Son of Sam: Brief an Breslin und die Verhaftung

Am 30. Mai 1977 erreichte Jimmy Breslin ein weiteres Schreiben des Täters. Breslin war ein Kolumnist der »New York Daily News« und hatte ausführlich über den »Son of Sam«-Fall geschrieben. Der Umschlag war am selben Tag in Englewood, New Jersey, abgestempelt worden. Auf der Rückseite des Kuverts standen mehrere handgeschriebene Worte untereinander. Der Verfasser hatte sich offensichtlich sehr viel Mühe gegeben, die vier Zeilen Text exakt zu zentrieren.

Blut und Familie
Dunkelheit und Tod
Absolute Verderbnis
.44

Der Brief selbst war wieder in großen handgeschriebenen Blockbuchstaben verfasst. Der Wortlaut in einer freien Übersetzung:

Hallo aus den Rinnsteinen von New York City, die von Hundekot, Erbrochenem, abgestandenem Wein, Urin und Blut überquellen. Hallo aus der Kloake von New York City, die all diese Köstlichkeiten schlucken muss, wenn die Kehrmaschinen sie hinwegspülen. Hallo aus den Ritzen der Pflastersteine von New York City und hallo von den Ameisen, die in diesen Ritzen hausen und die sich von dem getrockneten Blut der Toten ernähren, welches in den Ritzen versickert.

Jimmy Breslin, ich schreibe Ihnen bloß ein paar Zeilen, damit Sie wissen, dass ich Ihr Interesse an diesen noch nicht lange zurückliegenden und abscheulichen .44 Kaliber-Morden zu schätzen weiß. Ich möchte Ihnen auch mitteilen, dass ich täglich Ihre Kolumne lese und sie sehr informativ finde.

Sagen Sie mir, Jim, was haben Sie am 29. Juli vor? Ich mag bei Ihnen in Vergessenheit geraten, das schert mich nicht, weil mir nichts an öffentlicher Aufmerksamkeit liegt. Allerdings dürfen Sie Donna Lauria nicht vergessen. Und Sie müssen dafür Sorge tragen, dass die Menschen sie nicht vergessen. Sie war ein sehr, sehr süßes Mädchen, aber Sam ist ein durstiger Bursche. Er lässt es nicht zu, dass ich das Morden beende, solange er nicht seine Dosis Blut bekommen hat.

Sehr geehrter Herr Breslin, denken Sie bloß nicht, dass ich mich zur Ruhe gesetzt habe, nur weil Sie seit einiger Zeit nichts mehr von mir gehört haben. Nein, mehr denn je bin ich hier. Wie ein Geist wandere ich in der Nacht umher. Durstig, hungrig, mir nur selten eine Pause gönnend; erpicht darauf, Sam zu Gefallen zu sein. Mir gefällt mein Wirken. Es hat die Leere gefüllt.

Vielleicht sollten wir uns eines Tages mal von Angesicht zu Angesicht treffen. Vielleicht pustet mich auch ein Bulle mit seiner rauchenden .38er um. Wie auch immer. Sollte mir das Glück beschieden sein, Sie persönlich kennenzulernen, werde ich Ihnen alles über Sam berichten. Wenn Sie möchten, stelle ich Sie ihm auch gerne vor. Sein Name ist »Sam, der Schreckliche«.

Da ich nicht weiß, was die Zukunft bereithält, verabschiede ich mich mit einem Lebewohl. Ich werde Sie bestimmt bei meinem nächsten Auftrag sehen. Oder sollte ich vielleicht besser sagen, Sie werden mein Werk zu sehen bekommen? Denken Sie bitte an Miss Lauria. Danke sehr.

In ihrem Blut
und aus dem Rinnstein.
»Sam’s Schöpfung« .44

Hier sind ein paar Namensvorschläge, um Ihnen bei Ihrer Arbeit auf die Sprünge zu helfen. Leiten Sie sie an einen Inspektor weiter, damit das N.C.I.C.* damit arbeiten kann:

»The Duke of Death« (= Der Todesfürst/Die Todesfaust)
»The Wicked King Wicker« (= Der abartige Weidenkönig**)
»The Twenty Two Disciples of Hell« (= Die 22 Schüler der Hölle)
»John ‘Wheaties’ – Rapist and Suffocator of Young Girls« (= John ‘Wheaties’*** – Mädchenschänder und Würger)

P.S.: J.B., bitte benachrichtigen Sie alle Kommissare, die an den Morden arbeiten. Sie sollen am Ball bleiben.

P.S.: J.B., bitte richten Sie allen Kommissaren aus, die den Fall bearbeiten, dass ich Ihnen viel Glück wünsche. »Grabt weiter, haltet durch, denkt positiv, kriegt eure Ärsche hoch, klopft auf Holz-Särge etc.«

Ich verspreche, allen Burschen, die an dem Fall arbeiten, nach meiner Festnahme ein Paar neue Schuhe zu kaufen, wenn ich das Geld dazu auftreiben kann.

»Son of Sam«

* N.C.I.C. = National Crime Information Center. Zentrale Datenbank zur Verbrechensbekämpfung, die seit 1967 besteht und vom FBI betreut wird.
** Ein »wicker man« ist eine aus Weiden geflochtene Menschenfigur, die die Gallier ihren Göttern als Brandopfer darreichten; »The Wicker Man« war aber auch ein populärer Horrorfilm aus den 1970ern, der an diese Legende anknüpfte.
***»Wheaties« ist eine in den USA bekannte Marke von Frühstücksflocken.

Inhaltsverzeichnis

Auffällige Signatur und Schrift

Nach der Unterschrift »Son of Sam« hatte der Verfasser noch eine Signatur eingefügt, die aus mehreren Symbolen bestand. Der Text klang nicht nach den üblichen Spinnern und vermeintlichen Spaßvögeln, die die Presse in solch einem Fall mit angeblichen Bekennerschreiben überschütteten. Breslin übergab den Brief der Polizei.

Der Brief unterschied sich in einigen Details vom ersten Schreiben. Die Wortwahl war deutlich anspruchsvoller. Das Schriftbild war viel akkurater. Das wirkte fast schon wie das Werk eines Profis. Die ungewöhnliche Schreibweise der Buchstaben erinnerte die Beamten an die Texte, die man in den Comicheften zu lesen bekam. Die verwendeten einen ganz ähnlichen Stil. Die Ermittler befragten daraufhin Mitarbeiter von DC Comics, einem der weltweit größten Comic-Verlage aus New York, bekannt für Serien wie Superman und Batman – ohne Ergebnis.

David Berkowitz - Son of Sam - Signatur
Signatur des „Son of Sam“, Breslin-Brief vom 30.5. 1977
David Berkowitz - son of Sam - Breslin-Brief Umschlag
Umschlag Breslin-Brief, 30.5.1977

Der Horrorfilm

Der Name »The Wicked King Wicker« war offensichtlich ein Verweis auf den Horrorfilm »The Wicker Man« aus dem Jahre 1973. Die Beamten schauten sich den Film in voller Länge an. Danach waren sie auch nicht schlauer.

Die düsterste Andeutung wohnte zweifelsohne der Frage inne: »Was haben Sie am 29. Juli so vor?« Am 29. Juli jährte sich das erste Attentat der Mordserie, bei dem Donna Lauria ums Leben kam. Die Polizei verstand die Bemerkung als unverhohlene Drohung des Killers, an diesem Tag erneut zuzuschlagen.

The Wicker Man

Der Knüller schlechthin

Für die »New York Daily News« stellte der Brief natürlich einen Scoop sondergleichen dar. Die Zeitung wollte ihn unbedingt exklusiv abdrucken. Öffentliches Interesse und so, Sie verstehen schon. Die Polizei hatte selbstredend etwas dagegen. Das Schreiben enthielt zu viele wertvolle Details. Damit ließen sich falsche von echten Geständnissen unterscheiden. Außerdem befürchtete die Polizei zu Recht, dass die Veröffentlichung die bereits bestehende Hysterie noch mehr anheizen würde. Der Druck auf die Polizei würde weiter steigen.

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Jimmy Breslin, 1977

Aber Breslin hatte logischerweise eine Kopie des Briefs angefertigt, bevor er ihn an die Polizei rausrückte. Juristisch hatte die Polizei kaum eine Handhabe, den Abdruck zu verhindern. Man konnte nur an die Vernunft der Journalisten appellieren. Am Ende liefen die Verhandlungen auf einen Kompromiss hinaus. Die »New York Daily News« druckte das Schreiben nur ausschnittsweise ab. Die Zeitung feierte am Tag der Veröffentlichung die größte Auflage ihrer Geschichte. 1,1 Millionen New Yorker wollten lesen, was der irre Serienkiller zu sagen hatte.

Nerven liegen blank

Die Befürchtungen der Polizei sollten sich bewahrheiten. Der Brief schürte die Angst der Bevölkerung. In allen Stadtvierteln gründeten sich daraufhin Bürgerwehren. Es kam zu gewaltsamen Übergriffen auf harmlose Passanten. Die Nerven lagen blank. Viele New Yorker Frauen, die wie die Opfer langes, dunkles Haar hatten, suchten einen Friseur auf. Färbe- und Bleichmittel sowie blonde Perücken waren in kürzester Zeit ausverkauft. Die Hersteller kamen mit der Produktion nicht mehr hinterher.

Klar, die Berichterstattung hatte auch positive Aspekte. Bei der Polizei gingen Tausende von Hinweisen ein. Aber die schiere Zahl überforderte selbst die personell gut ausgestattete »Operation Omega«. Zudem entpuppten sich die Informationen allesamt als Rohrkrepierer. Die Leute bezichtigten ihre Nachbarn, Kollegen, selbst ihre eigenen Verwandten. Die New Yorker ergriffen die günstige Gelegenheit und verpfiffen jeden, den sie eh nicht ausstehen konnten.

Judy Placido und Sal Lupo

Der letzte Mord lag über drei Monate zurück. Polizei und Öffentlichkeit rechneten inzwischen fest damit, dass der »Son of Sam« seine Drohung in die Tat umsetzte und bis zum 29. Juli abwartete, bevor er das nächste Mal in Erscheinung trat. Es kam anders. Am 26. Juni verließen die 17-jährige Judy Placido und ihr Freund Sal Lupo gegen 3.00 Uhr morgens die Diskothek »eléphas« in Queens. Sobald sie im Wagen saßen, feuerte der Täter drei Schüsse auf das Paar ab. Zwar wurden beide verwundet, die Verletzungen stellten sich aber als vergleichsweise harmlos heraus.

David Berkowitz - Elephas
Diskothek „eléphas“ am Queens Boulevard

Die Opfer hatten den Schützen nicht gesehen. Doch Zeugen, die sich in der Umgebung aufgehalten hatten, berichteten von einem stämmigen, dunkelhaarigen Mann, den sie davonlaufen gesehen hatten. Anderen Beobachtern war wiederum ein blonder Mann mit Schnurrbart aufgefallen, der in einem Chevy Nova unterwegs gewesen war und die Scheinwerfer ausgeschaltet hatte.

Die Polizei mutmaßte, dass der dunkelhaarige Mann der Schütze war. Der blonde Chevyfahrer hatte das Verbrechen möglicherweise beobachtet. Offen blieb nur, ob es sich dabei um einen Komplizen oder einen unschuldigen Augenzeugen handelte, der es mit der Angst zu tun bekommen hatte.

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Polizei präsentiert Medien die Phantomzeichnung

Stacy Moskowitz und Robert Violante

Am 29. Juli bereitete sich die gesamte Stadt auf einen weiteren Anschlag des »Son of Sam« vor. Die Polizei konzentrierte sich mit allen verfügbaren Kräften auf die Bronx und Queens, um diese Gebiete möglichst lückenlos zu überwachen. Die Leitung der Sonderkommission hatte detaillierte Pläne für die Errichtung von Straßensperren und Kontrollen ausgearbeitet, sollte in dieser Nacht ein verdächtiger Schusswechsel gemeldet werden. Der 29. Juli ging vorüber, ohne dass etwas passierte. Die kollektive Erleichterung sollte keine zwei Tage währen.

David Berkowitz - Stacy Moskowitz
Stacy Moskowitz

In den frühen Morgenstunden des 31. Juli 1977 knutschten Stacy Moskowitz (20) und Robert Violante (20) in Violantes Auto. Der Wagen parkte unter einer Straßenlaterne in der Nähe einer Grünanlage in Brooklyn. Um 2.35 Uhr näherte sich ein Mann dem Fahrzeug. Er blieb drei Meter von der Beifahrertür entfernt stehen und feuerte mit einem Revolver durch das Beifahrerfenster auf die beiden Insassen. Im Innern schlugen vier Schüsse ein.

Der Schütze traf sowohl Stacy Moskowtiz als auch Robert Violante am Kopf. Anschließend flüchtete der Täter zu Fuß in den Park. Moskowitz starb Stunden später im Krankenhaus. Violante überlebte die Attacke zwar, verlor dabei aber ein Augenlicht. Die Sehkraft des anderen Auges blieb für alle Zeiten stark eingeschränkt.

Der Tatzeuge

Der Schauplatz des Verbrechens erwischte »Operation Omega« auf dem falschen Fuß. Mit Brooklyn hatte dort niemand gerechnet. Bis man endlich die Ringfahndung eingeleitet hatte, war bereits eine Stunde vergangen. Zudem war der Serienmörder in einem weiteren Punkt von seinem bisherigen Verhaltensmuster abgewichen. Die ermordete Frau hatte lockiges, blondes Haar, das sie lediglich nackenlang trug. Die einzig positive Nachricht, die die Nacht für die New Yorker Polizei bereithielt: Es gab so viele Zeugen wie niemals zuvor. Darunter befand sich sogar ein unmittelbarer Tatzeuge.

David Berkowitz - Tatort Stacy Moskowitz
Brücke über den Shore Parkway in Brooklyn. Am rechten Bildrand parkte Robert Violantes Wagen.

Tommy Zaino parkte mit seinem Wagen ungefähr drei Stellplätze vor dem Auto von Robert Violante. Wie die Opfer Stacy und Bobby hatte er sich den Ort für ein nächtliches Rendezvous mit seiner Freundin ausgesucht. Tommy Zaino hatte zufällig einen Blick in den Rückspiegel geworfen, als der Täter mit der Waffe in der Hand neben Violantes Fahrzeug aufgetaucht war.

Da der Mann in diesem Moment direkt unter der Laterne gestanden hatte, hatte Zaino beste Sicht auf das Geschehen. Er schätzte den Schützen auf 25 bis 30 Jahre und etwa 1,70-1,75 m groß. Auffällig seien seine struppigen, dunkelblonden oder hellbraunen Haare gewesen. Tommy Zaino kam es so vor, als habe der Mann eine Perücke getragen.

David Berkowitz - Tommy Zaino - Phantombild 2
Phantombild nach der Beschreibung von Tommy Zaino
David Berkowitz - Tommy Zaino - Phantombild
Phantombild nach der Beschreibung von Tommy Zaino (Profil)

Widersprüchliche Zeugenbeobachtungen

Eine Anwohnerin war in ihrer Wohnung zum Fenster geeilt, als sie laute Knallgeräusche gehört hatte. Ihr war ein junger, stämmiger Mann mit dunklen Haaren aufgefallen, der die Straße entlanggeschlendert war. Sie hatte sich gewundert, weil alle anderen Passanten zum Tatort hinliefen, um Hilfe zu leisten, während er gemächlich in die entgegengesetzte Richtung ging.

Eine weitere Augenzeugin hielt sich während der Schießerei zusammen mit ihrem Freund auf der anderen Seite des Parks auf. Etwa eine Minute nach den Schüssen bemerkte sie einen Mann, der aus dem Park heraus sprintete. Sie war der festen Überzeugung, dass sich der untersetzte Weiße eine helle, billig wirkende Perücke aus Nylonfasern übergezogen habe. Er sei anschließend in einen kleineren, hellen Wagen eingestiegen und mit hoher Geschwindigkeit davongefahren.

Die Zeugin fühlte sich spontan an einen Bankräuber erinnert, habe den Gedanken aber wegen der Uhrzeit wieder verworfen. Dennoch hatte die Frau versucht, sich das Kennzeichen einzuprägen. Die ersten beiden Zeichen konnte sie nicht erkennen. Doch die Übrigen lauteten entweder 4-GUR oder 4-GVR.

Eine dritte Zeugin hatte etwa zwanzig Sekunden nach den Schüssen ein Fahrzeug beobachtet, das mit hoher Geschwindigkeit an ihr vorbeiraste. Die Frau befand sich zu diesem Zeitpunkt in derselben Straße, in der das Verbrechen geschehen war. Zwei anderen Zeugen wiederum war ein gelber VW-Käfer aufgefallen. Der Fahrer hatte die Scheinwerfer ausgeschaltet und war in der unmittelbaren Umgebung des Tatorts unterwegs.

Verfolgungsjagd

Auf einer Straßenkreuzung in der Nähe des Tatorts war es Minuten nach dem Überfall beinahe zu einem Verkehrsunfall gekommen. Wieder spielte ein gelber VW-Käfer dabei eine wichtige Rolle. Der Käfer hatte nämlich eine rote Ampel ignoriert und einem anderen Fahrzeug die Vorfahrt genommen. Der erboste Fahrer nahm daraufhin die Verfolgung des Käfers auf, verlor ihn aber nach wenigen Minuten aus den Augen.

In der Aufregung hatte der Zeuge vergessen, sich das Nummernschild zu merken. Die Polizisten probierten es daraufhin mit Hypnose. Der Mann konnte sich lediglich erinnern, dass es sich aller Wahrscheinlichkeit um ein Kennzeichen des Nachbarstaates New Jersey gehandelt hatte.

Immerhin konnte er den Fahrer des Käfers näher beschreiben. Ein Weißer Ende 20 oder Anfang 30 mit einem sehr schmalen Gesicht und langem, dunklem Haar, das ihm strähnig über die Stirn fiel. Er hatte an der Wange einen größeren Schatten wahrgenommen. Er hatte diesen für einen buschigen Backenbart gehalten. Es konnte aber auch sein, dass der Mann einfach seit Tagen unrasiert gewesen war. Außerdem habe der Käferfahrer eine blaue Jacke getragen.

Der schmuddelige Typ im Park

Das überlebende Opfer Robert Violante hatte in der Tat genau solch eine Person wahrgenommen, als er mit Stacy Moskowitz auf dem Weg zum Auto den Park durchquert hatte. Ihm war der Typ reichlich schmuddelig und abgerissen vorgekommen. »Wie ein Hippie«, sagte Violante aus. Der Mann hatte dunkle Augen, einen Backenbart und drahtiges Haar, das die Stirn fast vollkommen bedeckte. Nach der Kleidung des Fremden befragt konnte sich Violante nur noch an eine blaue Jeansjacke erinnern.

David Berkowitz - Opfer Robert Violante
Robert Violante

Das Verbrechen geschah um 2.35 Uhr, die Polizei erfuhr aber erst um 2.50 Uhr von der Schießerei. Als man Deputy Inspector Dowd, den Leiter der Sonderkommission, über den Vorfall unterrichtete, glaubte er nicht, dass er im Zusammenhang mit der Mordserie stand. Immerhin hatte das Verbrechen in Brooklyn stattgefunden, weit entfernt von den übrigen Schauplätzen der Mordserie. Also gab er auch keinen Befehl, sofort eine Ringfahndung einzuleiten.

Ein verdächtiger VW-Käfer

Doch die herbeigerufenen Streifenbeamten entdeckten Patronenhülsen, die von einer großkalibrigen Waffe stammen mussten. Die Einsatzkräfte der »Operation Omega« bekamen somit erst gegen 3.30 Uhr, etwa eine Stunde nach den Schüssen, die Order, Straßensperren an allen wichtigen Ausfallstraßen zu errichten und Personenkontrollen durchzuführen.

Da zu diesem Zeitpunkt bereits die ersten Augenzeugenaussagen vorlagen, konzentrierte man sich auf helle VW-Käfer. Die Polizei vermutete, dass es sich dabei um das Fluchtfahrzeug des gesuchten Serienmörders handelte. Die Straßensperren blieben erfolglos.

Später überprüften die Kriminalbeamten die Melderegister der Kfz-Zulassungsstellen in New York und New Jersey. In beiden Staaten waren rund 900 Käfer angemeldet. Jeder Halter wurde befragt. Auch diese Recherche verlief ergebnislos.

Die entscheidende Spur

Die Polizei hatte für den letzten Mord an Stacy Moskowitz ungewöhnlich viele Zeugen auftreiben können. Aber die entscheidende Aussage, die auf die Spur des Täters führen sollte, erreichte sie erst vier Tage nach der Tat.

Dass die Zeugin Cäcilia Davis so lange brauchte, um sich bei der Sonderkommission zu melden, war merkwürdig. Schließlich waren die Morde des »Son of Sam« Dauerthema in der Stadt. In New York war es mittlerweile Volkssport geworden, jede verdächtige Beobachtung, war sie auch noch absurd, sofort der Polizei mitzuteilen.

Cäcilia Davis erklärte ihr Zögern damit, dass sie Angst gehabt habe. Angst vor dem Täter, der sich an ihr rächen könne. Angst vor der Polizei, weil sie ursprünglich aus Österreich stamme und schlimme Erfahrungen mit der Gestapo gemacht habe.

In der Tatnacht war Davis spät nach Hause zurückgekehrt. Vor dem Schlafengehen wollte sie noch ihren Hund Gassi führen. Sie habe bei dieser Gelegenheit einen Verkehrspolizisten beobachtet, so Cäcilia Davis, der gerade ein Knöllchen geschrieben habe und es hinter den Scheibenwischer eines Wagens geklemmt habe. Das Fahrzeug habe direkt neben einem Hydranten geparkt. Anschließend sei der Polizist weggefahren.

Im nächsten Moment habe sie einen Mann auf sich zukommen sehen. Sie habe nicht erkennen können, woher der Bursche so plötzlich aufgetaucht sei. Auf jedem Fall aus dem Bereich um das verwarnte Auto herum. Der junge Mann sei weitergegangen, bis er an ihr vorbeigekommen sei. Sie habe das Gefühl gehabt, dass er sie dabei sehr genau gemustert habe.

Dann habe sie aus dem Augenwinkel bemerkt, dass der Mann irgendeinen dunklen Gegenstand in seiner Hand gehalten habe. Ihr habe das ein mulmiges Gefühl bereitet und sie sei auf dem schnellsten Weg zu ihrer Haustür gegangen. Sobald sie wieder in ihrer Wohnung gewesen sei, habe sie mehrere Schüsse gehört, die sie aber zunächst für Knallkörper gehalten habe.

David Berkowitz - Cäcilia Davis - Phantombild
Phantombild nach den Angaben von Cäcilia Davis

Das verräterische Knöllchen

Als die Aussage protokolliert war, überprüften Kriminalbeamte alle Strafzettel, die in der Mordnacht in der Umgebung des Tatorts ausgestellt worden waren. Unter den aufgeschriebenen Fahrzeugen befand sich auch ein viertüriger Ford Galaxie, Baujahr 1970, der einem gewissen David Berkowitz aus Yonkers im Norden der Bronx gehörte. Obwohl die Polizei später anderes behauptete, gehörte David Berkowitz in diesem Moment noch nicht zum Kreis der Verdächtigen. Die Polizei wollte ihn lediglich als potenziellen Tatzeugen befragen.

David Berkowitz - Strafzettel
Der Strafzettel, den David Berkowitz am 31. Juli 1977 wegen Parken vor einem Hydranten kassierte

Erst am 9. August, also fünf Tage, nachdem die Zeugin Cäcilia Davis ausgesagt hatte, rief Detective James Justus vom NYPD auf der Polizeiwache in Yonkers an. Er wollte die Kollegen darum bitten, für ihn einen Termin mit David Berkowitz zu vereinbaren, damit er ihn in der Angelegenheit befragen konnte.

Den Anruf nahm eine Telefonistin namens Wheat Carr entgegen. Sie war die Tochter von Sam Carr und die Schwester von Michael und John Carr. Für David Berkowitz spielten alle diese Personen eine besondere Rolle, wie die späteren Ermittlungen noch ergeben sollten.

Wheat Carr verband James Justis mit Sergeant Mike Novotny. Als Novotny hörte, wen die Sonderkommission vernehmen wollte, wurde er hellhörig. Denn gegen David Berkowitz ermittelte seit geraumer Zeit auch das Yonkers Police Department.

Es gab Hinweise darauf, dass der Mann für etliche anonyme Drohbriefe verantwortlich war, in denen Nachbarn wüst und wirr beschimpft worden waren. Außerdem stand Berkowitz unter Verdacht, auf den Hund eines Nachbarn geschossen zu haben. Daraufhin beschlossen die Beamten, ihren Besuch David Berkowitz nicht vorher anzukündigen.

35 Pine Street, Yonkers

Am nächsten Tag, dem 10. August, machten sich Beamten aus Brooklyn, die den Mordfall Stacy Moskowitz für die Sonderkommission bearbeiteten, nach Yonkers auf. Vor dem Mietshaus mit der Adresse 35 Pine Street, in dem David Berkowitz wohnte, entdeckten sie seinen Wagen. Sie warfen einen Blick ins Wageninnere. Sie sahen auf dem Rücksitz einen Gegenstand, den sie für ein Gewehr hielten. Daraufhin verschafften sich die Beamten Zugang zum Wagen und durchsuchten den Innenraum.

Neben dem Gewehr stand eine Sporttasche. Darin waren Munition, Straßenpläne von New York, auf denen diverse Tatorte der Mordserie markiert waren, sowie ein Drohbrief verstaut, der an Deputy Inspector Dowd, den Leiter von »Operation Omega«, gerichtet war. Die Beamten hatten keinen Zweifel mehr. David Berkowitz war ihr Mann. David Berkowitz war der »Son of Sam«.

Plan B

Das wurde nun heikel. Der Typ hat eine Kanone. Und er würde nicht mal mit der Wimper zucken, bevor er sie damit über den Haufen knallte. Das war nicht der Typ Mann, bei dem man höflich mit der Polizeimarke in der Hand an die Tür klopfte. Sie hatten die Wahl.

Sie konnten die Jungs vom Sondereinsatzkommando rufen, die den kompletten Block abriegeln und den Burschen mit Tränengas und Blendgranaten ausräuchern würden. Wenn er denn zu Hause war. Aber war David Berkowitz überhaupt zu Hause? Was, wenn er ausgeflogen war, ins traute Heim zurückkehrte und Hunderte von Bullen vor seiner Tür herumlungern sehen würde? Dann hätten sie es vermasselt.

Die Beamten entschieden sich für Plan B. Sie würden einfach so lange in ihrem Wagen warten, bis der Verdächtige vor seiner Haustür auftauchte. Die Warterei käme ihnen ohnehin zupass. Denn sie hatten ein Problem. Die Durchsuchung von Berkowitz‘ Wagen ohne richterlichen Beschluss war nicht ganz koscher gewesen. Deputy Inspector Dowd würde ihnen den Kopf abreißen, wenn er davon erfuhr.

Das Problem der illegalen Durchsuchung

Natürlich konnten sie sich darauf berufen, dass sie beim Anblick des Gewehrs auf der Rückbank von einer unmittelbaren Bedrohung ausgegangen waren. Aber im Staat New York war der Besitz einer solchen Waffe legal, das Mitführen in einem Fahrzeug ebenfalls. Jeder Anwalt der Stadt würde ihnen all die schönen Beweismittel, die sie entdeckt hatten, – die Munition, das Kartenmaterial, den Drohbrief – genüsslich um die Ohren hauen. Sie hätten jegliche Beweiskraft vor Gericht verloren, weil die Durchsuchung illegal gewesen war.

Die Ermittler konnten die Sache nur noch insofern geradebiegen, wenn ihnen ein Kollege vom Revier einen ordentlichen Durchsuchungsbeschluss beschaffen würde und ihn vorbeibrächte. Dann würden sie den Wagen nochmals offiziell überprüfen und die gesicherten Beweismittel würden in die Ermittlungsakte wandern. Doch bevor dieses Dokument eintraf, erschien David Berkowitz vor seiner Haustür.

Die Verhaftung von David Berkowitz

Berkowitz war zu Hause gewesen. Gegen 22.00 Uhr kam er aus der Tür spaziert und stieg in seinen Wagen ein. Die Beamten stürzten aus ihrem Fahrzeug und umstellten den Ford Galaxie. Sie forderten Berkowitz auf, auszusteigen. Und sie beteten zu Gott, dass er nun nicht nach dem Gewehr griff. Aber Berkowitz blieb cool. Er stieg mit erhobenen Händen aus und ließ sich widerstandslos durchsuchen.

Auf dem Beifahrersitz entdeckten die Ermittler eine Papiertüte, die Berkowitz dort beim Einsteigen abgelegt hatte. Die Tüte enthielt einen Revolver. Einen .44 Bulldog Charter Arms. Wenn der Bursche jetzt noch ein Geständnis ablegte, war klar, dass Gott an diesem Tag ihr Kopilot war. Bis hierher hatten sie ernsthafte Zweifel gehegt, dass er überhaupt im selben Geschwader unterwegs war.

Nun meldete sich auch der »Son of Sam« zu Wort. Das Erste, was David Berkowitz sagte, als er verhaftet wurde: »Okay, jetzt habt ihr mich. Warum hat das so lange gedauert?«

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David Berkowitz nach seiner Festnahme

Apartment eines Serienkillers

Im Anschluss durchsuchte die Polizei die Wohnung. David Berkowitz‘ Apartment war in einem chaotischen Zustand. Korrektur: Die Bude war das letzte Drecksloch. Die Wände waren mit wirren Sprüchen vollgekritzelt. An einer Stelle hatte Berkowitz ein handtellergroßes Loch bis ins Mauerwerk gepult. Daneben stand geschrieben: »Hi! Mein Name ist Mr. Williams und ich lebe in diesem Loch. Ich habe mehrere Kinder, die ich zu Mördern heranziehe. Wartet ab, bis sie groß geworden sind.«

David Berkowitz - Apartment
Loch in der Wand, Apartment David Berkowitz

Die Beamten entdeckten auch Tagebücher, die David Berkowitz seit 1974 geführt hatte. In dieser Zeit hatte er drei komplette Stenoblöcke vollgeschrieben. In den Büchern hatte er penibel 1.488 Brandstiftungen festgehalten, die er angeblich in diesem Zeitraum begangen hatte. Nach dem, was sie bisher vorgefunden hatten, war den Polizisten zwar nicht klar, ob sie es bei Berkowitz mit einem waschechten Irren zu tun hatten. Aber so viel stand für sie fest: Der Kerl hatte ernsthaft einen an der Waffel.

Es war ihnen ein Rätsel, wie der Bursche es geschafft hatte, so lange unter dem Radar durchzufliegen. Andererseits: Schließlich war das New York. Da musste man jederzeit mit Typen rechnen, die es sich in Drecksbuden gemütlich machten und ihren Stenoblöcken schmutzige Geheimnisse anvertrauten.

David Berkowitz - Apartment
Apartment von David Berkowitz
David Berkowitz - Apartment Pine Street
Apartment von David Berkowitz

Die Beamten überführten Berkowitz zunächst auf das Polizeirevier in Yonkers und brachten ihn anschließend zum 60. Polizeirevier auf Coney Island in Brooklyn. Dort hatte die Sonderkommission ihr Hauptquartier. Gegen 1.00 Uhr nachts traf auch Bürgermeister Beame ein, um den Verdächtigen persönlich in Augenschein zu nehmen. Die Begegnung verlief kurz, ohne dass die beiden miteinander sprachen.

Gegenüber der Presse äußerte Beame anschließend: »Die Bürger von New York City können wieder beruhigt schlafen, weil die Polizei einen Mann verhaftet hat, der aller Wahrscheinlichkeit der ‘Son of Sam’ ist.«

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New Yorker Polizisten lesen die Nachricht von der Verhaftung des „Son of Sam“

Kapitelübersicht zum Fall David Berkowitz

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