11. April 2014 by

(3) Ein deutscher Mythos

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Categories: Der Hauptmann von Köpenick

Das preußische Militär und die Obrigkeit hatten sich von dem Prozess vielleicht erwartet, dass die ungeheuerliche, staatszersetzende Tat hart geahndet wurde und das Strafmaß potenzielle Nachahmer abschreckte. Und man hatte sich bestimmt erhofft, dass die Gerichtsverhandlung ein möglichst unvorteilhaftes Bild des Angeklagten zeichnete, nämlich das eines habgierigen, skrupellosen Halunken. Das Ergebnis fiel aus Sicht des Staates enttäuschend aus.

Der Hauptmann von Köpenick - Wilhelm Voigt - Strafanstalt Tegel

Wilhelm Voigt verlässt die Strafanstalt Berlin-Tegel
Fotograf: Eduard Frankl († 1927), Berlin-Friedenau

Denn das Gericht urteilte relativ milde, wenn man das verhängte Strafmaß mit anderen Verfahren der damaligen Zeit vergleicht. Die Richter beließen es bei vier Jahren Zuchthaus, von denen Wilhelm Voigt lediglich anderthalb Jahre absitzen musste. Der Angeklagte bekam noch nicht einmal seine bürgerlichen Ehrenrechte aberkannt, was bei seinem Vorstrafenregister schon recht ungewöhnlich war.

Selbst der Kaiser lacht

Aber viel schlimmer für Preußens Glanz und Gloria muss die öffentliche Schmach gewesen sein, die der Fall einbrachte. Denn das Volk erkannte in dem Schuster keinesfalls einen verabscheuungswürdigen Verbrecher, sondern eher einen gewitzten Hallodri, der dem Staat eins ausgewischt hatte. Von einem modernen Eulenspiegel war in der öffentlichen Diskussion oftmals die Rede, der dem militaristischen Untertanenstaat  den Spiegel vorhalte. Selbst Kaiser Wilhelm II., immerhin oberster Dienstherr des preußischen Beamtenapparats, soll herzlich über die Aktion gelacht haben.

Der Hauptmann von Köpenick - Wilhelm Voigt - Denkmal

Denkmal vor dem Köpenicker Rathaus
Fotograf: Lienhard Schulz

Die Schadenfreude war groß, das Medieninteresse riesig. Wilhelm Voigts Geschichte erfreute sich nicht nur in den deutschen Gazetten großer Nachfrage. Die Erzählung machte in ganz Europa die Runde. Der gebürtige Tilsiter, der bisher eine – vorsichtig ausgedrückt – eher glücklose Existenz geführt hatte, stieg über Nacht zum Medienstar auf. Immer wieder musste er seine Erlebnisse zum Besten geben oder in Hauptmannsuniform für ein Foto posieren. Wilhelm Voigt ließ sogar Autogrammkarten drucken, so groß war das Interesse an seiner Person. Schließlich brachte er eine Autobiografie heraus, in der er seine Sicht der Ereignisse wiedergab, und versilberte somit die Köpenickiade ein zweites Mal. Dieses Mal durfte er den Gewinn allerdings behalten.

Carl Zuckmayer hält den Mythos am Leben

Interessanterweise blieb die Geschichte des Schusters Wilhelm Voigt ein deutscher Mythos, selbst nachdem der Urheber 1922 verstorben war. Es sind zahlreiche Bearbeitungen dieses Stoffes als Buch, Theaterstück oder Film entstanden. Am bekanntesten dürften wohl Carl Zuckmayers Tragikomödie »Der Hauptmann von Köpenick: Ein deutsches Märchen« [Link zu Amazon] sein, die hierzulande unzählige Menschen in ihrer Schulzeit gelesen haben, und die Käutner-Verfilmung mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle [Link zu Amazon].

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Eine detailliertere Schilderung der Geschichte des Hauptmanns von Köpenick können Sie in »Interessante Kriminal-Prozesse von kulturhistorischer Bedeutung« (Band 1) von Hugo Friedländer oder in der Autobiografie »Wie ich Hauptmann von Köpenick wurde. Mein Lebensbild«, die Wilhelm Voigt selbst verfasst hat, nachlesen. Beide Bücher finden Sie als kostenlose E-Books auf meiner Webseite. Ein Klick auf den jeweiligen Link bringt Sie zur entsprechenden Seite.

 

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(3) Ein deutscher Mythos was last modified: Juni 14th, 2015 by Richard Deis

One Response to (3) Ein deutscher Mythos

  1. Sebastian

    Ninja… für mich ist die Geschichte eher ein Beweis für die Toleranz im Kaiserreich als in Untertanen-Geist.

    In Russland, England, USA oder in Frankreich wäre er mit Sicherheit nicht so billig davon gekommen.

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