3. Juli 2014 by

(18) Modus Operandi Ted Bundy

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Ted Bundy war ein ungewöhnlich organisierter und berechnender Serienmörder. Er hatte sich im Laufe der Jahre ein umfangreiches Wissen über die Ermittlungsmethoden der Polizei angeeignet und nutzte diese Kenntnisse, indem er an den Tatorten kaum verwertbare Spuren hinterließ. So fanden die Ermittler in all den Jahren nirgends Fingerabdrücke von Bundy, anhand derer man ihn eines Verbrechens hätte überführen können. Die verschiedenen Blut- und Spermaspuren, die man sicherstellte, waren nach dem damaligen Stand der Forensik nur bedingt beweiskräftig. Sie lieferten lediglich die Blutgruppe des Täters. Damit konnte man einen Verdächtigen ausschließen, aber niemanden eindeutig überführen.

Gegenüber FBI-Agent William Hagmaier hatte Bundy erklärt, er habe mit den Jahren einen Entwicklungsprozess durchlaufen. Zunächst sei er impulsiv vorgegangen, habe getötet, ohne sich vorher präzise Gedanken darüber zu machen, wie er die Leiche beseitigen und Spuren vernichten wollte. Erst ab 1974, mit dem Mord an Lynda Anna Healy, sei er sich seiner Möglichkeiten und Fähigkeiten voll bewusst gewesen. Ab diesem Zeitpunkt habe er keine Selbstzweifel mehr gekannt. Was natürlich implizierte, dass Bundys Mordserie bereits lange vor 1974 begann.

Bundy, der Streuner

Die Schauplätze der Mordserie verteilten sich über ein geografisch sehr großes Gebiet. Bundy investierte viel Zeit, die Tatorte, an denen er seine Opfer ansprach, aber insbesondere die Stellen, an denen er die Leichen versteckte, bis ins kleinste Detail auszuspionieren. Erst wenn er sicher war, dass ihn niemand überraschen würde, schlug er zu. Diese Vorgehensweise von Ted Bundy hatte zur Folge, dass er lange Zeit unentdeckt blieb. Er hatte bereits mindestens zwanzig Menschen getötet, bevor die Ermittlungsbehörden in mehreren Bundesstaaten überhaupt begriffen, dass zwischen ihren ungeklärten Mordserien ein Zusammenhang bestand.

Leise und effektiv

Ted Bundy erschlug und strangulierte seine Opfer. Auf den Gebrauch von Schusswaffen verzichtete er bewusst, weil sie Lärm verursachten, damit potenzielle Zeugen auf den Plan riefen und ballistische Spuren hinterließen, die die Polizei zur Tatwaffe zurückverfolgen konnte. Eine Schlagwaffe war aus Sicht des Serienkillers Ted Bundy das ideale Tatwerkzeug, um ein Opfer zu überwältigen. Sie war leise, billig, jederzeit verfügbar und effizient.

Ted Bundy - Tatwerkzeuge

Ted Bundys Tatwerkzeuge

Bundy, das Chamäleon

Den Ermittlungsbehörden bereitete zudem Bundys physische Wandlungsfähigkeit enorme Probleme. Der Typ war wie ein Chamäleon, der nach Belieben sein Äußeres ändern konnte. Bundy profitierte davon, dass er von Natur aus ziemlich gleichmäßige Gesichtszüge ohne sonderlich hervorstechende Merkmale hatte. Mit ein paar einfachen Tricks – einer falschen Brille, anderer Kleidung oder einer veränderten Frisur – verwandelte er sich in einen völlig anderes Typus Mann. Das einzige unverwechselbare Kennzeichen, das Bundy besaß, war ein markantes Muttermal am Hals. Deshalb sieht man ihn auf Fotos meist mit Rollkragenpullover oder hochgeschlossenem Hemd.

Auf jedem Foto, das den Ermittlern von Ted Bundy vorlag, sah er praktisch anders aus. Wenn sie die Bilder Zeugen präsentierten, antworteten die meist: So sah der Mann nicht aus. Oder vielleicht war er es, doch ich bin mir nicht sicher. Aber ganz selten hörten sie den Satz, den sie hören wollten: Das war der Mann – hundert Prozent.

Ted Bundys Auto

Selbst das Fahrzeug, das er für seine Verbrechen benutzte, war mit Bedacht gewählt. Der VW-Käfer war damals ein Allerweltsfahrzeug. Ted Bundys Auto war beige mit einigen Rostflecken. Die Zeugenaussagen schwankten aber stets zwischen beige, hellbraun, bronzefarben oder dunkelbraun.

Ted Bundys VW-Käfer steht heute im National Museum of Crime & Punishment in Washington D.C.
Quelle: greyloch – http://www.flickr.com/photos/greyloch/4842459860/#, en.wikipedia.org

Der Charme der Bestie

Zeugen, die miterlebt hatten, wie Ted Bundy ein Opfer ansprach, oder selbst von Bundy in ein Gespräch verwickelt wurden, berichteten übereinstimmend, dass sie den Mörder im ersten Moment als sympathisch, gut aussehend und charmant wahrgenommen hatten. Seine Fähigkeiten im persönlichen Umgang mit anderen Personen nutzte er ebenso aus wie die spontane Hilfsbereitschaft vieler Mitmenschen. Die Vorgehensweise war durchaus ungewöhnlich für einen Serienmörder und das Resultat eines gewissen Entwicklungsprozesses.

Im Januar 1974 vermied Bundy beispielsweise noch den direkten Kontakt zu seinen Opfern, bevor er sie angriff. Bei Karen Sparks und Lynda Healy war er eingebrochen und hatte sie im Schlaf überrascht. Mit dem Mord an Donna Manson steigerte Ted Bundy das Risiko, aufzufliegen. Denn nicht jede Frau, die er ansprach, fiel auf seinen Charme und seine Tricks herein. Die Zahl der potenziellen Zeugen, die Bundy der Polizei beschreiben konnten, stieg damit automatisch an.

Das größte Risiko ging Ted Brundy fraglos am 14. Juli 1974 am Lake Sammamish ein. Der heiße Sommertag hatte rund 50.000 Gäste an den beliebten Badesee gelockt. Bundy probierte seine Masche an etlichen Frauen aus, bevor er Janice Ott in die Falle lockte. Er wusste also, dass es bereits Augenzeugen geben musste. Dennoch kehrte er vier Stunden später an dieselbe Stelle zurück und zog die gleiche Nummer nochmals durch, bis er mit Denise Naslund davonzog.

In die Falle gelockt

Bundys Modus Operandi sah vor, sein Opfer bei der ersten Möglichkeit, die sich ihm bot, mit einem stumpfen Gegenstand – meist benutzte er dazu ein Brecheisen – bewusstlos zu schlagen und damit wehrlos zu machen. Anschließend fesselte er die Frauen und packte sie in seinen Wagen, dessen Beifahrersitz er wohlweislich ausgebaut hatte. So lief er nicht Gefahr, dass jemand eine bewusstlose oder gefesselte Frau in seinem Auto wahrnahm.

Wenn Ted Bundy sicher war, dass sich keine Zeugen in der unmittelbaren Umgebung aufhielten, erfolgte die Attacke, sobald er sein Opfer unter einem Vorwand zu seinem VW-Käfer gelockt hatte. Drehte die Frau ihm den Rücken zu, schlug Bundy zu. In anderen Fällen fuhr er mit seinen Opfern zur Stadt hinaus und überwältigte die Frauen auf einer einsamen Landstraße. Danach verschleppte er sie meist in ein abgelegenes Versteck, das er zuvor sorgfältig ausgekundschaftet hatte. Während er in Salt Lake City wohnte, brachte er einige Opfer in seine Wohnung.

Wie lange die Frauen ihrem Martyrium ausgesetzt waren und was Bundy mit ihnen anstellte, ist weitestgehend im Dunkeln geblieben. Der Polizei war es nur in wenigen Fällen gelungen, einen Leichnam so frühzeitig zu bergen, dass die Obduktion zumindest ansatzweise ein klares Spurenbild ergab. Ansonsten waren die Beamten auf die oftmals kryptischen und widersprüchlichen Angaben von Bundy angewiesen.

Entkleiden der Opfer

Nachdem er die Frauen getötet hatte, entkleidete Ted Bundy seine Opfer und verbrannte die Kleidung. In mindestens einem Fall (Julie Cunningham) entsorgte er die Sachen in einen Kleidercontainer. Bundy ging es bei diesem Vorgehen nicht allein darum, sexuelle Fantasien in die Tat umzusetzen. Die Vernichtung der Kleidung diente auch dazu, verräterische Spuren zu beseitigen. Er wusste, dass die Spurensicherung in den Textilien oftmals hervorragendes Beweismaterial entdeckte, das den Täter mit dem Opfer in Verbindung bringen konnte. Ironischerweise wurde der sonst so vorsichtige Ted Bundy im Fall Kimberly Leach durch eine Textilfaser mit einem einmaligen Webfehler überführt. Die Faser war im Mordprozess das entscheidende Beweisstück.

Der Nekrophile

Bundy kehrte häufig zu den Leichenverstecken zurück. Das tat er zum einen, um seinen nekrophilen Trieb auszuleben und die Leichen erneut zu missbrauchen. Doch Bundys sexuelle Fantasien waren komplexer und drehten sich um Kontrolle, Macht und Besitz. Bundy schminkte die Toten, er frisierte sie, er kleidete sie sogar neu ein. Bei einigen der Opfer stellten die Polizisten Kleidungsstücke sicher, die eindeutig nicht von ihnen stammten. Andere hatten die Fingernägel in einer Farbe lackiert, die sie nie benutzt hatten.

Ted Bundy – Opfer-Fotos als Trophäen

Zudem schoss Ted Bundy von seinen Opfern Fotos mit einer Polaroidkamera. Zumindest hatte er behauptet, solch eine Sammlung besessen zu haben, als die Polizei in Utah Bundy erstmals verhaftete. Als William Hagmaier das Thema mit Bundy diskutierte, sagte er: »Wenn Sie alles dafür tun, um eine perfekte Arbeit abzuliefern, dann wollen Sie auch dafür Sorge tragen, dass Sie sich jederzeit daran erinnern können.«

Die Rolle des Alkohols

Wie bei den Vernehmungen herauskam, betrank sich Bundy regelmäßig vor den Verbrechen. Der Konsum von großen Mengen an Alkohol sei ein »wesentlicher Bestandteil« seiner Routine gewesen, äußerte er gegenüber Robert Keppel. Er habe den Alkohol einerseits gebraucht, um seine Hemmschwelle herabzusetzen. Mit anderen Worten: Er hatte sich Mut angetrunken. Andererseits machte ihn der Alkohol umgänglicher, locker und charmanter im Umgang mit Menschen, zumindest in der Selbstwahrnehmung von Bundy. Er befürchtete, dass er in nüchternem Zustand zu dominant und herrschsüchtig rüberkam und damit seine potenziellen Opfer vergrätzt hätte.

Opferprofile

Die meisten Opfer von Ted Bundy waren zwischen 15 und 25 Jahren alt, weiß und stammten aus der Mittelschicht. In der Regel handelte es sich um Schülerinnen oder Studentinnen. Bundy war den Frauen, die er als potenzielle Opfer ansprach, laut eigener Aussage nie zuvor begegnet. Es gab allerdings mindestens eine Ausnahme. Die Ermittlungen der Polizei brachten zum Vorschein, dass eine Cousine von Bundy mit Lynda Healy zeitweise ein Zimmer geteilt hatte. Obendrein hatte Bundy an der University of Washington Kurse besucht, für die Lynda Healy ebenfalls eingeschrieben war. Es liegt also nahe, dass Bundy sein späteres Opfer zumindest vom Sehen her kannte und sie geraume Zeit verfolgt hatte.

Im letzten Gespräch, das er mit Elizabeth Kloepfer führte, seiner ehemaligen Lebensgefährtin, betonte Ted Bundy ihr gegenüber, dass sie sich nie wirklich in Gefahr befunden habe. Sobald er den Drang in sich gespürt habe, zu töten, habe er sofort das Haus verlassen und sei erst wiedergekehrt, wenn das Gefühl verflogen war.

Immer derselbe Typ Frau?

Seitdem Ted Bundy als Hauptverdächtiger für die Mordserien in Washington, Utah und Colorado galt, hatten viele Beobachter darauf hingewiesen, dass alle Opfer langes, glattes, dunkles Haar hatten, das in der Mitte gescheitelt war. Bundy habe immer demselben Typus Frau nachgestellt, folgerten sie daraus. Frauen, die quasi Doppelgängerinnen seiner großen Liebe Stephanie Brooks gewesen wären, an der er sich für seine Zurückweisung habe rächen wolle.

Das stimmte zum einen faktisch nicht. Neben brünetten Frauen tötete Bundy auch blonde. Nicht alle Opfer hatten lange Haare, manche trugen gelockte oder zumindest gewellte Frisuren. Außerdem waren lange, glatte, in der Mittel gescheitelte Haare der Standard-Look für junge Frauen Mitte der 1970er Jahre.

Schließlich widersprach auch Ted Bundy selbst der Theorie, dass es da äußerlich zwischen seinen Opfern einen Zusammenhang gegeben hätte: »Für mich gab es nur ein Kriterium: Sie mussten jung und hübsch sein. Die Leute glauben tatsächlich diesen Schwachsinn, dass die Frauen sich alle ähnlich sahen. Das ist Quatsch. Ich hab sie ja leibhaftig gesehen. Und rein physisch hat da keine der anderen geglichen. Die waren alle irgendwie verschieden.«

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(18) Modus Operandi Ted Bundy was last modified: Februar 23rd, 2018 by Richard Deis

2 Responses to (18) Modus Operandi Ted Bundy

  1. Simone

    Hallo Herr Deis,

    zuerst einmal: vielen, vielen Dank für Ihre tolle Seite, die wahnsinnig interessant, informativ und ausführlich ist – und weiterhin aktualisiert und gepflegt wird.

    Seit längerem habe ich nun einmal wieder die Chronik von Ted Bundy studiert und musste feststellen, daß das „National Museum of Crime & Punishment“ in Washington am 30.09.2015 seine Pforten schließen musste, da der Mietvertrag nicht verlängert wurde.
    So, wie ich es verstanden habe, werden die Ausstellungsstücke nun bzw. seit 01.11.2015 im „National Law Enforcement“-Museum in Washington ausgestellt.
    Können Sie sagen, ob diese Information korrekt ist? Haben Sie Kenntnis darüber?

    Vielen lieben Dank & viele Grüße!!

    • Richard Deis

      Hallo Simone,

      vielen Dank für Ihre netten Worte!

      Nein, von der Schließung hatte ich bisher noch nichts gehört. Ich habe jetzt mal die Seite aufgesucht, die noch im Netz aktiv ist (http://www.crimemuseum.org/). Für mich klingt das so, als ob lediglich Teile der Ausstellung in das National Law Enforcement Museum gewandert sind (u.a. Attentäter, Forensisches Labor) Die Ausstellung selbst war meines Wissens umfangreicher (z.B. der berüchtige VW-Käfer von Bundy).

      Ich schicke mal Kevin M. Sullivan eine E-Mail. Vielleicht weiß er mehr. Sullivan hatte eines der aktuellesten Bücher über Bundy geschrieben und sich auf meiner Seite gemeldet (siehe Kommentare bei Bücher zu Ted Bundy). Immerhin hatte er einige Gegenstände aus Bundys Inventar in seinem Besitz (Bundys „Mörder-Equipment“, mit dem er in Utah geschnappt wurde; wurde irgendwann aus der Asservatenkammer ausgemistet und landet über den ehemals zuständigen Kriminalbeamten schließlich bei Sullivan). Falls ich etwas von ihm erfahre, melde ich mich nochmals hier.

      Beste Grüße
      Richard Deis

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