Arthur Leigh Allen: Robert Graysmith, Medien und letzte Ermittlungen

Robert Graysmith zeichnete Cartoons für den „San Francsico Chronicle“. Die Berichterstattung rund um den Zodiac-Killer hatte er also aus nächster Nähe mitverfolgt. In ihm reifte die Idee, dass die rätselhafte Mordserie einen guten Stoff für ein Buch abgeben würde. Er stellte auf eigene Faust Nachforschungen an. Im März 1980 erfuhr er dann von Kriminalbeamten erstmals den Namen des Hauptverdächtigen Arthur Leigh Allen.

Graysmith heftete sich auf die Spur des Mannes, der inzwischen wieder aus Atascadero entlassen worden war. Er befragte viele Bekannte von ihm. Er schnüffelte ihm auf seiner Arbeitsstelle nach. Er unternahm sogar den Versuch, über den Arbeitgeber an eine Handschriftenprobe von Allen heranzukommen. Der Chef wurde misstrauisch und lehnte ab. Graysmith schickte daraufhin Freunde zu Ace Hardware, um dort verschiedene Gegenstände einzukaufen. Sie sollten ihm Quittungen besorgen, die Allen unterschrieben hatte. So wollte er an eine Handschriftenprobe gelangen.

Bestseller macht Fall schlagartig berühmt

Graysmiths Recherchen mündeten schließlich in einem Buch, das 1986 vom renommierten Verlag St. Martin’s Press unter dem Titel „Zodiac“ herausgegeben wurde. Während das öffentliche Interesse an dem Zodiac-Fall in den zehn Jahren zuvor zunehmend eingeschlafen war, füllte die Geschichte nun wieder die Titelseiten. „Zodiac“ entwickelte sich zum Bestseller und erlebte zahlreiche Neuauflagen. Graysmith wurde von einer Vielzahl an Medien als Experte angefragt.

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Robert Graysmith, 2007

Im Zentrum des öffentlichen Interesses stand ein gewisser „Bob Hall Starr“, den Graysmith als wahren Zodiac-Mörder enttarnt zu glauben meinte. Der Name war das Synonym für Arthur Leigh Allen, der zu diesem Zeitpunkt noch lebte und Graysmith vermutlich verklagt hätte, wenn er den wahren Namen gedruckt hätte.

Das Pseudonym bot für Graysmith einen weiteren Vorteil. Er konnte Fakten aussparen, die gegen die Schuld von „Starr“ sprachen, und andere Details kreativ ausschmücken oder sich komplett ausdenken, die seinen Verdächtigen schuldig wirken ließen. Wer das Buch gelesen hatte, musste zu dem Schluss gelangen, dass jener geheimnisvolle Bob Hall Starr der Zodiac-Mörder war und nichtsdestotrotz noch frei herumlief. Alleine die Frage, wer sich hinter dem Pseudonym verbarg, blieb für die Leser zunächst ungeklärt. Doch dies sollte sich bald ändern.

Der Informant

Im Dezember 1990 saß der 50-jährige Ralph Spinelli mächtig in der Patsche. Die Behörden hatten ihn wegen neun bewaffneter Raubüberfälle angeklagt. Ihm drohte eine Haftstrafe von bis zu 30 Jahren. Spinelli bemühte sich um einen Deal mit den Ermittlungsbehörden. Er versprach ihnen, den Namen des Zodiac-Killers zu enthüllen. Die Behörden wandten sich an Detective George Bawart, der den Fall für das Vallejo Police Department nach seiner Pensionierung im September 1989 als eine Art „freier Berater“ weiter verfolgte.

Bawart kontaktierte seinen Ex-Kollegen Roy Conway, der 1969 am Tatort Blue Rock Springs Park war. Den beiden Polizisten vom Vallejo Police Department war der Name Ralph Spinelli durchaus ein Begriff. Von den 1940er bis 1960er-Jahren stand die Familie Spinelli im Verdacht, Kontakte zum organisierten Verbrechen zu unterhalten. Spinelli war mehrfach verhaftet worden, aber nur in einem Fall zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt worden. 1972 hatte er mehrere bewaffnete Raubüberfalle auf Restaurants in Oregon begangen, die man ihm nachweisen konnte.

Im Januar 1991 besuchten Bawart und Conway erstmals Ralph Spinelli im Bezirksgefängnis des Santa Clara County. Doch Spinelli mauerte. Er wollte erst dann einen konkreten Namen im Zodiac-Fall nennen, wenn man ihm schriftlich zusicherte, alle Anklagepunkte gegen ihn fallen zu lassen. Darauf wollten und konnten sich die Beamten nicht einlassen. So entpuppten sich die Gespräche, die sich im Januar 1991 anschlossen, als zähes Ringen.

Am 31. Januar gelang den Polizisten dann ein Durchbruch. Spinellis Anwalt meldete sich telefonisch bei Conway. Sein Mandant habe ihn autorisiert, den Behörden den Namen zu nennen: Lee Allen. Laut Spinelli habe ihm besagter Allen erzählt, er würde sich nach San Francisco begeben, um dort einen Taxifahrer zu töten. Ein wirklicher Beweis war dies nicht. Dennoch nahm die Polizei erneut Ermittlungen gegen Arthur Leigh Allen auf.

Neue Ermittlungen

Bawart und Conway klapperten zunächst alle entscheidenden Ermittlungsbeamten ab, die sich mit dem Fall befasst hatten. Zum einen wollten sie den Ermittlungsstand kennenlernen. Zum anderen interessierte sie natürlich, ob Spinelli anderweitig hätte erfahren können, dass Allen als Hauptverdächtiger im Zodiac-Fall gehandelt wurde. In diesem Fall wären Zweifel an seiner Aussage angebracht gewesen.

Wie sich herausstellte, war die wahre Identität des besagten „Bob Hall Starr“ seit Erscheinen von Graysmiths Buch „Zodiac Unmasked“ inzwischen ein nahezu offenes Geheimnis in Kalifornien. Offensichtlich hatten mehrere Polizeibeamte in ihrem privaten Umfeld geplaudert. Von dort verbreitete sich der Name Allen in Windeseile. Ob Spinelli von diesen Geschichten gehört hatte, ließ sich nicht belegen. Aber es ließ sich eben auch nicht ausschließen.

Nichtsdestotrotz: Je mehr Bawart über Allen erfuhr, umso verdächtiger kam ihm der Mann vor. Er unterhielt sich mit Schriftsachverständigen. Er erfuhr, dass die damaligen Gutachten längst nicht so hieb- und stichfest waren, wie sie sich im ersten Moment lasen.

Bawart konsultierte einen FBI-Psychologen. Er erhoffte sich Ansatzpunkte für weitere Ermittlungen. Wonach musste er bei einem Täter wie dem Zodiac Ausschau halten? Dr. Ankron verwies auf die typischen Verhaltensweisen von Serienkillern, wie sie sich aus Sicht des FBI darstellten. Sie horteten Andenken oder Trophäen ihrer Taten, um die Verbrechen immer wieder im Geiste durchspielen zu können.

Hausdurchsuchung

Da hatte Bawart seinen Ansatzpunkt. Die Polizei musste endlich einen Durchsuchungsbeschluss erwirken, um Allens Haus auf den Kopf stellen zu dürfen. Am 13. Februar 1991 war es soweit. Ein Richter vom Amtsgericht in Vallejo und Benicia ließ sich von den Argumenten der Polizisten überzeugen und unterzeichnete ein entsprechendes Dokument.

Arthur Leigh Allen wohnte zu diesem Zeitpunkt nach wie vor im Haus seiner Mutter, die im Oktober 1989 verstorben war. Er lebte zwar alleine in dem Gebäude, bewohnte aber immer noch ausschließlich das Kellergeschoss. Ein FBI-Memorandum fasste die Eindrücke der Ermittler wie folgt zusammen: „Die Beamten beschreiben diese [Keller-]Wohnung als sehr dunkel und trostlos, fast wie ein Museum … Allen stritt jede Beteiligung an den [Zodiac-]Morden ab.“ Conway und Bawart berichteten, dass sich Allen während der Vernehmung „sehr nett, ruhig und kooperativ“ verhielt.

Dennoch machte die Polizei einige Funde, die dem Bild vom „netten Kerl“ erheblich widersprachen. So fanden die Beamten beispielsweise Tonbänder, auf denen die Schmerzensschreie eines Jungen aufgezeichnet waren, der verprügelt wurde. Allen gab zu, dass er diese Aufnahmen sexuell anregend fände. Laut dem FBI-Memorandum hortete Allen zudem ein beachtliches Waffenarsenal:

  • Ein Ruger .22 Revolver
  • Eine weitere .22er Pistole
  • Ein Ruger .44 Black Hawk
  • Ein Colt .32
  • Ein Gewehr der Marke Marlin .22
  • Ein .30 Kalibergewehr
  • Eine zweiläufige Schrotflinte Modell Stevens 835 12
  • Eine automatische Schrotflinte Marke Winchester Modell 50 20 Gauge
  • Vier Rohrbomben
  • Eine Zündschnur
  • Sieben Zünder
  • Zwei Rollen Sicherheitszündschnuren
  • neun nicht elektrische Zündkapseln
  • Rohre
  • Rohrgewinde
  • Knallkörper
  • Schwarzpulver
  • Kaliumnitrat
  • Schwefel
  • unterschiedlichste Munition
  • ein Jagdmesser

Zudem beschlagnahmte die Polizei die berüchtigte Uhr der Marke Zodiac sowie Artikel zum Zodiac-Fall. Doch unter all den Fundstücken befand sich kein einziges Beweismittel, das Allen mit einem der Morde in Verbindung brachte. Dennoch hätte man Allen festnehmen und anklagen können. Als verurteilter Straftäter durfte er keine Waffe besitzen. Geschweige denn so ein Waffenarsenal, wie es die Polizei vorgefunden hatte. Aber Allen blieb auf freiem Fuß.

Die Geschichte sickert durch

Conway und Bawart wussten, dass sie mehr Beweise finden mussten, wenn Allen für die Zodiac-Morde verhaftet werden sollte. Das Fehlen von Beweismaterial ließ der Polizei nur wenige Optionen. Ohne einen ballistischen Treffer, eine übereinstimmende Handschriftenprobe oder einen Fingerabdruck, die Allen mit Spuren an den Tatorten oder mit den Briefen in Verbindung brachten, könnte die Polizei kaum einen Bezirksstaatsanwalt von Allens Schuld überzeugen, geschweige denn einen Richter. Man musste also neue Wege einschlagen, um dennoch ans Ziel zu gelangen.

Was auch immer Conway und Bawart bis zu diesem Zeitpunkt geplant hatten, die Umstände in dieser Ermittlung änderten sich praktisch über Nacht. Die Durchsuchung von Allens Haus war von den Nachbarn nicht unbemerkt geblieben. Schnell verbreitete sich das Gerücht, dass die Polizei von Vallejo ein gesteigertes Interesse an Arthur Leigh Allen zeige.

Der Verleger Harry V. Martin startete daraufhin eine Artikelserie zum Zodiac-Fall, die er im „Napa Sentinel“, einer Boulevardzeitung, publizierte. „Nach 20 Jahren nimmt die Polizei von Vallejo wieder die Ermittlungen gegen den Hauptverdächtigen auf.“ Der Artikel identifizierte den Verdächtigen als Arthur Leigh Allen.

Sobald die Identität des Hauptverdächtigen im Zodiac-Mordfall öffentlich bekannt geworden war, konzentrierte sich die Medienaufmerksamkeit auf Allen. Sein Name verbreitete sich weit über San Francisco hinaus. Die Medien enthüllten zudem, dass Allen bereits als reales Vorbild für Bob Hall Starr aus dem Graysmith-Buch diente. Allen stand plötzlich im Rampenlicht des öffentlichen Interesses.

Schuldig auf Verdacht

Allens Nachbarn hatten bereits die Hausdurchsuchung und die anschließende Beschlagnahmung mehrerer Beweismittel beobachtet. Einige wurden sogar von der Polizei befragt. Allen hatte die meiste Zeit seines Lebens in dem Viertel verbracht. Viele Nachbarn kannten ihn seit Jahren persönlich. Die Nachricht, dass der alternde Mann einer der schwersten und berüchtigtsten Mörder in den Annalen der amerikanischen Kriminalgeschichte sein könnte, war ein Schock für einige von ihnen. Andere, die schon die früheren Ermittlungen gegen Allen miterlebt hatten, empfanden die neuere Untersuchung als Bestätigung ihrer schlimmsten Befürchtungen.

Graysmiths Darstellung von Allen alias Starr befeuerte den Verdacht zusätzlich. Und dass die Polizei von Vallejo nun ermittelte, schien diesen Verdacht zu bestätigen. Für viele galt Allen infolgedessen längst als schuldig, bevor die Polizei auch nur einen hieb- und stichfesten Beweis vorgelegt hatte. Die Tatsache, dass die Polizei Gegenstände aus Allens Haus mitgenommen hatte, schien für viele schon Beweis genug zu sein, dass man fündig geworden war. Diese Kettenreaktion sollte sich aus Sicht der Beamten noch als misslich erweisen.

Denn nachdem die Presseberichterstattung massiv einsetzte, rätselte die Bevölkerung, warum die Behörden Allen noch nicht verhaftet hatten. Diese Erwartungen konnte die Polizei nicht erfüllen. Bald fragten sich viele Beobachter, ob die Vallejo-Polizei den falschen Mann im Verdacht hatte. Andere, die wussten, dass es praktisch keine Beweise gegen Allen gab, streuten leise Zweifel.

Interviews

Die Reporterin Jacqueline Ginley interviewte Allen für einen Artikel, der im „Vallejo Times Herald“ erscheinen sollte. Allen beschwerte sich über die Hausdurchsuchung im Februar. „Die Typen haben mein komplettes Haus auseinandergenommen … Ich rief sie an, ob sie mir meine Sachen zurückschicken würden. Zwei Wochen später riefen sie zurück und sagten, dass es neue Beweise gebe.“

Zu dem Umstand, dass sein Bekannter Ralph Spinelli Auslöser für die neuerliche Untersuchung war, erklärte Allen: „Er rief mich aus Tahoe an und sagte, wir hätten 1969 ein Gespräch geführt. Und ich hätte ihm damals gesagt, dass ich nach San Francisco fahren würde und dort einen Taxifahrer erschießen wolle … Der Typ ist ein Dreckskerl und eine Ganove … Ich habe noch nie in meinem Leben mit ihm gesprochen.“

Allen behauptete, die Polizei habe ihn unter Druck gesetzt, sich einem Lügendetektor-Test zu unterziehen. Er habe darauf verwiesen, dass er an solch einem Test bereits in den 1970er-Jahren mitgemacht habe. Darauf hätten die Beamten erwidert: „Naja, du bist ein Soziopath und kannst den Lügendetektor austricksen.“

Falls Allen unschuldig war, lebte er in einem Albtraum. Allen sagte in dem Interview, er wolle einen Anwalt engagieren, könne sich den aber nicht von den 500 Dollar leisten, die er monatlich aus einer Behindertenrente erhalte. Er sagte, er sei in Kontakt mit Marvin Belli getreten, dem berühmten Anwalt aus San Francisco. Vielleicht habe der ja Interesse an dem Fall.

Melvin Belli? Hatte der nicht in den 1970er-Jahren versprochen, dem Mörder zu helfen, nachdem er einen Brief vom Zodiac erhalten hatte? Für etliche Leser galt diese Bemerkung als weiterer Beweis für Allens Schuld.

Als der Artikel unter der Überschrift „Die Zeichen deuten auf einen Mann aus Vallejo“ erschien, äußerte sich Gerald Galvin, Polizeichef von Vallejo, jedoch wie folgt: „Rechne ich mit einer baldigen Verhaftung im Zodiac-Fall? Nein, das tue ich nicht.“

Eine Verschwörung?

Andere Medienmacher nutzten die Steilvorlage und das bestehende öffentliche Interesse am Fall, um sich selbst auf die Suche nach Verdächtigen zu begeben. Besonders kreativ erwies sich dabei wieder einmal der Erfinder des Reality-TVs, Geraldo Rivera. In seiner Sendung „Now It Can Be Told“ präsentierte er die Ergebnisse seiner „Untersuchung“ zu den Zodiac-Morden.

Sein Co-Autor und Verschwörungstheoretiker Maury Terry war zu dem Schluss gekommen, dass ein satanistischer Kult für die Verbrechen des Zodiac verantwortlich sei. In einem Versuch, den Hauptverdächtigen zu entlasten, wurde Allen in Silhouette interviewt, als er zu seiner Verteidigung sagte: „Ich bin nicht der Zodiac. Ich habe nie jemanden getötet.“

Die Publicity, die der Fall inzwischen nach sich zog, entwickelte sich zum Desaster für die Polizeibehörde von Vallejo, die unter Druck stand, Beweise gegen ihren sogenannten „Hauptverdächtigen“ vorzulegen. Allen wurde inzwischen permanent überwacht.

Zwischendurch stattete die Polizei Arthur Leigh Allen unangekündigte Besuche ab. In der Hoffnung, den Verdächtigen bei einer illegalen Aktion in flagranti zu erwischen oder irgendwelche belastenden Beweise zu entdecken. Ein FBI-Memorandum deutet jedenfalls darauf hin, dass Allen mehrmals in den Monaten nach der Durchsuchung in seinem Haus vernommen wurde. Das Memo stellt fest, dass Allen immer „sehr kooperativ war, aber weiterhin leugnete, der Zodiac zu sein.“

Ein schrulliger alter Mann

Am 6. März 1992 wurde Allen in der Fernsehshow „A Current Affair“, die in den gesamten USA ausgestrahlt wurde, einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt. „Als Schlächter gebrandmarkt“ lautete der Titel eines Einspielers in der Sendung. Ein Foto des „Schlächters“ wurde eingeblendet, das ihn nur in Shorts bekleidet zeigte. Das Gesicht war verpixelt.

In dem sensationssüchtigen Stil, für den die Sendung berühmt war, erzählte der Reporter Mike Watkis mit atemloser Stimme: „Arthur Leigh Allen, langjähriger Bewohner von Vallejo und ehemaliger Lehrer, ist der Mann, von dem viele glauben, er sei der berüchtigte Zodiac-Killer. Allen hat mit diesem Etikett zwanzig Jahre gelebt. Jetzt erzählt Allen zum ersten Mal im nationalen Fernsehen seine Version der Geschichte.“

Allen saß in seinem Kellerraum und wurde nur als abgedunkelte Silhouette gezeigt. „Nun, sie konnten mich aus dem einfachen Grund nie schnappen, weil ich niemals irgendwen in meinem Leben getötet habe und dies auch nicht beabsichtige … Gott sei gedankt für unsere Verfassung, denn diese besagt, dass eine Person solange unschuldig ist, bis man ihre Schuld bewiesen hat.“

Die Polizei war frustriert über die Medienpräsenz von Allen, die ihn wie einen etwas schrulligen Mann wirken ließ, der zu Unrecht von den Behörden belästigt wurde. George Bawart und Captain Roy Conway setzten nun ihre Hoffnungen darauf, dass vielleicht ein Augenzeuge in der Lage wäre, Allen als Täter zu identifizieren. Eine solche Identifizierung konnte vielleicht eine Verhaftung rechtfertigen.

Zeugen „identifizieren“ Allen

So bat man Bryan Hartnell, Allen an seinem Arbeitsplatz aufzusuchen und ihn dort unbemerkt zu beobachten. Hartnell schaute sich den Verdächtigen sorgfältig an und sprach einmal kurz mit ihm. Hartnell sagte anschließend: „Ich kann zumindest nicht ausschließen, dass er der Täter war.“

Das überlebende Opfer Michael Mageau war nach den Schüssen im Blue Rock Springs Park praktisch vom Erdboden verschwunden. Obwohl die Polizei ihm in den Wochen nach dem Verbrechen Fotos mehrerer Verdächtiger gezeigt hatte, hatten sich die Strafverfolgungsbehörden später offenbar niemals bemüht, Kontakt zu Mageau zu halten und ihm auch ein Foto von Allen zu zeigen.

Die Produzenten der Sendung „Now It Can Be Told“ hatten hingegen scheinbar keine Mühe, Mageau aufzuspüren. In ihrer zweiten Sendung zum Zodiac-Fall filmten sie Mageau mit versteckter Kamera. Jahrelanger Alkohol- und Drogenmissbrauch hatten den hageren 44-Jährigen gezeichnet.

Die Sendung hatte den Untertitel „Der Mann, der zu viel wusste“. Die Filmcrew schickte Darlene Ferrins Schwester vor, die einen nervös und verwirrt wirkenden Mageau konfrontierte. Sie befragte ihn zu dem Namen eines geheimnisvollen Mannes, der Darlene in den Wochen, bevor sie getötet wurde, angeblich verfolgt hatte. Mageau zuckte mit den Achseln: „Ich weiß nicht, ich kann mich kaum an Namen erinnern.“

George Bawart kontaktierte Mageau im August 1991 und zeigte ihm Fotos von mehreren Männern, darunter Arthur Leigh Allen. Mageau wurde gefragt, ob einer der Personen der Attentäter sein könnte, der vor mehr als zwanzig Jahren auf ihn und Darlene geschossen hatte. Nach einem FBI-Memorandum soll Mageau Allen als Zodiac-Killer identifiziert haben. Bawart beschrieb die Identifizierung und stellte fest, dass Mageau Allens Foto sah und erklärte: „Das ist er, das ist der Mann, der auf mich geschossen hat.“ Allerdings zeigte er laut Memorandum auch auf das Bild eines anderen Mannes in der Foto-Aufstellung und äußerte, dass das Gesicht dieser Person dem Gesicht des Zodiac ähnelte.

Komplikationen

Bei den Ermittlern keimte dennoch Hoffnung auf. Denn die Identifikation des Hauptverdächtigen durch einen Augenzeugen schuf prinzipiell eine neue Beweislage, die eine Verhaftung von Allen möglicherweise rechtfertigen konnte. Doch dummerweise stimmte Mageaus ursprüngliche Beschreibung des Mörders nicht mit Allen überein. Sprich: Seine Aussagen widersprachen sich. Und ob ein Richter angesichts des massiven Alkohol- und Drogenkonsums in den vergangenen beiden Jahrzehnten nun Mageaus neuester Erklärung Glauben schenken würde, 22 Jahre nach dem Verbrechen, schien eher zweifelhaft.

Währenddessen verschlechterte sich Allens Gesundheitszustand. Der Mann war aufgrund von Diabetes inzwischen auf eine regelmäßige Nieren-Dialyse angewiesen. Die Therapie ließ ihn zunehmend dünn, kränklich und gebrechlich wirken. Es kam zu Komplikationen, die zu einer annähernden Erblindung von Allen führten. Er litt zudem unter einem großen Abszess am Fuß, der ihm jede Bewegung erschwerte. Er musste seinen Job aufgeben und verbrachte die meiste Zeit zu Hause. Um seine Einnahmen aufzubessern, hatte Allen den oberen Teil seines Hauses an eine junge Frau vermietet, während er weiterhin im Keller wohnte.

Im Frühjahr 1992 interviewte der Autor Rider McDowell Allen in seinem Haus für einen Artikel im „San Francisco Chronicle“. McDowell beschrieb den kranken und alternden Verdächtigen als entwaffnend freundlich und schrieb, dass Allen erkannt hatte, dass er „mit einer Menge böser Dinge in seinem Leben davongekommen war. Er leugnete aber jede Beteiligung am Zodiac-Fall.“ Allen sagte McDowell: „Ich war es nicht … und das ist die Wahrheit. Und wenn die Leute das glauben wollen, ist es okay für mich. Das ist ihr Problem. Ich bin in jeglicher Hinsicht durchleuchtet und entlastet worden, einschließlich der Handschriften-Proben. Ich sehe dem Typen auf den Phantombildern nicht mal ansatzweise ähnlich.“

Die Polizei von Vallejo setzte Allen weiterhin unter Druck, sich einem weiteren Lügendetektor-Test zu unterziehen. Bis Ende August 1992 schien Allen tatsächlich gewillt, bei solch einem Test mitzumachen, um sich im Zodiac-Fall von allen Vorwürfen reinzuwaschen. Er verfasste an seinem PC eine Einverständniserklärung, die an die Polizeibehörden gehen sollte, und druckte sie aus. Doch der Test fand nie statt.

Nierenversagen

Am Nachmittag des 26. August 1992 wurden die Polizei und die Feuerwehr von Vallejo benachrichtigt, dass eine Person in 32 Fresno Street Hilfe benötige. Dort fanden die Helfer Allens leblosen Körper auf dem Boden seiner Kellerwohnung. Der Hauptverdächtige in dem berühmtesten ungelösten Mordfall der kalifornischen Geschichte war tot.

Bei der Inspektion von Allens Zimmer bemerkten die Streifenbeamten Lawson und Baron den Computer auf Allens Schreibtisch und die Kopie von Allens Einverständniserklärung im Drucker. Baron setzte dann George Bawart von Allens Tod telefonisch in Kenntnis. Bawart fuhr an den Tatort und begutachtete dort Wohnung und Leichnam.

Allen trug einen Bademantel. Sein Kopf wies eine Verletzung auf, die vom Sturz auf den Boden herrühren konnte. Allerdings kam Brawart die Wunde etwas seltsam vor, obwohl sonst nichts auf Fremdeinwirkung hindeutete. Er beantragte deshalb eine Obduktion der Leiche, um die genaue Todesursache zu bestimmen. Die Autopsie ergab später, dass Allen an einem Nierenversagen infolge seiner diabetischen Erkrankung verstorben war. Die Kopfwunde hatte er sich aller Voraussicht zugezogen, als er zu Boden gestürzt war. Der Pathologe schloss Fremdverschulden aus.

Videokassetten und Disketten

Bawart untersuchte den Keller in der Fresno Street und hoffte, dass ihm doch noch Beweismittel in die Hände fielen, die Allen als Zodiac-Killer überführten. Offenbar hatte der Tote den Computer erst vor kurzer Zeit neu angeschafft. Denn ein Jahr zuvor, als die Polizei das Haus durchsucht hatte, war das Gerät noch nicht vorhanden. In der Nähe des Computers fand Bawart einen Kasten mit Disketten, die mit dem Wort „Polygon“ beschriftet worden waren.

Allen hatte eine Sammlung von Videobändern neben seinem Bett stehen. Eine Kassette lag jedoch lose auf einem Bücherregal herum. Diese Kassette war mit dem Buchstaben „Z“ beschriftet. Bawart vermutete einen Zusammenhang mit seinem Fall und bat den Beamten Sampayan, das Band zu beschlagnahmen, bis ein offizieller Durchsuchungsbeschluss vorlag. Sampayan, der die genaueren Umstände von Allens Tod untersuchen sollte, willigte ein und brachte das Videoband zur Hauptwache.

Am nächsten Tag beantragte Captain Conway einen weiteren Durchsuchungsbeschluss, um sich den Inhalt von Allens geheimnisvollem Videoband anschauen zu dürfen. Conway bat das Gericht zudem darum, Allens Computer und Disketten beschlagnahmen zu dürfen, damit sie von einem kompetenten Computerspezialisten überprüft werden konnten. Wieder gab ein Richter dem Antrag statt. Doch auch diese Untersuchung sollte sich als Reinfall entpuppen.

So fanden sich auf der „Z“-Kassette nur einige Fernsehsendungen, die sich mit dem Zodiac-Fall beschäftigten. Ebenso enttäuschend waren die Disketten. Dort waren tatsächlich Polygonzeichnungen abgespeichert, die aber keinerlei Ähnlichkeit mit den Symbolen aufwiesen, die der Zodiac in seinen Briefen verwendet hatte. Augenscheinlich hatte der relativ neue Computer nur zur Herstellung der Polygone und der Einverständniserklärung gedient. Das wirkte zwar irgendwie schrullig, blieb aber letztlich eine merkwürdige Fußnote in diesem Fall.

DNA-Überprüfung

2002, zehn Jahre nach Allens Tod, unternahm das San Francisco Police Department den vorläufig letzten Versuch, dem vormals Hauptverdächtigen die Zodiac-Morde nachzuweisen. So konnte das Kriminallabor DNA-Spuren an den Zodiac-Briefen sowie Briefmarken sichern, die vom Speichel des Absenders stammen mussten. Man verglich diese Spuren mit der DNA von Allen. Das Ergebnis fiel negativ aus.

Im Übrigen glich das SFPD im gleichen Vorgang das gesicherte DNA-Beweismaterial auch mit der DNA von Don Cheney ab, der einst der erste Zeuge war, der konkrete Vorwürfe gegen seinen Bekannten Allen erhob. Offensichtlich reichte dieser Umstand aus, um sich in den Augen der Polizei seinerseits verdächtig zu machen. Auch in diesem Fall fiel der Abgleich negativ aus.

Biografie Arthur Leigh Allen

  • 18.12.1933: Arthur Leigh Allen wird in Honolulu, Hawaii geboren.
  • 1950: Allen wächst in Vallejo, Kalifornien auf. Dort macht er an der Vallejo High 1950 seinen Highschool-Abschluss.
  • 1951-1952: Allen arbeitet als Rettungsschwimmer in Vallejo.
  • 1953: Allen arbeitet als Seiler für Mare Island Naval Shipyard in Vallejo.
  • 1957: Allen besucht das Vallejo College und schließt ein Studium der Geisteswissenschaften 1957 mit dem Associate of Arts Degree ab. Dieser Studiengrad, der in den USA üblicherweise nach einem zweijährigen Studium vergeben wird, ist in den Vereinigten Staaten zwar als akademischer Grad anerkannt, in Europa jedoch nicht. Er rangiert in der Qualität unter einem Bachelor-Abschluss.
  • 1957: Allen wird als Soldat zur U.S. Navy eingezogen.
  • 15.6.1958: Allen wird nach einem Streit mit seinem Bekannten Ralph Spinelli vom Vallejo Police Department wegen öffentlicher Ruhestörung verhaftet. Einen Monat später wird die Anzeige zurückgezogen.
  • Dezember 1958: Allen wird aus der Navy entlassen.
  • 1960: Allen besucht das Cal Poly State College in San Luis Obispo, Kalifornien, und schließt 1960 ein Lehramtsstudium mit dem Bachelor-Titel ab.
  • 1959-1962: Allen unterrichtet an der Santa Rosa Grundschule in Atascadero, Kalifornien.
  • 1961-1962: Allen arbeitet in den Sommermonaten dieser Jahre als Pfleger im Atascadero State Hospital. Dies ist die gleiche forensische Klinik, in der er während der 1970er Jahre wegen Kindesmissbrauchs einsitzen wird.
  • 1962-1963: Allen unterrichtet an einer Grundschule auf der Travis Air Force Base in Kalifornien. Dort feuert man ihn, weil er in seinem Wagen eine geladene Handfeuerwaffe mitführt, während er sich auf dem Schulgrundstück befindet.
  • 1964-1965: Allen ist wegen einer schwerwiegenden Beinverletzung krankgeschrieben, die er sich bei einem Motorradunfall zugezogen hat.
  • 1966-1968: Allen unterrichtet an der Grundschule von Valley Springs, Kalifornien. Die Schulleitung kündigt ihm 1968 wegen „unsittlichen Verhaltens“ gegenüber einem Schüler. Danach arbeitet er nie mehr als Lehrer.
  • Dezember 1968: Allens Mutter schenkt ihrem Sohn eine Armbanduhr der Marke Zodiac.
  • November 1968 – April 1969: Allen arbeitet als Teilzeitkraft an einer Tankstelle in Vallejo.
  • 1969-1970: Allen arbeitet als Hausmeister an der Elmer Cave Grundschule in Vallejo.
  • 6.10.1969: Allen wird erstmals wegen der Zodiac-Morde von der Polizei vernommen.
  • 1970-1974: Allen studiert am Sonoma State College Biologie und Chemie. Er macht alle notwendigen Scheine, erhält seinen Bachelor-Abschluss jedoch erst im Juli 1981.
  • 17.3.1971: Allens Vater stirbt im Alter von 67 Jahren. Ethan Allen war ein hochdekorierter Marinekommandant.
  • Sommer 1971: Allen absolviert ein Betriebspraktikum als Chemiker in einer Ölraffinerie in Pinole, Kalifornien. Dort wird er am 4. August 1971 von der Polizei zum Zodiac-Fall verhört, nachdem sein Bekannter Don Cheney zuvor die Behörden kontaktiert hatte.
  • 14.9.1972: Die Polizei führt eine erste Durchsuchung bei Allen durch. Der Verdächtige gibt zudem Handschriftenproben ab.
  • 27.9.1974: Allen wird wegen Kindesmissbrauchs festgenommen.
  • 14.3.1975: Nach seiner Verurteilung tritt Allen seine Strafe im Atascadero State Hospital an.
  • 31.8.1977: Allen wird nach Verbüßung seiner Strafe aus dem Atascadero State Hospital entlassen.
  • 3.1.-3.3.1978: Allen arbeitet als Mechaniker für Benicia Import Auto Service in Benicia, Kalifornien.
  • 25.6.1978-1987: Allen nimmt mehrere Gelegenheitsjobs an. Am längsten arbeitet er für Ace Hardware in Vallejo.
  • 10.1.1989: Allens Mutter stirbt.
  • 14.2.1991: Die Polizei führt eine Hausdurchsuchung bei Allen durch.
  • 26.8.1992: Allen verstirbt in seinem Haus.
  • 28.8.1992: Die Polizei erwirkt einen weiteren Durchsuchungsbeschluss für Allens Haus.

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