Der Brief war handgeschrieben und fast ausschließlich in großen Blockbuchstaben abgefasst. Es fanden sich keine verwertbaren Fingerabdrücke auf dem Papier. Der anonyme Täter hatte sich vermutlich direkt an Captain Joseph Borrelli gewandt, weil dieser seit dem Mord an Christine Freund Ende Januar 1977 ständig in den Medien präsent war und die Presse ihn mehrfach zitiert hatte. Zunächst verhängte die Polizei wegen des Briefes eine Nachrichtensperre. Aber dann sickerten doch einige Details zu den Reportern durch. Unter anderem der Name, den sich der Mörder in dem Schreiben gab: »Son of Sam«.

Der Brief enthielt im englischen Original einige Rechtschreibfehler. Doch die Experten bezweifelten, dass der Schreiber tatsächlich Probleme mit der Rechtschreibung hatte. Denn die eingebauten Fehler – zum Beispiel »z« statt »the« oder »wemon« statt »women« – wirkten eher künstlich, wenn nicht sogar wie gewollte Sprachspielereien (»wemon« –> »demon«).

Der Textstil war mal weitschweifig, mal sprunghaft, stellenweise in einem fieberhaften Tonfall gehalten. Aber eine Sache kam in dem Brief ganz klar zum Ausdruck: Die Worte klangen durch und durch bedrohlich. Der Originalwortlaut des Briefs in einer freien Übersetzung:

Sehr geehrter Captain Joseph Borrelli,

es hat mich schwer getroffen, dass Sie mich einen Frauenhasser nennen. Bin ich nicht. Aber ich bin ein Monster.
Ich bin der »Son of Sam«. Ich bin ein kleiner ungezogener Bengel.
Wenn Vater Sam betrunken wird, wird er gemein. Er schlägt seine Familie. Manchmal kettet er mich an der Rückseite des Hauses fest. Sonst sperrt er mich in die Garage ein. Sam dürstet es nach Blut.
»Zieh los und töte«, befiehlt Vater Sam.
Hinter unserem Haus liegen ein paar rum. Die meisten jung – geschändet und hingemetzelt – ausgeblutet – nur noch Knochen jetzt.
Papa Sam hält mich auch auf dem Speicher gefangen. Ich kann nicht raus, aber ich blicke aus dem Giebelfenster und beobachte, wie die Welt an mir vorüberzieht.
Ich fühle mich wie ein Außenseiter. Ich ticke auf einer anderen Wellenlänge als alle anderen – ich bin darauf programmiert zu töten.
Um mich aufzuhalten, müssen Sie mich töten. Aufgepasst, Polizisten! Schießt zuerst – zieht eure Waffe nur, wenn ihr auch bereit seid, mich zu töten. Ansonsten geht ihr mir besser aus dem Weg, weil ihr dann nämlich sterben werdet!
Papa Sam ist nun alt. Er benötigt frisches Blut, um sich seine Jugend zu bewahren. Er hat zu viele Herzinfarkte gehabt. Zu viele Herzinfarkte. »Oh, meine Pumpe, sie schmerzt so sehr, mein Kleiner.«
Am meisten vermisse ich meine hübsche Prinzessin. Sie ruht in unserem Damenflügel, aber ich werde sie bald sehen.
Ich bin das »Monster« – der »Beelzebub« – der »mopsige Behemoth.«
Ich liebe die Jagd. Das Herumschleichen auf den Straßen, nach Freiwild Ausschau zu halten – schmackhaftem Frischfleisch, denn die Frauen aus Queens sind die hübschesten von allen. Muss an dem Wasser liegen, das sie trinken. Ich lebe für die Jagd – das ist meine Bestimmung. Blut für Papa.
Sehr geehrter Herr Borrelli, ich möchte nicht mehr töten. Nein, Herr Borrelli, ich möchte das nicht mehr, aber ich muss. Denn es steht geschrieben: »Ehre deinen Vater.«
Ich möchte mich mit der Welt vereinen. Ich liebe die Menschen. Ich gehöre nicht auf diesen Planeten. Schickt mich zurück zu den Yahoos*.
An die Menschen von Queens, ich liebe euch. Und ich möchte euch allen ein frohes Osterfest wünschen. Möge Gott euch segnen in diesem und eurem nächsten Leben. Für den Moment sage ich: Auf Wiedersehen und gute Nacht.
Polizei: Lasst mich noch einen letzten Gedanken in eure Köpfe pflanzen:
Ich komme wieder!
Ich komme wieder!
Zu deuten als: Bang, Bang, Bang, Bang, Bang – argh!!

Mit mörderischen Grüßen
Mr. Monster

* Die Yahoos sind ein Volk in dem berühmten Roman »Gullivers Reisen« [Link zu Amazon] von Jonathan Swift.

 

David Berkowitz - Son of Sam - Brief p1

„Son of Sam“-Brief, 17.4.1977, Seite 1

David Berkowitz - Son of Sam - Brief p2

„Son of Sam“-Brief, 17.4.1977, Seite 2

David Berkowitz - Son of Sam - Brief p3

„Son of Sam“-Brief, 17.4.1977, Seite 3

David Berkowitz - Son of Sam - Brief p4

„Son of Sam“-Brief, 17.4.1977, Seite 4

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(9) Der »Son of Sam«-Brief was last modified: März 6th, 2015 by Richard Deis