Zwei weitere Gutachter, die die Verteidigung bestellt hatte, kamen zum gleichen Schluss wie Dr. Wertham. Auch sie hielten Albert Fish für geisteskrank. Die Sachverständigen der Anklage gelangten allerdings zu einem gänzlich anderen Urteil. Für sie war Fish voll zurechnungsfähig.

Pikanterweise war einer dieser Psychiater Leiter einer psychiatrischen Klinik, in der Fish 1930, zwei Jahre nach dem Mord an Grace Budd, zur Beobachtung eingeliefert wurde. Er hatte bereits damals diagnostiziert, dass Albert Fish geistig gesund sei – jedoch mit dem rückblickend peinlichen Zusatz »harmlos«.

Albert Fish musste sich zunächst vor einem Gericht in White Plains, New York, wegen des Mordes an der 10-jährigen Grace Budd verantworten. Der Prozess begann am 11. März 1935. Vorsitzender Richter war Frederick P. Close, Vertreter der Anklage Elbert F. Gallagher. Fish wurde von James Dempsey verteidigt.

Stecken und Haarbürsten

Die Prozessstrategie der Verteidigung war einzig und allein darauf ausgerichtet, das Gericht von Fishs Unzurechnungsfähigkeit zu überzeugen. Rechtsanwalt Dempsey brachte die Vorgeschichte seines Mandanten zur Sprache, statt auf den eigentlichen Mordfall einzugehen. Er rief Zeugen auf, die sein krankhaftes Verhalten schilderten. Zudem ging er detailliert auf die zahlreichen Selbstgeißelungen ein, denen sich Fish unterzog.

Gleichzeitig versuchte Dempsey, die menschliche Seite des Angeklagten herauszuarbeiten. Denn trotz aller begangener Grausamkeiten habe er sich als verantwortungsbewusster Vater erwiesen, der keines seiner Kinder jemals angerührt habe. Der Anwalt rief mehrere Kinder in den Zeugenstand, die den guten und den irren Vater beschrieben.

Darunter befand sich beispielsweise Mary Nicholas, eine 17-jährige Stieftochter aus einer weiteren Ehe von Albert Fish. Sie beschrieb dem Gericht, wie Fish ihr und ihren Geschwistern ein Spiel beigebracht hatte. »Er ging auf sein Zimmer. Dort hatte er eine Badehose, eine braune Badehose. Er zog sie an und ging vor uns auf Hände und Knie. Dann drückte er uns einen Stock in die Hand, mit dem er normalerweise Farbe anrührte. »

»Wir Kinder mussten uns dann auf seinen Rücken setzen und mehrere Finger in die Höhe strecken. In dem Spiel ging es darum, dass er raten musste, wie viele Finger wir genau zeigten. Wenn er sich verschätzte, durften wir ihm mit dem Stock auf den Po schlagen. So oft, wie er mit der Schätzung daneben lag. Und er lag eigentlich jedes Mal daneben. Manchmal rief er Zahlen, die größer als zehn waren, oder drückte uns eine Haarbürste in die Hand statt des Steckens.« Mary Nicholas schilderte auch, wie sich der Vater vor den Augen der Kinder Nadeln unter die Fingernägel geschoben hatte.

Dempsey lieferte den Geschworenen eine mögliche Ursache für das gestörte Verhalten seines Mandanten. Er habe unter einer Bleivergiftung gelitten, wie sie häufig bei Anstreichern und Lackierern auftrat. Die giftigen Dämpfe, die im Farbstoff enthalten waren, schädigten nachweislich das Gehirn.

Der Schädel von Grace Budd

Die Staatsanwaltschaft gestand zwar zu, dass sich Albert Fish häufig abnorm verhalten habe und die Wesenszüge eines Psychopathen und einer sexuell pervertierten Persönlichkeit aufweise. Doch gab es aus Sicht der Anklage genügend Beweise, die belegten, dass der Angeklagte dem Gesetz nach dennoch geistig zurechnungsfähig war.

So verfüge Albert Fish trotz seines fortgeschrittenen Alters über ein ausgezeichnetes Gedächtnis, führte Staatsanwalt Gallagher aus. Er habe sich in New York und Umgebung stets tadellos orientieren können. Und es sei ihm sehr wohl bewusst gewesen, dass seine Taten als Verbrechen geahndet würden. Sonst hätte er sich wohl kaum die Mühe gemacht, sie zu vertuschen. Zudem habe er ein abgeschiedenes Haus ausbaldowert, das für seine Zwecke geeignet gewesen sei, und entsprechendes Werkzeug besorgt, um die Tat durchführen zu können. Das seien alles Merkmale, die auf eine bewusste und zielgerichtete Planung hindeuteten.

Am dritten Prozesstag präsentierte Staatsanwalt Gallagher unter wütendem Protest der Verteidigung eine Kiste mit den sterblichen Überresten von Grace Budd, die man im Landhaus geborgen hatte. Detective William King saß derweil im Zeugenstand und zitierte das Geständnis, das Albert Fish im ersten Verhör abgelegt hatte. Am Ende des Vortrags griff Staatsanwalt Gallagher in die Schachtel und präsentierte den Geschworenen mit einer dramatischen Geste den kleinen Schädel des ermordeten Mädchens.

Getilgter Kannibalismus

Verteidiger Dempsey unternahm einen letzten Anlauf, um das Gericht von der geistigen Unzurechnungsfähigkeit seines Klienten zu überzeugen. Die Staatsanwaltschaft hatte jeden Hinweis auf Fishs Kannibalismus aus der Anklageschrift getilgt. Albert Fish hatte im Verhör gestanden, dass er »unbeabsichtigt ejakuliert« habe, wie er es ausdrückte, als er das Mädchen erdrosselt habe. Diese Aussage reichte der Staatsanwaltschaft, um Fish ein Motiv für die Tat nachzuweisen: sexuelle Befriedigung.

Dempsey ließ nun Dr. Wertham in aller Ausführlichkeit schildern, wie Albert Fish sein Opfer verspeist hatte. Doch Dempseys Plan verpuffte. Er hatte gehofft, dass die Geschworenen seinen Mandanten nun als Wahnsinnigen einstufen würden. Das Gegenteil war der Fall. Sie sahen in ihm einen gewieften Lügner, der nachträglich eine wilde Geschichte erfand, um in letzter Sekunde seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen.

Mit anderen Worten: Das Gericht wollte einfach nicht wahrhaben, dass es sich bei Albert Fish um einen Kannibalen handelte. Obwohl die Polizei am Tatort Beil, Säge und Messer fand. Und trotz der Tatsache, dass die Beamten an derselben Stelle nur diejenigen Leichenteile von Grace Budd entdeckten, die Fish zuvor beschrieben hatte. Was glaubten die Geschworenen, war mit den übrigen Körpergliedern geschehen?

Hinrichtung

Der Prozess dauerte zehn Tage. Die Geschworenen benötigten weniger als eine Stunde, um zu einem Urteil zu gelangen. »Wir befinden den Angeklagten für schuldig«, verkündete der Sprecher der Jury. Richter Close verhängte anschließend die Todesstrafe gegen Albert Fish. Der Angeklagte bedankte sich artig beim Richter für den Urteilsspruch. Am 16. Januar 1936 wurde Albert Fish auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet.

Auf den Seiten der Zeitung »New Yorker Daily News« gibt es eine exzellente Fotostrecke zum Fall Albert Fish.

Offizielle Opfer

  • Francis X. McDonnell (8), verschwunden am 15. Juli 1924
  • Billy Gaffney (4), verschwunden am 11. Februar 1927
  • Grace Budd (10), verschwunden am 3. Juni 1928

Mögliche weitere Opfer

  • Emma Richardson (5), verschwunden am 3. Oktober 1926
  • Yetta Abramowitz (12), verschwunden 1927
  • Emil Aalling (4), verschwunden am 13. Juli 1930
  • Robin Jane Liu (6), verschwunden am 2. Mai 1931
  • Mary Ellen O‘Connor (16), verschwunden am 15. Februar 1932
  • Benjamin Collings (17), verschwunden am 15. Dezember 1932

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(8) Prozess und Hinrichtung was last modified: Mai 15th, 2016 by Richard Deis