(3) Bombengeschäft

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1952 zündete George Metesky insgesamt drei Bomben. Die erste explodierte am 19. März 1952 in einer Telefonzelle am Port Authority Busbahnhof, die nächsten beiden Sprengsätze versteckte er im Juni und Dezember in den Sitzen eines Kinos an der Lexington Avenue. Der letzte Anschlag im Dezember bedeutete eine Zäsur im Verlauf der Anschlagsserie. Zum ersten Mal wurde tatsächlich ein Mensch verletzt.

Der Spinner, dem es nach Publicity dürstet

1953 suchte sich George Metesky zunächst die Radio City Music Hall und das Capitol-Kino für weitere Anschläge aus. Dann kehrte er wieder zur Grand Central Station zurück. Dort stellte er eine Bombe in ein Münzschließfach in der Nähe der Oyster Bar. Ein weiterer Sprengsatz, den George Metesky in einem Schließfach an der Pennsylvania Station versteckt hatte, explodierte nicht.

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Oyster Bar in der Grand Central Station

Die Ermittler gaben daraufhin den Medien erstmals preis, nach welchem Tätertyp sie Ausschau hielten: »Ein Spinner, der die öffentliche Aufmerksamkeit sucht.« Bis dahin hatten die Behörden versucht, die Geschichte klein zu halten, und die Journalisten gebeten, keines der Bekennerschreiben zu veröffentlichen. Inzwischen erregten die Taten des »Mad Bomber« jedoch immer mehr Aufsehen in New York. Der Fall ließ sich nicht mehr aus den Medien heraushalten.

Gleich im darauffolgenden Jahr suchte George Metesky erneut die Pennsylvania Station heim. Dieses Mal konnte Schlimmeres verhindert werden. Denn die Telefonzelle, in der Metesky die Bombe versteckt hatte, schickte man zur Reparatur. Die Arbeiter entdeckten dabei das verdächtige Rohrstück, bevor es explodierte. Weniger Glück war drei Besuchern einer Herrentoilette in der Grand Central Station beschieden. Sie wurden von den Splittern einer Bombe getroffen, die Metesky dort hinter einem Waschbecken angebracht hatte, und erlitten leichte Verletzungen.

George Metesky - Grand Central Station - Toiletten
Toilettenbereich in der Grand Central Station
Quelle: Detroit Publishing Co. Library of Congress, Prints and Photographs Division, LC-DIG-det-4a24546

Blutige Weihnachten

Das Attentat, das die bis dato meiste Aufmerksamkeit erregte, ereignete sich dann am 7. November 1954 in der Radio City Music Hall. Der Veranstaltungssaal war mit 6.200 Besuchern gerammelt voll. Die Leute waren gekommen, um sich den Film »Weiße Weihnachten« (OT: White Christmas) mit Bing Crosby in der Hauptrolle anzuschauen. In der 15. Reihe verwandelte George Metesky das Kinoerlebnis in »Blutige Weihnachten«. Dort hatte er zuvor die Unterseite eines Sitzes aufgeschlitzt und eine Rohrbombe hineingestopft. Der Sprengsatz explodierte mitten während der Vorstellung. Die Zuschauer hatten Glück im Unglück. Die Sitze waren dermaßen dick gepolstert, dass die Bombe kaum wirklichen Schaden anrichtete. Lediglich die Personen, die sich in unmittelbarer Nähe zum Explosionsherd aufhielten, verletzten sich leicht.

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Radio City Music Hall, Zuschauerraum

»The Show must go on«, sagten sich der Veranstalter und die zuständige Polizei. Die Filmvorführung wurde nicht unterbrochen. Die Platzanweiser führten die verletzten Personen zu den Klängen von »Gee, I Wish I Was Back in the Army« in den Erste-Hilfe-Raum. Weitere 50 Personen, die sich in der Sitzreihe aufhielten, mussten den Tatort verlassen und sich nach draußen begeben. Die Polizei wartete brav das Ende des Films und eine anschließende Bühnenshow mit den Hauptdarstellern ab. Erst anderthalb Stunden nach der Explosion, als die Besucher den Saal verlassen hatten, begann die Suche nach Beweismitteln.

George Metesky - Radio City Music Hall - Panorama
Radio City Music Hall, Außenansicht
Quelle: UpstateNYer, en.wikipedia.org

Ein ausgekochter Täter

1955 zog es George Metesky wieder an die Schauplätze früherer Anschläge. Zwei Bomben zündete er an der Pennsylvania Station; eine in einer Telefonzelle, die andere in einem Schließfach. Auch die Radio City Music Hall musste erneut dran glauben; George Metesky warnte die Betreiber dieses Mal aber telefonisch und der Sprengsatz konnte rechtzeitig geborgen werden. Eine weitere Bombe ließ er in der Herrentoilette der Grand Central Station hochgehen. Zusätzlich deponierte er in einer U-Bahn-Station in Brooklyn und im Kaufhaus »Macy‘s« jeweils einen Sprengkörper. Im »Roxy-Kino« entdeckte man durch Zufall einen Sprengsatz, weil der Stuhl zur Reparatur bei einem Polsterer war. Die Rohrbombe kullerte auf die Werkbank, ohne zu explodieren.

Ein Besucher des »Paramount Theater« kam hingegen nicht mit dem bloßen Schrecken davon. Er hatte sich auf einem von George Metesky präparierten Sitz niedergelassen. Wie durch ein Wunder verletzte sich der Mann lediglich am Fuß, an dem ihn ein Bombensplitter traf. Bei der anschließenden Untersuchung entdeckten die Ermittler einen Gegenstand, der ihnen bereits an anderen Kino-Tatorten aufgefallen war. Der Täter hatte im Polster ein Taschenmesser zurückgelassen. Die Ermittler mutmaßten, dass der »Mad Bomber« sich Sorgen machte, in eine Kontrolle zu geraten. Lieber ließ er sein Werkzeug am Tatort zurück, als dass man ihn mit einem möglichen Beweisstück erwischte. Der Junge war ausgekocht.

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Paramount Theater, 1955 (ganz links im Vordergrund)

Fahndungsgesuch

Im April 1956 verschickte die New Yorker Polizei an Behörden in verschiedenen Bundesstaaten ein Fahndungsgesuch. Gesucht wurde ein versierter Handwerker, der Zugang zu einer Bohrmaschine oder einer Drehbank hatte. Die Gewinde an den Rohren, an denen er die Verschlüsse aufschraubte, hatte der Täter selbst gefertigt. Der gesuchte Mann war vermutlich jenseits der 40, lebte möglicherweise im Raum White Plains – einige Briefe trugen den Poststempel dieser Stadt – und er hegte einen »tief sitzenden Groll gegenüber der Firma Consolidated Edison«. Um die Täterbeschreibung zu illustrieren, fügte man eine naturgetreue Zeichnung einer der Rohrbomben an, die man geborgen hatte.

Zusätzlich gab die Polizei nun auch Ausschnitte aus den Bekennerschreiben zur Veröffentlichung frei. Man hoffte, dass jemand die markante Schrift des Täters wiedererkennen würde. Die Polizei in White Plains durchforstete daraufhin alle Antragsformulare für Führerscheine. Die Beamten verglichen das Schriftbild mit dem Täterschreiben. In 500 Fällen fanden sie zumindest gewisse Ähnlichkeiten vor. Die Polizisten übermittelten die fraglichen Namen ihren Kollegen in New York. Die Überprüfung der Personen brachte allerdings nichts ein.

Die Kacke ist am Dampfen

1956 brachte George Metesky die Kacke dann im buchstäblichen Sinne zum Dampfen. Ein junger Mann hatte die sanitären Einrichtungen an der Pennsylvania Station aufgesucht. Als er abzog, merkte er, dass der Abfluss verstopft war. Er benachrichtigte die Toilettenfrau. Die 74-jährige Frau bewaffnete sich mit einem Pimpel und bemühte sich nach Leibeskräften, das Rohr freizukriegen. Dadurch löste sie die Explosion der von George Metesky versteckten Bombe aus und ihr flog die Porzellanschüssel um die Ohren. Ein »Bombengeschäft«, dem die arme Frau da zum Opfer fiel. Neben dem Trauma trug sie schwerste Verletzungen davon. Die Ermittler konnten zweifelsfrei nachweisen, dass die Tat auf das Konto des »Mad Bomber« ging. Sie stellten in der zerbombten Kabine die Überreste einer Uhr und einer Wollsocke sicher – beides typische Erkennungsmerkmale von George Metesky.

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Die „Penn Station“, 1955

Explosives Frühstück

Ähnliches Ungemach wie der Toilettenfrau widerfuhr beinahe einem Wachmann des RCA-Gebäudes im Rockefeller Center. Ein Kollege hatte tagsüber in einer der Telefonkabinen ein etwa zwölf Zentimeter langes Rohr gefunden und den Gegenstand ins Büro der Wachleute geschafft. Der junge Sicherheitsbedienstete sah im Laufe des Tages das Teil, wusste aber nicht, woher es stammte. Er renovierte in seiner Wohnung gerade das Bad und dachte, er könne das Stück vielleicht gebrauchen.

George Metesky - RCA Gebäude
RCA-Gebäude, Rockefellercenter, 1933
Quelle: Samuel Herman Gottscho; restored by Michel Vuijlsteke; Library of Congress, Digital ID: ppmsca 05853

Nach Feierabend nahm er das Rohr also mit nach Hause. Die gefährliche Bombe reiste mit dem Bus einmal quer durch New York bis nach New Jersey. Dort explodierte der Sprengkörper am folgenden Morgen auf dem Küchentisch. Zum Glück lag die Familie zu diesem Zeitpunkt noch in den Betten und niemand wurde verletzt.

Der »Mad Bomber« hatte die Stadt New York durch sein jahrelanges Dauerbombardement an den Rand einer Hysterie geführt. Die Polizei reagierte zunehmend hilflos. Mit seinem nun folgenden Anschlägen im Dezember 1956 sollte George Metesky das Fass endgültig zum Überlaufen bringen. Nun kannte die Millionenmetropole kein anderes Thema mehr als den »Mad Bomber«, das Phantom, das niemand zu fassen bekam.

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