„Ich werde Ihnen ein unglaubliches Honorar in Rechnung stellen. Aber ich werde Ihnen helfen, genug Geld zu verdienen, um dieses Honorar zahlen zu können.“ Mit diesen Worten stellte sich F. Lee Bailey als neuer Anwalt bei Sam Sheppard vor.

Bailey wollte zunächst erwirken, dass sein Klient einem Lügendetektortest unterzogen wurde. Während der offiziellen Ermittlung im Jahre 1954 hatte sich Sam Sheppard dieser Art von Befragung noch verweigert. Nun war er dazu bereit, um seine Unschuld zu beweisen. Doch für den Lügendetektortest war die Erlaubnis des Gouverneurs von Ohio notwendig. Der Gouverneur lehnte das Gesuch ab.

Habeas Corpus

Bailey hatte zwei junge Studenten der Harvard Law School als Assistenten angeheuert. Sie entdeckten genügend Anhaltspunkte, um einen sogenannten Habeas-Corpus-Akt – ein Haftprüfungsverfahren – anzustreben. So seien Sheppard seine verfassungsmäßigen Rechte verweigert worden. Bailey hob insbesondere den Medienzirkus, die massive Beeinflussung der Geschworenen (ihre Namen waren samt Anschrift bereits vor Prozessbeginn in der Presse zu lesen) und die Weigerung des Gerichts, den Prozessort zu verändern, hervor. Im April 1963 reichte er den Antrag bei Gericht ein.

Bailey konnte seine Eingabe zudem mit einer eidesstattlichen Erklärung der Journalistin Dorothy Kilgallen untermauern. Während des Prozesses habe Richter Blythin ihr gegenüber geäußert, der Angeklagte sei „schuldig wie der Teufel. Das ist gar keine Frage.“ Blythin war bereits 1958 verstorben und konnte diesen Vorwurf nicht mehr entkräften. Darüber hinaus hatte der Oberste Gerichtshof unter Leitung von Earl Warren inzwischen eine Reihe von Entscheidungen getroffen, welche die Rechte von Angeklagten stärkten. Die Chancen für eine Wiederaufnahme des Verfahrens gegen Sam Sheppard waren deutlich gestiegen.

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Anwalt F. Lee Bailey (links) und Klient Sam Sheppard

Dr. Kimble auf der Flucht

Auch das Meinungsbild in der Öffentlichkeit hatte sich verändert. Waren 1954 noch nahezu alle Berichterstatter von Sheppards Schuld überzeugt, erschienen in den Jahren danach zahlreiche ausführliche Reportagen und Bücher, die zumindest Zweifel streuten. Zusätzlich feierte 1963 die Fernsehserie „Dr. Kimble auf der Flucht“ (Originaltitel: The Fugitive) Premiere.

Die Serie lief vier Jahre lang und war sowohl in den USA als auch im Ausland ein großer Erfolg. Die Einschaltquoten für die letzte Folge lagen in den USA beispielsweise über 70 %. Der Serienerfinder Roy Huggins bestritt zwar, dass Figuren und Handlung ein reales Vorbild hatten. Doch für das zeitgenössische Publikum waren die Parallelen zum Sheppard-Fall unübersehbar: Ein junger Arzt wird wegen Mordes an seiner Frau verurteilt, obwohl er seine Unschuld beteuert. Schließlich flieht er aus dem Gefängnis, um den wahren Mörder auf eigene Faust zu jagen. 1993 wurde der Stoff nochmals als Spielfilm „Auf der Flucht“ verfilmt. In den Hauptrollen waren Harrison Ford und Tommy Lee Jones zu sehen.

Natürlich hatten eine erfolgreiche TV-Serie und eine positive Presse keinen direkten Einfluss auf einen Strafprozess. Sie waren juristisch irrelevant. Aber das Verfahren 1954 war ein Lehrbeispiel dafür, wie die Medien das Stimmungsbild verändern konnten. Dies dürfte dann auch in die Sichtweise der Akteure vor Gericht eingeflossen sein und damit in die Entscheidungsfindung.

Auf freiem Fuß

Für die Revision des Sheppard-Falls war zunächst Bezirksrichter Carl Weinman aus Dayton zuständig. Er begann im Januar 1964 mit den Anhörungen und verkündete am 16. Juli 1964 – fast auf den Tag genau 10 Jahre nach dem Mord – seine Entscheidung. Er ordnete an, Sam Sheppard gegen die Zahlung einer Kaution von 10.000 $ unverzüglich aus dem Gefängnis zu entlassen. Der Staatsanwaltschaft räumte er 60 Tage ein, um erneut Anklage gegen Sheppard einzureichen. Sollte das nicht geschehen, wäre der Beschuldigte endgültig frei.

Weinman monierte in seiner Begründung, dass es in dem Verfahren 1954 fünf verschiedene Verletzungen von Sheppards verfassungsmäßigen Rechten gegeben hatte. Eine einzige Verletzung hätte bereits ausgereicht, um das Urteil zu revidieren.

Magda Goebbels Halbschwester

Nur wenige Tage nach seiner vorläufigen Entlassung heiratete Sam Sheppard ein zweites Mal. Seine neue Ehefrau hieß Ariane Tebbenjohanns, stammte aus Düsseldorf und war die Ex-Frau eines Stahlfabrikanten. Laut den damaligen Presseberichten ist sie angeblich die Halbschwester von Magda Goebbels, der Frau von Nazi-Propagandaminister Joseph Goebbels, sowie eine Tante von Harald Quandt aus der bekannten deutschen Industriellendynastie (BMW, Varta, KUKA).

„Angeblich“, weil ich bisher nicht die Namen ihrer Eltern verifizieren konnte. Und die Herkunft der vermeintlichen Halbschwester Magda Goebbels ist zumindest etwas unklar, da sie als uneheliche Tochter von Auguste Behrend geboren wurde. Als leiblicher Vater galt lange Zeit der Bauunternehmer Oskar Ritschel, der Auguste Behrend kurz nach der Geburt Magdas heiratete.

Aber ein kürzlich aufgetauchtes Dokument soll laut „BILD“ beweisen, dass Augustes zweiter Ehemann, der jüdische Lederfabrikant Richard Friedländer, der wahre biologische Vater von Magda Goebbels war. Friedländer starb im Februar 1939 im KZ Buchenwald. Da ich vermute, dass Ariane Tebbenjohanns eine Tochter von Oskar Ritschel aus anderer Ehe ist (Ritschel war zum Zeitpunkt von Arianes Geburt bereits mehr als 20 Jahre von Auguste Behrend geschieden), muss eine Blutsverwandtschaft mit Magda Goebbels also nicht zwangsläufig gegeben sein.

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Ariane und Sam Sheppard

Brieffreundin

Ariane Tebbenjohanns war auf ihren zukünftigen Ehemann erstmals beim Besuch einer Zahnarztpraxis aufmerksam geworden. Im Wartezimmer las sie in einer der ausliegenden Illustrierten über den amerikanischen Arzt, dem man die Ermordung seiner Frau anlastete. Nach ihrer Scheidung schickte Tebbenjohanns dem verurteilten Mörder ab 1957 zunächst Briefe ins Gefängnis, später auch Bargeld. Die Anwälte, die sich um ein Berufungsverfahren bemühten, kosteten schließlich Geld.

1963 erhielt Tebbenjohanns die Erlaubnis, Sam Sheppard im Staatsgefängnis von Ohio besuchen zu dürfen. Sie kehrte für kurze Zeit wieder nach Deutschland zurück, verlegte ihren Hauptwohnsitz dann aber schließlich in die USA. Sie kaufte zwei Autos – eines für sich und eines, das sie für Sam in einer Garage bereithielt, sollte er entlassen werden.

Sieg vor dem Supreme Court

Das war nun geschehen. Damit war Sam Sheppard zwar auf freiem Fuß, aber noch lange kein freier Mann. Der Staat Ohio focht die Entscheidung von Bezirksrichter Weinman an und wandte sich seinerseits an eine höhere Instanz, um die Entscheidung rückgängig zu machen. Im Mai 1965 gab ein Bundesberufungsgericht dem Staat Ohio Recht. Nun sollte der Oberste Gerichtshof der USA ein endgültiges Urteil über das Verfahren fällen. Der Prozess wurde für den Februar 1966 angesetzt. Bis dahin durfte Sam Sheppard in Freiheit verbleiben.

Der Oberste Gerichtshof traf seine Entscheidung am 6. Juni 1966. „Die massive, allgegenwärtige und nachteilige Medienberichterstattung … hinderte den Beschuldigten daran, einen fairen Prozess zu erhalten, der mit der Klausel des 14. Zusatzartikels vereinbar ist“, hieß es in der Urteilsbegründung.

Und weiter: „Trotz des Wissens um die übermäßige Vorverurteilung in den Medien schaffte der Prozessrichter es nicht, wirksame Maßnahmen gegen die massive Berichterstattung zu ergreifen, die während der gesamten Verhandlung fortdauerte. Er unternahm keine angemessenen Schritte, um die Durchführung des Prozesses zu kontrollieren.“

Eine Farce von einem Prozess

Stattdessen hätte Blythin nach Ansicht seiner Kollegen den Prozess entweder aufschieben oder an ein Gericht in einem anderen County verlegen müssen, in dem der Fall weniger im Fokus der Medien stand. Die Richter führten zum Beispiel an, dass Wochen vor Prozessbeginn die Namen und Adressen der Geschworenen in der Presse veröffentlicht wurden. „In der Folge erhielten die Geschworenen zahlreiche Briefe und Anrufe, deren Ziel es war, sie in ihrem Urteil zu beeinflussen.“

Zeugen und Geschworene „mussten jedes Mal, wenn sie den Gerichtssaal betraten oder verließen, sich einen Weg durch einen Pulk von Reportern und Fotografen bahnen.“ Obwohl Blythin die Zeugen während der Beweisaufnahme aus dem Gerichtssaal verwies, konnten sie draußen Wort für Wort die Aussagen der anderen Zeugen in der Presse nachlesen. „Hiermit wurde eine elementare Regel der Prozessordnung durch den Richter praktisch völlig aufgehoben.“

Der Pressetisch stand nur drei Meter von den Geschworenen-Bänken entfernt. Die Geschworenen bekamen also aller Wahrscheinlichkeit mit, wie die Medienvertreter über den Prozess urteilten. Zudem waren die Journalisten so nahe am Tisch der Verteidigung dran, dass sie jede Unterhaltung zwischen Sheppard und seinen Anwälten mitbekamen. Damit sei ein notwendiges Maß an Privatsphäre nicht gewährleistet gewesen.

Der Strafprozess wird neu aufgerollt

Am Ende der Begründung wies der Oberste Gerichtshof das zuständige Bezirksgericht an, „dass Sheppard aus der Haft entlassen wird, wenn ihn der Staat Ohio nicht innerhalb einer angemessenen Frist wieder anklagt.“ Mit anderen Worten: Sam Sheppard galt ab diesem Moment wieder dem Gesetz nach solange als unschuldig, bis man ihm seine Schuld nachgewiesen hatte. Zwei Tage später kündigte die Staatsanwaltschaft an, erneut Anklage gegen Sam Sheppard zu erheben.

Am 24. Oktober 1966 startete der zweite Mordprozess gegen Sam Sheppard. Richter Francis Talty war tunlichst bedacht, die Fehler seines Vorgängers zu vermeiden. So waren keinerlei Kameras im und vor dem Gerichtssaal zugelassen. Selbst einem Gerichtszeichner blieb der Zutritt verwehrt.

Der Richter schränkte die Zahl der Plätze für Medienvertreter in dem ohnehin nur 42 Sitzplätze umfassenden Saal sehr stark ein. Es hatten insgesamt nur 14 Journalisten Zutritt zu dem Prozess. Während einer laufenden Verhandlung durfte sich niemand frei im Gerichtssaal bewegen oder die Räumlichkeiten verlassen. Anwälten und Zeugen war es untersagt, sich gegenüber den Medien zu äußern, solange der Prozess andauerte.

Die Medien zeigten sich bestürzt über diese Anordnung, die sie in ihrer Arbeit erheblich einschränkte. Sie fürchteten zudem, dass der Richter eine Art Präzedenzfall geschaffen hätte, dessen Beispiel auch andere Gerichte folgen würde. Aber nach der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs, die auch eine harsche Medienschelte beinhaltete, mussten sie diese Kröte vorläufig schlucken.

Vertreter der Anklage war Bezirksstaatsanwalt John T. Corrigan (weder verwandt noch verschwägert mit Sheppards erstem Prozessanwalt William Corrigan), die Verteidigung übernahm F. Lee Bailey. Zu Beginn der Beweisaufnahme traten die gleichen Zeugen wie im ersten Verfahren auf, ohne dass es dabei zu allzu großen Überraschungen kam.

Pikante Andeutungen

Mit einigen Fragen deutete Anwalt Bailey aber an, dass sich inzwischen möglicherweise neue Erkenntnisse ergeben hatten. So fragte er Spencer Houk, ob er sich jemals im Schlafzimmer der Sheppards aufgehalten oder einen Schlüssel zum Haus der Sheppards besessen habe. Houk stritt beides ab.

Esther Houk, inzwischen von Spencer geschieden, räumte ein, dass sie in der Tatnacht ein Feuer in ihrem Kamin entzündet habe, weil ihr kalt gewesen sei. Der 3. Juli 1954 war aber ein heißer Sommertag gewesen, die Temperaturen in der Nacht lagen immer noch bei milden 20°C. Bailey wollte den Geschworenen nahelegen, Houk habe möglicherweise nur deshalb ein Feuer entfacht, um blutverschmierte Kleidungsstücke und andere Beweismittel zu vernichten. Außerdem bestätigte die Zeugin, dass man vom Houk-Haus zum Sheppard-Haus auch über den Strand gelangen konnte.

Luftnummer

Dr. Gerber, Hauptzeuge im ersten Prozess, wiederholte seine Aussage, dass auf dem blutigen Kissenbezug ein markanter Abdruck zu sehen war. Er vermied es dieses Mal aber, in diesem Zusammenhang von einem „chirurgischen Instrument“ zu sprechen. Bailey ließ ihm das nicht durchgehen. Beim Kreuzverhör brachte er Gerber zu der Aussage, dass der Abdruck von einem Werkzeug herrührte „ähnlich wie eine Zange – oder ein chirurgisches Instrument“. Bailey hakte sofort nach: Hatte er jemals ein Instrument aufgespürt, dass zum Abdruck passte? Gerber gab zu, dass ihm das trotz großer Bemühungen nie gelungen sei.

Ein nicht ganz unwichtiger Punkt, den Baileys Vorgänger William Corrigan übersehen hatte. Denn wenn sich kein passendes Gerät finden ließ – woher wollte Gerber dann wissen, dass es sich ausgerechnet um ein chirurgisches Instrument gehandelt hatte? Die Unterstellung, die sich aus dieser Aussage ergab, war ja klar. Der einzige Chirurg, der sich während der Tatzeit am Tatort aufhielt und Zugriff auf solche Utensilien hatte, war Sam Sheppard gewesen.

Blutspritzer auf der Uhr

Mary Cowan, eine Mitarbeiterin der Gerichtsmedizin, ging näher auf eine Blutspur ein, die man an Sam Sheppards Armbanduhr entdeckt hatte. Dabei handelte es sich um Blut seiner Ehefrau. Form und Muster der Blutflecken deuteten darauf hin, dass es sich um Spritzer und nicht um Tropfen oder direkte Kontaktspuren handelte. Die einzige logische Erklärung hierfür war nach Ansicht der Gutachterin, dass sich Sam Sheppard während des Mordes direkt am Tatort aufhielt und ihn ein Blutspritzer an der Armbanduhr traf.

Im ersten Prozess war Susanne Hayes noch eine wichtige Belastungszeugin. Ihre Aussage belegte, dass Sam Sheppard a) gelogen hatte, b) möglicherweise ein Motiv für die Tat hatte. Doch im zweiten Verfahren verzichtete die Staatsanwaltschaft überraschenderweise darauf, Hayes als Zeugin zu benennen.

Houk im Verdacht

Am 10. November rief Bailey den ersten Zeugen der Verteidigung auf. Jack Krakan war 1954 als „Brotmann“ der Sheppards tätig. Damals lieferten Bäckereien und Molkereien ihre Produkte noch in die Häuser der Kunden. Krakan arbeitete für die Spang Baking Co. Er sagte, dass er zweimal einen „distinguiert aussehenden“ Mann im Haus der Sheppards beobachtet habe. Zunächst hielt Krakan ihn für den Hausherrn Dr. Sheppard. Bis er beobachtete, wie Marilyn Sheppard dem Mann einen Schlüssel überreichte und ihn mahnte: „Lass das bloß nicht Sam sehen.“

Wenn man noch die Fragen in Betracht zieht, die Bailey an Stephen Houk gerichtet hatte, dann wird so etwas wie eine Strategie ersichtlich. Offensichtlich wollte die Verteidigung nachweisen, dass Stephen Houk ein Verhältnis mit Marilyn Sheppard hatte und der Bürgermeister möglicherweise ebenfalls ein Mordverdächtiger war. Doch Bailey verfolgte während des Verfahrens diese Spur nicht weiter. Später äußerte er, der Richter habe verhindert, dass er entsprechende Beweismittel in den Prozess einführen durfte.

Blutspuren

Dr. Gerber war im ersten Prozess unter anderem deshalb eine so wichtige Rolle zugekommen, weil die Verteidigung darauf verzichtet hatte, einen eigenen Gutachter zu benennen, der die Tatortspuren einer genaueren Untersuchung unterzog. Das war erst im Januar 1955 nach Ende des ersten Prozesses geschehen, als man Dr. Paul Kirk hinzog. Bailey rief diesen Sachverständigen nun in den Zeugenstand.

Kirk erläuterte dem Gericht, dass er am Tatort einen Blutfleck entdeckt habe, der weder von Sam noch Marilyn Sheppard stamme. Es handelte sich dabei um einen sehr großen Fleck, welcher einer Schranktür direkt neben Marilyn Sheppards anheftete. Das Blut gehöre zwar der gleichen Blutgruppe wie Marilyn Sheppards Blut an, nämlich Typ 0 (Sam Sheppard hatte Blutgruppe A). Das Blut wies jedoch andere Verklumpungseigenschaften auf als das Blut des Mordopfers. Kirks Fazit: Das Blut an der Schranktür stammte weder von Marilyn noch von Sam Sheppard.

Der Täter sei nach Begutachtung der Flugrichtung aller Blutspritzer im Raum Linkshänder gewesen. Sam Sheppard war Rechtshänder. Zudem habe Marilyn Sheppard ihren Mörder aller Wahrscheinlichkeit nach gebissen. Zwei ihrer Zähne hatten neben dem Bett gelegen. Kirk schlussfolgerte, dass der Täter seine Hand mit aller Kraft aus dem Gebiss herausgezogen und dabei die Zähne ausgerissen habe.

Einige Kritiker dieser These hatten zuvor argumentiert, es sei doch viel wahrscheinlicher, dass sich die Zähne infolge der Schläge gelöst hatten. Kirk konterte, dass man sie dann aber aller Wahrscheinlichkeit im Mund des Opfers gefunden hätte und nicht mehrere Meter vom Kopf entfernt. Außerdem wären in diesem Fall weitaus gravierendere Verletzungen an den Lippen zu erwarten gewesen.

Letzte Trumpfkarte

Kirk äußerte sich auch zu dem Blutspritzer auf Sheppards Uhr. Er räumte ein, dass die tropfenförmigen Flecken am Rand der Uhr vordergründig auf umherfliegende Blutspritzer hindeuteten. Doch der Schweif sei nicht symmetrisch geformt, sodass er große Zweifel an dieser Theorie habe. Seiner Meinung konnten die Flecken auch durch einen direkten Wischkontakt mit dem Opfer entstanden sein, zum Beispiel als Sheppard nach dem Puls seiner Frau tastete.

Bailey spielte seine letzte Trumpfkarte aus. Er projizierte starke Vergrößerungen der Uhr auf die Leinwand und deutete dann auf zwei kleine Flecken auf der Innenseite des Armbandes. Sie ähnelten in ihrer Form den Blutflecken am Gehäuserand. Bis an diese Stelle konnte das Blut aber nicht gespritzt sein, wenn Sheppard die Uhr zum Zeitpunkt des Mordes noch am Handgelenk trug. Die Gutachter der Anklage mussten einräumen, dass ihnen diese Spuren bisher nicht aufgefallen waren.

Dieses Mal gelangten die Geschworenen wesentlich schneller zu einem Urteil. Am Freitag, dem 16. November, schickte der Richter die Jury nach der Mittagspause zur Beratung. Um 21.30 Uhr desselben Tages stand der Urteilsspruch fest: nicht schuldig.

Später kam heraus, dass sich im ersten Wahlgang sieben Geschworene für einen Freispruch ausgesprochen hatten. Zu den ursprünglichen Skeptikern zählten vor allem ältere Jury-Mitglieder, die sich noch lebhaft an das erste Verfahren erinnern konnten. Der Stimmungsumschwung kam zustande, weil auch diese Gruppe den Eindruck hatte, die Polizei habe schlampig gearbeitet. Außerdem hatten sie das Gefühl, dass die Anklage kein überzeugendes Motiv geliefert habe, warum Sheppard seine Frau ermordet haben sollte.

Am Ende

Der Fall begründete Baileys legendären Ruf als Prozessanwalt, von dem er noch Jahrzehnte zehren sollte. So sah man ihn in späteren Jahren in weiteren spektakulären Strafverfahren wieder, unter anderem als Verteidiger von Alberto DeSalvo (Boston Strangler), Patty Hearst oder O.J. Simpson. Die Prozessbeobachter lobten insbesondere seine Entscheidung, Sam Sheppard dieses Mal nicht in den Zeugenstand treten zu lassen und dem Kreuzverhör des Staatsanwalts auszusetzen.

Doch hinter diesem Entschluss steckte weniger taktisches Kalkül als schlichte Notwendigkeit, wie Bailey später zugab, nachdem Sheppard bereits verstorben war. „Kaum jemand wusste davon. Aber während des Prozesses gab es Phasen, in denen Sam nicht verstand, was um ihn herum vorging. Ich konnte ihn in diesem Zustand einfach nicht in den Zeugenstand lassen“, so Bailey. Sheppard litt zu diesem Zeitpunkt bereits unter den Folgen von massivem Alkohol- und Medikamentenmissbrauch.

Die Sucht sollte dazu führen, dass Sheppard kaum Zeit blieb, seine wiedergewonnene Freiheit zu genießen. Bereits während des Prozesses hatte seine zweite Frau Ariane die Scheidung beantragt. Sheppard habe ihr unter dem Einfluss von Alkohol und Tabletten Geld gestohlen, ihr gedroht und sei gewalttätig geworden. Unter anderem habe er leere Flaschen nach ihr geworfen. Ein Richter verhängte ein Kontaktverbot für Sheppard, bevor die Scheidung rechtsgültig wurde.

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Sam und Ariane Sheppard

Sheppard erhielt zwar seine ärztliche Zulassung zurück und praktizierte wieder in seinem alten Beruf. Aber er versagte bei zwei Operationen. Beide Patienten starben. Damit war seine Karriere als Arzt de facto beendet. Ab August 1969 verdingte sich der inzwischen 45-jährige als Profi-Wrestler und bestritt insgesamt 40 Wettkämpfe als „Killer Sheppard“ mit dem „Nervengriff“. Mit dieser Zirkusnummer wollte er seinen zweifelhaften „Ruhm“ versilbern.

Dritte Heirat

Ende 1969 verkündeten Sheppard und Colleen Strickland, die 20-jährige Tochter seines Wrestling-Managers George Strickland, dass sie in Mexiko geheiratet hätten. Nach Sheppards Tod fanden sich allerdings keine Dokumente, welche die Rechtmäßigkeit der Ehe bestätigt hätten. Aber seine dritte Ehefrau hätte ohnehin nichts geerbt. Ihr schwer alkoholkranker Mann war komplett pleite.

Am 6. April 1970 brach Samuel Holmes Sheppard in der Küche in seiner Wohnung zusammen und erbrach Blut. Die herbeigerufenen Sanitäter versuchten vergeblich, den Mann wiederzubeleben. Als Todesursache vermerkte der Arzt akutes Leberversagen. Sheppards täglicher Alkoholkonsum lag vor seinem Tod bei 1,5 Liter Schnaps.

 

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Weitere Kapitel zum Fall Sam Sheppard 

(4) Die Blondine aus Deutschland was last modified: April 28th, 2018 by Richard Deis