Dann meldete sich die Tochter von Elisabeth Wiese, Paula Berkefeld, bei der Polizei. Sie berichtete, dass sie 1902 schwanger geworden sei, als ihre Mutter sie auf den Strich geschickt habe. Im Sommer 1902 sei sie deshalb vorübergehend von England nach Deutschland zurückgekehrt, um das Kind in Hamburg zur Welt zu bringen. Sie habe in der Zeit Unterschlupf bei dem 74-jährigen Schuhmacher Schröder gefunden, einem Freund der Familie. Nun ja, eigentlich einem Geliebten ihrer Mutter.

Kurz vor der Niederkunft sei sie bei einem Arzt gewesen. Der habe ihr schleunigst geraten, das Krankenhaus in Eppendorf aufzusuchen und dort ein Zimmer zu nehmen, bis das Kind zur Welt gekommen sei. Das habe sie sich aber nicht leisten können und deshalb die Wehen abwarten wollen. Die hätten dann schließlich auch eingesetzt, wären aber so heftig ausgefallen, dass ein Gang in die Klinik unmöglich gewesen sei. Der Schröder habe sich dann nicht anders zu helfen gewusst und sei zu Paulas Mutter gegangen, die er um Hilfe gebeten habe.

Elisabeth Wiese stiftet ihre Tochter zum Kindsmord an

Elisabeth Wiese sei dann auch umgehend in der Wohnung des Schuhmachers erschienen. Zur Begrüßung habe die Mutter sie zunächst fürchterlich geprügelt, bis Schröder der Furie endlich Einhalt geboten habe. Erst dann habe sie Geburtshilfe geleistet. Als die Nabelschnur durchtrennt gewesen sei, habe Elisabeth Wiese das Neugeborene in einen Eimer mit Wasser plumpsen lassen, danach auf einen Sack gelegt.

Paula Berkefeld konnte erkennen, dass das Kind da noch lebte. Ein Junge mit schwarzen Haaren sei es gewesen. Er habe mit den Beinen gezappelt. Dann habe die Mutter sie angestarrt und ihr gesagt: »Mach das Kind tot!« Das habe sie aber weder gekonnt noch gewollt. Kurz danach habe sie das Bewusstsein verloren und sei erst am nächsten Tag wieder erwacht. Sowohl das Kind als auch ihre Mutter seien verschwunden gewesen.

Verbrannte Kohlen

Bei Elisabeth Wiese wohnte zu diesem Zeitpunkt eine Frau Reich zur Untermiete, die man zu den Vorfällen ebenfalls befragte. Sie konnte sich erinnern, dass der Schuhmacher Schröder erschienen sei, um Elisabeth Wiese abzuholen. Nach einigen Stunden sei die Hebamme alleine zurückgekehrt. Sie habe berichtet, dass ihre Tochter einen hübschen Jungen geboren habe. Aber leider sei er bei der Geburt verstorben, sodass sie ihm für 30 Mark einen Sarg habe besorgen müssen.

Einige Tage später kam Frau Reich in die Küche und sah mehrere Eimer voller verbrannter Kohlen. Sie fragte Elisabeth Wiese, was das zu bedeuten habe. Sie habe im Ofen die Nachgeburt des verstorbenen Enkelkinds verbrannt, entgegnete ihr die Wiese lapidar.

Die Polizei gelang es am Ende nicht, wirkliche Beweismittel gegen Elisabeth Wiese zu sammeln. Weder fanden sich im Ofen menschliche Überreste noch Augenzeugen, welche die Beseitigung der Leichen oder gar die Morde beobachtet hatten. So wurde Paula Berkefeld zur Kronzeugin der Anklage. Das Charakterbild, das sie den Geschworenen von ihrer Mutter zeichnete, die ihr im Leben so übel mitgespielt hatte, war verheerend für die Angeklagte. Später vor Gericht nannte sie sie beharrlich »die Wiese«. Elisabeth Wiese revanchierte sich und bezeichnete ihre Tochter im Gegenzug nur noch als »diese Person«.

Die Giftmischerin

Trotz des Mangels an Beweisen war die Polizei der Meinung, genügend belastende Aussagen in Händen zu halten, um Elisabeth Wiese schließlich festzunehmen. Die Liste der Vorwürfe erweiterte sich anschließend noch um einen weiteren Punkt. Elisabeth Wiese hatte gegenüber Nachbarn geäußert, dass ihr Mann in letzter Zeit mit argen gesundheitlichen Problemen zu kämpfen habe. Der mache es wohl nicht mehr lang. Über den herben Verlust hoffe sie sich aber mit dem kleinen Vermögen, dass der brave Mann angespart habe, hinwegzutrösten.

Heinrich Wiese kamen die düsteren Prognosen seiner Frau zu Ohren. Er nahm sich daraufhin vor seiner Gattin in acht. Einiges war ihm in der Vergangenheit ohnehin schon seltsam vorgekommen. Mehrfach war ihm nach dem Essen, das ihm seine Frau zubereitet hatte, speiübel geworden. Und so eine schlechte Köchin war sie wahrlich nicht. Auch der Kaffee schmeckt auf einmal sehr bitter und leicht faulig. Er hatte sich übergeben müssen und mehrere Tage unter einem krampfhaften Husten gelitten. Der Husten war so heftig, dass er Nasenbluten bekam.

Bei dieser Gelegenheit hatte er es ihr auf den Kopf zugesagt: Du willst mich wohl vergiften. Den Kaffee werde ich jetzt mal untersuchen lassen. Da habe Elisabeth Wiese die Empörte gespielt, ihm die Kanne mit dem Kaffee aus der Hand gerissen und den restlichen Inhalt den Spülstein hinuntergekippt.

Gezücktes Rasiermesser

Noch blümeranter wurde dem armen Heinrich Wiese zumute, als er eines Nachts aus dem Schlaf hochschreckte und seine Frau über sich gebeugt erblickte – mit dem gezückten Rasiermesser in der Hand. Er war fest davon überzeugt, dass sie ihm in dieser Nacht die Gurgel habe durchschneiden wollen. Danach habe er kaum noch ein Auge zubekommen, wenn er schlafen gegangen sei, äußerte der Kesselflicker bekümmert. Er hatte aber offensichtlich auch nicht das Naheliegende in Erwägung gezogen: Auszug aus der gemeinsamen Wohnung. Von den Kindermorden wollte er im Übrigen nichts mitbekommen haben. Um diese Dinge habe er sich nie gekümmert, äußerte er vor Gericht. Na dann.

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(3) Die Ermordung des eigenen Enkelkinds was last modified: März 7th, 2015 by Richard Deis