Wilhelm Voigt – Der Hauptmann von Köpenick

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Der falsche Hauptmann fliegt auf

Die »Köpenickiade«, wie man diese Art der Hochstapelei alsbald nannte, machte den preußischen Obrigkeitsstaat zum öffentlichen Gespött. Das konnte man sich selbstredend nicht bieten lassen. Also setzten die Behörden eine hohe Belohnung auf die Ergreifung des Bösewichts aus. Die Bemühungen zahlten sich aus. Ein gewisser Kallenberg, ehemaliger Mithäftling des vorbestraften Schusters Wilhelm Voigt, verpfiff seinen Zellenkumpanen. Der hatte ihm nämlich einst unbedachterweise anvertraut, dass er solch einen Coup plane, sobald er entlassen sei. Die Polizei zeigte den Leuten im Rathaus von Köpenick Fotos aus Voigts Kriminalakte. Sie identifizierten ihn daraufhin. Blieb die Frage: Wo steckte der Kerl?

Bei seiner Schwester in Rixdorf, bei der Voigt gemeldet war, klopfte die Polizei vergeblich an. Aber das pflichtbewusste Schwesterchen lieferte der Polizei Voigts neue Anschrift. Und zehn Tage nach der Köpenickiade, am 26. Oktober 1906, führten die Ermittlungen zum Ziel. In der Langen Straße 22 im Osten von Berlin verhaftete man den gelernten Schumacher und mehrfach wegen Eigentumsdelikten vorbestraften Friedrich Wilhelm Voigt.

Der Hauptmann von Köpenick - Wilhelm Voigt - Porträt
Wilhelm Voigt, 1906
Polizeifoto aus der Strafvollzugsakte

Uniform vom Trödelhändler

Voigt war sofort geständig. Die Offiziersuniform hatte er sich bei dem Potsdamer Trödelhändler Bertold Remlinger in der Mittelstraße 3 besorgt. Am 16. Oktober 1906 zog er diese über, ging nach Plötzensee zur Schwimmanstalts- und Schießstandswache und wartete dort die Wachablösung ab. Als es so weit war, gab er sich einem Trupp Soldaten als Hauptmann zu erkennen, der auf Sonderbefehl Seiner Majestät des Kaisers handelte. Befehl ist Befehl, da fragte ein preußischer Soldat nicht lange nach, so das Kalkül des durchtriebenen Schuhmachers. Um etwaige Zweifel zu zerstreuen, spendierte er den Infanteristen ein Mittagessen auf dem Bahnhof in Köpenick. Ein voller Magen knurrt und murrt nicht.

Der Hauptmann von Köpenick - Wilhelm Voigt - Altwarenhändler Bertold Remlinger
Mittelstraße 3 in Potsdam. Hier kaufte der Schuster Voigt seine Uniform.
Fotograf: Karsten Knut Knuth

Wilhelm Voigt vor Gericht

Nur fünf Wochen nach seiner Verhaftung musste sich Voigt am 1. Dezember 1906 vor der dritten Strafkammer des Landgerichts Berlin II verantworten. Die Liste der Anklagepunkte war lang: unbefugte Ausübung eines öffentlichen Amtes, unbefugtes Tragen einer Uniform, Betrug, Urkundenfälschung (er hatte den Empfang der Kassengelder mit Falschnamen quittiert) und natürlich widerrechtliche Freiheitsberaubung.

Im Prozess stellte sich heraus, dass Voigt niemals beim Militär gedient hatte. Seine Tricksereien, die ihn bereits in frühen Jahren mit dem Gesetz in Konflikt gebracht hatten, hatten ihm den preußischen Drill erspart. Wie war es dann möglich, dass alle Beteiligten auf den falschen Hauptmann von Köpenick hereingefallen waren? Bürgermeister Langerhans zum Beispiel war selber Reserveoffizier. Und dennoch war ihm entgangen, dass der angebliche Hauptmann viel zu alt war, eine falsche Kokarde an der Mütze trug und noch nicht einmal vernünftiges Hochdeutsch sprach.

Zwar machen Kleider bekanntlich Leute, aber entscheidend für den Coup war wohl eher das selbstsichere Auftreten und der schneidige Kommandoton, den Wilhelm Voigt anschlug. Das Wissen darüber hatte er als kleiner Bub aufgeschnappt. Damals hatte die Familie Voigt gegenüber einer Kaserne gewohnt. Kennste eine, kennste alle. Im Nachhinein mussten sich die Beteiligten sogar noch glücklich schätzen, wie glimpflich die Angelegenheit abgelaufen war. Denn die Soldaten sagten vor Gericht aus, dass sie bedenkenlos von Bajonetten und Schusswaffen Gebrauch gemacht hätten, wenn es der Hauptmann von ihnen verlangt hätte.

3 KOMMENTARE

  1. Anläßlich des Jubiläums, 100 Jahre Köpenickiade, schrieben die beiden Autoren, Felix Huby und Hans Münch für den Volksschauspieler, Jürgen Hilbrecht, der in Köpenick seit 1993 als hauptmann von Köpenick mit musikalischen Programmen agiert, ein Theaterstück über Wilhelm Voigt. „Das Schlitzohr von Köpenick“ Schuster, Hauptmann, Vagabund, ein Kabinettstück für einen Schauspieler in 15 Rollen.
    Die Uraufführung fand im Hotel Courtyard by Marriott in Köpenick am 15.Oktober statt.
    Diese Inszenierung wird auch anläßlich “ 110 jahre Köpenickiade“ in der Freiheit 15 am 11.Februar 2016 aufgeführt.

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