der Öffentlichkeit demonstrativ zur Schau stellte, schien zu bröckeln. Vielleicht war ihm aufgegangen, dass er die entscheidende Schlacht bereits im ersten Prozess in Miami verloren hatte. Vielleicht war es auch nur kühl kalkulierte Show des gewohnheitsmäßigen Manipulators, um die Geschworenen von seiner Unzurechnungsfähigkeit zu überzeugen.
Ted Bundy reagiert auf die Entscheidung der Geschworenen, 30.7.1979
65 Zeugen und ein Webfehler
Staatsanwalt George Dekle präsentierte 65 Zeugen, die Bundy entweder direkt oder indirekt mit dem Verschwinden von Kimberly Leach in Verbindung brachten. Der Starzeuge der Anklage hatte ein sich sträubendes Mädchen beobachtet, das von einem Mann in einen weißen Lieferwagen gezerrt wurde. Der Lieferwagen habe direkt vor Kimberly Leachs Schule geparkt.
Der Zeuge identifizierte Ted Bundy als jenen Mann, den er gesehen hatte. Allerdings gelang es der Verteidigung, die Aussage in Zweifel zu ziehen. Denn der Zeuge war nicht in der Lage, den genauen Tag zu benennen, an dem er diesen Vorfall beobachtet hatte.
Doch George Dekle legte weitere überzeugende Beweise vor. Im Lieferwagen und an Kimberly Leachs Leiche hatte man Textilfasern sichergestellt, die identisch mit den Fasern einer Jacke waren, die Bundy bei seiner Verhaftung getragen hatte. Ein Sachverständiger erklärte dem Gericht, dass speziell diese Fasern einen ungewöhnlichen Produktionsfehler aufwiesen. Dieser Umstand mache sie nahezu einzigartig.
Und es sei höchst unwahrscheinlich, dass sie von einer anderen Person herrührten. Ted Bundy und Kimberley Leach müssten direkten Kontakt miteinander gehabt haben. Eine andere plausible Erklärung gebe es nicht. Mit diesem Gutachten war Ted Bundy erledigt.
Am 7. Feburar 1980 zogen sich die Geschworenen zur Beratung zurück und sprachen den Angeklagten auch in diesem Mordfall schuldig. Im Gerichtssaal brach spontaner Jubel aus. Am 9. Februar schließlich, dem zweiten Jahrestag des Verschwindens von Kimberly Leach, verkündete der Richter das Strafmaß.
Ted Bundy, 4.6.1979
Ted Bundy und Carole Anne Boone – Heiratsantrag im Mordprozess
Wie zuvor räumte das Gericht dem Angeklagten das Recht ein, um eine milde Strafe zu bitten. Bundy nutzte die Gelegenheit für einen besonderen Knalleffekt. Ted Bundy rief seine Ex-Kollegin Carol Anne Boone als Leumundszeugin in den Zeugenstand.
Mitten in der Zeugenbefragung bat er sie, seine Frau zu werden. Sie gab ihm daraufhin das Jawort. Dem verblüfften Richter eröffnete der naseweise Bundy anschließend, dass sie nach den Gesetzen des Staates Florida offiziell verheiratet wären, da die Zeugin ihre Aussage unter Eid gemacht habe.
Bundy hatte die Zeit in der juristischen Bibliothek scheinbar ausgiebig genutzt, um obskuren Gesetzeslücken nachzuspüren. Er hätte sie für sinnvollere Recherchen nutzen sollen. Denn kurz danach verurteilte das Gericht Ted Bundy zum dritten Mal zum Tode. Seine Flitterwochen verbrachte Bundy im Staatsgefängnis von Florida in Raiford.
Ted Bundys Kind
Im Oktober 1982 brachte Ehefrau Carol Anne Boone eine Tochter zur Welt und gab als deren Vater Ted Bundy an. Es ist unklar, ob dies den Tatsachen entspricht. Den Häftlingen in Raiford waren keine intimen Kontakte zu ihren Ehepartnern gestattet, so wie das heutzutage in vielen Gefängnissen gang und gäbe ist.
Allerdings behauptet die Sachbuchautorin Ann Rule, dass die Insassen häufiger das Wachpersonal bestochen hätten, um ungestört Zeit mit ihren Frauen oder Freundinnen verbringen zu können. Ehefrau Carol Anne Boone hielt den Kontakt zu Ted Bundy bis 1986 aufrecht. Dann verließ sie Florida, beantragte die Scheidung und nahm einen neuen Namen an.
Im Todestrakt
Im Oktober 1984 nahm Ted Bundy Kontakt zu Robert Keppel auf, der in Washington für die Ermittlungen gegen Bundy zuständig gewesen war. Bundy wusste, dass Keppel als Berater für die Green River Task Force fungierte. Die Sonderkommission fahndete seit über zwei Jahren vergeblich nach einem Serienmörder, der im Raum Seattle-Tacoma rund 45 Frauen getötet hatte.
Bundy bot Keppel an, eine Art Täterprofil anzufertigen. Er betrachtete sich selbst als einen Experten für Serienmorde und kannte sich zudem im Bundesstaat Washington, dem Schauplatz der Mordserie, hervorragend aus.
Robert Keppel und Dave Reichert, ein Ermittler der Green River Task Force, gingen auf das Angebot ein und unterhielten sich zwei Tage mit dem inhaftierten Serienkiller. Bundys Angaben führten zwar nicht zur Verhaftung des Täters (diese gelang erst 17 Jahre später), aber seine Einschätzung traf in vielen Punkten durchaus zu, wie sich später herausstellen sollte. Robert Keppel hat die Gespräche mit Ted Bundy in einem Buch mit dem Titel: »The Riverman. Ted Bundy and I Hunt for the Green River Killer« ausführlich dokumentiert.
Bundy hatte sich für seine Hilfsdienste deutlich mehr erwartet als bloß eine lobende Erwähnung in einem Buch. Er hatte darauf spekuliert, sich in vertrackten Serienmordermittlungen als eine Art freischaffender Berater der Polizei unentbehrlich zu machen, frei nach dem Motto: Es braucht einen Irren, um einen Irren zu erkennen und zur Strecke zu bringen. Das Kalkül ging nicht auf. Im Gegenteil. Die Behörden setzten alles daran, Ted Bundy so schnell wie möglich den Garaus zu machen.
Anfang 1986 legte das Gericht das Datum für Bundys Hinrichtung auf den 4. März 1986 fest. Bundys Anwälte erhoben beim Obersten Gerichtshof Einspruch. Der Supreme Court gewährte einen Aufschub, der allerdings nur von kurzer Dauer war. Das zuständige Gericht beraumte einen neuen Hinrichtungstermin für den 2. Juli 1986 an.
Bundys letzter Trumpf
Ted Bundy begann nun, seine letzte Trumpfkarte auszuspielen. Er gab stückchenweise Details seiner Verbrechen preis, die den Ermittlern bisher unbekannt geblieben waren. Bundy zockte. Er nahm an, je länger er mit der ganzen Wahrheit hinterm Berg halten würde, umso besser stünden seine Chancen, am Leben zu bleiben. Zu seiner wichtigsten Kontaktperson neben Robert Keppel wurde in dieser Phase der FBI-Agent William Hagmaier.
Ihm gestand Bundy im April 1986 erstmals, dass er häufiger zu den Leichenverstecken zurückgekehrt war. Er legte sich dann zu seinen Opfer und führte sexuelle Handlungen an ihnen durch. Lediglich der fortschreitende Verwesungsprozess setzte dem nekrophilen Spuk ein natürliches Ende.
In einigen Fällen nahm er auch Anfahrten von mehreren Stunden in Kauf, nur um seine Opfer nochmals zu schänden. In Utah habe er bei solch einer Gelegenheit beispielsweise Melissa Smith Schminke auf das leblose Gesicht aufgetragen. Laura Aime wiederum habe er wiederholt die Haare gewaschen.
»Wenn du Zeit hast«, sagte Bundy zu William Hagmaier, »dann können diese Frauen alles sein, was du dir in deiner Fantasie vorher ausgemalt hast.« Zwölf seiner Opfer habe er mit einer Säge enthauptet. Einen Teil der Köpfe – vermutlich die von Susan Rancourt, Kathleen Parks, Brenda Ball und Lynda Healy – bewahrte er zeitweise in seiner Wohnung auf, bevor er sie endgültig entsorgte.
Ted Bundys Motiv: Besessen von Besitz
Besitz war für Ted Bundy ein Schlüsselbegriff. Symptomatisch sein Hang zu Diebstählen und Einbrüchen, den er bereits in frühester Jugend entwickelt hatte. Alles, was er jemals von Wert besessen hatte, war gestohlen. „Die große Belohnung dabei war für mich“, sagte Bundy, „dass ich das, was ich geklaut hatte, auch tatsächlich besaß. Das war nun meins. Das habe ich wirklich genossen: Loszuziehen, mir zu nehmen, was ich begehrte.«
Die Begierde, etwas zu besitzen, spielte offensichtlich auch bei den Vergewaltigungen und Morden eine gewichtige Rolle. Er hatte das Bedürfnis, so drückte Bundy es aus, seine Opfer »ganz und gar zu besitzen«. Am Anfang habe er die Frauen aus eher zweckmäßigen Erwägungen heraus getötet. Hätten sie überlebt, hätten sie ihn bei der Polizei verpfeifen können.
Aber später wurde das Morden selbst Teil des »Abenteuers«, wie Ted Bundy seine Mordexzesse bezeichnete. »Die ultimative Form von Besitz war es, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen. Und danach nahm man noch den Körper in Besitz. Die Überreste gehörten einem nun mit Haut und Haaren.«
Der FBI-Agent William Hagmaier kam zu dem Schluss, dass Bundy eine tiefe, fast schon mystisch anmutende Befriedigung aus dem Akt des Tötens zog. Beim Morden sei es ihm irgendwann nicht mehr nur um bloße Gewalt, Blutrausch und sexuellen Lustgewinn gegangen. Als er Ted Bundy nach dem Motiv für seine Taten befragt habe, habe der ihm wörtlich geantwortet: »Die Opfer, sie werden ein Teil von dir. Du und sie – ihr werdet auf immer vereint. Der Boden, auf dem du getötet hast oder sie versteckt hast, wird zu geweihtem Boden. Es wird dich immer wieder dorthin zurückziehen an diesen magischen Ort.«
Deadline
15 Stunden vor der terminierten Hinrichtung am 2. Juli 1986 stoppte das zuständige Berufungsgericht erneut die Exekution. Diese juristischen Auseinandersetzungen zogen sich noch weitere zweieinhalb Jahre hin, bis die Anwälte von Bundy im Dezember 1988 alle Rechtsmittel ausgeschöpft hatten.
Binnen Stunden nach dem endgültigen Gerichtsbescheid setzte man die Hinrichtung für den 24. Januar 1989 fest. Daran gab es nun nichts mehr zu rütteln. Die Behörden peitschten den Fall in Rekordzeit durch alle Instanzen. Im Normalfall saß ein zum Tode Verurteilter noch zwischen 15 und 20 Jahren im Todestrakt. Bundy erwischte es bereits knapp neun Jahre nach seinem Schuldspruch. Der Staat wollte Ted Bundy tot sehen, daran gab es überhaupt keinen Zweifel.
Als Bundy die aussichtslose Lage erkannte, erklärte er sich bereit, endlich ein umfassendes Geständnis abzulegen. Er hatte nun nichts mehr zu verlieren. Er sei der Mörder der acht Frauen, die aus Washington und Oregon verschwanden, vertraute er Robert Keppel an:
- Lynda Ann Healy
- Donna Gail Manson
- Susan Elaine Rancourt
- Roberta Kathleen Parks
- Brenda Carol Ball
- Georgann Hawkins
- Janice Ann Ott
- Denise Marie Naslund
Zudem habe er in Washington weitere drei, in Oregon zwei Frauen getötet. Die Namen der Opfer gab Bundy jedoch nicht preis. Möglicherweise kannte er sie überhaupt nicht. Die Leiche von Donna Manson, welche die Polizei bisher nicht finden konnte, habe er ebenfalls am Taylor Mountain verscharrt. Den Kopf von Donna Manson habe er im Kamin von Elizabeth Kloepfers Haus verbrannt. »Von allen Dingen, die ich ihr angetan habe, wird sie mir das am wenigsten verzeihen können. Arme Liz,« äußerte Bundy gegenüber Robert Keppel.
Ted Bundy beschrieb Robert Keppel detailliert, wie er Georgann Hawkins aus der hell erleuchteten Gasse auf dem Gelände der University of Washington zu seinem Auto gelockt, dort niedergeschlagen, gefesselt und im Wagen nach Issaquah verschleppt habe, wo er sie schließlich erwürgt habe. Er habe die ganze Nacht mit ihrer Leiche verbracht und sei drei weitere Male zu ihrem leblosen Körper zurückgekehrt, um ihn erneut zu schänden.
Nur die Morde zählten
Ted Bundy konnte sich praktisch an jeden Stein, an jeden Grashalm erinnern, der in Issaquah an der Stelle wuchs, an der die Polizei die Knochen von Janice Ott, Denise Naslund und Georgann Hawkins geborgen hatte. »Es war, als ob er vor Ort stände und alles beschrieb, was er sah«, sagte Bob Keppel. »Er war so detailverliebt in seiner Schilderung, da er dort unglaublich viel Zeit verbracht hatte. Die Morde bestimmten komplett sein Denken. In all den Jahren dachte er an kaum etwas anderes.«
Polly Nelson, eine der Anwältinnen von Ted Bundy, gewann einen ähnlichen Eindruck von ihrem Mandanten: »Es war dieser totale Hass auf Frauen, der seine Verbrechen prägte und mich fassungslos machte. Das war wie ein Manifest absoluter Frauenfeindlichkeit. Er hatte nicht das geringste Mitgefühl mit seinen Opfern. Alles, was ihn interessierte, waren die Erinnerungen an seine Verbrechen. Für ihn waren die Morde sein Lebenswerk, sein Vermächtnis.«
Bundy zockt
Kriminalbeamten aus Idaho, Utah, und Colorado gestand Ted Bundy zahlreiche weitere Morde, darunter mehrere, von denen die Polizei bisher nichts wusste. »Es gibt noch viele, die ich in Colorado begraben habe und von denen ihr nichts ahnt«, sagte Bundy. Den Beamten wurde rasch klar, dass Bundy wieder einmal mit ihnen spielte. Während er sich über die Leichenverstecke am Taylor Mountain, die die Beamten bereits gefunden hatte, sehr ausführlich ausließ, hielt er bei seinen neuen Enthüllungen viele Details zurück. Bundy hoffte, so noch einmal einen weiteren Aufschub seiner Hinrichtung herauszuschlagen. Ein typisches Tauschgeschäft nach Bundy-Art: Knochen für Zeit.
Die Behörden ließen sich nicht darauf ein. Die Konsequenz war, dass die Mordermittler keine weiteren Leichen finden sollten. Entweder waren Bundys Angaben zu ungenau oder schlichtweg falsch gewesen. Hatte er die Leichen erfunden, um die Hinrichtung hinauszuzögern? Wollte er bloß aufschneiden? Die Kriminalbeamten hatten einen anderen Verdacht.
Sie glaubten, dass Bundys unersättlicher Besitzanspruch über seinen Hang, mit seinen Taten – seinem »Lebenswerk« – zu prahlen, obsiegte. Den Taylor Mountain mit seinem kostbaren Besitz hatten ihm die Polizisten quasi genommen. Die anderen Verstecke würden für immer seins bleiben. Er war der einzige Mensch auf Erden, der wusste, wo die Opfer lagen. So blieben sie in seinem Besitz. Auch wenn er bald selber sterben sollte.
Bundy-Groupies
Ted Bundy konnte diesbezüglich kaum auf das Mitleid seiner Mitbürger zählen. Dennoch gab es eine zahlenmäßig erstaunlich große Gruppe von Menschen, die Bundy über Jahre hinweg unterstützte und lange Zeit von seiner Unschuld überzeugt war. »Die da oben«, die Polizei, der Staat hätten Bundy die Morde angehängt und die Beweise getürkt. Oder irgendein perfides Satanistennetzwerk habe Bundy als Sündenbock vorgeschoben. Als Bundy dann so halbwegs mit der Wahrheit herausrückte und die Morde gestand, da mutierte Ted Bundy in den Augen seiner Unterstützer in ein bedauerliches Opfer einer unglücklichen Kindheit und gesellschaftlicher Schieflagen.
Unter den Fans von Bundy befanden sich überraschend viele Frauen, wenn man bedenkt, wie Bundy, der fleischgewordene Frauenhasser, über den weiblichen Teil der Bevölkerung dachte. Carol Ann Boone, die ihn im Gerichtssaal heiratete, hatte ihn zwar inzwischen verlassen. Aber an ihre Stelle war die junge Anwältin Diana Weiner getreten, Bundys angeblich letzte Geliebte.
Die Hinrichtung – Ted Bundy auf dem elektrischen Stuhl
Diane Weiner griff nach dem letzten verbliebenen Strohhalm zur Rettung von Bundy: Sie bereitete ein Gnadengesuch beim Gouverneur des Staates Florida vor. Dazu schrieb sie mehrere Angehörige von Opfern aus Utah und Colorado an, deren Leichen man noch nicht gefunden hatte. Sie setzte darauf, dass dieser Personenkreis ein Interesse daran hatte, noch mehr über den Verbleib ihrer Familienmitglieder von Bundy zu erfahren. Diane Weiner irrte. Niemand antwortete ihr. Gouverneur Bob Martinez machte gleichzeitig klar, dass es mit ihm keinen Handel geben würde.

Quelle: United States Department of Justice, Federal Bureau of Investigation
FBI-Agent William Hagmeier besuchte Ted Bundy ein letztes Mal am Abend vor der Hinrichtung. Bundy sprach über Selbstmord. Er wollte dem Staat nicht die Genugtuung geben, ihm beim Sterben zuzusehen. Er scheiterte mit seinem Vorhaben. Am nächsten Morgen, dem 24. Januar 1989, starb Ted Bundy um 7.16 Uhr auf dem elektrischen Stuhl. Vor der Gefängnisanstalt Raiford hatten sich geschätzte 2.000 Personen versammelt. Als ein Gefängnissprecher den Tod von Bundy verkündete, brachen die Leute in Jubel aus, sangen, tanzten und brannten ein Feuerwerk ab.
Der Leichnam von Ted Bundy landete in Gainesville, wo man ihn in einem Krematorium verbrannte. Gemäß Bundys letztem Wunsch verstreute man die Asche an einem unbekannten Ort in den Kaskaden östlich von Seattle. Dort, wo er Stephanie Brooks beim Skifahren kennengelernt hatte. Dort, wo er seine mutmaßlich ersten Opfer verscharrt hatte.
Kapitelübersicht zum Fall Ted Bundy
- Kapitel 1: Die Mordserie in Washington
- Kapitel 2: Die Morde in Utah und Colorado
- Kapitel 3: Erste Verhaftung und Lebensgeschichte
- Kapitel 4: Prozess in Utah und Flucht
- Kapitel 5: Chi Omega und Kimberly Leach
- Kapitel 6: Prozesse, Geständnisse und Hinrichtung
- Kapitel 7: Modus Operandi und Pathologie