Obwohl die Beweise erdrückend zu sein schienen, hatte Fritz Honka bisher beharrlich geschwiegen. Mehr als »weiß nicht« oder »schon möglich« bekamen die Beamten nicht zu hören. Honka nahm in diesen Tagen kaum Nahrung zu sich. Er schüttete stattdessen Unmengen schwarzen Kaffees in sich und paffte eine »Sheffield« nach der anderen.

Jede Menge Indizien, aber keine Beweise

Außer den Leichen hatten die Beamten in Honkas Wohnung inzwischen Brot- und Schlachtermesser sowie einen Fuchsschwanz gefunden, mit denen er die Leichen vermutlich zerstückelt hatte. Dazu die WC-Steine mit dem Fichtennadelduft.

Streng genommen handelte es sich dabei nach wie vor nur um Indizien. Fingerabdrücke, Blutspuren und sonstige Körperflüssigkeiten, die Honka mit den Opfern in Verbindung brachten, ließen sich nicht sicherstellen. Die DNA-Analyse war 1975 ohnehin noch ferne Zukunftsmusik.

Zumindest die Leichenteile im Speicher und hinter dem Etagen-Klo hätte theoretisch auch jemand anderes dort ablegen können. Um die Ermittlung abzuschließen, benötigten die Beamten also ein Geständnis des Verdächtigen. Nach zwei Wochen brach Fritz Honka endlich sein Schweigen.

Jack the Ripper und der König der Ganoven

Im Zimmer 717 des Polizeipräsidiums sprach Honka gegenüber den Vernehmungsbeamten Hans-Peter Untermann und Peter Seeler den entscheidenden Satz aus: »Ich glaub’, mir fällt da noch was ein.« Und dann: »Ich war‘s«. Allerdings schickte er dem Eingeständnis gleich die einschränkende Bemerkung hinterher: »Jack the Ripper hat es mir befohlen.«

Er faselte von sexuellen Gefühlen, die die Befehle von Jack the Ripper bei ihm ausgelöst hätten. Es war Honkas ungelenker Versuch, die Verantwortung für die Morde jemandem anderen zuzuschieben.

Honka hatte etwas über den berühmten Londoner Serienmörder in den St.-Pauli-Nachrichten oder in der Bildzeitung gelesen. In seinem Bemühen, sich und seine Gräueltaten zu erklären, hatte er zur erstbesten Assoziation gegriffen, die ihm durch den nicht allzu hellen Kopf schoss. Und im Übrigen sei er Honka, der König der Ganoven, fügte er noch an. Die wirren Sätze sollten die Vernehmungsbeamten wohl davon überzeugen, dass Honka nicht zurechnungsfähig sei. Den Ermittlern war es einerlei. Hauptsache, Honka redete endlich.

4 Promille

Aber auch als Honka endlich geständig war, blieben die Verhöre zäh. Honka konnte oder wollte nicht im Detail erklären, was in ihm vorgegangen war. Warum die Frauen hatten sterben müssen. Er sagte über seine Opfer nur Sätze wie: „Ich hab sie halt gebumst.“ Und schließlich: »Dann hab ich sie gemacht.« Mit »gemacht« meinte Honka, dass er sie umgebracht hatte.

Bei jedem seiner Morde sei er volltrunken gewesen. An Einzelheiten könne er sich nicht mehr erinnern. Immerhin reichte Honkas Erinnerungsvermögen noch aus, seinen exakten Getränkekonsum für die Tatnacht im Dezember 1970 aufzuzählen: ein Liter Weinbrand, ein viertel Liter Korn und sechs Liter Bier.

Ein Gutachter rechnete die Alkoholmenge in einen Promillewert um. Er schätzte, dass Honka in dieser Nacht 4 Promille intus hatte. Andere wären bei dieser Menge klinisch tot gewesen. Nicht so Honka mit der Monsterleber.

Die Ermordung von Gertraud Bräuer

Gertraud Bräuer konnte da nicht mithalten. Sie knallte sich die Birne zu, bis sie bewusstlos war. Doch Honka hatte noch nicht genug. In den frühen Morgenstunden rüttelte er sie wach. Er wollte mit ihr schlafen. Sofort. Die weggetretene Gertraud Bräuer lehnte lallend ab und schubste ihren Freier weg.

In diesem Moment brannten bei Honka alle Sicherungen durch. Er riss eine Gardine vom Fenster, band sie der nahezu wehrlosen Frau um den Hals und zog zu. Er habe halt Wut gehabt, dass sie sich ihm verweigert habe, äußerte Honka lakonisch zu seinem Motiv.

Die Beseitigung der Leiche

Irgendwann dämmerte auch dem hackedichten Honka, dass er nun ein gewaltiges Problem hatte. Instinktiv wollte er die Leiche so schnell wie möglich aus seiner Wohnung schaffen. Ein Auto besaß er nicht. Selbst wenn. Bis zum Wagen wäre er mit der Toten erst gar nicht gekommen.

Für das schmächtige Kerlchen war bereits an der steilen Treppenstiege Endstation. »Die war einfach zu schwer. Als ich die Leiche wegschaffen wollte, bin ich im Treppenhaus gestolpert und heruntergepurzelt.«

Simpel und praktisch

Honka dachte simpel und praktisch. Wenn er die Frau nicht am ganzen Stück die Treppe hinunterschaffen konnte, musste er den Leichnam halt zerstückeln. So machte er sich mit einem Fuchsschwanz an die Arbeit.

Einen Teil der sterblichen Überreste schleppte er auf das Gelände der Schokoladenfabrik. Die Polizei hatte also ganz richtig gemutmaßt, dass es sich beim Täter um einen Anwohner mit Ortskenntnissen handelte. Honka wusste, dass die Leute dort jede Menge Müll abluden. Er schätzte das Risiko, entdeckt zu werden, als relativ gering ein.

Aber dann hatte er mittendrin aufgehört, die Leichenteile abzutransportieren. Vielleicht war ihm plötzlich die Gefahr zu groß erschienen, dass ihn jemand mit den verdächtigen Paketen in der Hand beobachten könnte. Möglicherweise war er auch nur zu faul.

Die Überbleibsel von Gertraud Bräuers Leiche versteckte er zunächst hinter einem Verschlag in seiner Küche. Und als man knapp ein Jahr später die Leichenreste auf dem Brachland fand, mag ihn das darin bestätigt haben, dass der Dachboden ein wesentlich sicheres Versteck darstellte. Denn dies hatte weiland noch niemand entdeckt.

Das Geruchsproblem

Von ausgesprochener Intelligenz zeugte dieses Vorgehen natürlich nicht. Jemand bei halbwegs klarem Verstand wäre sich bewusst gewesen, dass die verwesenden Leichen über kurz oder lang einen üblen Gestank im Haus verbreiten würden.

Ein Kriminologe machte den interessanten Einwand, dass bei Alkoholikern der Geruchssinn stark eingeschränkt ist. Vielleicht hatte Honka den Geruch also überhaupt nicht so intensiv wahrgenommen wie andere Menschen. Doch spätestens, als der Hausmeister bei ihm klingelte, muss ihm klar geworden sein, dass er Gefahr lief, aufzufliegen.

Sein jämmerlicher Versuch, den Verwesungsgeruch mit WC-Steinen zu überdecken, ließ erkennen, dass er die Situation nicht im Entferntesten unter Kontrolle hatte. Es war reines Glück, dass die Mieter des Hauses lieber mit der Geruchsbelästigung lebten, anstatt der Ursache hierfür auf den Grund zu gehen. Ein Anruf bei der Feuerwehr oder einer sonstigen städtischen Behörde hätte vermutlich gereicht und Honka wäre schon früher das Handwerk gelegt worden.

Lange Pause zwischen erstem und zweitem Mord

Zwischen dem ersten und zweiten Mord vergingen fast vier Jahre. Für Serienmörder ein ungewöhnlicher langer Zeitraum. Eine Erklärung hatte Honka nicht. Wenn man ihm zuhörte, war jede Tat eher zufällig geschehen.

Allerdings gab es im Sommer 1972 den mutmaßlichen Vergewaltigungsversuch von Ruth D., bei dem Honka das Opfer verletzte. Handelte es sich in Wahrheit um einen misslungenen Mordversuch? Wer weiß schon, was in Honkas düsterer Birne vor sich ging.

Honka war jeder Anlass recht

Der Grund, warum Gertraud Bräuer sterben musste, war an Banalität kaum zu überbieten. Aber was sollte man erst von Honkas Begründung für den Tod von Anna Beuschel halten? Honka hatte sie im »Goldenen Handschuh« mit Fanta-Korn abgefüllt. Dann waren sie zu seiner Wohnung getorkelt.

Honka wollte Sex. Sie weigerte sich zwar nicht, doch sie ließ wenig Zweifel aufkommen, dass sie keinerlei Gefallen daran fand. Honka sagte, sie habe sterben müssen, weil sie »im Bett lag wie ein Brett«. Er erwürgte sie, zerstückelte ihre Leiche und schaffte sie auf den gegenüberliegenden Dachboden.

Dass Honka jeder Anlass recht war, um zu morden, wurde vier Monate später deutlich. Frieda Roblick verkaufte sich für 200 Mark an Honka. Im Hinblick auf die sexuelle Gefälligkeit hatte er dieses Mal nichts zu bemängeln. Doch angeblich habe er Friede Roblick dabei ertappt, so Honka im Verhör, wie sie versucht habe, ihm weitere zweihundert Mark zu klauen. Da erwürgte er die Frau und legte sie zu den anderen.

Nur einen Monat später erregte Ruth Schult den Unmut des Serienmörders. Die 52-Jährige war bei Honka eingezogen. Drei Wochen lebte das Paar zusammen, als es zum tödlichen Streit kam. Sie warf ihm an den Kopf, dass sie ihn mit Syphilis angesteckt habe. Honka geriet in Panik. Sie lachte ihn aus. In Honka kochte die Wut. Er zog ihre eine Kornflasche über den Schädel. Anschließend erdrosselte er sie mit einem Damenstrumpf.

Dieses Mal zerstückelte er den Leichnam nicht nur, sondern rächte sich an seinem Opfer, indem er es zusätzlich verstümmelte. Der Bericht der Rechtsmedizin hielt dazu fest: „Beide Brüste abgetrennt. Ohrmuscheln glatt abgeschnitten. Nasen- und Zungenspitze abgetrennt.“

 

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(5) Fritz Honka, der »König der Ganoven« was last modified: Februar 25th, 2016 by Richard Deis