Im Oktober 1984 nahm Ted Bundy Kontakt zu Robert Keppel auf, der in Washington für die Ermittlungen gegen Bundy zuständig gewesen war. Bundy wusste, dass Keppel als Berater für die Green River Task Force fungierte. Die Sonderkommission fahndete seit über zwei Jahren vergeblich nach einem Serienmörder, der im Raum Seattle-Tacoma rund 45 Frauen getötet hatte. Bundy bot Keppel an, eine Art Täterprofil anzufertigen. Er betrachtete sich selbst als einen Experten für Serienmorde und kannte sich zudem im Bundesstaat Washington, dem Schauplatz der Mordserie, hervorragend aus.

Robert Keppel und Dave Reichert, ein Ermittler der Green River Task Force, gingen auf das Angebot ein und unterhielten sich zwei Tage mit dem inhaftierten Serienkiller. Bundys Angaben führten zwar nicht zur Verhaftung des Täters (diese gelang erst 17 Jahre später), aber seine Einschätzung traf in vielen Punkten durchaus zu, wie sich später herausstellen sollte. Robert Keppel hat die Gespräche mit Ted Bundy in einem Buch mit dem Titel: »The Riverman. Ted Bundy and I Hunt for the Green River Killer« [Bücher über Ted Bundy] ausführlich dokumentiert.

Bundy hatte sich für seine Hilfsdienste deutlich mehr erwartet als bloß eine lobende Erwähnung in einem Buch. Er hatte darauf spekuliert, sich in vertrackten Serienmordermittlungen als eine Art freischaffender Berater der Polizei unentbehrlich zu machen, frei nach dem Motto: Es braucht einen Irren, um einen Irren zu erkennen und zur Strecke zu bringen. Das Kalkül ging nicht auf. Im Gegenteil. Die Behörden setzten alles daran, Ted Bundy so schnell wie möglich den Garaus zu machen.

Anfang 1986 legte das Gericht das Datum für Bundys Hinrichtung auf den 4. März 1986 fest. Bundys Anwälte erhoben beim Obersten Gerichtshof Einspruch. Der Supreme Court gewährte einen Aufschub, der allerdings nur von kurzer Dauer war. Das zuständige Gericht beraumte einen neuen Hinrichtungstermin für den 2. Juli 1986 an.

Bundys letzter Trumpf

Ted Bundy begann nun, seine letzte Trumpfkarte auszuspielen. Er gab stückchenweise Details seiner Verbrechen preis, die den Ermittlern bisher unbekannt geblieben waren. Bundy zockte. Er nahm an, je länger er mit der ganzen Wahrheit hinterm Berg halten würde, umso besser stünden seine Chancen, am Leben zu bleiben. Zu seiner wichtigsten Kontaktperson neben Robert Keppel wurde in dieser Phase der FBI-Agent William Hagmaier.

Ihm gestand Bundy im April 1986 erstmals, dass er häufiger zu den Leichenverstecken zurückgekehrt war. Er legte sich dann zu seinen Opfer und führte sexuelle Handlungen an ihnen durch. Lediglich der fortschreitende Verwesungsprozess setzte dem nekrophilen Spuk ein natürliches Ende. In einigen Fällen nahm er auch Anfahrten von mehreren Stunden in Kauf, nur um seine Opfer nochmals zu schänden. In Utah habe er bei solch einer Gelegenheit beispielsweise Melissa Smith Schminke auf das leblose Gesicht aufgetragen. Laura Aime wiederum habe er wiederholt die Haare gewaschen.

»Wenn du Zeit hast«, sagte Bundy zu William Hagmaier, »dann können diese Frauen alles sein, was du dir in deiner Fantasie vorher ausgemalt hast.« Zwölf seiner Opfer habe er mit einer Säge enthauptet. Einen Teil der Köpfe – vermutlich die von Susan Rancourt, Kathleen Parks, Brenda Ball und Lynda Healy – bewahrte er zeitweise in seiner Wohnung auf, bevor er sie endgültig entsorgte.

Ted Bundys Motiv – Besessen von Besitz

Besitz war für Ted Bundy ein Schlüsselbegriff. Symptomatisch sein Hang zu Diebstählen und Einbrüchen, den er bereits in frühester Jugend entwickelt hatte. Alles, was er jemals von Wert besessen hatte, war gestohlen. „Die große Belohnung dabei war für mich“, sagte Bundy, „dass ich das, was ich geklaut hatte, auch tatsächlich besaß. Das war nun meins. Das habe ich wirklich genossen: Loszuziehen, mir zu nehmen, was ich begehrte.«

Die Begierde, etwas zu besitzen, spielte offensichtlich auch bei den Vergewaltigungen und Morden eine gewichtige Rolle. Er hatte das Bedürfnis, so drückte Bundy es aus, seine Opfer »ganz und gar zu besitzen«. Am Anfang habe er die Frauen aus eher zweckmäßigen Erwägungen heraus getötet. Hätten sie überlebt, hätten sie ihn bei der Polizei verpfeifen können. Aber später wurde das Morden selbst Teil des »Abenteuers«, wie Ted Bundy seine Mordexzesse bezeichnete. »Die ultimative Form von Besitz war es, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen. Und danach nahm man noch den Körper in Besitz. Die Überreste gehörten einem nun mit Haut und Haaren.«

Der FBI-Agent William Hagmaier kam zu dem Schluss, dass Bundy eine tiefe, fast schon mystisch anmutende Befriedigung aus dem Akt des Tötens zog. Beim Morden sei es ihm irgendwann nicht mehr nur um bloße Gewalt, Blutrausch und sexuellen Lustgewinn gegangen. Als er Ted Bundy nach dem Motiv für seine Taten befragt habe, habe der ihm wörtlich geantwortet: »Die Opfer, sie werden ein Teil von dir. Du und sie – ihr werdet auf immer vereint. Der Boden, auf dem du getötet hast oder sie versteckt hast, wird zu geweihtem Boden. Es wird dich immer wieder dorthin zurückziehen an diesen magischen Ort.«

Deadline

15 Stunden vor der terminierten Hinrichtung am 2. Juli 1986 stoppte das zuständige Berufungsgericht erneut die Exekution. Diese juristischen Auseinandersetzungen zogen sich noch weitere zweieinhalb Jahre hin, bis die Anwälte von Bundy im Dezember 1988 alle Rechtsmittel ausgeschöpft hatten. Binnen Stunden nach dem endgültigen Gerichtsbescheid setzte man die Hinrichtung für den 24. Januar 1989 fest. Daran gab es nun nichts mehr zu rütteln. Die Behörden peitschten den Fall in Rekordzeit durch alle Instanzen. Im Normalfall saß ein zum Tode Verurteilter noch zwischen 15 und 20 Jahren im Todestrakt. Bundy erwischte es bereits knapp neun Jahre nach seinem Schuldspruch. Der Staat wollte Ted Bundy tot sehen, daran gab es überhaupt keinen Zweifel.

Als Bundy die aussichtslose Lage erkannte, erklärte er sich bereit, endlich ein umfassendes Geständnis abzulegen. Er hatte nun nichts mehr zu verlieren. Er sei der Mörder der acht Frauen, die aus Washington und Oregon verschwanden, vertraute er Robert Keppel an:

  • Lynda Ann Healy
  • Donna Gail Manson
  • Susan Elaine Rancourt
  • Roberta Kathleen Parks
  • Brenda Carol Ball
  • Georgann Hawkins
  • Janice Ann Ott
  • Denise Marie Naslund

Zudem habe er in Washington weitere drei, in Oregon zwei Frauen getötet. Die Namen der Opfer gab Bundy jedoch nicht preis. Möglicherweise kannte er sie überhaupt nicht. Die Leiche von Donna Manson, welche die Polizei bisher nicht finden konnte, habe er ebenfalls am Taylor Mountain verscharrt. Den Kopf von Donna Manson habe er im Kamin von Elizabeth Kloepfers Haus verbrannt. »Von allen Dingen, die ich ihr angetan habe, wird sie mir das am wenigsten verzeihen können. Arme Liz,« äußerte Bundy gegenüber Robert Keppel.

Ted Bundy beschrieb Robert Keppel detailliert, wie er Georgann Hawkins aus der hell erleuchteten Gasse auf dem Gelände der University of Washington zu seinem Auto gelockt, dort niedergeschlagen, gefesselt und im Wagen nach Issaquah verschleppt habe, wo er sie schließlich erwürgt habe. Er habe die ganze Nacht mit ihrer Leiche verbracht und sei drei weitere Male zu ihrem leblosen Körper zurückgekehrt, um ihn erneut zu schänden.

Nur die Morde zählten

Ted Bundy konnte sich praktisch an jeden Stein, an jeden Grashalm erinnern, der in Issaquah an der Stelle wuchs, an der die Polizei die Knochen von Janice Ott, Denise Naslund und Georgann Hawkins geborgen hatte. »Es war, als ob er vor Ort stände und alles beschrieb, was er sah«, sagte Bob Keppel. »Er war so detailverliebt in seiner Schilderung, da er dort unglaublich viel Zeit verbracht hatte. Die Morde bestimmten komplett sein Denken. In all den Jahren dachte er an kaum etwas anderes.«

Polly Nelson, eine der Anwältinnen von Ted Bundy, gewann einen ähnlichen Eindruck von ihrem Mandanten: »Es war dieser totale Hass auf Frauen, der seine Verbrechen prägte und mich fassungslos machte. Das war wie ein Manifest absoluter Frauenfeindlichkeit. Er hatte nicht das geringste Mitgefühl mit seinen Opfern. Alles, was ihn interessierte, waren die Erinnerungen an seine Verbrechen. Für ihn waren die Morde sein Lebenswerk, sein Vermächtnis.«

Bundy zockt

Kriminalbeamten aus Idaho, Utah, und Colorado gestand Ted Bundy zahlreiche weitere Morde, darunter mehrere, von denen die Polizei bisher nichts wusste. »Es gibt noch viele, die ich in Colorado begraben habe und von denen ihr nichts ahnt«, sagte Bundy. Den Beamten wurde rasch klar, dass Bundy wieder einmal mit ihnen spielte. Während er sich über die Leichenverstecke am Taylor Mountain, die die Beamten bereits gefunden hatte, sehr ausführlich ausließ, hielt er bei seinen neuen Enthüllungen viele Details zurück. Bundy hoffte, so noch einmal einen weiteren Aufschub seiner Hinrichtung herauszuschlagen. Ein typisches Tauschgeschäft nach Bundy-Art: Knochen für Zeit.

Die Behörden ließen sich nicht darauf ein. Die Konsequenz war, dass die Mordermittler keine weiteren Leichen finden sollten. Entweder waren Bundys Angaben zu ungenau oder schlichtweg falsch gewesen. Hatte er die Leichen erfunden, um die Hinrichtung hinauszuzögern? Wollte er bloß aufschneiden? Die Kriminalbeamten hatten einen anderen Verdacht. Sie glaubten, dass Bundys unersättlicher Besitzanspruch über seinen Hang, mit seinen Taten – seinem »Lebenswerk« – zu prahlen, obsiegte. Den Taylor Mountain mit seinem kostbaren Besitz hatten ihm die Polizisten quasi genommen. Die anderen Verstecke würden für immer seins bleiben. Er war der einzige Mensch auf Erden, der wusste, wo die Opfer lagen. So blieben sie in seinem Besitz. Auch wenn er bald selber sterben sollte.

Bundy-Groupies

Ted Bundy konnte diesbezüglich kaum auf das Mitleid seiner Mitbürger zählen. Dennoch gab es eine zahlenmäßig erstaunlich große Gruppe von Menschen, die Bundy über Jahre hinweg unterstützte und lange Zeit von seiner Unschuld überzeugt war. »Die da oben«, die Polizei, der Staat hätten Bundy die Morde angehängt und die Beweise getürkt. Oder irgendein perfides Satanistennetzwerk habe Bundy als Sündenbock vorgeschoben. Als Bundy dann so halbwegs mit der Wahrheit herausrückte und die Morde gestand, da mutierte Ted Bundy in den Augen seiner Unterstützer in ein bedauerliches Opfer einer unglücklichen Kindheit und gesellschaftlicher Schieflagen.

Unter den Fans von Bundy befanden sich überraschend viele Frauen, wenn man bedenkt, wie Bundy, der fleischgewordene Frauenhasser, über den weiblichen Teil der Bevölkerung dachte. Carol Ann Boone, die ihn im Gerichtssaal heiratete, hatte ihn zwar inzwischen verlassen. Aber an ihre Stelle war die junge Anwältin Diana Weiner getreten, Bundys angeblich letzte Geliebte.

Die Hinrichtung – Ted Bundy auf dem elektrischen Stuhl

Diane Weiner griff nach dem letzten verbliebenen Strohhalm zur Rettung von Bundy: Sie bereitete ein Gnadengesuch beim Gouverneur des Staates Florida vor. Dazu schrieb sie mehrere Angehörige von Opfern aus Utah und Colorado an, deren Leichen man noch nicht gefunden hatte. Sie setzte darauf, dass dieser Personenkreis ein Interesse daran hatte, noch mehr über den Verbleib ihrer Familienmitglieder von Bundy zu erfahren. Diane Weiner irrte. Niemand antwortete ihr. Gouverneur Bob Martinez machte gleichzeitig klar, dass es mit ihm keinen Handel geben würde.

Ted Bundy - William Hagmaier

William Hagmaier und Ted Bundy am Abend vor Bundys Hinrichtung
Quelle: United States Department of Justice, Federal Bureau of Investigation

FBI-Agent William Hagmeier besuchte Ted Bundy ein letztes Mal am Abend vor der Hinrichtung. Bundy sprach über Selbstmord. Er wollte dem Staat nicht die Genugtuung geben, ihm beim Sterben zuzusehen. Er scheiterte mit seinem Vorhaben. Am nächsten Morgen, dem 24. Januar 1989, starb Ted Bundy um 7.16 Uhr auf dem elektrischen Stuhl. Vor der Gefängnisanstalt Raiford hatten sich geschätzte 2.000 Personen versammelt. Als ein Gefängnissprecher den Tod von Bundy verkündete, brachen die Leute in Jubel aus, sangen, tanzten und brannten ein Feuerwerk ab.

Der Leichnam von Ted Bundy landete in Gainesville, wo man ihn in einem Krematorium verbrannte. Gemäß Bundys letztem Wunsch verstreute man die Asche an einem unbekannten Ort in den Kaskaden östlich von Seattle. Dort, wo er Stephanie Brooks beim Skifahren kennengelernt hatte. Dort, wo er seine mutmaßlich ersten Opfer verscharrt hatte.

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(17) Im Todestrakt was last modified: Februar 21st, 2018 by Richard Deis