Am Tatort begannen derweil die polizeilichen Ermittlungen. Dem Täter hatte die kurze Zeit, die ihm der Streifenbeamte gelassen hatte, gereicht. Er war durch die Hintertür entkommen. Eine sofort eingeleitete Fahndung blieb erfolglos. Der Mann war wie vom Erdboden verschluckt. Allerdings bestand kein Zweifel daran, dass es sich beim flüchtigen Täter gleichzeitig um den Mieter des Apartments handelte. Sein Name: Rodney Alcala. Die Kriminalbeamten fanden Alcalas Studentenausweis in der Wohnung. Der Streifenbeamte identifizierte Rodney Alcala anhand des Fotos. Das war der Mann, den er am Fenster gesehen hatte.

Aus dem Ausweisdokument ging hervor, dass Rodney Alacala als Kunststudent an der University of California in Los Angeles eingeschrieben war. Wie die späteren Recherchen ergeben sollten, war sein Studienschwerpunkt die Fotografie. Die Wohnung war beredtes Zeugnis davon. Sie war vollgestopft mit Fotoequipment.

Rekonstruktion des Tatgeschehens

Die Polizeibeamten konnten rasch rekonstruieren, was in der Wohnung passiert war. Der Täter hatte Tali gleich im Eingangsbereich mehrere großformatige Fotos gezeigt. Während das Mädchen in den Anblick der Bilder vertieft war, näherte sich Alcala von hinten und schlug Tali Shapiro mit einer Hantel auf den Kopf. Sie musste auf der Stelle bewusstlos gewesen sein.

Danach zerrte er ihren leblosen Körper in die Küche. Die Blutspur am Boden war eindeutig. Offensichtlich war Rodney Alcala gerade dabei gewesen, in der Küche, dem eigentlichen Tatort, einen Scheinwerfer und eine Kamera samt Stativ aufzubauen, als ihn der Polizeibeamte überrascht hatte.

Tatort in Alcalas Küche, 1968

Tatort in Alcalas Küche, 1968

Ein netter Student

Die Befragungen der Nachbarn ergaben herzlich wenig. Der Flüchtige galt als ruhiger, freundlicher Mieter, der bisher keine Probleme verursacht hatte und niemals negativ aufgefallen war. Die Beamten hörten sich daraufhin auf dem Gelände der Universität um. Niemand wusste etwas Schlechtes über Alcala zu berichten. Im Gegenteil. Die meisten mochten den Typen.

Als der Kriminalbeamte Steve Hodel, der die Ermittlungen leitete, einen von Alcalas Dozenten befragte, sagte dieser aus, Alcala könne definitiv keiner Fliege etwas zuleide tun. Kurzum: Niemand, der ihn kannte, konnte sich vorstellen, dass der nette Student zu solch einer monströsen Tat fähig sein sollte. Aber die Spuren am Tatort zeichneten ein gänzliches anderes Charakterbild.

Ein präzise geplantes Verbrechen

Das, was in dem Apartment in der De Longpre Avenue geschehen war, war keine spontane Tat gewesen. Da hatte niemand kurzfristig die Kontrolle über sich verloren. Und der Mordversuch an Tali Shapiro war auch keine Folge einer Überreaktion, weil der Täter in Panik geraten war. Die Polizisten waren überzeugt, dass Rodney Alcala jeden seiner Schritte präzise bedacht hatte.

Er war mit dem Plan zum Sunset Boulevard hinausgefahren, dort im Großstadtgetümmel ein Mädchen auf dem Schulweg abzupassen. Und sobald er sie in die Falle gelockt hatte, schlug er eiskalt zu. Die Beamten wollten sich gar nicht erst ausmalen, wie Alcalas weitere Pläne für diesen Tag ausgesehen hatten. Den sie da jagten, da bestand für die Ermittler überhaupt kein Zweifel, war einer von der übelsten Sorte.

Steve Hodel und »Die schwarze Dahlie«

Die Welt der berühmten Kriminalfälle und forensischen Dramen ist manchmal ein Kuhkaff. Dieses Motiv wird uns im Fall Rodney Alcala noch einige weitere Male begegnen. Wer mit dem Mordfall Elizabeth Short aka »Die schwarze Dahlie« etwas vertraut ist, dem wird der Name Steve Hodel möglicherweise bekannt vorkommen. Seit rund 15 Jahren behauptet nämlich genau dieser Steve Hodel [Link zu stevehodel.com], dass sein Vater George der gesuchte Mörder in einem der bekanntesten ungelösten Rätsel der Kriminalgeschichte sei. Und darüber hinaus noch andere Verbrechen auf dem Kerbholz habe.

Hodel tut sich meines Wissens bis heute schwer damit, diese Vorwürfe mit überzeugenden Beweise zu belegen. Aber eines kann man ihm dabei nicht absprechen: Er widmet sich dieser Aufgabe mit unglaublicher Akribie, die schon an Besessenheit grenzt. 1968 war Hodel jedenfalls noch ein junger Kommissar der Abteilung für Gewaltverbrechen beim LAPD und jagte mit der gleichen Energie den flüchtigen Rodney Alcala.

Rodney Alcala - Steve Hodel

Steve Hodel als junger Kriminalbeamter des LAPD

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(3) Einer von der übelsten Sorte was last modified: März 15th, 2015 by Richard Deis