(2) Leichen am Highway

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Etwa zur gleichen Zeit, als Horzepa seine Ermittlungen zunächst zu den Akten legen musste, landete ein ähnlich mysteriöser Fall auf dem Tisch des Sheriffbüros von Citrus County. Am 1. Juni 1990 fand man in diesem Bezirk den nackten Leichnam eines Mannes. Die Fundstelle lag etwa 400 Meter entfernt vom US-Highway 19 in einem Waldstück südlich von Homosassa Springs. Sie war lediglich über einen kaum genutzten Waldweg erreichbar.

Der Unbekannte war durch sechs Schüsse aus einer Pistole Kaliber .22 ums Leben gekommen. Neben der Leiche stellten die Polizisten ein benutztes Kondom sicher. Der Tote konnte erst eine Woche später anhand einer Vermisstenmeldung als der 43-jährige David Spears aus Winter Gardens, einer Gemeinde westlich von Orlando, identifiziert werden.

Spears arbeitete als Lademeister für Universal Concrete, einer Betonfirma. Sein Sohn Jeff, der im gleichen Betrieb tätig war, hatte ihn zuletzt am Samstag, dem 19. Mai 1990, um 14.10 Uhr lebend gesehen. Das war nach Schichtende an diesem Tag. Die beiden hatten noch gemeinsam ein schnelles Feierabendbier getrunken.

Geschieden, nicht getrennt

Anschließend wollte der Vater auf direktem Weg nach Hause zurückkehren, wo Jeffs Mutter auf ihn wartete. Er hatte ihr versprochen, zeitig an diesem Nachmittag nach Hause zu kommen, damit sie noch zusammen ein Geschenk für ihre Tochter Debbie besorgen könnten. Die Tochter feierte am Sonntag ihren 23. Geburtstag.

David Spears war seit 1984 von seiner Ex-Frau geschieden – ohne allerdings von ihr getrennt zu sein. Die beiden waren bereits in Schulzeiten ein Paar und schließlich zwanzig Jahre verheiratet gewesen. Nach der Scheidung lebten die beiden weiterhin unter einem Dach und blieben eng befreundet.

Als die Tochter das College abgeschlossen hatte, waren sich beide auch beziehungstechnisch wieder näher gekommen. Im April 1989 hatte sich das Paar neu verlobt. Unter der Woche lebte Spears in einem Wohnwagen am Betonmischwerk. Am Wochenende bei seiner Ex-Frau.

Falsch abgebogen

Als die Polizei die Familie von David Spears über den Mord in Kenntnis setzte, konnte diese sein Verhalten nicht nachvollziehen. Es fiel den Angehörigen und insbesondere seiner Ex-Frau schon schwer, zu glauben, dass der Familienvater offenbar fremdgegangen war. Doch das Kondom schien eine eindeutige Sprache zu sprechen.

Aber Spears galt als hundertprozentig zuverlässig. Wenn er einen Termin zugesagt hatte, hielt er ihn gewöhnlich auch ein. Und wenn ihm etwas dazwischenkam, rief er an. Immer.

Im konkreten Fall war Spears irgendwo auf seiner Rückkehr nach Winter Gardens mit seiner Begleitung von der ursprünglichen Route abgebogen und hatte sich quasi in entgegengesetzter Richtung zu seinem eigentlichen Zielort bewegt. Ihm musste klar gewesen sein, dass er sich reichlich verspäten würde. Warum hatte er nicht angerufen? Plausible Ausreden hätte es genug gegeben, ohne dass sein Seitensprung dadurch aufgeflogen wäre.

Ein vertrauter Wagen

Spears Wagen hatte man bereits wenige Tage vor seiner Leiche gefunden. Am 28. Mai kehrten Robert Kerr und seine Frau von einem Kurzurlaub in Nashville (Tennessee) zurück und nutzten auf der Rückfahrt nach Florida die Interstate 75. Kurz hinter Gainesville fiel ihnen das Auto von David Spears auf, das auf dem Seitenstreifen der Autobahn parkte.

Robert Kerr war der Vorgesetzte von Spears und kannte dessen Pkw bestens. Denn er war der Vorbesitzer gewesen und hatte ihn an seinen Kollegen verkauft. Dem Wagen fehlten die Nummernschilder. Ein Reifen war platt.

Die Kerrs konnten sich keinen Reim auf ihre Beobachtung machen. Spears hätte normalerweise bei einer Panne sofort selber den Reifen ausgetauscht. Doch im Fahrzeug fehlte das Werkzeug, das er immer mit sich führte.

Die Kerrs verständigten umgehend die Polizei. Die Beamten entdeckten etwas getrocknetes Blut auf der Fahrerseite und eine geöffnete Kondompackung. Erst drei Tage später wussten sie auch, was mit dem Besitzer des Fahrzeugs geschehen war.

Leiche ohne Namen

Knapp 50 Kilometer südlich des letzten Tatorts, im Pasco County (Florida), tauchte am 6. Juni 1990 eine weitere nackte Männerleiche auf. Im Körper des Toten entdeckte die zuständige Gerichtsmedizinerin insgesamt neun Projektile vom Kaliber .22. Die Verwesung war bereits so weit fortgeschritten, dass die Pathologin bei der Obduktion keine Fingerabdrücke mehr von der Leiche nehmen konnte. Ein konkreter Name ließ sich dem Toten vorläufig nicht zuordnen.

Auch die Bestimmung des Todeszeitpunkts war schwierig. Die Gerichtsmedizinerin hielt in ihrem Bericht fest, dass der Mann vermutlich fünf Tage zuvor, also um den 1. Juni herum, verstorben war.

Der verantwortliche Ermittlungsbeamte Tom Muck hatte von dem ähnlich gelagerten Fall im Citrus County gehört. Deshalb informierte er seinen dortigen Kollegen Marvin Padgett über den Fund.

Vandalen

Nur einen Tag später, am 7. Juni 1990, entdeckte eine Polizeistreife im Marion County einen herrenlosen Cadillac Baujahr 1975. Der Wagen parkte in der Nähe des Interstate 75 nordöstlich der Gemeinde Marion Oaks. Ein Kennzeichen fehlte. Doch anhand der Fahrgestellnummer ließ sich der Halter ermitteln: Charles „Chuck“ Carskaddon.

Die Polizei ließ den Wagen nicht sofort abschleppen. Den Beamten war nicht klar, dass es sich um ein wichtiges Beweismittel in einer Morduntersuchung handeln könnte. Sie gingen zunächst von einem einfachen Fahrzeugdiebstahl oder einer illegalen Entsorgung aus.

Daher rückte das Abschleppunternehmen erst eine Woche später an, um den Wagen wegzuschaffen. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich jedoch bereits Vandalen an dem Pkw ausgetobt und das Vehikel weitgehend zerstört. Die Polizei konnte nur noch einen relevanten Fingerabdruck sicherstellen. Und dieser gehörte dem vermissten Fahrzeughalter, wie die spätere Überprüfung ergab.

Der verlorene Sohn

Der 40-jährige Chuck Carskaddon lebte im Bundesstaat Missouri und arbeitete dort als Drucker. Er war letztmals lebend gesehen worden, als er am 31. Mai gegen 16.00 Uhr das Haus seiner Mutter verließ. Sein Ziel: Tampa, Florida. Hier wollte er seine Verlobte abholen. Er kam aber nie an. Es ließ sich später lediglich rekonstruieren, dass er für die Reise aller Wahrscheinlichkeit nach den Interstate 75 genutzt hatte. Der Täter hatte ihn dann im Pasco County getötet, um den Wagen später im Marion County abzustellen.

Anfang Juli trafen sich die Mordermittler aus dem Pasco und Citrus Country. An den Gesprächen nahmen auch Vertreter des FDLE (vergleichbar einem Landeskriminalamt) und zwei Polizeibeamte aus dem Nachbarstaat Georgia teil. Denn auch dort war im Brooks County eine unbekannte, nackte Männerleiche aufgetaucht, getötet mit einer Pistole Kaliber .22.

Inzwischen arbeiteten die Behörden also an drei ungeklärten Mordfällen, die verschiedene Gemeinsamkeiten bei der Tatdurchführung aufwiesen. Zwei Morde in Florida hatten zudem beide einen Bezug zur Interstate 75. Und vom Fall Richard Mallory war vorläufig noch gar nicht die Rede. Dennoch beschäftigten sich die Ermittler ab diesem Zeitpunkt mit der Frage, ob hinter den Verbrechen ein Serienmörder stecken könnte.

Unfall mit Folgen

Den Abend des 4. Juli 1990 verbrachte das Ehepaar Bailey auf seiner Veranda in Orange Springs (Florida). Die USA feierte den Unabhängigkeitstag, die Baileys hatten frei. Gegen 20.00 Uhr fuhr ein Auto auf dem unbefestigten Weg entlang, der vor ihrem Haus verlief. Der Wagen nahm die nicht einsehbare Kurve viel zu schnell, krachte durch einen Zaun auf der gegenüberliegenden Straßenseite und schlitterte eine dicht bewachsene Böschung hinab.

Den Geräuschen nach zu urteilen, war der Wagen mit einem Baum kollidiert und dort zum Stehen gekommen. Es dauerte nicht lange und die Baileys hörten zwei aufgeregte Frauenstimmen. Die Frauen schienen sich, dem Tonfall nach zu urteilen, gegenseitig zu beschimpfen. Das Ehepaar sah außerdem einige Bierdosen durchs Gebüsch fliegen.

Die Baileys gingen zum Unfallort, um festzustellen, ob die beiden Hilfe benötigten. An der Stelle war es in der Vergangenheit bereits häufiger zu Verkehrsunfällen gekommen. Als sie sich dem Gebüsch näherten, verstummte das Geschrei schlagartig. Die schlankere der beiden Frauen, mit halblangen blonden Haaren, übernahm das Reden.

Sie flehte die Baileys an, nicht die Polizei zu rufen. Ihr Vater wohne ein Stück die Straße hinunter. Er werde ihnen helfen, das Unfallauto aus den Büschen zu ziehen. Das Angebot, das Telefon der Baileys zu benutzen, um den Vater zu benachrichtigen, schlug sie aus. Die Baileys wünschten den Frauen viel Glück und kehrten ins Haus zurück.

Sie beobachteten, wie beide zunächst zu Fuß dem Weg folgten. Dann drehten sie plötzlich um und rannten zurück zum Gebüsch. Sie starteten den Motor. Und es gelang ihnen tatsächlich, das schwer beschädigte Fahrzeug wieder zurück auf die Straße zu manövrieren. Das Auto machte zwar bedenkliche Geräusche. Doch es fuhr.

Eine rot-weiße Kühltasche

Harmon Jeters, ein weiterer Anwohner, sah die beiden Personen kurze Zeit später zu Fuß die Straße in Richtung Highway gehen. Sie führten jetzt eine rot-weiße Kühltasche mit sich. Er hielt mit seinem Wagen neben ihn an. Er wollte den Fremden eigentlich anbieten, sie in seinem Auto mitzunehmen.

Dann schaute er sich beide jedoch genauer an. Er bemerkte Blut an den Armen, Händen und im Gesicht. Er gab seinen ursprünglichen Gedanken rasch auf. Doch da fragte ihn bereits eine der beiden Personen, eine blonde Frau, ob er sie bis zur nächsten Tankstelle fahren könne. Sie hätten einen Unfall gehabt. Er habe keine Zeit, behauptete Jeters, und fuhr davon. Die Frau schickte ihm wüste Beschimpfungen hinterher.

Harmon Jeters hatte einen Schwager, der Chef der freiwilligen Feuerwehr vor Ort war. Er suchte ihn umgehend auf und erzählte ihm von den beiden seltsamen Gestalten. Feuerwehrchef Hubert Hewett setzte sich sofort in sein Dienstfahrzeug und fuhr zur beschriebenen Stelle. Doch er konnte nirgends die Personen entdecken, die ihm sein Schwager geschildert hatte.

Hewett wendete schließlich und kehrte auf dem gleichen Weg zurück, den er gekommen war. Da sah er plötzlich zwei Leute die Straße entlanggehen, auf die die Beschreibung passte. Sie hatten nach wie vor die auffällige rot-weiße Kühltasche bei sich. Aber Hewett konnte an den Personen keinerlei Blutflecken erkennen. Waren das wirklich die beiden vermeintlichen Unfallopfer?

Er sprach die Fremden direkt darauf an. Die blonde Frau antwortete ihm, dass ihm da wohl jemand ein Märchen aufgebunden habe. Sie hätten keinen Unfall gehabt. Sie seien bei zwei Typen als Anhalter mitgefahren, die sie in der Nähe abgesetzt hätten. Eigentlich seien sie auf dem Weg nach Orlando, um dort das Feuerwerk zu bewundern.

Hewett wusste nicht, was er machen sollte. Offenbar benötigten die beiden seine Hilfe nicht. Also fuhr er zurück zur Feuerwehrstation. Danach verlor sich die Spur der beiden Fremden.

 

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