4. März 2015 by

Albert Fish – Der »Vampir von Brooklyn«

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Gäbe es ein Casting-Format namens »Die Hölle sucht den Super-Bastard«, stünde der Sieger vorzeitig fest: Albert Fish. Die Dinge, die er Kindern angetan hat, sind so unfassbar grausam, dass sich die Geschworenen weigern, jedes seiner Geständnisse für wahr zu erachten. Ein Albtraum aus den vermeintlich »Goldenen 1920ern«.

Albert Fish

Albert Fish

Ein Stellengesuch

Edward Budd war 18 und strotzte nur so vor jugendlicher Kraft. Er hatte den Ehrgeiz, sich aus den ärmlichen Verhältnissen, in denen er aufgewachsen war, emporzuarbeiten. Er war sich zwar für keine Arbeit zu schade, egal wie hart sie auch sein mochte. Doch ihn zog es aufs Land hinaus, wo es reichlich Sonnenschein und frische Luft gab.

An beidem mangelte es in dem heruntergekommenen, verdreckten und viel zu engen Elendsquartier im New Yorker Stadtteil Chelsea, das sich die siebenköpfige Familie Budd teilen musste. So rückte Edward am 25. Mai 1928 ein kurzes und knackiges Stellengesuch in die Sonntagsausgabe der »New York World«: »Junger Mann, 18, wünscht Stellung in der Landwirtschaft. Edward Budd, 406 West 15th Street.«

Der Farmer

Bereits am darauffolgenden Montag erschien ein älterer Herr vor der Wohnungstür der Budds. Edwards Mutter Delia ließ ihn hinein. Der Mann stellte sich als Frank Howard vor. Er betreibe einen Bauernhof in Farmingdale auf Long Island, suche einen Gehilfen und würde sich wegen des Stellengesuchs gerne einmal mit Edward unterhalten. Delia schickte ihre 5-jährige Tochter Beatrice los. Sie sollte dem Bruder Bescheid sagen, der sich gerade bei einem Freund aufhielt. Der alte Mann lächelte das Mädchen freundlich an und überreichte ihr ein 5-Cent-Stück.

Während die beiden auf Sohn Edward warteten, hatte Delia Budd Gelegenheit, den Besucher genauer zu mustern. Der Mann hatte ein nettes Gesicht, das von einem vollen, grauen Haarschopf eingerahmt war. Ein grauer Schnurrbart, der an den Seiten weit herunterhing, dominierte das Antlitz.

Der Besucher geriet ins Plaudern. Er erzählte der Mutter, dass er mehrere Jahrzehnte lang als Innenarchitekt in New York tätig gewesen sei. Vor einigen Jahren habe er sich von seinen Ersparnissen die Farm auf Long Island gekauft. Er habe sechs Kinder, die er alleine großziehen müsse, da ihn seine Frau vor zehn Jahren verlassen habe.

Mit der Hilfe seiner Kinder, von fünf Knechten und einem schwedischen Koch habe er den Hof in einen profitablen landwirtschaftlichen Betrieb verwandelt. Inzwischen besitze er ein halbes Dutzend Milchkühe und 700 Hühner. Kürzlich habe einer seiner Gehilfen gekündigt und er benötige nun Ersatz.

Ein Traum geht in Erfüllung

Wie aufs Stichwort kam Edward Budd in diesem Moment zur Tür herein. Frank Howard stellte sich vor und beäugte den jungen Mann aufmerksam. Sogleich äußerte er sich lobend über dessen prächtige Statur. So habe er sich seinen neuen Gehilfen vorgestellt. Edward versicherte seinem Arbeitgeber in spe, dass er es gewohnt sei, hart zu arbeiten, und keine Mühen scheuen würde. Frank Howard bot ihm einen Wochenlohn von 15 Dollar an.

Edward Budd konnte sein Glück kaum fassen. Das war mehr, als er als Hilfsarbeiter in New York verdienen konnte. Er schlug hocherfreut ein. Howard ließ sich sogar überreden, Edwards besten Freund Willie ebenfalls einzustellen. Bevor Frank Howard aufbrach, versprach er, am kommenden Samstag zurückzukehren. Er würde seine beiden neuen Mitarbeiter abholen und mit ihnen gemeinsam zu seiner Farm hinausfahren.

Doch am 2. Juni 1928 warteten die Jungen vergeblich auf den freundlichen Herrn aus Long Island. Stattdessen traf ein Telegramm ein. Frank Howard entschuldigte sich darin für sein Nichterscheinen. Bedauerlicherweise sei er durch anderweitige Verpflichtungen verhindert gewesen. Er würde sich aber am folgenden Tag bei der Familie melden.

Frank Howard erschien tatsächlich am nächsten Morgen gegen elf Uhr. Er hatte den Budds einen Korb mit Präsenten mitgebracht: Erdbeeren und frischer Hüttenkäse. Das seien alles Produkte aus eigenem Anbau, verkündete er stolz.

Delia Budd überredete ihren Gast, zum Essen zu bleiben. So konnte sich Albert Budd Senior, der Familienvater, einmal eingehender mit dem zukünftigen Arbeitgeber seines Ältesten unterhalten. Albert Budd arbeitete als Pförtner bei einem Versicherungskonzern. Er hatte von Berufswegen tagtäglich mit gut gekleideten Herren zu tun. Der zerknitterte blaue Anzug, den der Farmer auftrug, beeindruckt ihn deshalb wenig.

Doch der alte Mann besaß zweifelsohne kultivierte Manieren und wusste sich auszudrücken. Er beschrieb voller Begeisterung die Freuden des Landlebens, seine 8 Hektar große Farm und die herzliche Art der Menschen, die dort lebten. Albert Budd stimmte das Gespräch sehr glücklich. Die Erzählungen des Alten entsprachen genau dem, was sich sein Sohn für die Zukunft erträumt hatte. Er hatte eine gute Wahl getroffen.

Grace Budd

Während die Familie Budd noch mit ihrem Gast zu Tisch saß, ging die Tür auf und die zehnjährige Tochter Grace trat herein. Sie kam direkt vom Gottesdienst und trug ihr Sonntagskleid aus weißer Seide, das sie zur Kommunion bekommen hatte, sowie eine Halskette aus falschen Perlen. Der Aufzug ließ sie älter erscheinen, als sie in Wirklichkeit war.

Albert Fish - Grace Budd

Grace Budd

Ihre großen braunen Augen und ihr dunkles, glänzendes Haar kontrastierten mit der alabasterweißen Haut und den pinkfarbenen Lippen. Sobald sie den Raum betreten hatte, konnte der alte Herr seine Augen kaum von dem hübschen Mädchen abwenden. »Mal sehen, wie gut du schon zählen kannst, kleine Lady«, sagte er zu ihr und reichte ihr ein dickes Bündel Geldscheine.

Den Budds verschlug es fast die Sprache. So viel Geld hatte die ärmliche Familie selten auf einem Haufen gesehen. Nur die kleine Grace behielt die Fassung. Sie zählte konzentriert und mit flinken Fingern die Scheine durch: »92 Dollar«, verkündete sie nach kurzer Zeit.

»Was für ein aufgewecktes Mädchen«, lobte Frank Howard. Er reichte ihr 50 Cent, damit sie davon für sich und ihre Schwester Beatrice ein paar Süßigkeiten kaufen konnte. Anschließend verabschiedete sich der Gast. Er habe seiner Schwester versprochen, zur Geburtstagsfeier einer Nichte zu erscheinen. Bis zum Abend kehre er zurück, um Edward und Willie abzuholen. Er gab den Jungen zwei Dollar, damit sie sich die Warterei mit einem Besuch im Kino verkürzen konnten.

Howard war fast schon zur Tür hinaus, als er sich noch einmal umdrehte. Er fragte Grace, ob es ihr gefallen würde, ihn zur Geburtsfeier seiner Nichte zu begleiten. Er versprach den Eltern, gut auf sie achtzugeben. Spätestens um 9 Uhr abends würde er sie wohlbehalten zu ihren Eltern zurückbringen.

Delia Budd wollte wissen, wo Howards Schwester lebte. Der Farmer antwortete, sie wohne in einem Mietshaus an der Ecke Columbus Avenue und 137th Street. Die Mutter war sich unschlüssig. Doch Albert Budd redete ihr zu, die Tochter gehen zu lassen. Die Abwechslung würde dem Mädchen guttun. Dann käme sie endlich mal für ein paar Stunden raus aus der finsteren Wohnung, an deren Wänden der Schimmel blühte.

Delia Budd zog Grace ihren guten Mantel über und setzte ihr einen grauen Hut mit bunten Bändern auf. Sie begleitete ihre Tochter und den alten Mann noch bis vor die Tür. Dann schaute sie den beiden nach, bis sie hinter der nächsten Straßenecke verschwunden waren.

Der Zeiger der Uhr drehte auf neun. Doch weder Grace noch Frank Howard kehrten zur Wohnung der Budds zurück. Dieses Mal erreichte die Familie auch keine Nachricht. Nach einer schlaflosen Nacht schickten die besorgten Eltern ihren Sohn Edward zum nächsten Polizeirevier, um das Verschwinden seiner Schwester anzuzeigen.

 

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Albert Fish – Der »Vampir von Brooklyn« was last modified: Mai 15th, 2016 by Richard Deis

One Response to Albert Fish – Der »Vampir von Brooklyn«

  1. Walter White

    Erstmal …. Respekt für Herrn Dreis, der sich hier die Mühe macht in die schlimmsten Abgründe abzutauchen.

    Bei manchen Typen kann man zumindest die Gründe, die ja häufig in der Kindheit liegen, noch ‚im Rahmen der Menschlichkeit‘ nachvollziehen…. bei Herrn Fish …………. mir fehlen da die Worte.

    Ich kann nur sagen, dass es gut ist, dass Herr Fish sein Ende dort fand, wo er es fand. Nicht auszudenken, man hätte ihm die Todesstrafe erspart.

    Für genau solche Menschen ist die Todesstrafe die einzige Gerechtigkeit, die den fassungslosen und traumatisierten Hinterbliebenen am Ende noch bleibt.

    Natürlich schreien seine Taten geradezu nach AUGE UM AUGE …. aber das würde dem Folterknecht wohl mehr schaden als es Herrn Fish geschadet hätte.

    Ich bin entsetzt….. das sowas auf dieser Erde existiert hat. Jetzt brauche ich eine Bier….. WAHNSINN!

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