Am 5. Juli 1985 wählte der Killer das Haus der Bennetts in Sierra Madre, einer Nachbargemeinde von Arcadia, als Ziel aus. Der Familienvater Steve Bennett arbeitete als Manager und hatte mit seiner Frau zwei Kinder: den 18-jährigen Sohn James und die 16-jährige Tochter Whitney, die beide noch bei ihren Eltern lebten.

Der Täter brach dieses Mal die Vordertür auf. Er schlich durch das Gebäude, um sich einen Überblick zu verschaffen, wo die Hausbewohner jeweils schliefen. Sein Interesse galt zunächst der Tochter Whitney Bennett. Aus dem gestohlenen Fahrzeug, mit dem er unterwegs war, hatte er zuvor einen Reifenmontierhebel entwendet. Mit dem Eisen schlug er dem schlafenden Mädchen zehn Mal auf den Kopf. Anschließend würgte er den Teenager mit einem Telefonkabel.

Überraschenderweise verließ der Eindringling danach das Haus der Bennetts. An der Identität des Täters gab es aus Polizeisicht jedenfalls keinen Zweifel. Die herbeigerufenen Beamten entdeckten auf der Bettdecke den Abdruck eines Avia Aerobic Sneakers. Die Polizei hatte für das von der üblichen Vorgehensweise abweichende Verhalten keine plausible Erklärung.

Der Täter vergewaltigte das Mädchen nicht. Er attackierte keines der übrigen Familienmitglieder. Er durchwühlte nicht die Habseligkeiten der Bennetts. Whitney Bennett hatte zudem das Verbrechen überlebt, wenn auch schwer verletzt. Es waren angeblich 478 Stiche nötig, um die Kopfwunden zu versorgen. Die Zahl kommt mir ein wenig hoch vor. Aber ich bin auch kein Arzt.

Schuhabdruck im Gesicht

Am 7. Juli kehrte der Mörder nach Monterey Park zurück, wo er zuvor bereits Bill Doi und Veronica Yu getötet hatte. Er entschied sich für das Haus der 61-jährigen Joyce Nelson und drang durch ein Fenster ein. Die Hausbesitzerin schlief auf der Couch vor dem Fernseher. Der Fremde hielt der Frau eine Pistole an den Kopf und packte sie an den Haaren.

Die Frau wehrte sich gegen ihren Peiniger. Das machte ihn nur noch wütender. Er warf sie zu Boden und schlug mit den Fäusten auf sie ein, bis sie bewusstlos war. Dann zerrte er sie ins Schlafzimmer. Er trat sie so fest ins Gesicht, dass die Polizei später dort den Abdruck des Avia-Schuhs erkennen konnte. Joyce Nelson verstarb noch in der gleichen Nacht an den Folgen ihrer schweren Verletzungen.

Bevor der Mörder das Haus durch die Eingangstür verließ, raubte er noch alle Wertgegenstände, die ihm in die Hände fielen. Er trieb sich weiterhin in Monterey Park herum und hatte gegen 3 Uhr früh ein weiteres Objekt ausbaldowert, in das er einbrach. Dieses Mal traf es die 63-jährige Sophie Dickman, die als Krankenschwester in der Psychiatrie arbeitete.

Gefährlicher Täuschungsversuch

Alle Türen und Fenster waren verschlossen, aber der Täter suchte hartnäckig nach einem Weg ins Haus. Ihm gelang es, unbemerkt das Haustürschloss zu knacken. Als er sich überzeugt hatte, dass die Frau allein im Haus war, zog er seine Pistole, knipste das Licht an und stürmte auf ihr Bett zu. Er hielt ihr mit der Hand den Mund zu, bedrohte sie mit der Waffe und sagte zu Sophie Dickman: „Schau mich nicht an! Mach keinen Mucks oder ich bring dich um!“

Die Krankenschwester hatte die Zeitungsartikel über den vergewaltigenden und mordenden Einbrecher in den Vororten von L.A. gelesen. Sie ahnte, wer ihr in diesem Moment gegenüberstand. Sie vermied jeglichen Widerstand. Der Täter könnte die geringste Provokation zum Anlass für einen Gewaltausbruch nehmen, so ihre Einschätzung. Der Mann legte Sophie Dickman Handschellen an und verdeckte sein Gesicht hinter einem Kissenbezug.

Er wollte von seiner Geisel wissen, wo sie ihren Schmuck und ihr Bargeld aufbewahre. Sie sagte ihm, ihr Schmuck sei im Badezimmer versteckt. Er zerrte sie hinüber. Sie zeigte ihm das Versteck. Während er ihre Wertsachen betrachtete, zog sie sich heimlich einen Diamantring vom Ringfinger und versteckte ihn in der Kleidung. Doch der Täter bemerkte ihren Täuschungsversuch.

Er schlug ihr ins Gesicht. Er versuchte, sie zu vergewaltigen. Er bekam keine Erektion. Er wollte wissen, ob sie weitere Wertgegenstände vor ihm verberge. Sie versicherte ihm, dass sie keinen anderen Schmuck besitze. Er ließ sie auf Satan schwören. Er fesselte sie ans Bett und warnte sie, nicht zu schreien: „Denk daran: Ich weiß, wo du wohnst“, sagte er zu ihr. Er stellte das ganze Haus aus den Kopf. Dann ging er und ließ die Frau gefesselt, aber lebendig zurück.

Sophie Dickman konnte sich eigenhändig befreien. Sie verständigte umgehend ihre Nachbarin Linda Arthur, eine Polizistin. Als Arthur von den Tatdetails erfuhr, rief sie Detective Carrillo an, mit dem sie befreundet war. Zunächst waren die Ermittler nicht sicher, ob die Krankenschwester tatsächlich dem gesuchten Serientäter zum Opfer gefallen war. Nirgends im Haus fanden sich die verräterischen Schuhabdrücke. Lediglich die Täterbeschreibung von Sophie Dickman deckte sich mit den bisherigen Erkenntnissen: ein großer, hagerer Mann mit auffallend schlechtem Gebiss.

Die Medien riechen Lunte

Dann entdeckte man jedoch in Monterey die Leiche von Joyce Nelson, in deren Gesicht sich der besagte Schuhabdruck abzeichnete. Die Nähe der beiden Tatorte legte nahe, dass der gleiche Täter in dieser Nacht an beiden Orten zugeschlagen hatte. In diesem Moment erfuhr der Fall jedoch eine entscheidende Wendung. Die Medien hatten bereits Wind von den neuesten Verbrechen bekommen. Als Carrillo und Salerno am Haus von Joyce Nelson eintrafen, tummelten sich schon zahlreiche Kameraleute der Fernsehstationen, Pressefotografen und Reporter vor Ort.

Satanistische Symbole, Vergewaltigungen, Morde gemischt mit jeder Menge Brutalität versprachen hohe Auflagen und Einschaltquoten. Neben den lokalen Medien interessierten sich inzwischen auch die nationalen wie internationalen Zeitungen und Fernsehsender für die Mordserie. Wie üblich überboten sich die Presseleute mit schaurigen Beinamen für den unbekannten Mörder. Am Ende setzte sich „Night Stalker“ durch.

Die erhöhte Medienpräsenz wirkte sich störend auf die Polizeiarbeit aus und erhöhte den Druck, unter dem die erst jüngst gegründete Sonderkommission stand. Bei den Behörden meldeten sich unzählige Anrufer, die vermeintlich sachdienliche Hinweise gaben. Die Polizei musste jedem Hinweis nachgehen. Dazu war sie verpflichtet. Dies band Unmengen an Ressourcen.

Der Verkauf von Waffen, Alarmanlagen und Wachhunden stieg rapide an. Die Menschen achteten verstärkt darauf, dass ihre Fenster und Türen verschlossen waren. Der Täter war vermutlich gewarnt. Er wusste jetzt, dass ihn die Polizei jagte, wenn er die Medien verfolgte. Gleichzeitig musste man annehmen, dass der Mörder die massive Medienpräsenz genießen würde. Vermutlich würde ihn dieser Umstand animieren, noch mehr Taten zu begehen. Und er würde schnell verstehen, dass seine Verbrechen umso mehr Aufmerksamkeit hervorriefen, je brutaler, abartiger und „spektakulärer“ sie im Sinne der Medienmacher waren.

Nur ein verkauftes Paar Schuhe

Immerhin gab es für die Polizeibeamten zu diesem Zeitpunkt auch gute Nachrichten. Die eigentliche Ermittlungsarbeit hatte Fortschritte gemacht. Das Sheriffbüro hatte einige wichtige Informationen über den Avia Aerobic Schuh eingeholt. Die Herstellerfirma hatte von dem Modell relativ wenige Schuhe produzieren lassen. In ganz Los Angeles waren lediglich sechs Paare verkauft worden und nur eines mit der Größe 11 ½. Das Sheriffdepartment schickte an alle Polizeibehörden der Umgebung ein Foto dieses seltenen Schuhs.

Auch den zurückgelassenen Beweisstücken im gestohlenen Toyota waren die Beamten mittlerweile nachgegangen. Sie kontaktierten Dr. Leung, dessen Visitenkarte der Täter im Wagen vergessen hatte. Der Zahnarzt erinnerte sich an einen Patienten namens Richard Mena, als er von der Täterbeschreibung hörte. Der Mann habe über starke Zahnschmerzen geklagt und dringend eine Behandlung benötigt.

Doch bisher war der angebliche Richard Mena noch nicht bei ihm aufgetaucht, um sich auf den Behandlungsstuhl zu begeben. Eine Recherche in den Melderegistern ergab nichts. Der Patient hatte vermutlich einen Falschnamen benutzt. Die Polizei stellte einen Beamten ab, der ab sofort die Praxis von Dr. Leung überwachte.

Machetenhiebe

Die erhöhte Aufmerksamkeit verschreckte den „Night Stalker“ nur kurze Zeit. Am 20. Juli trat er erneut in Erscheinung. Einzige Änderung in seinem Vorgehen: Jetzt führte er neben einer Pistole auch noch eine Machete mit sich. Dieses Mal wählte er sich die Gemeinde Glendale als Ziel aus. Er stieg in das Haus von Max und Lela Kneidling ein, einem Ehepaar in den Sechzigern.

Das Paar schlief bereits und bemerkte den Einbrecher vermutlich erst, als es schon zu spät war. Der Täter hieb mit der Machete auf Max Kneidling ein und traf ihn am Hals. Die Polizei spekulierte später, dass der Mörder sein Opfer mutmaßlich enthaupten wollte. Doch die Klinge war offenbar zu stumpf. Der „Night Stalker“ schoss Max Kneidling in den Kopf, dann seiner Frau Lela. Anschließend verstümmelte er mit der Machete die Leichname.

Noch in derselben Nacht fuhr er weiter nach Sun Valley, wo ihm das Haus der Khovananths, einer thailändischen Einwandererfamilie, ins Auge fiel. Kurz nach 4 Uhr morgens drang er durch eine unverschlossene Terrassentür in das Gebäude ein. Als Erstes traf er auf die Ehefrau Somkid Khovananth, die auf der Couch im Wohnzimmer eingeschlafen war. Er hielt ihr seine Pistole an den Kopf. Die Frau schreckte hoch. „Kein Mucks, Schlampe, oder ich knall dich ab!“, flüsterte der Eindringling.

Der „Night Stalker“ schlich ins Schlafzimmer, in dem Somkids Mann Chainarong Khovananth schlief. Er schoss dem ahnungslosen Mann direkt in den Kopf. Er kehrte zur Ehefrau ins Wohnzimmer zurück. Ihm fiel auf, dass ihr Ehering verschwunden war. „Spiel keine Spielchen mit mir, Schlampe! Wo ist der Ring?“, herrschte er die verängstigte Frau an. Sie gab ihm das diamantbesetzte Schmuckstück.

Reiche Beute

Dann riss er ihr das Nachthemd vom Leib und zerrte sie ins Badezimmer. Er durchtrennte das Kabel des Haarföhns und fesselte der Frau mit der Schnur die Hände auf den Rücken. Er führte sie zurück ins Schlafzimmer. Dort vergewaltigte er sie neben ihrem toten Ehemann. Er nötigte sie, ihn oral zu befriedigen, und zwang sie anschließend zu Analverkehr.

Aus einem der beiden Kinderzimmer im Haus ertönte das Klingeln eines Weckers. Der Täter stürmte die Räume, fesselte die Kinder und stopfte ihnen jeweils eine Socke in den Mund. Er kehrte zu Somkid Khovananth zurück und setzte die Vergewaltigung fort.

Schließlich verlangte er zu wissen, wo sie Schmuck oder andere Wertgegenstände aufbewahrte. Er drohte, sie und ihre Kinder zu töten, falls sie ihn belog. Sie händigte ihm Diamanten und weitere Edelsteine aus, die sie als Geschenk von ihrem Bruder, einem Juwelier, erhalten hatte, sowie Bargeld in Höhe von 30.000 Dollar. Er band ihre Knöchel zusammen, vergewaltigte sie erneut, durchwühlte ihre Wohnung und verließ endlich das Haus.

Noch immer belastete die mangelnde Kooperation zwischen den Polizeibehörden die Ermittlungen. Erst im Laufe des nächsten Tages erfuhren Carrillo und Salerno von den Verbrechen. Am Tatort in Sun Valley konnten die Beamten einen Abdruck des Avia Sportschuhs sicherstellen. Somkid Khovananth half bei der Erstellung eines Phantombilds des Täters, dessen Kopie an jeden Polizisten im Großraum Los Angeles und die Presse verteilt wurde.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt verfiel die Bevölkerung von Los Angeles in Panik. Niemand war vor diesem Täter sicher. Zahllose Hinweise auf Typen, die sich schwarz kleideten, gingen bei der Polizei ein. Ältere Frauen hatten Angst davor, allein zu sein. Mädchen mussten früh zu Hause sein. Die Ehemänner und Väter hielten zu Hause mit Baseballschlägern und Gewehren nachts Wache. In den Gemeinden liefen spontan gegründete Bürgerwehren Patrouille. Kinder bestanden darauf, im Bett ihrer Eltern zu schlafen. Viele Menschen fanden in diesen Tagen überhaupt keinen Schlaf.

Blindgänger

Dies alles hinderte den Täter nicht daran, erneut zuzuschlagen. Als nächstes Ziel wählte der Night Stalker am 6. August die Gemeinde Northridge aus, wo er in das Haus der Familie Petersen eindrang. Die Hausbewohner hatten zwar alle Fenster und Türen fest verschlossen, dabei aber eine Glasschiebetür übersehen. So betrat der Täter das Schlafzimmer von Chris und Virginia Petersen.

Die Ehefrau bemerkte als erste den Eindringling und schrie laut auf. Der Night Stalker schoss umgehend auf sie und traf sie unter dem linken Auge. Ihr Ehemann Chris schreckte hoch und sah seine blutüberströmte Frau neben sich. Im nächsten Moment spürte er den Lauf einer Pistole an seiner rechten Schläfe. Der Täter drückte ab. Anschließend feuerte er eine weitere Kugel in Richtung Virginia Petersen ab, verfehlte sie jedoch dieses Mal.

Doch irgendetwas stimmte mit der Munition nicht. Das Projektil konnte den Schädelknochen von Chris Petersen nicht durchdringen und prallte ab. Der bullige Lastwagenfahrer stürzte sich auf den Schützen und rang mit ihm um die Waffe. Ein weiterer Schuss löste sich, ohne ein Ziel zu treffen. Dann war das Magazin leer. Der Täter floh. Wie sich später herausstellte, hatte auch Virginia Petersen Glück im Unglück. Das Projektil, das sie traf, war durch den Nacken wieder ausgetreten und hatte das Gehirn nicht beschädigt.

Der Junge in der Tür

Am 8. August tauchte der Night Stalker in der Gemeinde Diamond Bar, östlich von Los Angeles gelegen, auf. Er drang in das Heim von Elyas und Sakina Abowath ein, die dort mit ihrem dreijährigen Jungen und einem Säugling lebten. Der Täter schlich sich ins Elternschlafzimmer und schoss dem schlafenden Elyas Abowath mit seiner .25 Automatik in den Kopf. Der Mann war auf der Stelle tot.

Er kletterte über den Leichnam und kniete sich auf Sakina Abowath, die er in Gesicht und Bauch schlug. Sollte sie schreien, töte er sie und ihre Kinder, drohte er der Frau. Er wollte von ihr wissen, wo sie ihren Schmuck aufbewahre. Als sie nicht schnell genug antwortete, schlug er ihr erneut mit der Faust ins Gesicht. Sie zeigte ihm eine Tasche, in der sie ihre Wertgegenstände verstaute.

Der Mörder riss der Frau anschließend das Nachthemd und den Still-BH vom Leib. Er zwang sie zu Oralverkehr. Dann vergewaltigte er sie vaginal und anal. Im Kinderzimmer nebenan begann der kleine Sohn zu weinen. Die Mutter flehte ihren Peiniger an, sich um das Kind kümmern zu dürfen. Er ließ sie gewähren, während er sie nicht aus den Augen ließ. Er zerrte sie wieder ins Schlafzimmer. Er fiel erneut über sie her und setzte die Tortur fort.

Nach geraumer Zeit öffnete sich die Schlafzimmertür und der Sohn von Sakina Abowath kam herein. Der Night Stalker fesselte den Jungen ans Bett und legte ihm ein Kissen aufs Gesicht. Die Mutter wollte ihren Jungen beruhigen, aber der Fremde schlug sie. Danach vergewaltigte er sie wieder und wieder im Beisein des Kindes. Schließlich ließ er von der Frau ab. Er ging in die Küche, nahm sich eine Melone aus dem Kühlschrank und stopfte die Wertsachen in einen Kissenbezug. Dann floh er aus dem Haus. Seine Opfer blieben gefesselt zurück.

Am Tatort konnte die Polizei Schuhabdrücke des Täters sicherstellen. Sie ließen sich zwar nicht einem Avia-Sportschuh zuordnen, hatten aber die gleiche Größe wie die anderen im Night Stalker-Fall sichergestellten Spuren. Zudem sprach die Vorgehensweise des Täters dafür, dass derselbe Serienmörder am Werk war. Der Mörder hatte beispielsweise Elyas Abowath an exakt der gleichen Stelle in den Kopf geschossen wie das vormalige Opfer Chainarong Khovananth.

 

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(3) Los Angeles in Panik was last modified: Mai 8th, 2018 by Richard Deis