Am 6. Februar 1980 begann in Chicago der Prozess gegen John Wayne Gacy. Gacys Anwalt verfolgte die oft versuchte, selten erfolgreiche Strategie: »Mein Mandant war geistig unzurechnungsfähig.« Der Verteidiger behauptete, Gacy sei impulsiv und völlig irrational vorgegangen. Er habe keinerlei Kontrolle mehr über sein Handeln gehabt, sein Urteilsvermögen sei außer Kraft gesetzt gewesen.

Juristisch gesehen ist solch ein Nachweis sehr schwierig zu führen. Wie verrückt die Taten eines Serienmörder für den Außenstehenden auch wirken mögen: Wenn der Staatsanwalt belegen kann, dass der Täter planvoll vorgegangen ist, hat er ihn am Kanthaken. Es sind die immer gleichen Fragen, die die Anklage stellt. Hat der Mörder seine Verbrechen vorbereitet? Hat er seine Opfer in eine Falle gelockt? Hat er Anstrengungen unternommen, die Morde zu verbergen?

Finden sich hierfür Indizien, spricht dies dafür, dass ein Angeklagter sehr wohl zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden wusste und sich bewusst einer Strafverfolgung entziehen wollte. Da kann er ruhig ein bisschen schizophren, manisch oder paranoid veranlagt sein. Vor einer Verurteilung wird ihn dies kaum schützen.

Pathologischer Befund

Die Verteidigung hatte drei psychiatrische Gutachter beauftragt, um ihre Theorie zu untermauern. Nach rund 300 Stunden Untersuchung des Angeklagten kamen sie alle zu einem ähnlichen Schluss. John Wayne Gacy war paranoid schizophren und litt unter einer multiplen Persönlichkeitsstörung beziehungsweise einer Borderline-Persönlichkeitsstörung.

Die Geschworenen zeigten sich wenig beeindruckt. Sie benötigten lediglich zwei Stunden Beratungszeit, um den Angeklagten in allen Punkten schuldig zu sprechen. Damit war Gacy als 33-facher Mörder verurteilt. Das Gericht verhängte die Todesstrafe.

Gacy verrät Mittäter

Eine Frage, die der Prozess jedoch nicht klärte und die seitdem immer wieder diskutiert wurde, lautet: Hatte John Gacy Komplizen? Gacy selbst hatte gleich zu Beginn der Verhöre geäußert, dass er die meisten Verbrechen nicht alleine begangen habe. Gacy nannte den Ermittlern auch zwei konkrete Namen. Es handelte sich um Angestellte von ihm. Als die Beamten ihn fragten, ob die Personen Mittäter waren oder lediglich Beihilfe geleistet hatten, antwortete Gacy: »Sie waren Mittäter.«

Diese Aussage wiederholte Gacy während seiner Inhaftierung mehrfach. So sagte er in einem Interview, er sei während 16 Terminen, an denen Opfer der Mordserie verschwunden waren, nicht in Chicago gewesen. Er behauptete, im Zuge der Untersuchung habe die Polizei gegen vier seiner Angestellten ermittelt. Alle diese vier Personen hätten einen Schlüssel zu seinem Haus besessen. Doch obwohl die Beamten diese Personen für dringend tatverdächtig erachtet hätten, wäre niemals Anklage gegen sie erhoben worden.

Merkwürdigkeiten

Die polizeilichen Ermittlungen hatten nachweislich diverse Hinweise ergeben, dass an dieser Darstellung etwas dran sein könnte. So waren zum Beispiel die Beamten, die John Gacy im Dezember 1978 beschatten sollten, dem Verdächtigen eines Abends in eine Bar gefolgt. Dort beobachteten sie, wie er sich mit zwei Angestellten unterhielt. Die Polizisten schnappten ein paar Gesprächsfetzen auf. Einer der Mitarbeiter fragte Gacy: »Und was nun? Begraben wir den wie die anderen fünf?«

Das überlebende Opfer Jeffrey Rignall sagte aus, er habe während der Vergewaltigung neben Gacy einen jungen Mann mit braunen Haaren wahrgenommen. Der Bursche habe nur da gestanden und ihn beobachtet. Als er bemerkt habe, dass Rignall bei Bewusstsein war, habe er ihn sofort wieder mit Chlorform betäubt. Außerdem erinnerte sich Rignall, dass in einem anderen Zimmer des Hauses Licht anging, als Gacy über ihn herfiel.

Der Fall Robert Gilroy

2012 wandten sich die Rechtsanwälte Steve Becker und Robert Stephenson an die Öffentlichkeit. Sie behaupteten, ihnen lägen neue Erkenntnisse vor, nach denen John Gacy bei mindestens drei Morden von einem oder mehren Komplizen Unterstützung erhalten habe. Die Ermittlungsakten würden dies eindeutig belegen.

Im Mordfall Robert Gilroy war Gacy am 12. September 1977, drei Tage vor dem Verschwinden des Jungen, zu einem geschäftlichen Termin nach Pittsburgh gereist. Er kehrte erst am 16. September nach Chicago zurück. Gilroy war aller Wahrscheinlichkeit in der Nacht zuvor verstorben.

Der Fall Russell Nelson

Im Fall Russell Nelson machte der Freund des Mordopfers, der zusammen mit Nelson in Chicago unterwegs gewesen war, widersprüchliche Angaben. Der 21-jährige Mann war vor einer Bar verschwunden. Vor dem Lokal hatten sich etliche Gäste versammelt und unterhielten sich miteinander.

Nelson Begleiter befand sich ebenfalls in dieser Gruppe und hätte eigentlich bemerken müssen, falls ein Fremder seinen Freund angesprochen hatte. Zudem hatte der Mann gegenüber Nelsons Mutter den letzten Abend ihres Sohnes anders dargestellt. Später kam heraus, dass dieser Bekannte zwei Brüdern von Russell Nelson einen Job in Gacys Firma angeboten hatte.

Der Fall John Mowery

Im Fall John Mowery hielt sich John Gacy am 26. September 1977 um 6.00 Uhr auf einer Baustelle in Michigan auf, wie ein Abnahmeprotokoll bestätigte. Mowery war am Abend zuvor um 22.00 Uhr in Chicago letztmals gesehen worden. Wie sollte es Gacy in der Kürze der Zeit gelungen sein, den Jungen in Chicago zu entführen, zu vergewaltigen und zu töten, um dann frühmorgens in Michigan aufzutauchen?

Die Ermittlungen ergaben, dass Mowerys neuer Mitbewohner, der nur eine Woche zuvor bei ihm eingezogen war, vorher bei John Gacy zur Untermiete gelebt hatte. Zwei Bekannte des Mordopfers sagten aus, sie hätten ein Gespräch zwischen diesem Mitbewohner und Mowery belauscht. Der Mann habe Mowery jemandem vorstellen wollen, der »bald die Stadt verlässt«. Dieses Gespräch habe zwei Tage vor Mowerys Verschwinden stattgefunden.

 

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(16) Hatte Gacy Komplizen? was last modified: Februar 21st, 2018 by Richard Deis
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Bis heute ist die Frage ungeklärt, ob John Wayne Gacy die Morde alleine beging. Mindestens zwei seiner Mitarbeiter gerieten ebenfalls unter Verdacht
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