Am 30. Mai 1977 erreichte Jimmy Breslin ein weiteres Schreiben des Täters. Breslin war ein Kolumnist der »New York Daily News« und hatte ausführlich über den »Son of Sam«-Fall geschrieben. Der Umschlag war am selben Tag in Englewood, New Jersey, abgestempelt worden. Auf der Rückseite des Kuverts standen mehrere handgeschriebene Worte untereinander. Der Verfasser hatte sich offensichtlich sehr viel Mühe gegeben, die vier Zeilen Text exakt zu zentrieren.

Blut und Familie
Dunkelheit und Tod
Absolute Verderbnis
.44

Der Brief selbst war wieder in großen handgeschriebenen Blockbuchstaben verfasst. Der Wortlaut in einer freien Übersetzung:

Hallo aus den Rinnsteinen von New York City, die von Hundekot, Erbrochenem, abgestandenem Wein, Urin und Blut überquellen. Hallo aus der Kloake von New York City, die all diese Köstlichkeiten schlucken muss, wenn die Kehrmaschinen sie hinwegspülen. Hallo aus den Ritzen der Pflastersteine von New York City und hallo von den Ameisen, die in diesen Ritzen hausen und die sich von dem getrockneten Blut der Toten ernähren, welches in den Ritzen versickert.

Jimmy Breslin, ich schreibe Ihnen bloß ein paar Zeilen, damit Sie wissen, dass ich Ihr Interesse an diesen noch nicht lange zurückliegenden und abscheulichen .44 Kaliber-Morden zu schätzen weiß. Ich möchte Ihnen auch mitteilen, dass ich täglich Ihre Kolumne lese und sie sehr informativ finde.

Sagen Sie mir, Jim, was haben Sie am 29. Juli vor? Ich mag bei Ihnen in Vergessenheit geraten, das schert mich nicht, weil mir nichts an öffentlicher Aufmerksamkeit liegt. Allerdings dürfen Sie Donna Lauria nicht vergessen. Und Sie müssen dafür Sorge tragen, dass die Menschen sie nicht vergessen. Sie war ein sehr, sehr süßes Mädchen, aber Sam ist ein durstiger Bursche. Er lässt es nicht zu, dass ich das Morden beende, solange er nicht seine Dosis Blut bekommen hat.

Sehr geehrter Herr Breslin, denken Sie bloß nicht, dass ich mich zur Ruhe gesetzt habe, nur weil Sie seit einiger Zeit nichts mehr von mir gehört haben. Nein, mehr denn je bin ich hier. Wie ein Geist wandere ich in der Nacht umher. Durstig, hungrig, mir nur selten eine Pause gönnend; erpicht darauf, Sam zu Gefallen zu sein. Mir gefällt mein Wirken. Es hat die Leere gefüllt.

Vielleicht sollten wir uns eines Tages mal von Angesicht zu Angesicht treffen. Vielleicht pustet mich auch ein Bulle mit seiner rauchenden .38er um. Wie auch immer. Sollte mir das Glück beschieden sein, Sie persönlich kennenzulernen, werde ich Ihnen alles über Sam berichten. Wenn Sie möchten, stelle ich Sie ihm auch gerne vor. Sein Name ist »Sam, der Schreckliche«.

Da ich nicht weiß, was die Zukunft bereithält, verabschiede ich mich mit einem Lebewohl. Ich werde Sie bestimmt bei meinem nächsten Auftrag sehen. Oder sollte ich vielleicht besser sagen, Sie werden mein Werk zu sehen bekommen? Denken Sie bitte an Miss Lauria. Danke sehr.

In ihrem Blut
und aus dem Rinnstein.
»Sam’s Schöpfung« .44

Hier sind ein paar Namensvorschläge, um Ihnen bei Ihrer Arbeit auf die Sprünge zu helfen. Leiten Sie sie an einen Inspektor weiter, damit das N.C.I.C.* damit arbeiten kann:
»The Duke of Death« (= Der Todesfürst/Die Todesfaust)
»The Wicked King Wicker« (= Der abartige Weidenkönig*)
»The Twenty Two Disciples of Hell« (= Die 22 Schüler der Hölle)
»John ‘Wheaties’ – Rapist and Suffocator of Young Girls« (= John ‘Wheaties’* – Mädchenschänder und Würger)

P.S.: J.B., bitte benachrichtigen Sie alle Kommissare, die an den Morden arbeiten. Sie sollen am Ball bleiben.
P.S.: J.B., bitte richten Sie allen Kommissaren aus, die den Fall bearbeiten, dass ich Ihnen viel Glück wünsche. »Grabt weiter, haltet durch, denkt positiv, kriegt eure Ärsche hoch, klopft auf Holz-Särge etc.«
Ich verspreche, allen Burschen, die an dem Fall arbeiten, nach meiner Festnahme ein Paar neue Schuhe zu kaufen, wenn ich das Geld dazu auftreiben kann.
»Son of Sam«

* N.C.I.C. = National Crime Information Center. Zentrale Datenbank zur Verbrechensbekämpfung, die seit 1967 besteht und vom FBI betreut wird.
* Ein »wicker man« ist eine aus Weiden geflochtene Menschenfigur, die die Gallier ihren Göttern als Brandopfer darreichten; »The Wicker Man« war aber auch ein populärer Horrorfilm aus den 1970ern, der an diese Legende anknüpfte.
* »Wheaties« ist eine in den USA bekannte Marke von Frühstücksflocken.

Auffällige Signatur und Schrift

Nach der Unterschrift »Son of Sam« hatte der Verfasser noch eine Signatur eingefügt, die aus mehreren Symbolen bestand. Der Text klang nicht nach den üblichen Spinnern und vermeintlichen Spaßvögeln, die die Presse in solch einem Fall mit angeblichen Bekennerschreiben überschütteten. Breslin übergab den Brief der Polizei.

Der Brief unterschied sich in einigen Details vom ersten Schreiben. Die Wortwahl war deutlich anspruchsvoller. Das Schriftbild war viel akkurater. Das wirkte fast schon wie das Werk eines Profis. Die ungewöhnliche Schreibweise der Buchstaben erinnerte die Beamten an die Texte, die man in den Comicheften zu lesen bekam. Die verwendeten einen ganz ähnlichen Stil. Die Ermittler befragten daraufhin Mitarbeiter von DC Comics, einem der weltweit größten Comic-Verlage aus New York, bekannt für Serien wie Superman und Batman – ohne Ergebnis.

David Berkowitz - Son of Sam - Signatur

Signatur des „Son of Sam“, Breslin-Brief vom 30.5. 1977

David Berkowitz - son of Sam - Breslin-Brief Umschlag

Umschlag Breslin-Brief, 30.5.1977

Der Horrorfilm

Der Name »The Wicked King Wicker« war offensichtlich ein Verweis auf den Horrorfilm »The Wicker Man« aus dem Jahre 1973. Die Beamten schauten sich den Film in voller Länge an. Danach waren sie auch nicht schlauer. Die düsterste Andeutung wohnte zweifelsohne der Frage inne: »Was haben Sie am 29. Juli so vor?« Am 29. Juli jährte sich das erste Attentat der Mordserie, bei dem Donna Lauria ums Leben kam. Die Polizei verstand die Bemerkung als unverhohlene Drohung des Killers, an diesem Tag erneut zuzuschlagen.

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Der Knüller schlechthin

Für die »New York Daily News« stellte der Brief natürlich einen Scoop sondergleichen dar. Die Zeitung wollte ihn unbedingt exklusiv abdrucken. Öffentliches Interesse und so, Sie verstehen schon. Die Polizei hatte selbstredend etwas dagegen. Das Schreiben enthielt zu viele wertvolle Details. Damit ließen sich falsche von echten Geständnissen unterscheiden. Außerdem befürchtete die Polizei zurecht, dass die Veröffentlichung die bereits bestehende Hysterie noch mehr anheizen würde. Der Druck auf die Polizei würde weiter steigen.

Aber Breslin hatte logischerweise eine Kopie des Briefs angefertigt, bevor er ihn an die Polizei rausrückte. Juristisch hatte die Polizei kaum eine Handhabe, den Abdruck zu verhindern. Man konnte nur an die Vernunft der Journalisten appellieren. Am Ende liefen die Verhandlungen auf einen Kompromiss hinaus. Die »New York Daily News« druckte das Schreiben nur ausschnittsweise ab. Die Zeitung feierte am Tag der Veröffentlichung die größte Auflage ihrer Geschichte. 1,1 Millionen New Yorker wollten lesen, was der irre Serienkiller zu sagen hatte.

Nerven liegen blank

Die Befürchtungen der Polizei sollten sich bewahrheiten. Der Brief schürte die Angst der Bevölkerung. In allen Stadtvierteln gründeten sich daraufhin Bürgerwehren. Es kam zu gewaltsamen Übergriffen auf harmlose Passanten. Die Nerven lagen blank. Viele New Yorker Frauen, die wie die Opfer langes, dunkles Haar hatten, suchten einen Friseur auf. Färbe- und Bleichmittel sowie blonde Perücken waren in kürzester Zeit ausverkauft. Die Hersteller kamen mit der Produktion nicht mehr hinterher.

Klar, die Berichterstattung hatte auch positive Aspekte. Bei der Polizei gingen Tausende von Hinweisen ein. Aber die schiere Zahl überforderte selbst die personell gut ausgestattete »Operation Omega«. Zudem entpuppten sich die Informationen allesamt als Rohrkrepierer. Die Leute bezichtigten ihre Nachbarn, Kollegen, selbst ihre eigenen Verwandten. Die New Yorker ergriffen die günstige Gelegenheit und verpfiffen jeden, den sie eh nicht ausstehen konnten.

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(11) Der Breslin-Brief was last modified: März 6th, 2015 by Richard Deis