Bereits im September 1977 hatte Rodney Alcala einen neuen Job gefunden. Die »Los Angeles Times« stellte ihn als Schriftsetzer ein. Den Arbeitsplatz verdankte er einem lückenlos gefälschten Lebenslauf samt ausgezeichnet klingender Referenzen. Laut seiner Bewerbung hatte er seit 1971 durchgängig für bekannte Firmen gearbeitet. Die »Los Angeles Times« verzichtete auf einen Background-Check. Alcala wickelte sie wieder mal alle ein.

Weder Vorgesetzte noch Kollegen sahen einen Grund, misstrauisch zu sein. Seine Bosse stellte er zufrieden, indem er immer pünktlich zur Arbeit erschien und klaglos Überstunden schob. Den Angestellten erzählte er wilde Partygeschichten aus Greenwich Village und Hollywood. Er versorgte sie aus erster Hand mit Klatsch  über Prominente, die man ansonsten nur aus dem Kino oder Fernsehen kannte. Alcala war in vielen Dingen bewandert und wusste stets, welcher Club gerade angesagt war, welche Band heiß war und in welchem Laden man seine Klamotten kaufen musste. Rodney Alcala war ein wandelndes Lexikon der zeitgenössischen Popkultur.

Zwischendurch zeigte er ihnen eine Fotomappe – sein »Hobby«. Den Kollegen gingen die Augen über. Das waren die Arbeiten eines Profis. Wie recht sie mit dieser Einschätzung hatten, konnten sie wegen seines erstunkenen und erlogenen Lebenslaufs ja nicht ahnen. Nur einige wenige fragten neugierig nach, wie es ihm denn gelungen sei, die vielen Teenager und Kinder zu den Foto-Shootings zu überreden. Er habe niemanden überreden müssen, entgegnete Alcala. Die Eltern seien von sich aus auf ihn zugekommen.

Tod einer Ausreißerin

Am frühen Vormittag des 10. November 1977 meldete sich der Produktionsleiter eines Filmteams beim Los Angeles Police Department. Mitglieder seiner Crew hatten bei Dreharbeiten eine Leiche entdeckt. Der Fundort grenzte direkt an das Grundstück von Marlon Brando an und lag neben einer Anliegerstraße namens Franklin Canyon Road, die den Mulholland Drive mit der Beverly Ranch Road verband. Die Straße war durch ein Tor für den normalen Autoverkehr gesperrt.

Der Anblick der Toten verhieß nichts Gutes. Die junge Frau war bis auf einen hochgeschobenen grünen Sweater vollständig nackt. Sowohl im Bereich ihres Kopfs als auch in der Gegend ihres Unterleibs hatten sich große Blutlachen gebildet. Das schockierendste Moment war die unnatürliche Position, in der die Leiche ruhte. Die Frau kniete vornübergebeugt auf dem Boden. Der Kopf war unter die Brüste geschoben. Der Hals war dabei völlig überdehnt worden und vermutlich gebrochen. Der Täter hatte offensichtlich viel Mühe darauf verwendet, dass jeder, der die Leiche sah, sofort begriff, was er dieser jungen Frau angetan hatte, wie er sie gequält und vergewaltigt hatte. Die Streifenbeamten benachrichtigten die Mordkommission.

Stundenlanges Martyrium

Detective Philip Vannater übernahm den Fall. Etliche Jahre später erlangte Vannater noch gewisse Berühmtheit als leitender Ermittler im Verfahren gegen O.J. Simpson. Woran die junge Frau gestorben war, ließ sich auf den ersten Blick nicht sagen. Der Täter hatte einen Gürtel, eine Strumpfhose und ein Bein ihrer Hose um ihren Hals geschlungen und sie damit stranguliert. Zudem entdeckten die Beamten im Gras neben der Leiche ein blutiges Stück Felsen. Vermutlich hatte der Mörder ihr damit die schweren Kopfverletzungen zugefügt, die zu einem massiven Blutverlust geführt hatten.

Die Obduktion ergab später, dass der Täter die Frau zunächst über einen längeren Zeitraum vergewaltigt, misshandelt und gewürgt hatte. Währenddessen lebte das Opfer noch. Ursächlich für den Tod waren die schweren Kopfverletzungen, die von einem stumpfen Gegenstand herrührten, aller Wahrscheinlichkeit nach von dem Felsstück. Vannater hatte bereits einige Leichen in seinem Leben gesehen und war abgehärtet. Aber die Details dieses brutalen Verbrechens ließen ihn nicht unberührt. Die nächsten drei Tage bekam er keinen Bissen mehr herunter.

Keine Unbekannte

Bei der Leiche fanden sich keine Ausweispapiere. Die Beamten befragten deshalb zunächst mal die Nachbarn, ob jemand die junge Frau gekannt hatte. Fehlanzeige. Die Identität klärte sich dann aber recht schnell aufgrund eines Abgleichs der Fingerabdrücke. Die 18-jährige Jill Barcomb stammte ursprünglich aus der Kleinstadt Oneida im Bundesstaat New York und war im Januar 1977 in Syracuse wegen Prostitution zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden.

Vor etwa einem Monat war sie mit ein paar Bekannten in einem VW-Bus quer durch die USA nach Kalifornien gereist. Ihr streng katholisches Elternhaus war ihr zu eng geworden. In Kalifornien hatte sie aber prompt gegen ihre Bewährungsauflagen verstoßen, sodass sie von den kalifornischen Behörden erneut erkennungsdienstlich behandelt worden war. Deshalb hatte die Polizei von Los Angeles ihre Fingerabdrücke in der Kartei.

Ridney Alcala - Dating Game Killer - Jill Barcomb

Jill Barcomb

Ein Opfer des „Hillside Strangler“?

Der Gerichtsmediziner stellte bei der Obduktion Sperma sicher, das mehrere Jahrzehnte später auf die Spur von Jill Barcombs Mörder führen sollte: Rodney Alcala. Aber 1977 kannte man noch keinen DNA-Vergleich und die Polizei tappte in diesem Fall komplett im Dunkeln. Dann stellte sich im Zuge der Ermittlungen heraus, dass Jill Barcomb vor ihrem Tod flüchtigen Kontakt zu Judith Miller hatte – einem Opfer des »Hillside Strangler«.

Der »Hillside Strangler« – in Wahrheit ein Täterduo bestehend aus den Cousins Kenneth Bianchi und Angelo Buono – hatte in der Woche zuvor fünf Frauen vergewaltigt und getötet. Die Opfer fand man an ähnlichen Stellen wie Jill Barcomb. Insofern rechnete man die Ausreißerin aus Oneida zunächst dieser Mordserie zu. Rodney Alcala hatte wieder mal niemand auf der Rechnung.

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(12) Jill Barcomb was last modified: Februar 21st, 2018 by Richard Deis