Wie weit Charles Manson an das religiös-philosophische Konstrukt glaubte, dass er seinen Anhängern predigte, ist nicht bekannt. Aber die Mitglieder der Manson Family schenkten seinen Worten umso mehr Glauben. Kern der Philosophie war Mansons Umdeutung des Armageddons nach der Offenbarung des Johannes.

Laut Manson würde sich in naher Zukunft der schwarze Mann erheben und gegen die Weißen in den Krieg ziehen. Die Städte würden in einem Inferno versinken. Der schwarze Mann würde diesen Rassenkrieg gewinnen und alle Weißen töten. Doch er würde den Sieg nicht lange genießen können. Denn der schwarze Mann könne seine Natur nicht verleugnen, so Charles Manson. Er sei von seinem Wesen her unterwürfig und unfähig, zu führen.

Das »Weiße Album«

Als Charles Manson erstmals einen bevorstehenden Krieg der Rassen beschwor, veröffentlichen die Beatles ihr »Weißes Album«. Einer der Songs hieß »Helter Skelter«. Warum ein Lied über eine turbulente Liebesbeziehung Pate für Mansons Untergangsszenario stand – keine Ahnung. Wahrscheinlich, weil das Musikstück für die damalige Zeit laut und hart war und »Helter Skelter« wie ein ziemlich griffiger Slogan klang.

An einem bitterkalten Silvesterabend auf der Myers Ranch versammelte Manson seine Anhänger an einem Lagerfeuer und erklärte ihnen, dass die Aufstände, die er angekündigt hatte, bereits von den Beatles auf ihrem »Weißen Album« prophezeit worden seien. Die Songs auf dem Album würden die ganze Geschichte verkünden, wenn auch in codierter Form.

Im Laufe der Zeit spitzte Manson diese Aussage noch zu. Er behauptete, das »Weiße Album« sei in Wahrheit eine Botschaft, die sich unmittelbar an die Manson Family richte. Die Manson Family seien die Auserwählten, die sich als würdig genug erwiesen hätten, die Welt vor dem bevorstehenden Inferno zu retten.

Laut Manson würde Helter Skelter mit einigen Morden beginnen. Ein paar Schwarze aus Watts würden die Villen reicher Weißer in Beverly Hills oder Bel Air heimsuchen. Sie würden alle Bewohner der Reihe nach niedermetzeln und aufschlitzen. Sie würden die Hände im Blut ihrer Opfer tränken und ihre blutigen Botschaften an die Wände schmieren.

Der schlimmste Albtraum des weißen Establishments würde wahr. Daraufhin würden sich die Massen erheben, bis die Schwarzen den Krieg gewonnen hätten. Doch mit der Übernahme der Macht würden sie auch das Karma der weißen Unterdrücker erben. Der schwarze Mann wäre ab nun das verhasste Establishment, neues Chaos die Folge.

Die Höhle im Death Valley

Charles Manson und seine Familie würden dieses Inferno natürlich unbeschadet überleben. Dazu würde sich die Manson Family an einen Ort in der Wüste zurückziehen, fern ab der Städte. In einer Höhle im Death Valley befand sich der verborgene Zugang zu einer anderen Welt. Er führte zu einer Stadt unter der Erde, deren Häuser aus purem Gold bestanden. Paradies. Dort würde sich die Manson Family verstecken und abwarten, bis der Krieg vorüber war. Bis dahin wäre die Familie auf eine Größe von 144.000 Personen angewachsen, so Mansons Berechnungen.

»Die Welt wird uns gehören«, versprach Manson seinen Jüngern. »Es wird niemanden außer uns und unseren schwarzen Dienern geben. Er, Charles Willis Manson, der fünfte Engel, Jesus Christus, wird dann über die Welt herrschen.« Die anderen vier Engel hießen im Übrigen nicht Michael, Gabriel oder Raphael, sondern laut Mansons Evangelium John, Paul, George und Ringo – wie die Beatles.

Eigenes Album soll Rassenkrieg auslösen

Im Februar 1969 hatte Manson seine Vision vervollständigt. Die Manson Family würde ein eigenes Musikalbum herausbringen, dessen Lieder – ähnlich subtil wie die Songs der Beatles – die Welt in das vorhergesagte Chaos stürzen würde. Grausame Morde an Weißen, begangen von Schwarzen, würden unweigerlich Vergeltung nach sich ziehen. Der Konflikt würde das weiße Establishment spalten. Rassisten würden mit Antirassisten streiten, was zur Vernichtung der weißen Rasse führen würde.

Die Mitglieder des Manson-Kults machten sich sofort an die Ausarbeitung der notwendigen Soundtracks von Helter Skelter. Doch als Terry Melcher seine Mitarbeit an Mansons Vision verweigerte, stand der Guru plötzlich vor einem praktischen Problem. Seine Prophezeiungen trafen nicht ein.

Black Panther Party

Im Juni 1969 wies Manson Charles »Tex« Watson an, Geld für die Familie aufzutreiben. Die Manson Family müsse sich auf den nun bald beginnenden Krieg vorbereiten. Watson zockte daraufhin Bernard »Lotsapoppa« Crowe ab. Crowe war ein schwarzer Drogendealer. Sobald er herausfand, dass Watson ihn betrogen hatte, drohte er mit Rache. Er würde jeden auf der Spahn Ranch kaltmachen. Charles Manson fuhr zu Crowes Haus und feuerte mehrere Schüsse auf den Drogenhändler ab.

Am nächsten Tag berichteten die Zeitungen von Los Angeles über ein ermordetes Mitglied der Black Panther Party, ohne das Opfer namentlich zu erwähnen. Manson ging fälschlicherweise davon aus, dass es bei dem Toten um Crowe handelte. Der Prophet des Helter Skelter hatte nun selber Angst, Opfer einer Vergeltungsaktion der Black Panther zu werden.

Er verwandelte die Spahn Ranch in eine Trutzburg, teilte nachts Wachen ein, die bewaffnet Patrouille liefen. Seine Anhänger werteten dies als Zeichen, dass Helter Skelter unmittelbar bevorstehe. Die Schwarzen hatten tatsächlich vor, sich an den Auserwählten zu vergreifen.

Prophezeiungen treten nicht ein

Doch nichts dergleichen geschah. Und auch die anderen Dinge, die Charles Manson prophezeit hatte, traten nicht ein. Laut Mansons Vision sollten sich die ersten Morde der Schwarzen aus Watts im Sommer 1969 ereignen. Der Sommer kam, ohne dass die Zeitungen von einem fürchterlichen Massaker berichteten.

Es wurden leise Zweifel am selbst ernannten Führer laut. Manson gab den Schwarzen die Schuld. Wenn man ihnen nicht haarklein erkläre, was sie zu tun hätten, wären sie völlig aufgeschmissen. Manson beschloss, die Sache selber in die Hand zu nehmen. Ein paar spektakuläre Morde würden den begriffsstutzigen Schwarzen den Weg weisen. Aber auch diese Verbrechen lösten nicht den versprochenen Rassenkrieg aus.

Nach dem Mord an dem Ehepaar LaBianca befahl Manson Linda Kasabian, Rosemarys LaBiancas Geldbörse und Kreditkarten an sich zu nehmen und diese in der Frauentoilette einer bestimmten Tankstelle zu deponieren. Er spekulierte darauf, dass jemand die Wertsachen einstecken und mit den Kreditkarten bezahlen würde. Die Spuren würden dann in dieses hauptsächlich von Schwarzen bewohnte Viertel führen. Aber nichts passierte. Der Mann, der gerade mal die Grundrechenarten beherrschte, hatte sich wieder einmal verkalkuliert.

 

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(11) Helter Skelter was last modified: Februar 20th, 2018 by Richard Deis