Der »Mad Bomber« George P. Metesky trat erstmals 1940 in Erscheinung. Seine erste Bombe, die er in einem New Yorker Verwaltungsgebäude platzierte, war simpel konstruiert, aber nichtsdestotrotz hochgefährlich. Der Attentäter hatte dem Sprengkörper eine Botschaft beigefügt, die damals niemand verstand. Ein Tatmuster, das sich in den nächsten 16 Jahren noch häufig wiederholen sollte.

George Metesky deponierte seine explosiven Sprengladungen in Telefonzellen, Schließfächern oder öffentlichen Toiletten, die sich in Kinosälen, Bibliotheken, Bahnstationen und Bürogebäuden befanden. Zusätzlich bombardierte er Polizei, Presse und Behörden mit wirren Drohbriefen. Metesky löste damit die seinerzeit größte Fahndungsmaßnahme in der Geschichte der New Yorker Polizei aus. Doch die Beamten kamen dem »Mad Bomber« George Metesky nicht auf die Spur. In der Bevölkerung der Millionenmetropole machte sich zunehmend Angst breit.

Das New York Police Department wandte sich in seiner Verzweiflung an einen Psychiater. Dieser fertigte ein Profil des Täters an und entwickelte darüber hinaus eine Strategie, wie man den Täter schnappen könnte. Die Maßnahme war schließlich von Erfolg gekrönt und gleichzeitig die Geburtsstunde des Profiling. Seitdem sind solche Täterprofile oder operative Fallanalysen, wie es neudeutsch heißt, nicht mehr aus der modernen Kriminalistik wegzudenken.

George Metesky - Mad Bomber - Portrait 1957

„Mad Bomber“, George Metesky, 1957

Der Blindgänger

Am 16. November 1940 betrat der »Mad Bomber« das Verwaltungsgebäude der Consolidated Edison an der West 64th Street in Manhattan. Con Edison, wie die Firma auch genannt wurde, war damals – und ist es heute noch – einer der größten Energieversorger des Landes und insbesondere für den Großraum New York. In dem Gebäude waren so viele Menschen beschäftigt, dass der fremde Eindringling gar nicht auffiel. Der Mann stellte einen hölzernen Werkzeugkasten auf einer Fensterbank ab. In dem Kasten befand sich der Sprengsatz. Anschließend ging der »Mad Bomber« in aller Seelenruhe zum Ausgang und verließ unerkannt das Gebäude.

Die kleine Rohrbombe entpuppte sich als Blindgänger und richtete keinerlei Schaden an. Mitarbeiter von Con Edison meldeten den mysteriösen Fund der Polizei. Die herbeigerufenen Streifenpolizisten verständigten sofort das Entschärfungskommando. Die Beamten fanden ein kurzes Stück Messingrohr vor, das mit Schießpulver befüllt war. Der simple Zündmechanismus, der versagt hatte, bestand aus Zucker und Batterien, wie man sie damals üblicherweise für Taschenlampen benutzte.

Eine rätselhafte Botschaft

Die Ermittler konnten weder Fingerabdrücke noch sonstige Spuren sichern, die auf die Herkunft der Bauteile schließen ließen. Aber als die Beamten das explosive Stück genauer unter die Lupe nahmen, fiel ihnen einen Zettel auf, der dem Messinggehäuse anheftete. Der Attentäter hatte augenscheinlich eine Nachricht zurückgelassen. Sie war in äußerst akkuraten Blockbuchstaben abgefasst und lautete: »Nehmt das, ihr Ganoven von Con Edison.«

Die Kriminalbeamten waren verwirrt. Was hatte sich der Täter dabei gedacht? Der Bombenbastler musste doch davon ausgegangen sein, dass der Sprengsatz zündete und damit den Zettel vernichtete. Warum hatte er sich also die Mühe gemacht, die Nachricht zu schreiben? Hatte der Typ am Ende dermaßen einen an der Klatsche, dass er diese Möglichkeit gar nicht in Betracht gezogen hatte? Oder hatte er von vorneherein einen Blindgänger entworfen, damit die Polizei den Zettel fand, weil ihm die Nachricht so wichtig war?

Letztlich standen die Beamten trotz des Drohschreibens ohne konkreten Anhaltspunkt da. Sie überprüften routinemäßig ehemalige Beschäftigte des Unternehmens, denen man kürzlich gekündigt hatte. Sie hielten nach Personen Ausschau, die gerade mit der Firma im Rechtsstreit lagen und möglicherweise ein Motiv hatten, es dem Konzern heimzuzahlen. Die Ermittlungen verliefen ergebnislos, der Fall wanderte rasch zu den Akten. Der misslungene Anschlag schien so unbedeutend zu sein, dass er noch nicht einmal den Zeitungen eine Erwähnung wert war.

Mitten auf der Straße

Der Vorfall geriet sowohl bei der Polizei als auch beim betroffenen Unternehmen Consolidated Edison vollkommen in Vergessenheit. Dann tauchte im September 1941, knapp ein Jahr später, ein weiterer Sprengsatz auf. Dieses Mal hatte der Attentäter die Rohrbombe mehr oder weniger mitten auf der Straße abgelegt. Wieder hatte sich der »Mad Bomber« Manhattan als Ziel seiner Attacke ausgesucht: Passanten fanden den Sprengkörper in der 19th Street, gleich um die Ecke vom 13. Polizeirevier.

Die zuständigen Männer vom Bombenräumdienst erinnerte die Bauweise sofort an den Blindgänger aus dem Con Edison-Gebäude, auch wenn der Täter in diesem Fall einen einfachen Wecker für den Zündmechanismus verwendet hatte. Er hatte das mit Schießpulver befüllte Rohr in eine alte Wollsocke gestopft. Eine Nachricht lag dem explosiven Gemisch allerdings nicht bei. Irgendwie hatte es der »Mad Bomber« auch dieses Mal – glücklicherweise – vermasselt, obwohl er nach Ansicht der Experten ganz offensichtlich über ausreichende Kenntnisse im Bombenbau verfügte. Denn der Sprengstoff hatte nicht gezündet.

Die Kriminalbeamten rätselten, warum der Täter die Rohrbombe mitten auf der Straße abgelegt hatte. Da der Fall Verbindungen zu dem missratenen Anschlag aus dem Vorjahr aufwies, betrachteten die Ermittler die Angelegenheit aus einem anderen Blickwinkel. Nur fünf Blocks entfernt, am Irving Place, stand die Firmenzentrale von Consolidated Edison. Konnte es sein, dass der Attentäter ursprünglich dieses Ziel im Auge hatte und dann durch irgendein Ereignis davon abgebracht worden war? Vielleicht hatte es nur den strengen Blick eines Polizeibeamten aus dem benachbarten Polizeirevier gebraucht und der Kerl hatte weiche Knie bekommen.

Hauptverwaltung der Consolidated Edison, 4 Irving Place, New York Quelle: Beyond My Ken, en.wikipedia.org

Hauptverwaltung der Consolidated Edison, 4 Irving Place, New York
Quelle: Beyond My Ken, en.wikipedia.org

Ein patriotisches Schreiben

Nun hatten die Kriminalbeamten es streng genommen mit einer Anschlagsserie zu tun, auch wenn noch keine Bombe hochgegangen war. Die Polizei und die Medien schenkten dem Vorfall dennoch herzlich wenig Beachtung. Angesichts der politischen Lage war das durchaus verständlich. In Europa tobte der Zweite Weltkrieg und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis auch die Vereinigten Staaten aktiv in diesen Konflikt verwickelt werden würden.

Der »Mad Bomber« zeigte vollstes Verständnis für das behördliche Desinteresse. Drei Monate nach dem fehlgeschlagenen Attentat – die Japaner hatten gerade Pearl Harbor bombardiert – schickte er an das Hauptquartier des NPYD einen anonymen Brief. Der Wortlaut: »Solange der Krieg andauert, werde ich keine weiteren Sprengsätze bauen – meine patriotischen Überzeugungen haben mich zu diesem Schritt bewogen – doch danach werde ich Con Edison seiner gerechten Strafe zuführen – sie werden für ihre niederträchtigen Taten bezahlen.« Das Schreiben bestand aus ausgeschnittenen Zeitungsbuchstaben und war mit dem Kürzel »F.P.« unterschrieben.

Die Ruhe vor dem Sturm

»F.P.« aka der »Mad Bomber« hielt Wort. In den nächsten gut neun Jahren führte er keine weiteren Attentate aus. Was nicht bedeutete, dass er sich in dieser Zeit auf die faule Haut legte. Er vergnügte sich stattdessen damit, Dutzende von bizarren Drohbriefen an Con Edison, Kinoketten, Privatpersonen und schließlich auch die Polizei zu senden. Niemand sah die Zusammenhänge zwischen den Schreiben. Niemand kam der Verdacht, dass die Briefe denselben Ursprung haben könnten.

Für die Polizei von New York war die Attentatsserie beendet. Ein kurzer Spuk, nichts weiter. Der Typ hatte ja noch nicht mal ernst gemacht. Wahrscheinlich war ihm nur daran gelegen gewesen, den Leuten einen gehörigen Schrecken einzujagen. Aber wirklich jemanden töten wollte der »Mad Bomber« gar nicht. Die Polizisten hätten mit ihrer Einschätzung nicht mehr danebenliegen können. Denn ab 1951 wurde New York von einer beispiellosen Anschlagsserie heimgesucht. Da flogen den Beamten des NYPD die Bomben gleich im Dutzend um die Ohren und richteten mitunter verheerenden Schaden an.

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George Metesky - Der Mad Bomber
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George Metesky - Der Mad Bomber
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Ausführlicher Artikel über den "Mad Bomber" George Metesky. Kapitel 1/9: Die Anfänge 1940/41.
Author
George Metesky – Der „Mad Bomber“ was last modified: März 7th, 2015 by Richard Deis