In den Jahren 1969 und 1970 überprüfte die Polizei mehrere Tausend Personen, ob sie als Täter für die Zodiac-Morde infrage kamen. Bei keiner der Personen reichten die Beweise für eine Verhaftung, geschweige denn für eine Anklageerhebung aus. Arthur Leigh Allen ist aber sicherlich der Verdächtige, gegen den die Polizei am intensivsten ermittelt hat, weil sich bei ihm die meisten Verdachtsmomente ergaben.

Lehrer aus Vallejo

Allen war ein ehemaliger Grundschullehrer mit erheblichen persönlichen Problemen, der unabhängig von den Zodiac-Ermittlungen mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt geriet. Er stand im Oktober 1969 erstmals im Fokus der Untersuchung, noch vor dem Mord an Paul Stine. Die Überprüfungen dauerten bis kurz vor seinen Tod im Jahr 1992 an. Und selbst nach seinem Ableben verglich man seine DNA noch mit Spurenmaterial, das man im Zuge der Ermittlungen sichergestellt hatte.

Zudem stammte Allen aus Vallejo, wo er zum Zeitpunkt der Mordserie auch lebte. Die Ermittler gingen davon aus, dass der Täter mit hoher Wahrscheinlichkeit einen engen Bezug zu Vallejo oder der näheren Umgebung hatte. Es war sehr unwahrscheinlich, dass ein Ortsfremder einen abgeschiedenen Tatort wie etwa die Lake Herman Road gefunden hätte.

Arthur Leigh Allen ca. 1967; Führerscheinfoto

Ursprung der Untersuchung schleierhaft

Sergeant John Lynch von der Polizei in Vallejo war einer der Kriminalbeamten, die den Überfall auf Darlene Ferrin und Michael Mageau untersuchten. Am 6. Oktober 1969 besuchte Lynch die Elmer Cave Elementary School und befragte dort den Aushilfshausmeister Arthur „Lee“ Allen, wie der Polizist in der Akte vermerkte. Tatsächlich schrieb sich der Mann aber Arthur Leigh Allen.

Wie Lynch auf Allen kam, ist unklar. Er hat dazu im Vernehmungsprotokoll keine Angaben gemacht. Es liegt nahe, dass jemand Allen bei der Polizei angeschwärzt hatte. Die Polizei ging in der damaligen Zeit nahezu pausenlos solchen Hinweisen aus der Bevölkerung nach.

Lynch befragte Allen auch nicht nach seinem Alibi für den Abend des 4. Juli 1969, an dem Darlene Ferrin ums Leben gekommen war. Das war ja immerhin der Fall, dem der Beamte persönlich zugeteilt war. Der Kriminalbeamte wollte hingegen wissen, wo sich Arthur Allen am 27. September 1969 aufhielt, dem Tag der Zodiac-Attacke am Lake Berryessa.

Allens Alibi

Allen gab an, am 26. September 1969 nach Salt Point Ranch gereist zu sein, etwa 120 km nördlich von San Francisco gelegen. Dort habe er einen Tauchausflug unternommen und sei über Nacht in Salt Point Ranch geblieben. Am nächsten Tag sei er zwischen 14.00 Uhr und 16.30 Uhr nach Vallejo zurückgekehrt. Er habe den Rest des Tages zu Hause verbracht. Er vermochte sich aber nicht zu erinnern, ob seine Eltern zu dieser Zeit ebenfalls anwesend waren und seine Aussage bezeugen konnten.

Lynch beschrieb Allen in seinem Bericht als 1,85 m groß, 110 kg schwer, füllige Figur, kahlköpfig, weiß, 35 Jahre alt und fügte noch hinzu: „Geburtsdatum 18. Dezember 1933. Wohnt 32 Fresno Street [in Vallejo]. Single. Lebt bei seinen Eltern.“

Zu den anderen beiden bekannten Zodiac-Anschlägen befragte Lynch den Verdächtigen nicht. Weitere Ermittlungen gab es gegen Allen zunächst nicht. Fünf Tage später ermordete der Zodiac den Taxifahrer Paul Stine in San Francisco.

Ein Zeuge meldet sich

Etwa ein Jahr später, im November 1970, berichtete der „San Francisco Chronicle“ von einer möglichen Verbindung zwischen der Zodiac-Mordserie und dem ungelösten Mordfall Cheri Jo Bates in Riverside. Diese Meldung griffen rasch auch andere Zeitungen in Kalifornien auf, darunter die „Los Angeles Times“.

Vier Monate später erhielt die „Times“ im März 1971 einen Brief vom Zodiac, den die Zeitung abdruckte. Gleichzeitig nutzte sie die Möglichkeit, nochmals ausführlich über die rätselhafte Mordserie im Raum San Francisco zu berichten.

Am Mittwoch, dem 14. Juli 1971 berichtete die „Times“ dann über einen brutalen Angriff mit einer Machete auf einem kalifornischen Campingplatz. Der unbekannte Täter konnte entkommen. Doch die Zeugenaussagen stimmten mit der Täterbeschreibung des Zodiac überein, wie die Polizei in San Francisco bestätigte. Inspector Dave Toschi hielt es für denkbar, dass der Serienmörder auch für dieses Verbrechen verantwortlich war.

Am folgenden Morgen meldete sich beim Polizeirevier von Manhattan Beach ein gewisser Santo Panzarella. Er erzählte dem Kriminalbeamten Richard Amos von einer Unterhaltung mit seinem Geschäftspartner Donald Cheney. Beide stammten ursprünglich aus Vallejo und seien vor geraumer Zeit nach Los Angeles umgezogen. Sie hätten sich über die Artikel in der „Times“ unterhalten. Sie seien sich nach der Lektüre und den verschiedenen Täterbeschreibungen sicher, den Zodiac zu kennen. Der Mann heiße Arthur Leigh Allen und lebe in Vallejo.

Jagdfantasien

Amos bat Panzarella und Cheney zur Zeugenbefragung in sein Büro. Sie erzählten ihm, dass sie mit Allens Bruder Ron gemeinsam das College besucht hätten. Über Ron hätten sie auch Arthur kennengelernt, mit dem sie seit rund zehn Jahren bekannt seien. Zuletzt hätten sie ihn im Dezember 1968 getroffen. Cheney habe mit Arthur Allen zudem in der Vergangenheit mehrfach Jagdausflüge unternommen und sich ausführlich mit ihm unterhalten.

Cheney erinnerte sich dabei insbesondere an eine Gelegenheit. Sie hätten beide ein Gespräch in der Art geführt: Was würdest du machen, wenn alles erlaubt wäre? Allen habe darüber fantasiert, wie er die Treffpunkte von jungen Liebespaaren ausbaldowern würde. Er würde sich eine Pistole mit einer Taschenlampe anfertigen, sodass er im Dunkeln zielen könne. Und dann würde er Jagd auf die Teenager machen.

Allen habe ausgeführt, wie hilflos die Polizei reagieren würde. Es seien Morde ohne Motiv, bei denen es keine Anhaltspunkte für die Ermittlungen gebe. Sodann würde er die Behörden zusätzlich piesacken, indem er ihnen Nachrichten zusenden würde, um sie auf falsche Fährten zu locken. Die Briefe würde er mit „Zodiac“ unterschreiben. Allen habe auch darüber gesprochen, auf die Reifen eines Schulbusses zu schießen, um die „kleinen Sonnenscheine“ auszuknipsen, wenn sie aus dem Bus stürmen würden.

Ein aufbrausender Charakter

Cheney und Panzarella beschrieben das äußere Erscheinungsbild von Allen und fügten einige weitere Details hinzu. Der Mann sei sehr intelligent, aber häufig auch sehr aufbrausend. Gerade gegenüber Frauen reagiere er äußerst feindselig. Er sei nie verheiratet gewesen. Mit seiner Mutter käme er nicht gut aus, weil diese ihn permanent wegen seines Übergewichts kritisiere. Er besitze mehrere Waffen, von denen er meistens eine bei sich trage. Ende der 1950er Jahre habe er einige Zeit bei der Navy verbracht, sei dort aber nicht ehrenhaft entlassen worden. Mit Autoritäten käme er nicht klar. Zudem gebe es Gerüchte, er habe sich an Kindern vergriffen.

Richard Amos und sein Kollege Langstaff überprüften zunächst das Vorstrafenregister von Allen. Der Mann war im Juni 1958 in Vallejo verhaftet worden. Allen war in einen heftigen Streit mit seinem Bekannten Ralph Spinelli geraten, woraufhin die Behörden ihm Ruhestörung vorwarfen. Das Verfahren wurde schließlich eingestellt. Ansonsten lag gegen Allen nichts vor.

Die Kriminalbeamten in Los Angeles kontaktierten daraufhin ihre Kollegen in San Francisco und reichten ihre Erkenntnisse weiter. Dave Toschi, der damalige Leiter der Zodiac-Sonderkommission, kümmerte sich persönlich um die Akte. Er wandte sich an die Polizei von Vallejo und besprach das weitere Vorgehen. Detective Jack Mulanax sollte vor Ort die ersten Ermittlungen gegen Allen durchführen.

Ungebührliches Verhalten

Mulanax unterhielt sich zunächst mit einem ehemaligen Arbeitgeber von Allen, der in Vallejo eine Tankstelle betrieb. Er beschrieb Allen als ehrlichen und brauchbaren Mitarbeiter, der allerdings eine verhängnisvolle Schwäche für Kinder offenbart habe. Unter anderem habe er eine Tochter des Chefs eines Tages zu einem Bootsausflug mitgenommen, ohne die Eltern um Erlaubnis zu fragen. Dabei habe er sich dem Mädchen „ungebührlich anzunähern versucht“. Er habe Allen gefeuert, den Vorfall aber nicht zur Anzeige gebracht. Seitdem habe er ihn nicht wiedergesehen. Die Episode lag etwa sechs Wochen zurück.

Am 27. Juli 1971 traf sich Mulanax mit Dave Toschi und seinem Kollegen Armstrong vom San Francisco Police Department. Armstrong hatte sich inzwischen mit dem Zeugen Don Cheney unterhalten und hielt ihn für glaubwürdig. Die Gruppe beschloss, zunächst noch weitere Informationen einzuholen, bevor sie den Verdächtigen ins Verhör nahm.

Sieben Tage später berichtete Mulanax von den Ergebnissen seiner Überprüfung. Allen genieße einen exzellenten Ruf bei seinen Nachbarn. Die meisten kannten ihn bereits seit seiner Geburt. Entgegen den bisherigen Erkenntnissen beschrieben sie das Verhältnis zur Mutter als innig und gut.

Auf den Zahn gefühlt

Am 4. August 1971 fuhren Mulanax, Toschi und Armstrong zur Firma Union Oil in Pinole, einer Ölraffinerie. Allen hatte dort kurz zuvor eine neue Anstellung gefunden. Die Beamten konfrontierten Allen mit der Aussage von Don Cheney, ohne dessen Namen zu nehmen. Allen behauptete, er könne sich nicht erinnern, sich jemals so geäußert zu haben.

Die Polizisten wollten wissen, ob er vom Zodiac gehörte habe. Allen gab zu, die ersten Zeitungsberichte über den Fall gelesen zu haben. Danach habe er das Interesse an der Geschichte verloren. Sie sei für seinen Geschmack „zu morbide“ gewesen. Allen erzählte, ihn habe bereits ein Beamter nach dem Mord am Lake Berryessa befragt. Er wiederholte seine damalige Aussage und fügte hinzu, er habe seinerzeit bei seinem Aufenthalt in Salt Point Ranch einen Soldaten und seine Frau kennengelernt. Er könne sich nicht mehr an die Namen erinnern, glaube aber, sie sich irgendwo notiert zu haben.

Außerdem habe er sich nach seiner Rückkehr nach Vallejo gegen etwa 16.00 Uhr mit einem Nachbarn unterhalten. Er habe den Beamten, der ihn damals befragt habe, noch darüber informieren wollen, als es ihm wieder eingefallen sei. Doch dann sei sein Nachbar, ein Mr. White, rund eine Woche später verstorben. Deshalb habe er darauf verzichtet, die Polizei zu benachrichtigen.

Seltsame Eingeständnisse

Ohne dass die Beamten ihn darauf ansprachen, brachte Allen dann das Gespräch auf zwei blutbefleckte Messer, die er im Wagen mit sich geführt habe. Das Blut habe von einem Huhn gestammt, dass er damit zerlegt habe. Offensichtlich ging Allen davon aus, dass die Polizisten über diesen Vorfall Bescheid wussten, was aber nicht der Fall war.

Ebenso merkwürdig war, dass Allen gestand, er habe sich in Riverside aufgehalten, als dort die 18-jährige Cheri Jo Bates ermordet wurde. Auch auf dieses Thema hatten ihn die Beamten nicht angesprochen. Allen gab zudem zu, mehrere Schusswaffen zu besitzen, aber ausschließlich vom Kaliber .22. Die Polizisten warfen zudem einen Blick auf Allens Armbanduhr. Sie stammte vom Hersteller Zodiac. Seine Mutter habe ihm die Uhr ungefähr zwei Jahre zuvor geschenkt, so Allen.

Laut dem Vernehmungsprotokoll sicherte Allen den Ermittlern ausdrücklich seine volle Unterstützung zu und sehnte den Tag herbei, an dem man Polizisten nicht mehr als „Bullenschweine“ verunglimpfen würde – ein Begriff, den der Zodiac häufiger in seinen Briefen verwendet hatte. Mulanax fragte Allen, ob er sich jemals mit anderen Leuten über den Zodiac-Fall unterhalten habe. Er meine sich zu erinnern, so Allen, sich mal mit Mr. Kidder und Mr. Tucker vom städtischen Amt für Erholung und Freizeit über dieses Thema unterhalten zu haben. Hundertprozentig sicher sei er aber nicht.

Allen steuerte noch ein weiteres interessantes Detail bei. So erzählte er von einer Kurzgeschichte, die er auf der High School gelesen und die bei ihm bleibenden Eindruck hinterlassen habe: „Das grausamste Spiel“ von Richard Connell, im Original „The Most Dangerous Game“. Exakt diese Formulierung hatte der Zodiac auch in einem seiner frühen Briefe benutzt.

Das englische Wort „game“ ist doppeldeutig. Es ist in den meisten Fällen gleichbedeutend mit dem deutschen Wort „Spiel“. Aber es bezeichnet als Oberbegriff auch alle Säugetiere, die zur Jagd freigegeben sind. In der Kurzgeschichte geht es um einen Schiffbrüchigen, der auf einer ansonsten menschenleeren Insel von einem anderen Mann „wie ein Tier“ gejagt werde. Allen fügte noch hinzu, dass er sich über dieses Buch einmal intensiv mit seinem Bekannten Don Cheney ausgetauscht habe.

 

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(13) Arthur Leigh Allen: Unter Verdacht was last modified: Dezember 9th, 2017 by Richard Deis