Man unterzog Ted Bundy mehreren psychiatrischen Untersuchungen. Ted Bundys Psychogramm fiel je nach Gutachter recht unterschiedlich aus. Dorothy Otnow Lewis, eine bekannte Professorin für Psychiatrie an der New York University School of Medicine, diagnostizierte bei Bundy zunächst eine bipolare Störung. Im Laufe der Jahre änderte sie aber ihren Standpunkt noch mehrfach. So sprach sie unter anderem davon, dass Bundy unter einer multiplen Persönlichkeitsstörung gelitten haben könnte. Sie führte als Beleg einige Zeugenaussagen an.

Ein komplett anderer Mensch

Eine Großtante von Bundy beschrieb zum Beispiel ein Erlebnis an einem Bahnsteig. Während die beiden dort auf den Zug warteten, verwandelte sich der ihr ansonsten so vertraute Ted vor ihren Augen von einer Sekunde auf die andere in einen vollkommen Fremden. Sie habe ihn plötzlich nicht mehr wiedererkannt, so krass sei die Veränderung gewesen. Ihr Lieblingsneffe habe ihr plötzlich Angst gemacht.

Ein Gefängnisbeamter aus Tallahassee wusste Ähnliches zu berichten: »Bundy sagte zu mir: ‚Du hast mich sauer gemacht.‘ Und dann veränderte er sich vor meinen Augen: Die Körperhaltung, sein Gesichtsausdruck, alles war auf einmal anders an ihm. Ich weiß nicht, ob ich es mir nur eingebildet habe, aber auf einmal roch er auch ganz anders. Ab diesem Tag hatte ich Angst vor ihm.«

Ted Bundy, der Psychopath

Neben der bipolaren und multiplen Persönlichkeitsstörung diagnostizierten andere Psychiater auch noch eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Die Mehrzahl der forensischen Experten wiesen aber darauf hin, dass die bekannten Fakten weniger auf eine Psychose hindeuteten, sondern stattdessen auf eine antisoziale Persönlichkeitsstörung. Mit anderen Worten: Bei Ted Bundy handelte es sich um eine Person, die man landläufig als »Psychopath« oder »Soziopath« bezeichnet.

Menschen mit einer antisozialen Persönlichkeitsstörung sind auf den ersten Blick häufig charmante, bisweilen charismatische Zeitgenossen. Aber wenn man sich für den Menschen hinter der Fassade interessiert, findet man dort gähnende Leere vor. Diesen Personen mangelt es an einem greifbaren Charakter, an einer Haltung, an Werten, die ihr Handeln beeinflussen und sie berechenbar machen. Kurzum: Ihnen fehlt es an dem, was man gemeinhin Persönlichkeit nennt.

Ohne Reue

Die meisten Soziopathen leiden unter keiner gravierenden Psychose. Sie können problemlos Recht von Unrecht unterscheiden. Allerdings lässt sie dieses Wissen emotional kalt. Es hat keinerlei Bedeutung im Hinblick auf ihr Verhalten und ihre Entscheidungen. Sie handeln frei von Gefühlen wie Schuld, Reue oder einem schlechten Gewissen. Ted Bundy bestätigte genau diesen Punkt: »Schuld hilft einem nicht weiter. Damit schadet man sich nur selbst. Ich denke, ich bin in der beneidenswerten Lage, mich nicht mit Schuldgefühlen herumplagen zu müssen.«

Bundy, der Manipulator

Zu den weiteren typischen Merkmalen eines Soziopathen gehören Narzissmus, manipulatives Verhalten und ein schlechtes Urteilsvermögen. »Soziopathen sind manipulative Egoisten, die denken, dass sie jeden für ihre Zwecke einspannen können«, beschrieb es beispielsweise Staatsanwalt George Dekle. Praktisch alle Ermittler, Psychiater und sonstigen Interviewer berichteten unisono davon, dass sie eigentlich ständig das Gefühl hatten, dass Ted Bundy sie in irgendeiner Weise manipulieren wollte. Das gehörte zu seiner Natur dazu.

Ein waschechter Psychopath

Später schloss sich auch Dorothy Otnow Lewis dem Urteil der Mehrzahl ihrer Kollegen an. »Ich habe meinen Studenten immer gesagt: Wenn ihr mir einen Psychopathen zeigen könnt, wie er im Lehrbuch steht, dann spendiere ich euch ein Abendessen. Ich habe nie daran geglaubt, dass sie in der Wirklichkeit existierten. Aber heute denke ich, dass Ted Bundy tatsächlich ein waschechter Psychopath war, der wahrhaftig keinerlei Reue oder Mitgefühl für seine Mitmenschen empfand.«

Ted Bundy – James Dobson Interview – Natural Porn Killer

Ted Bundy benannte vor seiner Hinrichtung in einem Interview noch einen weiteren möglichen Auslöser für die Mordserie: Pornografie. Das Interview entstand rund 16 Stunden vor Bundys Tod und wurde von James Dobson geführt [Video des James Dobson-Interviews unter Filme über Ted Bundy]. Dobson war Psychologe und Begründer einer christlichen evangelikalen Organisation. Bundy äußerte in dem Gespräch, dass er regelrecht süchtig nach Pornografie gewesen sei. Pornos und die Gewaltdarstellungen in Filmen seien mitverantwortlich gewesen, dass aus ihm der Serienmörder Ted Bundy geworden sei. Die Medien würden lauter neue Ted Bundys heranzüchten, würde man ihnen nicht endlich Einhalt gebieten. Denn die Gewaltverherrlichung sei das Futter für die kranken Hirne von Verbrechern.

Ted Bundy - James Dobson

James Dobson

Bundy wusste, mit wem er sich unterhielt. James Dobson war bekannt dafür, dass er sich seit Jahren dem Verbot von Pornografie verschrieben hatte. Die Äußerungen von Bundy waren Wasser auf seine Mühlen. Die Ermittler, die am besten mit der Person Bundy vertraut waren, zweifelten jedenfalls am Wahrheitsgehalt von Bundys später »Beichte«.

Zum einen trauten sie Bundy durchaus zu, dass er einen Heidenspaß daran empfand, selbst vom elektrischen Stuhl noch die Öffentlichkeit manipulieren zu können. Als man ihn zum Beispiel einmal auf den Einfluss sogenannter True-Crime-Magazine angesprochen hatte, die damals sehr populär waren und speziell Sexualmorde möglichst plastisch und übertrieben darstellten, hatte er sich nämlich noch gänzlich anders geäußert: »Ich hab mich immer gefragt: Wer in aller Welt liest diesen Schund und gibt dafür auch noch Geld aus? Da steht jedenfalls nur Schwachsinn drin. Mich hat das nie interessiert. So weit ich mich erinnern kann, hab ich zwei oder drei Mal so ein Heft geklaut. Geld habe ich dafür jedenfalls nicht rausgeschmissen.«

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Kurz nach dem Interview mit James Dobson unterhielt sich Bundy auch nochmals mit FBI-Agenten William Hagmaier. In diesem Gespräch spielte er den Einfluss der Pornografie auf seine Entwicklung als Serienmörder wieder herunter. Ja, er habe sie konsumiert. Aber er hätte auch getötet, wenn er niemals ein Magazin in die Finger bekommen hätte. »Das Problem war nicht die Pornografie«, meinte William Hagmaier zu der Diskussion lakonisch. »Das Problem war Ted Bundy«.

Schuld sind immer die anderen

Denn auch das gehörte zweifelsohne zu Bundys Wesen dazu: Permanent die Verantwortung auf andere abzuwälzen. Nicht er war schuld, sondern die Medien und die amerikanische Gesellschaft. Lange Zeit hatte er sich geweigert, seine Verbrechen überhaupt zu gestehen. Klar, weil er hoffte, dass man ihm seine Taten vor Gericht nicht nachweisen könnte. Später, um seine Hinrichtung hinauszuzögern. Aber es gab einen weiteren Grund: Ted Bundy wollte sich nicht mit Schuldgefühlen belasten. Oder wie er es ausgedrückt hatte: »Mit Schuldgefühlen schadet man nur sich selbst.«

Deswegen reichte Bundy die Schuld gerne an andere weiter und führte immer wieder einen neuen Sündenbock ins Feld. Mal war es der Großvater, der ihn missbraucht habe. Dann die Abwesenheit einer Vaterfigur; das familiäre Lügenkonstrukt rund um seine tatsächliche Abstammung; der Alkohol; Gewalt in Filmen; Pornografie; die Polizei, die ihn mit getürkten Beweisen habe reinreiten wollen; die Medien; die Gesellschaft im Allgemeinen; die »Gehirnwäsche« der Programmmacher beim Fernsehen, die ihn zum Diebstahl von Kreditkarten verleitet hätte.

Und schließlich verortete Ted Bundy die Schuld bei seinen Opfern selbst: »Ich habe Menschen kennengelernt«, schrieb er an seine ehemalige Lebensgefährtin Elizabeth Kloepfer, »die gleich auf den ersten Blick Verletzlichkeit ausstrahlen. Ihr Gesichtsausdruck sagt mir: Ich habe Angst vor dir. Diese Leute laden einen regelrecht dazu ein, dass man sie missbraucht. Sie senden subtile Signale aus, dass sie vorneherein damit rechnen, verletzt zu werden. Fordern sie damit nicht zwangsläufig eine entsprechende Reaktion heraus?« Die Psychologin Dorothy Lewis war überzeugt, dass es Bundy überhaupt nicht in den Sinn kam, wie ungeheuerlich seine Taten eigentlich waren.

Hecht im Karpfenteich der Anonymität

Ein Trugschluss, dem sich Ted Bundy zeit seines Lebens hingab, war, dass alle Menschen so dachten wie er: Die anderen sind mir scheißegal. Bundy war jedes Mal aufs Neue verblüfft, wenn jemand bemerkte, dass eine der Frauen, die er entführt hatte, verschwunden war und daraufhin zur Polizei ging. Er nahm die USA als einen Ort wahr, an dem praktisch jeder unsichtbar war, weil alle nur mit sich selbst und ihrem persönlichen Wohlergehen beschäftigt schienen. Wie konnte es da angehen, dass er Zeugen aufgefallen war und diese der Polizei eine Beschreibung liefern konnte? Die Mitmenschen blieben Ted Bundy auf ewig ein Rätsel.

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(19) Pathologie Ted Bundy was last modified: März 7th, 2015 by Richard Deis