Robert Graysmith zeichnete Cartoons für den „San Francsico Chronicle“. Die Berichterstattung rund um den Zodiac-Killer hatte er also aus nächster Nähe mitverfolgt. In ihm reifte die Idee, dass die rätselhafte Mordserie einen guten Stoff für ein Buch abgeben würde. Er stellte auf eigene Faust Nachforschung an. Im März 1980 erfuhr er dann von Kriminalbeamten erstmals den Namen des Hauptverdächtigen Arthur Leigh Allen.

Graysmith heftete sich auf die Spur des Mannes, der inzwischen wieder aus Atascadero entlassen worden war. Er befragte viele Bekannte von ihm. Er schnüffelte ihm auf seiner Arbeitsstelle nach. Er unternahm sogar den Versuch, über den Arbeitgeber an eine Handschriftenprobe von Allen heranzukommen. Der Chef wurde misstrauisch und lehnte ab. Graysmith schickte daraufhin Freunde zu Ace Hardware, um dort verschiedene Gegenstände einzukaufen. Sie sollten ihm Quittungen besorgen, die Allen unterschrieben hatte. So wollte er an eine Handschriftenprobe gelangen.

Bestseller macht Fall schlagartig berühmt

Graysmiths Recherchen mündeten schließlich in einem Buch, das 1986 vom renommierten Verlag St. Martin’s Press unter dem Titel „Zodiac“ herausgegeben wurde. Während das öffentliche Interesse an dem Zodiac-Fall in den zehn Jahren zuvor zunehmend eingeschlafen war, füllte die Geschichte nun wieder die Titelseiten. „Zodiac“ entwickelte sich zum Bestseller und erlebte zahlreiche Neuauflagen. Graysmith wurde von einer Vielzahl an Medien als Experte angefragt.

Im Zentrum des öffentlichen Interesses stand ein gewisser „Bob Hall Starr“, den Graysmith als wahren Zodiac-Mörder enttarnt zu glauben meinte. Der Name war das Synonym für Arthur Leigh Allen, der zu diesem Zeitpunkt noch lebte und Graysmith mit Sicherheit verklagt hätte, wenn er den wahren Namen gedruckt hätte.

Das Pseudonym bot für Graysmith einen weiteren Vorteil. Er konnte Fakten aussparen, die gegen die Schuld von „Starr“ sprachen, und andere Details kreativ ausschmücken oder sich komplett ausdenken, die seinen Verdächtigen schuldig wirken ließen. Wer das Buch gelesen hatte, musste zu dem Schluss gelangen, dass jener geheimnisvolle Bob Hall Starr der Zodiac-Mörder war und nichtsdestotrotz noch frei herumlief. Alleine die Frage, wer sich hinter dem Pseudonym verbarg, blieb für die Leser zunächst ungeklärt. Doch dies sollte sich bald ändern.

Der Informant

Im Dezember 1990 saß der 50-jährige Ralph Spinelli mächtig in der Patsche. Die Behörden hatten ihn wegen neun bewaffneter Raubüberfälle angeklagt. Ihm drohte eine Haftstrafe von bis zu 30 Jahren. Spinelli bemühte sich um einen Deal mit den Ermittlungsbehörden. Er versprach ihnen, den Namen des Zodiac-Killers zu enthüllen. Die Behörden wandten sich an Detective George Bawart, der den Fall für das Vallejo Police Department nach seiner Pensionierung im September 1989 als eine Art „freier Berater“ weiter verfolgte.

Bawart kontaktierte seinen Ex-Kollegen Roy Conway, der 1969 am Tatort Blue Rock Springs Park war. Den beiden Polizisten vom Vallejo Police Department war der Name Ralph Spinelli durchaus ein Begriff. Von den 1940er bis 1960er Jahren stand die Familie Spinelli im Verdacht, Kontakte zum organisierten Verbrechen zu unterhalten. Spinelli war mehrfach verhaftet worden, aber nur in einem Fall zu einer zweijährigen Haftstrafe veruteilt worden. 1972 hatte er mehrere bewaffnete Raubüberfalle auf Restaurants in Oregon begangen, die man ihm nachweisen konnte.

Im Januar 1991 besuchten Bawart und Conway erstmals Ralph Spinelli im Bezirksgefängnis des Santa Clara County. Doch Spinelli mauerte. Er wollte erst dann einen konkreten Namen im Zodiac-Fall nennen, wenn man ihm schriftlich zusicherte, alle Anklagepunkte gegen ihn fallen zu lassen. Darauf wollten und konnten sich die Beamten nicht einlassen. So entpuppten sich die Gespräche, die sich im Januar 1991 anschlossen, als zähes Ringen.

Am 31. Januar gelang den Polizisten dann ein Durchbruch. Spinellis Anwalt meldete sich telefonisch bei Conway. Sein Mandant habe ihn autorisiert, den Behörden den Namen zu nennen: Lee Allen. Laut Spinelli habe ihm besagter Allen erzählt, er würde sich nach San Fancrisco begeben, um dort einen Taxifahrer zu töten. Ein wirklicher Beweis war dies nicht. Dennoch nahm die Polizei erneut Ermittlungen gegen Arthur Leigh Allen auf.

Neue Ermittlungen

Bawart und Conway klapperten zunächst alle entscheidenden Ermittlungsbeamten ab, die sich mit dem Fall befasst hatten. Zum einen wollten sie den Ermittlungsstand kennenlernen. Zum anderen interessierte sie natürlich, ob Spinelli anderweitig hätte erfahren können, dass Allen als Hauptverdächtiger im Zodiac-Fall gehandelt wurde. In diesem Fall wären Zweifel an seiner Aussage angebracht gewesen.

Wie sich herausstellte, war die wahre Identität des besagten „Bob Hall Starr“ seit Erscheinen von Graysmiths Buch „Zodiac Unmasked“ inzwischen ein nahezu offenes Geheimnis in Kalifornien. Offensichtlich hatten mehrere Polizeibeamte in ihrem privaten Umfeld geplaudert. Von dort verbreitete sich der Name Allen in Windeseile. Ob Spinelli von diesen Geschichten gehört hatte, ließ sich nicht belegen. Aber es ließ sich eben auch nicht ausschließen.

Nichtsdestotrotz: Je mehr Bawart über Allen erfuhr, umso verdächtiger kam ihm der Mann vor. Er unterhielt sich mit Schriftsachverständigen. Er erfuhr, dass die damaligen Gutachten längst nicht so hieb- und stichfest waren, wie sie sich im ersten Moment lasen.

Bawart konsultierte einen FBI-Psychologen. Er erhoffte sich Ansatzpunkte für weitere Ermittlungen. Wonach musste er bei einem Täter wie dem Zodiac Ausschau halten? Dr. Ankron verwies auf die typischen Verhaltensweisen von Serienkillern, wie sie sich aus Sicht des FBI darstellten. Sie horteten Andenken oder Trophäen ihrer Taten, um die Verbrechen immer wieder im Geiste durchspielen zu können.

Hausdurchsuchung

Da hatte Bawart seinen Ansatzpunkt. Die Polizei musste endlich einen Durchsuchungsbeschluss erwirken, um Allens Haus auf den Kopf stellen zu dürfen. Am 13. Februar 1991 war es soweit. Ein Richter vom Amtsgericht in Vallejo und Benicia ließ sich von den Argumenten der Polizisten überzeugen und unterzeichnete ein entsprechendes Dokument.

Arthur Leigh Allen wohnte zu diesem Zeitpunkt nach wie vor im Haus seiner Mutter, die im Oktober 1989 verstorben war. Er lebte zwar alleine in dem Gebäude, bewohnte aber immer noch ausschließlich das Kellergeschoss. Ein FBI-Memorandum fasste die Eindrücke der Ermittler wie folgt zusammen: „Die Beamten beschreiben diese [Keller-]Wohnung als sehr dunkel und trostlos, fast wie ein Museum … Allen stritt jede Beteiligung an den [Zodiac-]Morden ab.“ Conway und Bawart berichteten, dass sich Allen während der Vernehmung „sehr nett, ruhig und kooperativ“ verhielt.

Dennoch machte die Polizei einige Funde, die dem Bild vom „netten Kerl“ erheblich widersprachen. So fanden die Beamten beispielsweise Tonbänder, auf denen die Schmerzensschreie eines Jungen aufgezeichnet waren, der verprügelt wurde. Allen gab zu, dass er diese Aufnahmen sexuell anregend fände. Laut dem FBI-Memorandum hortete Allen zudem ein beachtliches Waffenarsenal:

  • Ein Ruger .22 Revolver
  • Eine weitere .22er Pistole
  • Ein Ruger .44 Black Hawk
  • Ein Colt .32
  • Ein Gewehr der Marke Marlin .22
  • Ein .30 Kalibergewehr
  • Eine zweiläufige Schrotflinte Modell Stevens 835 12
  • Eine automatische Schrotflinte Marke Winchester Modell 50 20 Gauge
  • Vier Rohrbomben
  • Eine Zündschnur
  • Sieben Zünder
  • Zwei Rollen Sicherheitszündschnuren
  • neun nicht elektrische Zündkapseln
  • Rohre
  • Rohrgewinde
  • Knallkörper
  • Schwarzpulver
  • Kaliumnitrat
  • Schwefel
  • unterschiedlichste Munition
  • ein Jagdmesser

Zudem beschlagnahmte die Polizei die berüchtigte Uhr der Marke Zodiac sowie Artikel zum Zodiac-Fall. Doch unter all den Fundstücken befand sich kein einziges Beweismittel, das Allen mit einem der Morde in Verbindung brachte. Dennoch hätte man Allen festnehmen und anklagen können. Als verurteilter Straftäter durfte er keine Waffe besitzen. Geschweige denn so ein Waffenarsenal, wie es die Polizei vorgefunden hatte. Aber Allen blieb auf freiem Fuß.

Die Geschichte sickert durch

Conway und Bawart wussten, dass sie mehr Beweise finden mussten, wenn Allen für die Zodiac-Morde verhaftet werden sollte. Das Fehlen von Beweismaterial ließ der Polizei nur wenige Optionen. Ohne einen ballistischen Treffer, eine übereinstimmende Handschriftenprobe oder einen Fingerabdruck, die Allen mit Spuren an den Tatorten oder mit den Briefen in Verbindung brachten, könnte die Polizei kaum einen Bezirksstaatsanwalt von Allens Schuld überzeugen, geschweige denn einen Richter. Man musste also neue Wege einschlagen, um dennoch ans Ziel zu gelangen.

Was auch immer Conway und Bawart bis zu diesem Zeitpunkt geplant hatten, die Umstände in dieser Ermittlung änderten sich praktisch über Nacht. Die Durchsuchung von Allens Haus war von den Nachbarn nicht unbemerkt geblieben. Schnell verbreitete sich das Gerücht, dass die Polizei von Vallejo ein gesteigertes Interesse an Arthur Leigh Allen zeige.

Der Verleger Harry V. Martin startete daraufhin eine Artikelserie zum Zodiac-Fall, die er im „Napa Sentinel“, einer Boulevardzeitung, publizierte. „Nach 20 Jahren nimmt die Polizei von Vallejo wieder die Ermittlungen gegen den Hauptverdächtigen auf.“ Der Artikel identifizierte den Verdächtigen als Arthur Leigh Allen.

Sobald die Identität des Hauptverdächtigen im Zodiac-Mordfall öffentlich bekannt geworden war, konzentrierte sich die Medienaufmerksamkeit auf Allen. Sein Name verbreitete sich weit über San Francisco hinaus. Die Medien enthüllten zudem, dass Allen bereits als reales Vorbild für Bob Hall Starr aus dem Graysmith-Buch diente. Allen stand plötzlich im Rampenlicht des öffentlichen Interesses.

Schuldig auf Verdacht

Allens Nachbarn hatten bereits die Hausdurchsuchung und die anschließende Beschlagnahmung mehrerer Beweismittel beobachtet. Einige wurden sogar von der Polizei befragt. Allen hatte die meiste Zeit seiens Lebens in dem Viertel verbracht. Viele Nachbarn kannten ihn seit Jahren persönlich. Die Nachricht, dass der alternde Mann einer der schwersten und berüchtigsten Mörder in den Annalen der amerikanischen Kriminalgeschichte sein könnte, war ein Schock für einige von ihnen. Andere, die schon die früheren Ermittlungen gegen Allen miterlebt hatten, empfanden die neuere Untersuchung als Bestätigung ihrer schlimmsten Befürchtungen.

Graysmiths Darstellung von Allen alias Starr befeuerte den Verdacht zusätzlich. Und dass die Polizei von Vallejo nun ermittelte, schien diesen Verdacht zu bestätigen. Für viele galt Allen infolgedessen längst als schuldig, bevor die Polizei auch nur einen hieb- und stichfesten Beweis vorgelegt hatte. Die Tatsache, dass die Polizei Gegenstände aus Allens Haus mitgenommen hatte, schien für viele schon Beweis genug zu sein, dass man fündig geworden war. Diese Kettenreaktion sollte sich aus Sicht der Beamten noch als misslich erweisen.

Denn nachdem die Presseberichterstattung massiv einsetzte, rätselte die Bevölkerung, warum die Behörden Allen noch nicht verhaftet hatten. Diese Erwartungen konnte die Polizei nicht erfüllen. Bald fragten sich viele Beobachter, ob die Vallejo-Polizei den falschen Mann im Verdacht hatte. Andere, die wussten, dass es praktisch keine Beweise gegen Allen gab, streuten leise Zweifel.

Interviews

Die Reporterin Jacqueline Ginley interviewte Allen für einen Artikel, der im „Vallejo Times Herald“ erscheinen sollte. Allen beschwerte sich über die Hausdurchsuchung im Februar. „Die Typen haben mein komplettes Haus auseinandergenommen … Ich rief sie an, ob sie mir meine Sachen zurückschicken würden. Zwei Wochen später riefen sie zurück und sagten, dass neue Beweise gebe.“

Zu dem Umstand, dass sein Bekannter Ralph Spinelli Auslöser für die neuerliche Untersuchung war, erklärte Allen: „Er rief mich aus Tahoe an und sagte, wir hätten 1969 ein Gespräch geführt. Und ich hätte ihm damals gesagt, dass ich nach San Francisco fahren würde und dort einen Taxifahrer erschießen wolle … Der Typ ist ein Dreckskerl und eine Ganove … Ich habe noch nie in meinem Leben mit ihm gesprochen.“

Allen behauptete, die Polizei habe ihn unter Druck gesetzt, sich einem Lügendetektor-Test zu unterziehen. Er habe darauf verwiesen, dass er an solch einem Test bereits in den 1970er Jahren mitgemacht habe. Darauf hätten die Beamten erwidert: „Naja, du bist ein Soziopath und kannst den Lügendetektor austricksen.“

Falls Allen unschuldig war, lebte er in einem Alptraum. Allen sagte in dem Interview, er wolle einen Anwalt engagieren, könne sich den aber nicht von den 500 Dollar leisten, die er monatlich aus einer Behindertenrente erhalte. Er sagte, er sei in Kontakt mit Marvin Belli getreten, dem berühmten Anwalt aus San Francisco. Vielleicht habe der ja Interesse an dem Fall.

Melvin Belli? Hatte der nicht in den 1970er Jahren versprochen, dem Mörder zu helfen, nachdem er einen Brief vom Zodiac erhalten hatte? Für etliche Leser galt diese Bemerkung als weiterer Beweis für Allens Schuld.

Als der Artikel unter der Überschrift „Die Zeichen deuten auf einen Mann aus Vallejo“ erschien, äußerte sich der Gerald Galvin, Polizeichef von Vallejo, jedoch wie folgt: „Rechne ich mit einer baldigen Verhaftung im Zodiac-Fall? Nein, das tue ich nicht.“

 

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(15) Arthur Leigh Allen: Ein Buch macht ihn berühmt was last modified: November 30th, 2017 by Richard Deis