(6) Auf der komplett schiefen Bahn

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Der Geburtsname von Aileen Wuornos lautete Aileen Carol Pittman. Sie war das zweite Kind von Diane Wuornos und Leo Dale Pittman, aus deren Ehe 1955 bereits der Sohn Keith hervorgegangen war. Schwester Aileen kam am 29. Februar 1956 zur Welt. Beide Kinder sollten ihren Vater nie bewusst kennenlernen.

Diane Wuornos, die Pittman im Alter von 15 Jahren geheiratet hatte, ließ sich von ihm wenige Monate vor der Geburt der gemeinsamen Tochter scheiden. Ihr Mann war extrem eifersüchtig und gewalttätig gegenüber seiner Frau. Zudem geriet er permanent mit dem Gesetz in Konflikt. Später wurde Pittman wegen Kindesmissbrauchs zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. 1969 erhängte er sich im Gefängnis.

Diane Wuornos sah sich nicht in der Lage, als alleinerziehende Mutter die Verantwortung für die beiden Kinder zu übernehmen. Schließlich erklärten sich ihre Eltern Lauri und Britta Wuornos 1960 bereit, die Enkel zu adoptieren. Fortan galten Aileen und Keith als Geschwister von Diane und wuchsen in Troy (Michigan), 25 km nördlich von Detroit auf. Lauri und Britta Wuornos hatten neben Diane noch zwei weitere leibliche Kinder. Die jüngste Tochter Lori war nur zweieinhalb Jahre älter als Aileen.

Ein brauner Ledergürtel

Lauri Wuornos war autoritär, stur, rechthaberisch und ein Trinker. Er verdrückte täglich zwei oder drei Flaschen billigen Muskateller-Wein, manchmal auch mehr. Er hatte strikte Regeln für alles. Wer sich mit ihm anlegte, fing sich reichlich Ärger ein. Während Lori und ihr älterer Bruder Barry – Diane war längst zu Hause ausgezogen – kaum mit ihm aneinandergerieten, sah die Sache bei Keith und Aileen von Beginn an gänzlich anders aus.

Er verdrosch die beiden Jüngsten regelmäßig mit seinem bevorzugten „Erziehungsmittel“: einem braunen Ledergürtel, der im Western-Stil geflochten war. Der Gürtel hing an der Schlafzimmertür. Aileen hatte die Aufgabe, ihn regelmäßig mit Sattelseife und einer Spülung zu reinigen. Wenn er die Kinder bestrafte, mussten sie die Hosen runterlassen, sich über den Küchentisch beugen oder mit dem Gesicht aufs Bett legen. Dann drosch er mit dem gefalteten Ledergürtel auf sie ein.

In den 1960-er Jahren waren in den USA Schläge bis hin zur körperlichen Züchtigung als Teil der Kindererziehung noch eher gesellschaftlich akzeptiert, als dies heute der Fall sein mag. Doch selbst für die damaligen Maßstäbe war Lauri Wuornos in den Augen seiner Nachbarn ein sadistischer Mistkerl, der hinsichtlich seiner Erziehungsmethoden weit übers Ziel hinausschoss.

Er gab seiner Adoptivtochter ständig zu verstehen, dass sie böse und wertlos sei. Es wäre besser gewesen, sie sei niemals geboren worden. Als Aileen neun Jahre war, erlitt sie beim Spielen mit ihren Geschwistern schwere Verbrennungen im Kopfbereich. Es blieben lebenslange Narben im Gesicht zurück. Nun wurde sie auch noch von den anderen Kindern verspottet.

Ein reines Tauschgeschäft

Im Alter von etwa elf Jahren entdeckte Aileen Wuornos durch einen Zufall, dass ihre vermeintlichen Eltern in Wahrheit ihre Großeltern waren und „Schwester“ Diane die leibliche Mutter. Spätestens ab diesem Moment lehnte sie sich massiv gegen ihre Adoptiveltern auf. Sie war kaum noch zu kontrollieren. Sie schwankte zwischen übertriebener Ängstlichkeit und aggressiven Wutausbrüchen.

Lauri Wuornos hatte ihr verboten, das Grundstück zum Spielen zu verlassen. Also schlich sie sich heimlich aus dem Haus. In einem kleinen Wäldchen am Ortsrand der Gemeinde baute sie sich gemeinsam mit anderen Kindern ein „Fort“ aus herumliegenden Bäumen und Sperrmüll. Doch in diesem Fort wurde nicht Cowboy und Indianer gespielt.

Ab ihrem 12. Lebensjahr prostituierte sich Aileen Wuornos regelmäßig. Für die sexuellen Gefälligkeiten ließ sie sich von ihren Teenager-Freunden zunächst mit Zigaretten, Bier und Geld, später auch Drogen bezahlen. Der Sex war für sie meist ein reines Tauschgeschäft ohne jegliche Emotionen und Zärtlichkeiten.

Schwanger

Im Alter von 14 Jahren wurde Aileen Wuornos schwanger. Als ihr Zustand sich nicht mehr verbergen ließ, erzählte sie ihren Adoptiveltern, sie sei von einem Fremden brutal vergewaltigt worden. Ihr Peiniger habe Elvis Presley geähnelt. Im Laufe der Zeit wandelte sie die Geschichte noch häufig ab, nannte auch Namen. Aber letztlich wusste niemand, wer der leibliche Vater des Kindes war.

Angesichts ihres Lebensstils lag die Vermutung nahe, dass es einer ihrer zahlreichen Freier war. Kondome als Verhütungsmittel waren damals unter Teenagern noch nicht sonderlich verbreitet. Aileen selbst hätte von ihren Eltern niemals die Erlaubnis erhalten, mit der Pille zu verhüten. Coitus interruptus war folglich das Mittel der Wahl. Das Risiko einer ungewollten Schwangerschaft war entsprechend hoch.

Lauri und Britta Wuornos schickten Aileen nach ihrem Geständnis in ein Mutterschaftsheim, bis das Kind 1971 zur Welt kam. Der Junge wurde umgehend zur Adoption freigegeben. Aileen Wuornos behauptete später, sowohl von ihrem Großvater als auch ihrem Bruder Keith sexuell missbraucht worden zu sein. Einer von ihnen sei womöglich auch der Vater des Kindes gewesen. Ihre Geschwister und andere Verwandte von ihr konnten oder wollten weder die Vaterschaft noch den Missbrauch bestätigen.

Todesfälle

Im Juli 1971 verstarb zudem die Großmutter Britta Wuornos, offiziell an Leberversagen. Diane, Aileens leibliche Mutter, glaubte hingegen, dass Lauri sie getötet hatte. Im Obduktionsbericht war von frischen Blutergüssen die Rede, für die niemand eine plausible Erklärung hatte.

Schwester Lori war jedoch überzeugt, dass ihre Mutter aufgrund der Aufregungen rund um Aileens Schwangerschaft und deren häufiges Schulschwänzen wieder dem Alkohol verfallen sei. Allenfalls träfe den Großvater eine Mitschuld, weil er nicht rechtzeitig einen Krankenwagen gerufen habe. Vermutlich habe er sich Sorgen gemacht, den Transport ins Krankenhaus zahlen zu müssen.

Aileen Wuornos brach die Schule ab, verließ das Zuhause, trampte durch die USA und verdiente sich ihren Lebensunterhalt weiterhin als Prostituierte. 1975 starb ihr Bruder Keith an Krebs. Ein Jahr später nahm sich ihr Großvater Lauri das Leben.

Der Multimillionär

In der gleichen Zeit reiste Aileen Wuornos per Anhalter durch Florida und stieg in den Wagen von Lewis Fell. Eine schicksalhafte Begegnung. Der 69-jährige Multimillionär verliebte sich auf der Stelle in die 20-jährige Blondine. Im Sommer 1976 heiratete das ungleiche Paar in Georgia.

Aileen Wuornos hatte scheinbar das große Los gezogen. Doch sie war nicht in der Lage oder willens, ihren Vorteil daraus zu ziehen. Sie ließ nicht von ihren Gewohnheiten ab. Sie geriet in Kneipenschlägereien und landete wegen Körperverletzung im Gefängnis. Ihren Bräutigam verdrosch sie mit dessem eigenen Gehstock. Ungefähr einen Monat nach der Hochzeit sah Lewis Fell ein, dass er einen Fehler gemacht hatte. Er ließ die Ehe annullieren.

Coming out

Während der nächsten zehn Jahre hangelte sie sich von einer gescheiterten Beziehung zur nächsten. Sie verdiente ihr Geld weiterhin mit Prostitution, kassierte darüber hinaus aber auch mehrere Anzeigen wegen Urkundenfälschung, Diebstahl, unerlaubtem Waffenbesitz und bewaffnetem Raubüberfall. Beständiger Alkohol- und Drogenkonsum rundeten den selbstzerstörerischen Lebensstil ab.

1984 lebte Aileen Wuornos erstmals in einer homosexuellen Beziehung. 1986 lernte sie die damals 24-jährige Tyria Moore in einer Lesbenbar in Daytona kennen und verliebte sich. Für eine Weile schien es zwischen den beiden großartig zu laufen. Tyria gab ihren Job als Zimmermädchen auf und Aileen sorgte für sie.

Aber Aileen Wuornos war inzwischen jenseits der 30. Ihr Lebenswandel hatte sichtbare Spuren hinterlassen. Ihr fiel es immer schwerer, Freier zu finden und genügend Geld zu verdienen. Die beiden mussten häufig Hals über Kopf ihre Unterkunft verlassen, weil sie die Zimmermiete nicht mehr zahlen konnten. Dann suchten sie Unterschlupf in der nächsten billigen Absteige, wo sie noch keine Schulden hatten.

Die Spannungen zwischen den beiden wuchsen. Wenn man Tyria Moore Glauben schenken darf, handelte es sich zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr um eine Liebesbeziehung, sondern um das Nebeneinander zweier Menschen, die ausschließlich die Angst vor der Einsamkeit einte.

Zentrales Trauma

Laut der Autorin Sue Russell fürchtete Wuornos nichts mehr, als dass sich Menschen von ihr abwenden könnten. Dieses Trauma hatte sie wieder und wieder durchlebt, angefangen bei der Mutter, die sie als Kleinkind weggab. Paradoxerweise tat sie mit ihren unkontrollierten Wutausbrüchen, ihren unberechenbaren Launen und ihrer wiederkehrenden Gefühlskälte alles dafür, um selbst jene aus ihrem Leben zu vertreiben, die es gut mir ihr meinten. Aber solche scheinbar widersprüchlichen Verhaltensmuster sind in der Psychologie bestens dokumentiert.

Unmittelbar vor und während der Mordserie befürchtete Aileens Wuornos, dass ihre Partnerin sie verlassen würde. Diese Gefühlslage und die Aussicht auf Beute mögen Auslöser für die erste Tat gewesen sein. Denn Geld war der Kitt ihrer Beziehung mit Tyria Moore. Davon war Aileen Wuornos überzeugt. Wenn sie erst wieder Bares in der Tasche hatte, würde sie ihre Geliebte halten können.

Doch dieses Motiv erklärt natürlich nicht die folgende Mordserie. Habgier spielte zwar weiterhin eine Rolle. Aber Wuornos suchte ihre Opfer nicht gezielt nach dem Kriterium aus, dass sie besonders viel Geld oder andere Wertgegenstände mit sich führten. Wahrscheinlich hat Wuornos – wie viele andere Serienmörder – Gefallen an der Macht gefunden, die sie plötzlich über das Leben eines anderen hatte. Sie hielt jetzt buchstäblich den Finger am Abzug. Sie hatte die volle Kontrolle. Ihre lebenslang aufgestaute Wut fand endlich ein Ventil und sie wurde mit einem rauschhaften Kick belohnt.

Rächerin der Unterdrückten?

Das Verfahren gegen die Serienmörderin erregte auch die Aufmerksamkeit einiger Feministinnen. Für sie war Aileen Wuornos das Opfer, das sich gegen die männliche Ausbeutung aufgelehnt hatte. Quasi eine Rächerin aller Unterdrückten. Auch diese Motivlage mag hineingespielt haben. Sie hatte ihren Körper verkauft, seit sie 11 Jahre war. Es liegt nahe, dass sie in den mehr als 20 Jahren als Prostituierte häufiger mit Demütigungen, Erniedrigungen, Ekel und sexueller Gewalt zu tun hatte – ein klassischer Nährboden für Wut und Rachegelüste.

Doch ihre Biografie macht auch deutlich, dass ihr Hass auf andere Menschen nichts mit dem Geschlecht zu tun hatte. Vereinfacht ausgedrückt: Aileen Wuornos begehrte alle und hasste jeden, wenn sie sich zurückgestoßen und ausgeschlossen fühlte. Da jede Art der zwischenmenschlichen Beziehung, die sie in ihrem Leben geführt hatte, irgendwann in Zurückweisung endete, nährte sich ihre mörderische Wut aus sehr vielen Quellen. Ihre Freier oder Männer im Allgemeinen waren nur ein Teil davon.

 

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