Ende 1948 steckten die Ermittlungen im Mordfall Elizabeth Short fest. Die Polizei hatte zwar Hunderte Hinweise erhalten und zahlreiche Verdächtige überprüft. Doch keine Spur führte zum Täter. Dann erreichte den Polizeipsychiater Dr. J. Paul de River vom LAPD ein ungewöhnlicher Brief.
Absender war ein Mann, der sich Jack Sands nannte und den Brief in Florida aufgegeben hatte. Er schrieb, er beschäftige sich mit Sexualverbrechen und psychopathischen Tätern, weil er darüber ein Buch verfassen wolle. Der Mord an Elizabeth Short fasziniere ihn besonders. Er habe eine eigene Theorie über den Fall und auch einen Verdächtigen im Auge. Ein Bekannter namens Jeff Connors aus San Francisco. Der habe nämlich das Mordopfer gekannt und ihm Einzelheiten über das Verbrechen anvertraut.
Inhaltsverzeichnis
Die Verdächtigen: Leslie Dillon
Verdächtiges Mitteilungsbedürfnis
Die Neugier des Psychiaters war geweckt. Er antwortete dem Briefschreiber. Er telefonierte mit ihm. Und je länger die Korrespondenz anhielt, desto mehr sah sich de River in seiner Grundannahme bestätigt.
Denn nur einen Monat zuvor hatte er sich in einem Artikel zu dem Fall wie folgt zitieren lassen: „Dr. de River ist der Auffassung, dass ein Mensch, der fähig ist, sich einen derart grausamen Mord wie den an Elizabeth Short auszudenken und auszuführen, früher oder später seiner Natur entsprechend das Bedürfnis verspüren wird, sich mit der Tat zu brüsten, welche die ganze Nation erschüttert hat.“
Dieser Jack Sands beschäftigte sich erstaunlich intensiv mit dem Täter. Versetzte sich in seine Denkweise hinein. Zu intensiv, nach seinem Dafürhalten. Und dieser angebliche Jeff Connors, der Elizabeth Short gekannt haben sollte: Existierte der überhaupt? Oder war er frei erfunden? Konnte es sein, dass der Mörder selbst mit ihm in Kontakt getreten war? Weil er sich mit seiner Tat brüsten wollte, wie es der Psychiater vermutet hatte?
Die Falle schnappt zu
Dr. Paul de River beschloss, dem Mann eine Falle zu stellen. Er bot dem Briefschreiber eine Mitarbeit an seinem geplanten Buch über Sexualverbrecher an. Wie wäre es mit einem Treffen in Las Vegas, um die Details der Zusammenarbeit zu besprechen? Ein Termin in Los Angeles wäre zu auffällig gewesen. Der Autor in spe hätte die Falle wittern können, so sein Kalkül.
Und tatsächlich flog Jack Sands, nichts ahnend, am 28. Dezember 1948 zu dem vermeintlichen Vorstellungsgespräch nach Las Vegas. Paul de River hatte in der Zwischenzeit seine Kollegen vom LAPD zur Mitarbeit überredet. So empfing er den Mann am Flughafen in Begleitung von Detective Sergeant J. J. O’Mara, den er als seinen angeblichen Chauffeur und Leibwächter vorstellte. Im Hintergrund beschatteten Captain Kearny von der Mordkommission und Lieutenant William Burns, Leiter einer Spezialeinheit, das Treffen.
Der Psychiater und sein Begleiter eröffneten Sands, dass in Las Vegas alle Hotelzimmer ausgebucht seien. Aber sie hätten sich bereits erkundigt und nicht weit entfernt in Banning (Kalifornien) einen passenden Raum für das Arbeitstreffen gefunden. Der Besucher willigte ein und so quartierten sich die drei in der Briargate Lodge ein.
Gleich zu Beginn der Unterhaltung setzte der Mann seine Gesprächspartner darüber in Kenntnis, dass sein wahrer Name Leslie Duane Dillon laute. Jack Sands sei nur sein Pseudonym als Autor. Er sei 27 Jahre alt und habe nach seiner Entlassung aus der US Navy in verschiedenen Städten gelebt.
In den folgenden Tagen unterhielt sich de River intensiv mit Dillon. Er registrierte dabei nicht nur auf die Aussagen an sich, sondern achtete auf die Wortwahl, Dillons Reaktionen, Gesten, Mimik – kurzum: sein gesamtes Verhalten. Jedes Detail sollte ihm Aufschluss über die Persönlichkeit seines Gegenübers geben.
Verhaftung von Leslie Dillon
Anfang Januar 1947 war der Polizeipsychologe sicher, den Mörder von Elizabeth Short gefunden zu haben. Nach den mehrtägigen Gesprächen mit Leslie Dillon sah der Polizeipsychiater seine Theorie bestätigt. Er hielt den ehemaligen Bestattungsgehilfen für den Täter und den von ihm immer wieder erwähnten „Jeff Connors“ für eine frei erfundene Person oder ein zweites Ich.
Die Polizei ließ Dillon daraufhin festnehmen. Zahlreiche Zeitungen griffen den spektakulären Fall auf und berichteten über einen Mann, den manche Ermittler bereits als den vielversprechendsten Verdächtigen seit Beginn der Morduntersuchung betrachteten. Nach fast zwei Jahren ohne entscheidenden Durchbruch schien der Black-Dahlia-Fall kurz vor seiner Aufklärung zu stehen. Doch die vermeintliche Sensation hielt nicht lange an.
Bereits kurze Zeit später stellte sich heraus, dass Jeff Connors keineswegs eine Erfindung gewesen war. Die Ermittler konnten den Mann tatsächlich ausfindig machen und befragen. Damit geriet das Fundament von de Rivers psychologischer Theorie erheblich ins Wanken. Aus dem vermeintlich eindeutigen Täterprofil wurde wieder ein komplexer Ermittlungsfall, in dem viele Fragen offenblieben.
Wer war Leslie Dillon?
Leslie Duane Dillon wurde 1921 in Oklahoma geboren und führte in den Jahren vor den Black-Dahlia-Ermittlungen ein unstetes Leben. Er ging zahlreichen Gelegenheitsarbeiten nach und hielt sich zeitweise mit einfachen Jobs über Wasser. Darunter eine kurze Tätigkeit in einem Bestattungsunternehmen, die später die Aufmerksamkeit der Ermittler auf sich ziehen sollte. Obwohl Dillon dort nur für kurze Zeit beschäftigt gewesen war, setzten die Beamten voraus, dass er dort genügend Erfahrung im Umgang mit Leichen und anatomischen Abläufen gesammelt hatte.
Daneben verfolgte Dillon schriftstellerische Ambitionen. Er interessierte sich für Kriminalfälle, Sexualverbrechen und die Psychologie von Gewaltverbrechern. Nach eigenen Angaben plante er ein Buch über Sexualpsychopathen und suchte deshalb den Kontakt zu Fachleuten auf diesem Gebiet. Dieses Interesse führte schließlich dazu, dass er Ende 1948 einen Brief an den Polizeipsychiater Dr. J. Paul de River vom Los Angeles Police Department schrieb – eine Entscheidung, die sein Leben grundlegend verändern sollte.
Die Grand Jury zerlegt den Fall
Was zunächst wie der entscheidende Durchbruch in den Ermittlungen aussah, entwickelte sich schon bald zu einer handfesten Krise innerhalb des Los Angeles Police Department. Denn längst waren nicht alle Ermittler davon überzeugt, dass Leslie Dillon tatsächlich der Mörder von Elizabeth Short war.
Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung stand Dr. J. Paul de River. Der Polizeipsychiater war aufgrund seiner psychologischen Einschätzungen überzeugt, den Täter identifiziert zu haben. Andere Beamte hielten seine Schlussfolgerungen dagegen für spekulativ und warfen ihm vor, kriminalpsychologische Theorien über überprüfbare Beweise zu stellen.
Die Kontroverse weitete sich schließlich auf die Grand Jury aus, die sich 1949 ausführlich mit dem Fall beschäftigte. Dabei gerieten nicht nur die Ermittlungen gegen Leslie Dillon auf den Prüfstand, sondern auch die Arbeitsweise des LAPD selbst. Die Befragungen offenbarten erhebliche Spannungen zwischen verschiedenen Abteilungen der Polizei, insbesondere zwischen der Mordkommission (Homicide Division), der Gangster Squad und Dr. de River. Hinzu kamen Vorwürfe politischer Einflussnahme, persönlicher Rivalitäten und Korruption innerhalb der Behörde.
Für Leslie Dillon hatte dies positive Folgen. Obwohl er zwischenzeitlich als Hauptverdächtiger galt, brach die Beweislage zunehmend in sich zusammen. Dillon wurde schließlich nicht wegen des Mordes an Elizabeth Short angeklagt und erhob später selbst Klage gegen die Behörden. Die vermeintliche Falle, die der Polizeipsychologe und das LAPD dem Verdächtigen gestellt hatten, entsprach nicht den rechtlichen Vorgaben.
Piu Eatwells Theorie
Im Jahr 2017 veröffentlichte die britische Journalistin Piu Eatwell das Buch „Black Dahlia, Red Rose“, in dem sie Leslie Dillon erneut als wahrscheinlichsten Täter des Mordes an Elizabeth Short benannte. Anders als frühere Autoren stützte sie sich dabei auf zahlreiche Polizei- und Gerichtsakten sowie zeitgenössische Zeitungsberichte.
Nach Eatwells Auffassung geriet Leslie Dillon 1949 nicht zufällig unter Verdacht. Sie vertritt die These, dass Dr. J. Paul de River und andere Ermittler den richtigen Mann identifiziert hatten, ihre Untersuchungen jedoch durch interne Machtkämpfe innerhalb des Los Angeles Police Department und politische Einflussnahme scheiterten. Darüber hinaus vermutet Eatwell, dass der Fall bewusst in eine andere Richtung gelenkt worden sei, um einflussreiche Persönlichkeiten aus Hollywood und dem Umfeld der Organisierten Kriminalität zu schützen.
Eine wichtige Rolle spielt in ihrer Rekonstruktion Mark Hansen. Eatwell geht davon aus, dass sich über Hansen Verbindungen zwischen Elizabeth Short, Leslie Dillon und einem Milieu ergeben hätten, in dem Prostitutionsringe, Organisierte Kriminalität und korrupte Polizeibeamte aufeinandertrafen. Nach ihrer Auffassung erklären diese Verflechtungen, weshalb die Ermittlungen gegen Dillon letztlich eingestellt wurden.
Diese Interpretation ist allerdings umstritten. Kritiker bemängeln, dass Eatwell zahlreiche Indizien zu einer schlüssig wirkenden Gesamterzählung verknüpft, ohne für alle Schlussfolgerungen belastbare Beweise vorlegen zu können.
Larry Harnishs Kritik
Zu den entschiedensten Kritikern der Leslie-Dillon-Theorie gehört der amerikanische Journalist und Black-Dahlia-Forscher Larry Harnish. Er hat sich über Jahrzehnte intensiv mit den Originalakten des Falls beschäftigt und hält Dillon nicht für den Mörder von Elizabeth Short.
Harnish stützt seine Einschätzung im Wesentlichen auf fünf Argumente. Erstens sei Leslie Dillon zum Zeitpunkt des Mordes nachweislich in San Francisco gewesen und verfüge damit über ein belastbares Alibi. Zweitens habe es keinerlei nachweisbare persönliche Verbindung zwischen Dillon und Elizabeth Short gegeben. Drittens habe Dillon auch keine Beziehung zu Mark Hansen unterhalten, in dessen Umfeld sich das Mordopfer in den Monaten vor ihrem Tod häufig bewegte.
Darüber hinaus widerspricht Harnish der häufig wiederholten Behauptung, Dillon habe über besondere medizinische Kenntnisse verfügt. Zwar habe er für kurze Zeit in einem Bestattungsunternehmen gearbeitet, dort jedoch lediglich als Fahrer eines Leichenwagens beziehungsweise Krankenwagens. Eine Ausbildung, die ihn zu den komplexen Verstümmelungen an Elizabeth Shorts Leichnam befähigt hätte, lasse sich daraus nicht ableiten.
Schließlich verweist Harnish darauf, dass Leslie Dillon nach einer umfassenden Untersuchung letztlich von den Ermittlungsbehörden ausgeschlossen wurde. Aus seiner Sicht gibt es deshalb keinen belastbaren Grund, Dillon heute erneut als wahrscheinlichsten Täter zu betrachten. Die anhaltende Popularität dieser Theorie beruhe seiner Ansicht nach weniger auf neuen Beweisen als auf späteren Interpretationen des historischen Falls.
Kapitelübersicht zum Fall Elizabeth Short
Ermittlungen
- Die offiziellen Verdächtigen
- Carl Balsiger
- George W. Welsh II
- Sergeant Chuck
- John D. Wade
- Joe Scalise
- James Nimmo
- Maurice Clement
- Polizist aus Chicago
- Salvador Torres Vera
- Dr. George Hodel
- Marvin Margolis
- Glynn (Glenn) Wolfe
- Michael Anthony Otero
- George Bacos
- Frances Campbell
- „Lesbische Chirurgin“
- Dr. Paul DeGaston
- Dr. A. R. Brix
- Dr. M. M. Schwartz und Dr. Arthur McGinnis Faught
- Dr. Patrick S. O’Reilly
- Mark Hansen
- Leslie Dillon
Verwandte Fälle
„Lone Women“-Morde in L.A.
Andere Fälle