Da von Rodney Alcala nach wie vor jede Spur fehlte, arbeitete Steve Hodel dessen Vorgeschichte auf. Der Flüchtige wurde am 23. August 1943 in San Antonio/Texas geboren und hieß mit vollem Namen Rodrigo Jacques Alcala-Buquor. Den Spitznamen Rodney bekam er in seiner Kindheit verpasst. Er hatte noch zwei Schwestern und einen Bruder. Die katholisch geprägte Familie gehörte der Mittelschicht an und führte ein völlig unauffälliges Leben.

1951 zogen die Alcalas wegen Rodneys Großmutter vorübergehend von Texas nach Mexiko um. Die Frau, die im Haushalt der Familie lebte, war schwer erkrankt und ahnte, dass es mit ihr zu Ende ging. Sie bat ihre Tochter und ihren Schwiegersohn darum, gemeinsam in die mexikanische Heimat zurückzukehren. Dort wollte sie sterben. Die Familie kam dem Wunsch nach.

Rodney Alcalas Kindheit

Die heile Familienwelt bekam erste Risse, als die Oma wider Erwarten länger unter den Lebenden verweilte. Vater Alcala hatte das Dorfleben schnell satt und kehrte der Familie den Rücken. Er begab sich zurück in die USA und ließ sich in Los Angeles als Spanischlehrer nieder. Die übrige Familie folgte ihm zwei Jahre später, nachdem man die Großmutter schließlich begraben hatte.

Alcala besuchte wieder eine amerikanische Schule, fand sich problemlos ein und gehörte alsbald zu den Klassenbesten. Zudem galt Rodney Alcala in der Kindheit als einer der beliebtesten Schüler, hatte viele Freunde und Verabredungen. 1960 schloss er die Highschool mit glänzenden Noten ab. Kurz darauf verstarb unerwartet Alcalas Vater mit nur 55 Jahren. Nun war die übrige Familie auf sich selbst gestellt, die Kinder mussten ihr eigenes Geld verdienen. Rodney Alcala leistete daraufhin seinen Militärdienst ab. Er wurde zu einer Fallschirmjägereinheit eingezogen, die in North Carolina stationiert war.

Desertiert

1963 klopfte Alcala spät abends an die Tür seiner Mutter in Los Angeles. Die Frau war perplex. Rodney Alcala hatte ihr während des letzten Telefonats, das erst wenige Tage zurücklag, nichts von einem Urlaub erzählt. Was machte ihr Sohn hier? Aber so oft sie ihn an diesem Abend auch fragte, was los sei – er gab ihr keine klare Antwort. Er habe es nicht mehr in der Kaserne ausgehalten, war der einzige Satz, den sie aus ihrem Sohn herausbekam. Alcalas Mutter hatte ihn noch nie so aufgebracht und nervös erlebt. Es blieb sein Geheimnis, was genau vorgefallen war.

Die Mutter überredete und bekniete Rodney Alcala, er müsse sich freiwillig stellen. Sonst käme die Militärpolizei. Das würde seine Lage nur noch verschlimmern. Alcala zeigte sich schließlich einsichtig und meldete sich bei seiner Einheit. Das Militär steckte ihn daraufhin zur Beobachtung in ein Hospital in Los Angeles, wo er ein halbes Jahr blieb. Seine Mutter besuchte ihn jeden Tag.

Die Ärzte befragten natürlich auch die Kameraden und Vorgesetzten, ob irgendetwas an seinem Stützpunkt vorgefallen sei, was Alcalas Verhalten erklären könne. Die Soldaten wussten nur zu berichten, dass er sich bereits in den Wochen vor seinem Verschwinden auffällig verhalten habe. Er sei seinen Pflichten nicht mehr nachgekommen. Sie hatten den Eindruck, er habe einen Nervenzusammenbruch erlitten.

Rodney Alcala, der geborene Psychopath

Als die Ärzte ihre Untersuchungen abgeschlossen hatten, stand fest, dass Rodney Alcala nicht mehr diensttauglich war. Im Februar 1964 wurde er aus der Army entlassen. Der Militärpsychiater schrieb in seinem Gutachten, Alcala leide unter einer chronischen und sehr schweren dissozialen Persönlichkeitsstörung. Die Persönlichkeitsstörung sei gekennzeichnet durch Missachtung sozialer Normen und mangelndes Einfühlungsvermögen in die Gefühle anderer.

Der Psychiater konnte nicht darlegen, wie sich die Störung entwickelt oder was sie ausgelöst hatte. Nirgends ließ sich ein Hinweis entdecken, dass Alcala jemals ein Trauma durchlebt hatte, das erklärte, warum er die typischen Merkmale eines Psychopathen aufwies. Nur so viel stand nach dem Gutachten fest: Rodney Alcala, der Psychopath, war eine tickende Zeitbombe.

Rodney Alcala – IQ von 140

Nach der Entlassung aus dem Militärhospital zog Rodney Alcala bei seiner Mutter ein. Sie lebte inzwischen in Monterey Park, einer Kleinstadt an der Peripherie von Los Angeles. Alcalas Erholung machte rasche Fortschritte und er schien bald wieder ganz der Alte zu sein. Zunächst schrieb er sich an der California State University für ein Kunststudium ein, wechselte aber nach wenigen Monaten zur angeseheneren UCLA. Die anspruchsvolle Aufnahmeprüfung stellte für ihn keine Hürde dar. Kein Wunder. Die Psychologen hatten ihn einem IQ-Test unterzogen. Rodney Alcala erreichte einen IQ von 140 Punkten und lag damit weit über dem Durchschnitt.

Die akademischen Herausforderungen spornten den Studenten an. Er verlegte sich alsbald auf den Studienschwerpunkt Fotografie, wofür er ein besonderes Talent zeigte. Rodney Alcala hatte jetzt ein Ziel im Leben. Er wollte Fotograf werden. 1968 schloss er das Bachelor-Studium mit hervorragenden Noten ab. Vor ihm lag eine vielversprechende Zukunft. Aber kurz darauf vergewaltigte er ein achtjähriges Mädchen und tötete das Kind beinahe. Was war da schiefgelaufen?

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(4) Weit über dem Durchschnitt was last modified: Februar 21st, 2018 by Richard Deis