Die Polizei kommt dem Serienmörder Fritz Honka durch einen Hausbrand auf die Spur, der die verwesten Leichenteile von vier Frauen freilegt. Der unscheinbare Nachtwächter hat sich seine Opfer in den Trinkerhöllen von St. Pauli gesucht, wo sie niemand vermisst. Die Presse verklärt den grenzdebilen Säufer zum »Blaubart von Mottenburg«.

Fritz Honka

Fritz Honka

Feuer in Ottensen

Der 17. Juli 1975 war ein drückend heißer Sommertag. Noch bevor ganz Hamburg über die Hitze stöhnen sollte, stand die Zeißstraße 74 bereits in hellen Flammen. Um 3.37 Uhr ging bei der Feuerwache Hamburg-Altona von dort ein Notruf ein. Im 2. Obergeschoss des Sechsfamilienhauses im Stadtteil Ottensen brannte es.

Die anrückende Feuerwehr hatte ihre Probleme. Die enge Wohnstraße bot kaum Platz zum Rangieren. Die parkenden Pkws versperrten den direkten Weg zum Brandort. Das schmale Treppenhaus mit seinen steilen Stiegen war bereits stark verqualmt. Die Feuermänner gelangten schließlich zur Brandwohnung und brachen die Tür auf. Sie retteten dort eine Person. Das Feuer war dann relativ schnell gelöscht.

Es stellte sich heraus, dass der Mieter der Wohnung – ein norwegischer Matrose – seine Stromrechnung nicht bezahlt hatte. Der Mann hatte sich mit Kerzen beholfen, war allerdings in der Nacht bei Kerzenschein eingeschlafen. Eine der Kerzen war umgekippt und hatte den Wohnungsbrand ausgelöst. Der Fall schien so weit geklärt.


Hinter dem linken Mansardenfenster befand sich Fritz Honkas Wohnung. Direkt darunter im 2. Obergeschoss brannte es am 17. Juli 1975.

 

Tückischer Schwelbrand

Doch in dem Altbau aus dem 19. Jahrhundert war die Holzdecke zuvor in Brand geraten. Die Feuerwehrleute mussten routinemäßig überprüfen, ob sich im darüberliegenden Dachgeschoss möglicherweise Schwelbrände gebildet hatten. Sie entdeckten dort tatsächlich mehrere Brandnester, die sie ablöschen konnten.

Das Brandhaus in der Zeißstraße 74

Das Brandhaus in der Zeißstraße 74

Dabei fiel den Männern jedoch auf, dass es auf dem Dachboden sehr stark nach Verwesung und verbranntem Fleisch roch. Die Feuerwehrleute wurden unruhig. Sie versuchten schnellstens, die Ursache für den Geruch zu finden. Draußen dämmerte es bereits. Die Feuerwehrmänner deckten die Dachpfannen ab, um in dem düsteren, verqualmten Dachboden bessere Sicht zu haben.

Direkt neben den Dachsparren entdeckten sie dann die Ursache für den bestialischen Gestank. Dort lagen zwei Plastiktüten. Als die Beamten sie öffneten, fanden sie darin mehrere Leichenteile verpackt.

Mottenburg

Altona genoss damals einen denkbar schlechten Ruf. In Ottensen gab es viele Fabrikruinen, die vom Niedergang kündeten. Eisenbahnschienen durchpflügten das Viertel. Nur einen Steinwurf entfernt lag der Bahnhof Altona, an dem der Axtmörder Thomas Rücker 70 Jahre zuvor seinem Opfer aufgelauert hatte.

Doch das Haus in der Zeißstraße 74 stach eher positiv hervor. Der Anstrich war relativ frisch, die Fenster ganz neu. Hier hätte man am wenigsten mit einem Mord in Mottenburg gerechnet, wie der Stadtteil Ottensen im Volksmund hieß.

Mottenburg, weil sich im 19. Jahrhundert in dem Viertel viele Glasbläserbetriebe niedergelassen hatten. Die Arbeiter fingen sich häufig die Tuberkulose ein, eine typische Berufskrankheit. Tuberkulose hieß umgangssprachlich auch »die Motten«. Weil die Krankheit Löcher in die Lunge fraß, wie sonst nur Motten in ein wehrloses Stück Stoff.

Tod hinterm Etagen-Klo

Kurz nach fünf Uhr morgens traf die benachrichtigte Kriminalpolizei vor Ort ein. Sie sahen sich die Päckchen genauer an. Sie enthielten einen verwesten Torso und ein rechtes Bein. Nur wenige Meter entfernt von den Leichenteilen entdeckten sie einen kompletten Leichnam. Dieser lag nicht offen im Speicher herum, sondern versteckt hinter einem Etagen-Klo, das sich mehrere Mieter der Mansardenwohnungen teilten.

Den Kriminalbeamten wurde schnell klar, dass sie es nicht mit einer normalen Mordermittlung zu tun hatten. Die Überreste mindestens zweier Leichname hatten hier bereits mehrere Monate, wenn nicht Jahre gelagert. Der fortgeschrittene Verwesungszustand ließ keinen anderen Schluss zu. Die Leiche in der Dachtraufe war nahezu mumifiziert.

Ein Mieter namens Fritz Honka

Noch während sie den Tatort in Augenschein nahmen, tauchte plötzlich ein kleiner, schmächtiger Mann auf, der sich den Beamten als Fritz Honka vorstellte. Er wohnte in der kleinen Wohnung direkt vis-à-vis vom Etagen-Klo.

Natürlich war ein Mieter, der unmittelbaren Zugang zum Fundort der Leichen hatte, in den Augen der Kriminalpolizei automatisch tatverdächtig. Das banden sie dem Mann aber nicht gleich auf die Nase. Stattdessen baten sie ihn, sie zu einer »routinemäßigen Befragung« aufs Polizeipräsidium zu begleiten.

Fritz Honka, das Pokerface

Fritz Honka ließ sich auf der Fahrt ins Präsidium nicht anmerken, dass er in irgendeiner Weise von den polizeilichen Ermittlungen in seinem Haus beunruhigt war. Er erzählte stattdessen, dass er alleine lebe und gerade von seiner Schicht heimgekehrt sei. Er arbeite als Nachtwächter.

Anschließend vernahmen ihn die Beamten erstmals in den Räumen der Mordkommission im 7. Stock des ehemaligen Polizeipräsidiums am Berliner Tor. Fritz Honka gab sich zunächst kooperativ, wenn auch etwas mundfaul. Er antwortete auf die Fragen der Polizisten nur zögerlich und einsilbig. Häufiger tat er so, als habe er die Frage nicht verstanden. Die Ermittler gewannen allmählich den Eindruck, als wolle Fritz Honka ihnen ausweichen.

Sammelsurium eines Junggesellen

Parallel zur Vernehmung durchsuchten die Kollegen weiterhin Honkas Wohnung in der Zeißstraße 74, die gerade einmal 18 Quadratmeter groß war. Sie entdeckten eine gewaltige Menge an Alkohol, darunter unzählige Flaschen Kornbrand. Daneben stapelweise Pornomagazine sowie eine Frauengummipuppe.

Der Tisch war übersät mit Zigarettenschachteln. Überall standen volle Aschenbecher herum. Die abgewetzte Couch war mit Puppen drapiert. Über dem Sofa hingen an der Mansardenschräge und der Wand rund 300 pornografische Bilder.

Zudem hortete Fritz Honka ein ganzes Sortiment an Frauenkleidung. Blusen, Röcke, Kleider, Kostüme, jede Menge Damenschuhe, Handtaschen und Regenschirme. Was machten diese Gegenstände in der Wohnung eines Mannes, der angab, Junggeselle zu sein? Handelte es sich um Überbleibsel verflossener Liebschaften? Frönte Honka einem geheimen Fetisch? Oder waren es stumme Zeugen von weitaus mehr Morden?

WC-Steine mit Fichtennadelduft

Die Ermittler beschlossen, die Suche über das gesamte Stockwerk auszudehnen. Sie brachen die Fußdielen auf, öffneten Wände und Kamine. Hinter einer mit Raufaser tapezierten Wand in Honkas Wohnung wurden sie schließlich fündig. Die Stelle klang hohl. Als sie die Wand öffneten, zogen die Beamten ein beflecktes Betttuch hervor. Das Tuch war um etliche verstümmelte Leichenteile gewickelt.

Tatort-Skizze des Dachgeschosses. Vorne das Mansardenapartment von Honka, dahinter der Dachspeicher und das Etagen-Klo

Tatort-Skizze des Dachgeschosses. Vorne das Mansardenapartment von Honka, dahinter der Dachspeicher und das Etagen-Klo

Wie bei den Leichensäcken auf dem Speicher lagen auch hier rund um das Fundstück jede Menge WC-Steine herum. In Honkas Wohnung hatten sie einen großen Vorrat davon gefunden. Honka glaubte offensichtlich, mit Fichtennadelduft den strengen Verwesungsgeruch verdecken zu können.

Ab diesem Zeitpunkt stand für die Mordermittler zweifelsfrei fest, dass Fritz Honka mindestens der Mörder von drei Frauen war. Sie verständigten ihre Kollegen im Polizeipräsidium. Die Beamten konfrontierten Honka mit den neuesten Entwicklungen. Sie erklärten ihm, dass er nun als dringend Tatverdächtiger in mehreren Tötungsdelikten gelte und bis auf Weiteres in Untersuchungshaft verbleibe.

Von diesem Moment an schwieg Fritz Honka. Die Vernehmungsbeamten probierten es mit allen erdenklichen Verhörstrategien. Doch alles, was sie von Honka in den nächsten Stunden und Tagen zu hören bekommen sollten, war: »Ich bin doch kein Trottel.«

 

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Fritz Honka – der Fanta-Korn-Killer was last modified: April 4th, 2016 by Richard Deis