Als Elisabeth Wiese in Hamburg in Untersuchungshaft saß, setzte sie nochmals alle Hebel in Bewegung, um einer Verurteilung zu entkommen. So bat sie eine ehemalige Mitbewohnerin, vor Gericht eine Falschaussage zu machen, und bot ihr im Gegenzug Geld an. Sie müsse nur beschwören, sie mit den Pflegekindern gesehen zu haben. Und dass die Kinder von Damen der feinen Gesellschaft abgeholt worden waren. Wer sollte ihr einen Meineid nachweisen können? Schließlich könne ja auch niemand das Gegenteil beweisen. Den gleichen Vorschlag unterbreitete die bauernschlaue Wiese auch einer Mitgefangenen, die die Geschichte natürlich brühwarm der Polizei weitererzählte. Elisabeth Wieses Bestechungsversuche waren damit aufgeflogen und brachten ihr vor Gericht weitere Minuspunkte ein.

Eine schlagfertige Angeklagte

Der Prozess dauerte fünf Tage. Der Staatsanwalt Dr. Hollender klagte Elisabeth Wiese in Hamburg Anfang Oktober 1904 wegen fünf vollendeter Morde, Mordversuch an ihrem Mann, Kuppelei und versuchter Verleitung zum Meineid in zwei Fällen vor dem Schwurgericht an. Die Angeklagte stritt alle gegen sie erhobenen Vorwürfe rundherum ab. Auf jede Frage, jede Vorhaltung seitens des Staatsanwalts oder des Richters hatte sie eine Antwort parat.

So behauptete sie zum Beispiel, dass eine Frau Miosga, der sie zwei Kinder übergeben habe, diese wohl ermordet habe. Sie habe nämlich besagte Frau Miosga eines Tages besucht. Auf dem Speicher habe sie ein großes Paket herumliegen sehen. Das Paket habe ganz übel gestunken. Sie habe die Miosga darauf angesprochen. Fauliges Fleisch sei das, habe sie ihr geantwortet. Sie habe vor, es am Abend in der Elbe zu entsorgen.

Der Staatsanwalt konnte Frau Miosga ausfindig machen. Diese wiederum benannte Zeugen, die bestätigten, dass sich in dem Paket tatsächlich verdorbenes Fleisch befunden hatte, das mit Sicherheit nicht menschlichen Ursprungs war. Ähnlich erging es allen anderen Schutzbehauptungen von Elisabeth Wiese. Keine hielt einer Überprüfung stand.

Vermutlich noch mehr Morde

Für das Gericht stand an einem bestimmten Punkt des Verfahrens fest, dass Elisabeth Wiese in Hamburg mehrere Säuglinge bei sich aufgenommen hatte und nicht plausibel darlegen konnte, was mit diesen Kindern geschehen war. Ob sich wirklich alle betroffenen Mütter bei der Polizei gemeldet hatten, zweifelte Staatsanwalt Dr. Hollender an. Viele Dienstmädchen, so befürchtete er, hätten sich vermutlich zu sehr geschämt und die Öffentlichmachung ihres Fehltritts gescheut, um das Verschwinden anzuzeigen.

So sprach das Gericht Elisabeth Wiese am 10. Oktober 1904 letztendlich nur wegen fünf Morden schuldig. Die Opfer waren:

  • im Sommer 1902: Peter Berkefeld, der Sohn von Paula Berkefeld
  • nach dem 26. Januar 1903: Wilhelm Karl Klotsche, geboren am 19. Oktober 1902
  • nach dem 1. April 1903: Franz Sommer, geboren 23. Dezember 1902
  • ebenfalls 1903: Peter Schultheiß
  • nach dem 16. April 1904: Bertha Blanck, geboren am 26. Februar 1903

Tod unter dem Fallbeil

Die Richter verhängten nach dem Schuldspruch der Geschworenen fünf Mal die Todesstrafe. Die zwei Jahre Zuchthaus, die sie wegen Verleitung zum Meineid und schwerer Kuppelei kassierte, fielen da nicht mehr ins Gewicht. Einzig vom Vorwurf des versuchten Gattenmordes sprach man Elisabeth Wiese frei. Vielleich hatten die Geschworenen auch nur wenig Mitleid mit dem Trinker, der wegschaute, als seine Frau einen eiskalten Kindsmord nach dem anderen beging. Am 2. Februar 1905 führte man Elisabeth Wiese in Hamburg auf den Gefängnishof der Haftanstalt Dammtor am Holstenglacis 3. Um acht Uhr morgens starb sie dort unter dem Fallbeil des Scharfrichters Alwin Engelhardt.

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Buchhinweis:
Eine ausführliche Schilderung des Falls finden Sie in „Interessante Kriminal-Prozesse“, Band 1, von Hugo Friedländer. Das Buch können Sie unter dem angegebenen Link kostenlos herunterladen.

 

 

Weitere Kapitel zum Fall Elisabeth Wiese 

(4) Prozess gegen Elisabeth Wiese in Hamburg was last modified: Juni 14th, 2015 by Richard Deis