Aus der Rückschau mag es unglaublich klingen: Doch die Polizei weigerte sich über Monate hinweg, einen Zusammenhang zwischen den Tate- und LaBianca-Morden zu erkennen. Im Abstand einer Nacht wurden in Los Angeles die Bewohner zweier Häuser von unbekannten Tätern regelrecht abgeschlachtet. Für die Taten war kein Motiv ersichtlich. An jedem der Tatorte fanden sich Botschaften. Wer unter diesen Umständen nicht eins und eins zusammenzählte, war für Polizeiarbeit eigentlich nicht qualifiziert, sollte man meinen.

Die Angelegenheit verhielt sich in Wahrheit etwas komplizierter, wenngleich sie dadurch nicht weniger peinlich für die Ermittlungsbehörden war. Denn letztlich war dieses seltsame Verhalten darauf zurückzuführen, dass sich das Los Angeles Police Department – die Stadtpolizei von LA – und das Los Angeles County Sheriff‘s Department, dessen Zuständigkeit sich auf die Vororte außerhalb der Stadtgrenzen erstreckte, spinnefeind waren. Wer jemals einen Krimi von James Ellroy gelesen hat, wird wissen, dass diese Konflikte historisch sehr weit zurückreichten.

LAPD ignoriert Parallelen

So statteten bereits am 10. August, also noch bevor man die LaBianca-Morde entdeckte, zwei Beamte des Sheriff Department ihren Kollegen beim LAPD einen Besuch ab. Sie wiesen die Beamten auf einen Mordfall hin, den sie gerade selbst bearbeiteten. Ein Musiklehrer namens Gary Hinman war Ende Juli in seinem Haus durch zahlreiche Messerstiche getötet worden. Der oder die Mörder hatten eine rätselhafte Botschaft an der Wand zurückgelassen: »Politisches Schweinchen«. Erinnerte das nicht frappierend an den Schriftzug »Schwein« an der Tür zum Polanski-Haus?

Die Kriminalbeamten des LAPD waren anderer Meinung und ignorierten den Hinweis. Hätten sie ihren Kollegen stattdessen zugehört, hätten sie erfahren, dass das Sheriffbüro bereits einen Tatverdächtigen für den Hinman-Mord in Gewahrsam genommen hatte. Der Mann hieß Bobby Beausoleil und lebte in einer Hippie-Kommune, deren Anführer ein gewisser Charles Manson war.

Die Beamten des LAPD hatten schlicht keine Lust, sich mit irgendwelchen durchgeknallten Hippies zu beschäftigen. An dieser Sichtweise änderten auch die LaBianca-Morde nichts. Am 12. August schloss das LAPD auf einer Pressekonferenz kategorisch jegliche Verbindung zwischen den Mordfällen aus.

Tatverdächtiger William Garretson

Die Ermittler des LAPD waren der Ansicht, dass sie mit William Garretson bereits den Mörder von Sharon Tate und den übrigen Opfern gefasst hätten. Der Verdächtige behauptete doch tatsächlich, er habe während der Tatzeit geschlafen und von den Verbrechen nichts mitbekommen. Wie glaubhaft war das denn?

Doch die Spurensicherung vermeldete, dass man am Tatort keinerlei Hinweise gefunden hatte, die Garretson mit der Tat in Verbindung brachten. Die Beamten führten mit dem Verdächtigen einen Lügendetektortest durch. Der junge Mann reagierte zwar verängstigt. Aber er ließ die Frageprozedur über sich ergehen, ohne dass der Plotter irgendwelche Auffälligkeiten verzeichnete. Am 11. August mussten die Beamten William Garretson wieder laufen lassen.

Drei Drogendealer

Das LAPD probierte es mit einem anderen Ermittlungsansatz. Die Beamten hatten von drei Drogendealern gehört, die in der Vergangenheit eine Party in Polanskis Haus gestört hatten. Schon war ein neues Tatmotiv geboren. Die fünf Menschen mussten sterben, weil es bei einem Drogengeschäft zum Streit gekommen war. Doch die Überprüfung der vermeintlichen Drogendealer ergab, dass jeder von ihnen ein wasserdichtes Alibi vorweisen konnte. Spätestens ab diesem Zeitpunkt tappte das LAPD vollkommen im Dunkeln.

Das Verbrechen schlug hohe Wellen in der Öffentlichkeit. Jeder hatte eine eigene Theorie. Die Mafia steckte dahinter, der polnische Geheimdienst usw. Sharons Vater Paul Tate war ein früherer Geheimdienstoffizier und ermittelte auf eigene Faust. Er ließ sich die Haare und einen Bart wachsen. Dann mischte er sich unter die Hippies und sucht die einschlägigen Szenetreffs auf, an denen mit Drogen gehandelt wurde. Er hoffte, irgendwo eine Information aufzuschnappen, die ihn auf die Spur der Mörder seiner Tochter brachte.

Roman Polanski

Natürlich befragten die Behörden auch Roman Polanski, nachdem er aus Europa zurückgekehrt war. Polanski zeigte sich empört über den Medienzirkus. Er verklagte Zeitungen, weil sie in ihrer Berichterstattung nahelegten, er und seine Frau seien Satanisten gewesen und in dem Haus am Cielo Drive hätten wilde Drogen- und Sexorgien stattgefunden.

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Roman Polanski am 10. August 1969 am Flughafen London unmittelbar vor dem Rückflug

Gleichzeitig ließ er sich aber freiwillig ablichten, als er am 15. August erstmals den Ort des Geschehens aufsuchte. In seinem Schlepptau der prominente Hellseher Peter Hurkos. Wer den Artikel über den »Boston Strangler« Albert DeSalvo gelesen hat, wird sich an den Namen erinnern.

Polanski konnte sich nicht vorstellen, dass Drogen das Motiv für die Tat gewesen sein sollten. Seine Frau habe zwar mit LSD experimentiert, bevor er sie kennengelernt habe. Doch in ihrer Ehe habe sie, abgesehen von einem gelegentlichen Joint, das Zeug nie angerührt. Und während der Schwangerschaft habe Sharon Tate vollkommen auf Drogen, Nikotin und Alkohol verzichtet.

Die Tatwaffe verschwindet

Am 1. September 1969 fand der 10-jährige Steven Weiss auf einer Wiese in Sherman Oaks eine Waffe. Der Revolver Fabrikat Hi Standard Longhorn Kaliber .22 hatte reichlich Rost und Schmutz angesetzt. Die Griffschale war zerbrochen. Der Vater von Steven Weiss brachte die Pistole umgehend auf das nächste Polizeirevier.

Eigentlich hätte der Fund neue Bewegung in die verfahrenen Ermittlungen rund um die Tate-Morde bringen müssen. Denn die Ballistiker hatten inzwischen herausgefunden, dass Steven Parent, Jay Sebring und Wojciech Frykowski mit exakt der gleichen Waffe erschossen worden waren. Das LAPD hatte sogar ein Memo mit der genauen Beschreibung der mutmaßlichen Tatwaffe an alle Polizeireviere im Land versendet.

Doch das Fundstück verschwand stattdessen in einer Asservatenkammer in Van Nuys, ohne dass man die Kollegen von der zuständigen Mordkommission unterrichtete. Diese Ermittlungen standen unter keinem guten Stern.

 

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LAPD leugnet Verbindung von Tate- und LaBianca-Morden
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LAPD leugnet Verbindung von Tate- und LaBianca-Morden
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Es dauert Monate, bis Charles Manson wegen der Tate-Morde ins Visier des LAPD gerät. Parallelen zu anderen Verbrechen werden ignoriert.
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(4) Zusammenhang ausgeschlossen was last modified: Februar 22nd, 2018 by Richard Deis