Kurz, knapp, schmerzvoll. Zwei Fremde in einem Bahnabteil. Der eine haut dem anderen mit dem Beil die Rübe ein. Der Stoff, aus dem die Albträume jedes Bahnreisenden gestrickt sind. Ein Stück Alltagskriminalität aus dem öffentlichen Nahverkehr in Hamburg anno 1906.

Ein harmloser junger Mann

Das Verbrechen ereignete sich am 10. November 1906. Das Opfer: Dr. Claußen, ein Zahnarzt mit Praxis in Altona, die er an diesem Samstagnachmittag gegen 15.00 Uhr verließ. Claußen begab sich zum Bahnhof in Altona, um den Zug nach Blankenese zu erwischen. Dort lebte seine Familie. Die Bahn fuhr Punkt 15.33 Uhr in Altona ab. Dr. Claußen suchte sich einen Platz in einem leeren Abteil der zweiten Klasse und las Zeitung.

Kurze Zeit darauf betrat ein junger Mann das Coupé und grüßte freundlich. Dr. Claußen musterte den ihm unbekannten Fahrgast. Ein Oberschüler, vielleicht ein Student, mutmaßte der Zahnarzt. Elegant gekleidet, angenehmes Äußeres, höfliche Umgangsformen, aller Wahrscheinlichkeit nach aus gutem Hause. Dr. Claußen verlor rasch das Interesse an dem harmlos wirkenden Jüngling und widmete sich wieder seiner Zeitung. Die Geschichte über den Schustergesellen Wilhelm Voigt, der in Köpenick die Stadtkasse geklaut und das preußische Militär zum Gespött gemacht hatte, versprach weitaus mehr Spannung.

Der Schädelspalter

An den nächsten Stationen in Bahrenfeld und Groß-Flottbek gesellte sich niemand zu den beiden Fahrgästen ins Abteil. Kurz nach der Abfahrt in Groß-Flottbek zog der junge Mann dann ein Holzbeil aus der Hosentasche. Anhand der Spuren am Tatort ließ sich später rekonstruieren, dass der nun folgende Angriff auf den Zahnarzt, der nach wie vor in die Zeitungslektüre vertieft war, ohne jegliche Vorwarnung geschehen sein musste.

Der junge Mann war kräftig gebaut und hieb mit ungeheurer Wucht auf den Kopf von Dr. Claußen ein. Er traf sein argloses Opfer insgesamt fünf Mal und zertrümmerte ihm regelrecht den Schädel. Blut und Hirn spritzten in weitem Bogen herum. Dr. Claußen war auf der Stelle tot und fiel von seinem Polstersitz. Der Täter schlug wie von Sinnen immer noch auf ihn ein. Als er endlich von seinem Opfer abgelassen hatte, durchsuchte er dessen Taschen. Er raubte dem Toten den Geldbeutel, die goldene Taschenuhr samt Kette, eine Handtasche und mehrere Schlüssel. In diesem Moment ertönte die Signalpfeife des Zuges. Das nächste Ziel Klein-Flottbek war erreicht.

Der Täter stürmte sofort aus dem Zug. Am Ausgang des Bahnsteigs musste er die Sperre passieren, an welcher der Billettschaffner die Tickets kontrollierte. Der von oben bis unten mit Blut besudelte Anzug des Jünglings blieb nicht unbemerkt. Der Kontrolleur wollte wissen, was passiert sei. Der Täter murmelte, er habe Nasenbluten gehabt und lief zur nächsten Toilette. Der Bahnbedienstete kaufte ihm die Geschichte ab und ließ ihn ziehen. Der Mörder reinigte notdürftig seine Kleidung. Danach öffnete er die geraubte Brieftasche, entnahm ihr 160 Mark in bar und warf das Portemonnaie achtlos fort.

Bahnhof Klein Flottbek

Der alte Bahnhof Klein Flottbek
Quelle/Urheber: Wikipedia/Strato1

Ermittlungen der Polizei

Die Tat blieb nicht lange unentdeckt. Bereits wenige Minuten nach Abfahrt aus Klein-Flottbek fiel zwei Bahnschaffnern eine Blutspur im Waggon der zweiten Klasse auf. Das Blut war durch die Ritzen der Abteiltür gesickert, hinter der der ermordete Dr. Claußen lag. Die Nachforschungen der eingeschalteten Polizei führten dann rasch zu dem Billettschaffner in Klein-Flottbek. Der blutverschmierte junge Mann, den der Zeuge beschrieb, gab einen hervorragenden Tatverdächtigen ab.

Noch am selben Abend begann die Polizei, in den angrenzenden Stadtteilen rund um den Bahnhof Klein-Flottbek nach dem flüchtigen Täter zu fahnden. Schutzbeamte gingen durch die Straßen und informierten die Bevölkerung. Sie hängten feuerrote Plakate auf, die nicht zu übersehen waren. Die Aushänge schilderten den Raubmord in den wesentlichen Details und lieferten eine ausführliche Beschreibung des mutmaßlichen Mörders. Der Polizeipräsident hatte zur Ergreifung des Täters eine hohe Belohnung von 2.000 Mark ausgesetzt.

Verhaftung eines Tatverdächtigen

Keine drei Tage später führte die konzertierte Aktion der Polizei zum Erfolg. Am Dienstag, dem 13. November, erschien gegen 6.00 Uhr morgens Polizeiinspektor Engel mit drei Schutzpolizisten vor einem Wohnhaus in Altona. Die Beamten sprachen mit den Eigentümern, dem Ehepaar Kossmann. Sie hatten ein Zimmer an einen jungen Mann untervermietet, der seit drei Wochen arbeitslos war. Der 17-jährige Thomas Rücker galt als dringend tatverdächtig. Zeugenaussagen hatten auf seine Spur geführt. Der junge Mann war dabei beobachtet worden, wie er in den vergangenen Tagen nach dem Mord ungewöhnlich viel Geld ausgegeben hatte. Zudem stimmte sein Äußeres mit der Täterbeschreibung überein.

Thomas Rücker schlief noch, als die Vermieter die Beamten in sein Zimmer führten. Die Polizisten nahmen den jungen Mann sofort in Gewahrsam und brachten ihn auf die Polizeiwache. Anfänglich leugnete Rücker noch, etwas mit dem Verbrechen zu tun zu haben. Doch die Beamten hatten verschiedene Indizien in seinem Zimmer gesichert, mit denen sie ihn nun konfrontierten: ein blutbefleckter Anzug; Blutstropfen auf einem Schulterumhang und einer Krawattennadel; und schließlich die goldene Taschenuhr von Dr. Claußen, die Rücker in seinem Sofa versteckt hatte.

Thomas Rücker hielt dem Druck nicht stand und legte ein Geständnis ab: Ja, er sei der Mörder des Zahnarztes Dr. Claußen. Aber die Erklärung, die er für sein Verbrechen lieferte, ließ selbst die altgedienten Polizisten ungläubig staunen. Die Hintergründe der Tat belegten wieder einmal die simple Erkenntnis: Der Mensch ist sich selbst das größte Rätsel.

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Weitere Kapitel zum Fall Axtmörder Flottbek 

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Thomas Rücker – Der Axtmörder aus Altona (1/2)
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Thomas Rücker – Der Axtmörder aus Altona (1/2)
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Zwei Fremde in einem Bahnabteil. Der eine haut dem anderen mit dem Beil die Rübe ein. Der Stoff, aus dem die Albträume jedes Bahnreisenden gestrickt sind.
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Thomas Rücker – Der Axtmörder aus Altona was last modified: März 7th, 2015 by Richard Deis