Dr. Fredric Wertham war einer dieser Ärzte, die den Geisteszustand und die Motive von Albert Fish begutachten sollten. Er war einer von drei Sachverständigen, die im Auftrag der Verteidigung tätig waren. Zunächst klärte Wertham die medizinische Vorgeschichte von Fish ab. Es stellte sich heraus, dass mehrere Familienmitglieder unter schwerwiegenden psychischen Problemen litten.

Ein Halbbruder war ebenso in einer staatlichen Heilanstalt verstorben wie ein Onkel väterlicherseits, der an einer schweren Manie erkrankt war. Ein jüngerer Bruder war geistig behindert und starb an Wasserkopf. Seine Mutter galt als »äußerst verschroben«. Es hieß, sie höre Stimmen und sehe »Dinge«. Mit anderen Worten: Sie hatte Halluzinationen. Eine Tante väterlicherseits galt als »vollkommen verrückt«. Ein Bruder war chronischer Alkoholiker, eine Schwester schwer depressiv.

Erste sexuelle Erfahrungen

Fish hatte im Verhör den Aufenthalt im Waisenhaus als Wendepunkt seines Lebens bezeichnet. Wertham wollte mehr von ihm darüber erfahren. Albert Fisch erzählte, dass sein Taufname eigentlich Hamilton Fish gelautet habe. Ein entfernter Verwandter gleichen Namens sei einst Außenminister im Kabinett von Präsident Grant gewesen. Als ihn die anderen Kinder im Heim ständig als »Ham & Eggs« verspotteten, benannte er sich in Albert um. So hieß ursprünglich ein Bruder von ihm, der bereits als Kind verstorben war. Interessanter aus Sicht des Psychiaters war Fishs Eingeständnis, dass ihn die zahlreichen Züchtigungen im Waisenhaus mit zunehmender Dauer sexuell erregt hatten. Albert Fish hatte also sehr frühzeitig masochistische Züge entwickelt.

Seine ersten praktischen sexuellen Erfahrungen hatte er mit 12 Jahren. Er fing eine Beziehung mit einem anderen Jungen an. Von dieser Zeit an suchte Fish regelmäßig Badehäuser auf, in denen er andere Jungen heimlich beim Entkleiden beobachtete. Laut Fishs Aussagen machte sein jugendlicher Liebhaber ihn auch mit sexuellen Praktiken wie Urophilie und Koprophagie bekannt. Fish experimentierte in der Folge mit immer extremeren Spielarten. Beispielsweise nahm er ein Stück Baumwolle, tränkte es mit Alkohol und schob es sich in das Rektum. Dann zündete er den Stoff an. In späteren Jahren tat er das Gleiche seinen minderjährigen Opfern an.

Kriminelle Anfänge

Als er 1890 in New York eintraf, verdingte er sich als männliche Prostituierte. Zur gleichen Zeit verübte er seine ersten Vergewaltigungen an Jungen. Fish gestand Dr. Wertham, dass er in seinem Leben viele weitere Kinder misshandelt habe – »mindestens 100«. In der Mehrzahl seien sie jünger als sechs Jahre gewesen. Meistens habe er sie mit Geld oder Süßigkeiten bestochen. Gewöhnlich habe er sich afroamerikanische Kinder als Opfer ausgesucht. Er war der Überzeugung, dass die Polizei diesen Missbrauchs- oder Vermisstenfällen weitaus weniger Aufmerksamkeit schenken würde.

Etwa um 1910 arbeitete Albert Fish in Wilmington, Delaware. Dort lernte den 19-jährigen Thomas Kedden kennen. Die beiden begannen eine sadomasochistische Beziehung. Es ist nicht klar, ob Fish seinen Liebhaber zu diesen Praktiken zwang, denn gemäß seinen Schilderungen war Kedden geistig behindert.

Als sie zehn Tage zusammen waren, brachte Fish Kedden zu einem alten Bauernhof. Dort folterte er seinen Freund zwei Wochen lang. Schließlich fesselte Fish ihn und schnitt ihm den halben Penis ab. »Ich werde nie vergessen, wie er geschrien hat. Wie er mich angeblickt hat.« Fish hatte geplant, Kedden zu töten und seinen Leichnam zu zerstückeln. Doch es war heiß und er fürchtete, dass der Verwesungsgeruch allzu schnell Leute anlocken würde.

Also schüttete er Peroxid über die Schnittwunde, wickelte ein Tuch, das er mit Vaseline präpariert hatte, um den Penis und hinterließ einen Zehndollarschein. Zum Abschied küsste er Kedden. »Hab den ersten Zug nach Hause genommen. Hab nie gehört, was mit ihm passiert ist. Und hab mich auch nicht bemüht, es herauszukriegen.«

Albert Fish kehrte niemals an den Ort zurück, in dem er ein Kind missbraucht hatte. Er behauptete, er habe in mindestens 23 Bundesstaaten gelebt. In jedem dieser Staaten habe er mindestens ein Kind getötet. Manchmal habe er seinen Job als Anstreicher verloren, weil er des Missbrauchs oder des Mordes verdächtigt wurde.

Nadeln und Wahnvorstellungen

Dr. Wertham hegte zu Beginn Zweifel, ob ihm Fish immer die Wahrheit erzählte. Eine Geschichte machte ihn besonders stutzig. Albert Fish beteuerte, er habe sich über Jahre hinweg Nadeln in die Gegend zwischen Rektum und Skrotum eingeführt. Diese Tortur habe er auch an vielen seiner Opfer wiederholt. Anfangs habe er die Nadeln nur so weit hineingestochen, dass sie stecken blieben. Mit der Zeit wäre er weitergegangen, bis die Nadeln so tief im Gewebe verschwanden, dass er sie nicht mehr herausziehen konnte. Dr. Wertham ließ Fish röntgen. Auf den Röntgenbildern waren tatsächlich 29 Nadeln zu erkennen, die in seinem Unterleib steckten.

Albert Fish - Nadeln - Röntgenbild

Albert Fish, Röntgenbild des Unterleibs

Im Alter von 55 Jahren stellten sich bei Albert Fish Halluzinationen und Wahnvorstellungen ein. Ihm erschienen Jesus Christus und die Erzengel. Sie sagten ihm, wie er sich von der Sünde reinwaschen könne. Dazu müsse er Buße tun, indem er sich selbst und anderen Leiden zufügte. Fishs Kinder erzählten Wertham, sie hätten ihren Vater beobachtet, wie er sich mit einem nagelbesetzten Paddel geschlagen habe, bis er über und über blutig war. Einmal habe er auf einem Hügel gestanden, die Hände gen Himmel gestreckt, und gerufen: »Ich bin Jesus Christus!«

Albert Fish - Paddel

Mit Nägeln besetztes Paddel

Fish glaubte, dass ihm Gott persönlich befohlen habe, kleine Jungen zu quälen und zu kastrieren. »Was ich getan habe, musste rechtens sein. Denn ansonsten hätte mir ein Engel Einhalt geboten, so wie in der Bibel ein Engel einschritt, als Abraham seinen Sohn opfern wollte.«

Nüchtern und emotionslos

Was Wertham am meisten verwunderte, war die Tatsache, dass Albert Fish all diese Dinge völlig nüchtern und emotionslos erzählte. Selbst als er detailliert schilderte, wie er den kleinen Billy Gaffney gefoltert, zerstückelt und verspeist hatte, hörte es sich an, als würde eine Hausfrau über ihr Lieblingsrezept referieren. Werthams Einschätzung: »Wie immer man aus medizinischer oder juristischer Sicht Geisteskrankheit definieren mag – dieser Bursche war eindeutig jenseits von Gut und Böse.«

Albert Fish

Aus Dr. Werthams Sicht war Albert Fish aufgrund einer fortgeschrittenen paranoiden Psychose geistig unzurechnungsfähig. Sein Fazit: »Weil Fish unter Wahnvorstellungen litt und sich gedanklich nahezu ausschließlich mit Bestrafung, Sünde, Buße, Religion, Folter und Selbstgeißelung beschäftigte, hatte er eine verzerrte, abnormale und – wenn man so will – geisteskranke Vorstellung von richtig und falsch. Er kannte nur eine einzige Kontrollinstanz für sein Handeln: Gott. Solange dieser nicht eingriff, empfand Fish sein Tun gerechtfertigt.«

 

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(7) Pathologie eines Kannibalen was last modified: Februar 24th, 2018 by Richard Deis