Ann Marie Burr – Die Sturmnacht

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Die achtjährige Ann Marie Burr verschwindet am 31. August 1961 spurlos aus ihrem Elternhaus in Tacoma. Die Umstände ihres Verschwindens sind rätselhaft und können nie zufriedenstellend aufgeklärt werden. 25 Jahre später erhält der Vermisstenfall neue Brisanz, als Serienmörder Ted Bundy unter Tatverdacht gerät. Ist Ann Marie Burr sein erstes Opfer gewesen?

Ann Marie Burr
Ann Marie Burr

Die weinende Schwester

Die Familie Burr bewohnte ein Haus in der North 14th Street. Ann Marie Burr teilte sich mit ihrer dreijährigen Schwester ein gemeinsames Kinderzimmer. Die kleine Schwester wachte in der besagten Sommernacht auf, weil ihr Arm stark zu jucken begann. Sie trug zum damaligen Zeitpunkt einen Gips.

Ann Marie konnte ihre weinende Schwester nicht beruhigen und geleitete sie schließlich ins Elternschlafzimmer. Die Eltern redeten kurz auf ihre jüngste Tochter ein und schickten dann beide Mädchen wieder zurück ins Bett. Das war das letzte Mal, dass jemand Ann Marie Burr lebend sah.

Offene Tür

Um 5.30 Uhr stand die Mutter auf. Sie warf einen Blick in das Zimmer der Mädchen. Dabei fiel ihr das leere Bett ihrer Tochter Ann Marie auf. Wirklich beunruhigt war die Mutter jedoch erst, als sie die offenstehende Haustür entdeckte. Das Ehepaar sperrte diese Tür an jedem Abend ab und verriegelte sie zusätzlich mit einer Kette. Doch jemand hatte beide Schlösser von innen geöffnet.

Ein kleines Fenster im Wohnzimmer stand ebenfalls sperrangelweit offen. In der Nacht zuvor war es nur einen Spalt offengeblieben, um den Raum zu lüften. Nun hatte jemand ein Knäuel roten Bindfaden in den Rahmen gesteckt, offensichtlich um zu verhindern, dass das Fenster von selbst zuschlug.

Die Fußspur

Zudem war eine Gartenbank, die zuvor hinter dem Haus gestanden hatte, außen unter die Fensterbank geschoben worden. Unterhalb des Fensters zeichnete sich der undeutliche Abdruck einer Schuhsohle ab. In der vorangegangenen Nacht hatte es heftig geregnet und gestürmt. Vermutlich war die Fußspur deshalb kaum noch zu erkennen. Ein ähnliches Schuhprofil fand sich auch auf der Rückseite des Hauses neben einem Kellerfenster.

Die Ermittler mutmaßten, dass es sich um den Abdruck eines Turnschuhs der Marke Keds handelte. Die Schuhgröße schätzten sie auf 38 bis 40. Vermutlich stammten die Abdrücke von einem Teenager oder einem klein gewachsenen Mann.


In diesem Straßenblock lebten die Burrs 1961.

Der Fremde vor dem Fenster

In Ann Maries Kinderzimmer gab es keinerlei Anzeichen, die auf einen Kampf hindeuteten. Ihre Schwester, die im selben Raum geschlafen hatte, hatte nichts bemerkt. Ebenso wenig ihre beiden Brüder, die sich ein Zimmer im Keller teilten.

Nur der Hund der Familie hatte nachts angeschlagen. Die Eltern hatten das Bellen zwar gehört, dies jedoch mit dem Sturm in Verbindung gebracht, der heftig an den Läden gerüttelt hatte. Nachbarn berichteten der Polizei, dass sie in den Tagen zuvor jemanden im Hof der Burrs beobachtet hätten. Die Person habe an einem Fenster gestanden und ins Haus geblickt. Sie konnten den Fremden jedoch nicht näher beschreiben.

Großfahndung

Die Behörden behandelten Ann Marie Burrs spurloses Verschwinden von Anfang an wie einen Entführungsfall. Die Beamten gingen davon aus, dass der Täter aller Wahrscheinlichkeit nach dem Kind bekannt gewesen war. Ansonsten hätte sie vermutlich geschrien oder sich zur Wehr gesetzt, was zumindest ihre Schwester hätte wecken müssen.

Die Polizei durchsuchte Hunderte von Häusern und Grundstücken in der Nachbarschaft. Danach weitete sie die Suchaktion auf das gesamte Stadtgebiet und die Umgebung aus. Doch es ergaben sich keinerlei Hinweise auf den Verbleib des vermissten Mädchens.

Keiner hatte das Mädchen gesehen. Nirgends fanden sich Kleidungsstücke oder persönliche Gegenstände. Ann Marie Burr hatte zum Zeitpunkt ihres Verschwindens ein hellblaues, knöchellanges Nachthemd getragen, eine Halskette mit zwei Medaillons, die religiöse Motive zeigten, und ein silbernes Armband, auf dem ihr Name, ihre Adresse und die Telefonnummer der Eltern eingraviert waren.

Verdächtige

Die Ermittler überprüften alle Sexualstraftäter, die in der näheren Umgebung wohnten. Es ergaben sich jedoch keine weiteren Anhaltspunkte für Ermittlungen. Die Familie Burr erhielt ein Erpresserschreiben. Es stellte sich schnell heraus, dass es sich beim Verfasser um einen Trittbrettfahrer handelte, der Kapital aus dem Fall schlagen wollte. Er hatte nichts mit dem Verschwinden des Mädchens zu tun. Man klagte ihn schließlich wegen groben Unfugs an.

Allerdings verwickelte sich ein Teenager aus der unmittelbaren Nachbarschaft der Burrs in Widersprüche. Die Beamten schlossen ihn an einen Lügendetektor an. Der Junge fiel durch. Die Ermittler führten einen zweiten Lügendetektortest durch. Dieses Mal bestand der Nachbarsjunge. Dennoch strich ihn die Polizei niemals von der Liste der Tatverdächtigen.

Im Laufe der Jahre überprüften die Ermittler zahlreiche weitere Verdächtige. Zudem bezichtigten sich etliche Personen selber der Tat. Doch keine der Geschichten hielt den Überprüfungen der Beamten stand.

Ted Bundy

Dass Ann Marie Burr einem Verbrechen zum Opfer gefallen war, stand für die Polizei zweifelsfrei fest. Doch irgendwann wanderte ihr Fall auf den Aktenstapel mit den ungelösten Fällen. Bis eines Tages der Serienmörder Ted Bundy die Schlagzeilen bestimmte.

Wie sich herausstellte, hatte Bundy in seiner Kindheit nur wenige Querstraßen entfernt von Ann Marie Burr gelebt. Die Polizei von Tacoma nahm an, dass ein Jugendlicher der Entführer von Ann Marie Burr gewesen sein könnte. Als das Mädchen verschwand, war Bundy 14 Jahre alt gewesen.

Ted Bundy 1965
Ted Bundy, Jahrbuch-Foto der Woodrow Wilson High School, 1965

Er hatte zugegeben, dass er in diesem Alter häufig in der Nachbarschaft als Spanner umhergestreunt war und zahlreiche Einbrüche begangen hatte. Außerdem hatte er in diesem Alter bereits angefangen, sich regelmäßig zu betrinken. Und Alkohol war immer im Spiel gewesen, wenn Ted Bundy später seine Verbrechen beging.

Es gab also genügend Indizien, die auf Bundy als Täter hinwiesen. Zudem erinnerte sich Ann Marie Burrs Vater daran, dass Ted Bundy zeitweise die Zeitung in ihrem Viertel ausgetragen hatte. Einmal hatte er ihn sogar erwischt, wie der Junge sich auf einer nahe gelegenen Baustelle versteckt hatte. Hatte Bundy sein Opfer also ausspioniert? War Ann Marie Burr Ted Bundys erster Mord gewesen?

Der Polizeibeamte Bob Keppel hatte Mitte der 1970er die Ermittlungen gegen Bundy im Bundesstaat Washington koordiniert. Mitte der 1980er suchte er den verurteilten Serienmörder mehrfach im Gefängnis auf, um mehr über das Schicksal von Bundys Opfern zu erfahren. Keppel war der festen Überzeugung, dass Ted Bundy der Mörder der kleinen Ann Marie Burr war.

Was gegen Bundys Täterschaft spricht

Doch es gab auch Fakten, die gegen diese Annahme sprachen. Zum einen war Bundys Familie 1961 bereits in eine andere Gegend von Tacoma verzogen, die mehrere Kilometer entfernt vom Tatort lag. Er war in diesem Alter natürlich noch nicht motorisiert und hätte sich schon sehr weit weg von seinem Elternhaus bewegen müssen.

Zum anderen hatte Ted Bundy stets abgestritten, etwas mit dem Verschwinden zu tun zu haben, auch als er andere Morde bereits gestanden hatte. Kurz vor seiner Hinrichtung wandte sich die Mutter von Ann Marie Burr persönlich in einem Brief an den Serienmörder. Sie bat ihn, mit allen Informationen herauszurücken, die er zu dem Fall hatte.

Bundy schrieb der Frau zurück und schwor, dass er nichts mit dem Verschwinden ihrer Tochter zu tun hatte und auch keinerlei Angaben zu ihrem Verschwinden machen konnte. Außerdem kamen die zuständigen Ermittler der Polizei von Tacoma zu dem Schluss, dass Bundy nicht als Täter infrage kam, nachdem sie ihn überprüft hatten.

Bob Keppel blieb dennoch überzeugt, dass Ann Marie Burr das erste Mordopfer von Bundy gewesen war. Warum? Bundy hatte ihm bereits 1987 gesagt, dass es einige Morde gebe, zu denen er sich niemals äußern würde. Sie seien entweder zu nahe an seinem Zuhause geschehen oder hätten in seinem familiären Umfeld stattgefunden. Oder die Opfer seien noch zu jung gewesen, als dass er darüber sprechen wolle. Ein Restzweifel blieb also bestehen.

Ein ungelöster Fall

Ann Marie Burr verschwand kurz vor Beginn des neuen Schuljahrs. Sie kam damals gerade in die 3. Klasse. Das Mädchen galt als aufgeweckt, künstlerisch begabt und erhielt seit zwei Jahren Klavierunterricht. Ihr Eltern hatten sie früh zur Selbstständigkeit erzogen. Schon im Kindergartenalter hatte sie den Weg von ihrem Elternhaus bis zum Kindergarten alleine zurückgelegt.

Ann Marie Burr
Ann Marie Burr

Ein paar Jahre nach ihrem Verschwinden adoptierten die Burrs ein weiteres Mädchen. Der Vater starb 2003 im Alter von 77 Jahren, die Mutter 2008 im Alter von 80 Jahren. Alle vier Geschwister von Ann Marie leben noch. Der Fall ist nach wie vor ungelöst, doch die Akten sind noch nicht geschlossen. Offiziell fahndet die Polizei immer noch nach einem Täter.

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